Aprilwetter

Aprilwetter

Am frühen Abend sitze ich auf meiner Gartenbank mit Vogelsang und Kirchenglocken und meditiere still vor mich hin. Misi sieht mir dabei zu.

DSC_0204Er ist also noch da und das ist schön. Er pfeift auf die Maskenpflicht und die Abstandshaltung. Corona will er nicht und darum weiß er nichts davon. Er wundert sich nur über mich. Egal.

Plötzlich sehe ich, dass der Kirschbaum, der zwei Gärten weiter vorne wohnt, alle seine Blütenblätter verliert. Es sieht aus, als ob es schneit. Bei mir ist es windstill, aber da vorne scheint sich etwas zu tun. Ich gehe ins Haus und suche meinen Fotoapparat. Ich finde ihn dort, wo er hingehört und will mit ihm wieder in den Garten.

Eine Windbö hält mir aber die Terrassentür zu und es setzt ein solcher Regen ein, das glaubst du nicht. Hagelkörner auch. Vorbei der Frieden. Wassermassen. Schwarze Wolken und Sonne. Weltuntergang?

Nach zwei Minuten oder so ist der Spuk vorbei. Sonne scheint. Vögel zwitschern. Misi freut sich und meine Gartenbank ist nass.

 

 

Kleines spanisches Mädchen

Ich gucke Nachrichten und ich schotte mich innerlich vom Elend ab. Manchmal bin ich wütend, manchmal traurig, manchmal ratlos und manchmal erschrecke ich mich. Aber diese Gefühle bleiben an der Oberfläche und ziehen sofort weiter.

Vor ein paar Tagen sah ich einen Bericht aus Spanien. Die Familien, die wochenlang in ihren Wohnungen bleiben mussten, dürfen für eine Stunde am Tag mit ihren Kindern  an die frische Luft. Ich sah ein kleines Mädchen, dass lief und lief und lief. Im Hintergrund taten es andere Kinder. Hin und her und im Kreis, Hauptsache rennen. Mein innerer Schutzwall gab auf und ich weinte eine Weile vor mich hin.

Gestern erzählte ich meinem Bruder am Telefon davon und mir kamen schon wieder die Tränen. Immer, wenn ich an dieses laufende kleine Mädchen denke, rührt sich etwas in mir. Ich weine nicht wirklich, aber ich bin aufgewühlt.

Warum? Ich darf nach draußen, wann immer ich will. Laufen kann ich mit meiner Polyarthrose leider nicht, ich bin schon froh, wenn ich ein wenig spazieren gehen kann. Ich fahre daher lieber mit dem Rad. Erinnert mich das rennende Mädchen an meine verloren gegangene Mobilität? Nein, das denke ich nicht, obwohl ich darüber ab und zu traurig bin. Aber das fühlt sich anders an.

Ich bleibe bei der Erinnerung an die Bilder aus Spanien und meine Gefühle kommen an die Oberfläche. Ich halte es eine Weile aus und denke plötzlich an meine Lieben und an meine Gruppenaktivitäten. Ich denke an meine Kinder und ihren Anhang, an die Reisen mit meinen Freundinnen, an meine Qi Gong Frauen und an meine Familienaufstellungsgruppe. Jetzt weiß ich, was da in mir hoch kocht, wenn ich dieses kleine rennende Mädchen vor mir sehe: eine tiefe Sehnsucht nach dem unbeschwerten Zusammensein, nach Umarmungen und dem Kuscheln. Nach gemeinsamen Erlebnissen ohne Abstand. Nach meinem früheren Leben.

Mein inneres Kind hat Sehnsucht und will auf seine liebsten Menschen zurennen, sobald es von der Leine gelassen wird. Noch ist es nicht soweit. Noch muss es in seinem Zimmer bleiben und telefonieren. Aber es darf sich schon darauf freuen und ab und zu die Sehnsucht spüren.

 

Olive Kitteridge

Olive Kitteridge

Ich lernte Olive in einer Zeitschrift kennen. Die Miniserie Olive Kitteridge wurde vorgestellt und ich kaufte mir die DVD . Wunderbar und immer wieder anzusehen!

Corona kam und ich besorgte mir den Roman Die langen Abende. Eine Fortsetzung von Olive Kitteridge in Buchform. Auch wunderbar und sicher immer mal wieder zu lesen an langen Abenden.

Jetzt lese ich Mit Blick aufs Meer, das Buch zum Film, also zur Miniserie, genauer gesagt. Ich vertiefe mich in die Geschichte und da der Film sich eng an die Romanvorlage hält, kommt mir vieles bekannt vor.

Ich tippe Euch den Klappentext ab, damit Ihr wisst, worum es geht. Corona kommt übrigens überhaupt nicht vor, dafür aber alles, was Menschen bewegt.

„Sie kann manchmal eine echte Nervensäge sein: Olive Kitteridge, eine pensionierte Mathelehrerin, hat zu allem, was in Crosby geschieht, eine dezidierte Meinung. Sie kann stur und boshaft sein, dann wieder witzig, manchmal sogar eine Seele von Mensch. Auf jeden Fall kommt in Crosby, der kleinen Stadt an der Küste von Maine, keiner an ihr vorbei: die schrille Barpianistin, die insgeheim einer verlorenen Liebe nachtrauert, ein ehemaliger Schüler, der nicht zum Familienbesuch in seine Heimat zurückkehrt, Olives Sohn, der sich von ihren Empfindlichkeiten bevormundet fühlt, ihr Mann Henry, der die Ehe mit ihr nicht nur als Segen, sondern auch als Fluch empfindet. Und während sich die Menschen in Crosby mit ihrem ganz normalen Leben herumschlagen, den Problemen wie den Freuden, lernt Olive auf ihre alten Tage, das Leben zu lieben. Elizabeth Strouts Roman erzählt von Liebe und Kummer, von Toleranz und Wut. Mit „Blick aufs Meer“ ist ein weises und anrührendes Buch über die Natur des Menschen in all seiner Verletzlichkeit und Stärke, gnadenlos ehrlich und unglaublich schön.“

Eine kleine Olive steckt auch in mir. Ich mag die Geschichten, die das Leben beschreiben, wie es wirklich stattfinden könnte. Es geht um die Liebe, Ehe, Scheidung, Elternschaft, Kindheit, physische und psychische Probleme, Krankheiten und Tod. Nichts ist schwarz oder weiß, alles ist bunt. Nichts ist eindeutig, es gibt kein Richtig und kein Falsch. Es ist wie es ist. Das gefällt mir so gut.

Ein ehemaliger Schüler erkundigt sich bei Olive nach ihrem Mann. Sie antwortet:

„Er denkt daran, vorzeitig in Rente zu gehen. Sie haben die Apotheke verkauft, und er müsste für die neue Kette arbeiten, und da gibt es alle möglichen blödsinnigen Vorschriften. Schon traurig, wie sich diese Welt entwickelt.“

Es war immer traurig, wie sich die Welt entwickelte. Und immer brach ein neues Zeitalter an.“ (Seite 57)

Dieser Satz blieb in mir hängen. Und jetzt kommt doch Corona ins Spiel. Nicht im Buch, aber für mich. Ich habe diesen Gedanken häufig selbst gehabt. Aber er stimmte nie so sehr, wie jetzt gerade. Ich fühle mich aus der Bahn geworfen und taste mich durch Widrigkeiten, die mir vor ein paar Wochen noch völlig unbekannt waren. Meine Synapsen suchen und finden neue Verbindungen und murren, dass sie eigentlich zu alt für so etwas sind. Und ab morgen setze ich mir sogar eine Gesichtsmaske auf, wenn ich einkaufen gehe. Sehr widerwillig, aber ich mache das. Mir graut davor, nur noch Maskierte um mich zu haben. Ich will das nicht, aber ich muss. Ein Spruch, den ich als Kind oft sagte. Ich will nicht, aber ich muss und darum wird das Lästige integriert, wenn es nicht über Bord geworfen werden kann.

Warum schreibe ich das jetzt? Ach ja, ich ahne, dass der Anteil in mir, der Olive so ähnelt, mich darin unterstützen wird, mit den Veränderungen zurecht zu kommen. Das ist keine wissenschaftliche Tatsache, aber Bauchgefühl.

Bisher hat das ja alles auch ganz gut geklappt.

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DSC_0173Warum jetzt die Blüte so geheimnisvoll daherkommt, ist geheimnisvoll. Wie habe ich denn dieses große Kunstwerk bloß hergestellt? Nein, ich habe nichts bearbeitet. Doch ja, macht mir Mut, dass ich so was kann, auch wenn ich unwissend bin.

Jetzt ist das Foto bearbeitet, das ist klar. Aber eigentlich wollte ich Euch meine neue Rollschlafblume zeigen. Sie sieht tagsüber so aus:

DSC_0166Das war ja schon wieder nichts. Oder geht das noch als Kunst durch?

Also, ein dritter Versuch der kunstvollen Blumenfotografie! Hier ist meine Rollschlafblume:

IMG_3943Warum Rollschlafblume? Sie rollt abends ihre Blätter ein.

DSC_0174Gestern morgen sahen alle Blüten so aus. Ich dachte, sie wären verblüht und wollte sie schon abzupfen. Ich habe ja viel Zeit jetzt für so was.

Zum Glück zupfte ich nicht und meine Schlafblumen entrollten sich wieder. Und gerade fangen sie schon wieder an, sich für die Nacht fertig zu machen.

Das Leben ist doch voller Wunder und Überraschungen, sogar auf der eigenen Terrasse!

 

Mutmachbild 28

Während nun gestern am späten Nachmittag die Tischler meine Terrassentür wieder einbauten und mein Vermieter sich zu uns gesellte, wurde es eng auf meiner Terrasse. Ich verzog mich in die hinterste Ecke und tauschte mich mit dem weltbesten Vermieter (nein, Schleimspur ist nicht zu sehen! Ich habe wirklich Glück mit ihm) über die Coronakrise aus, während ein Tischler das Holz noch einmal übermalte und der andere …..ich weiß gar nicht, wo der andere eigentlich abgeblieben ist. Habe allerdings heute einen Zigarettenrest in meinem Carport gefunden, der dort nicht hingehört. Der malende Handwerker verkündete seine Sicht der Dinge. Coronakrise sei eine Erfindung der Politiker, die es darauf anlegen, den Aktienmarkt zu zerstören. Oder so ähnlich. Vermieter und ich tauschten nur Blicke aus und dann war alles fertig und ich allein.

Ich setzte mich an meinen Esstisch und schaute durch die geschlossene, vollständige Terrassentür nach draußen und erholte mich. Für so eine Aufregung bin ich gar nicht mehr angelegt! Ich aß einen Happen und amüsierte mich im Stillen über meine Reihenmaussiedlung, die ich am Vormittag in meinem Beitrag „Kalt erwischt“ unwissentlich erfunden hatte. Und dann traute ich meinen Augen nicht und war fertig mit der Welt:

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Eine kleine Maus (?) trank aus meiner Terrassenzierschüssel. 😂 Wo kam die denn her?

Heute ist wieder alles gut. Ich war im Baumarkt und verbrachte den Vormittag damit, meine Terrasse schick zu machen. Vielleicht bekomme ich ja mal wieder so viel Herrenbesuch. Bis dahin hege und pflege ich meine neuen Blümchen und genieße ihren Anblick. Vielleicht singe ich ihnen auch ab und zu etwas vor. Je nachdem, wie lange sich die Krise noch hinzieht.

Und nun suche ich ein neues Mutmachbild. Ich fühle mich gerade so ausgesprochen optimistisch, jetzt, wo meine Terrassentür wieder vollständig ist und sich meine Terrasse so aufgeblüht gibt.

DSC_0158

So sah mein Tulpenbeet gestern Abend aus.

Doch ja, diese Gruppenbildung macht mir Mut!

Und Misi ist auch noch nicht so ganz verschwunden.

Er wird sich vielleicht bald wieder melden.