Führerschein

Susanne war schon über 30, als ihr Freund fand, dass sie unbedingt den Führerschein machen sollte. Sie wollte ihm gefallen und willigte ein. Bisher hatte sie keinen gebraucht, in Hamburg gab es Busse und Bahnen und die Nordseeinsel Föhr war so klein, dass sie alles mit dem Rad erreichen konnte. Außerdem hatte sie ja ihren Freund mit Auto.
Susanne ging also brav zur Fahrschule und absolvierte die theoretische Prüfung sowie alle nötigen Fahrstunden. Anfahren am Berg wurde am Deich geübt und Ampeln gab es damals auf der Insel nicht. Darum mussten Insulaner mindestens eine Fahrstunde auf dem Festland in Niebüll hinter sich bringen, bevor es an die praktische Prüfung ging. Um Kosten zu sparen fand diese Fahrstunde am Tag der Prüfung statt und es waren drei Fahrschüler, die am Donnerstagmorgen auf der Fähre zusammenhockten. Ein junger Mann, der sehr von sich überzeugt war, eine junge Frau, gerade mal 18, und eine uralte Tante, gerade dreißig geworden, also Susanne. Der Fahrlehrer holte sich einen Kaffee und wirkte erschöpft.
Auf dem Festland angekommen setzte sich der junge, sehr von sich überzeugte Mann, ans Steuer, der Fahrlehrer passte vorne auf und die zwei Frauen ließen sich nach Niebüll kutschieren. Dort angekommen, wurde das Fahren auf Straßen mit Ampeln geübt und überhaupt, herrschte hier viel mehr Verkehr, als auf der Insel. Meine Güte. Susanne verzagte jetzt schon und dann saß die junge Frau am Steuer und fuhr gelassen durch die kleine Stadt und bearbeitete alle roten Ampeln mit Bravour. Einparken vorwärts und rückwärts meisterte sie ohne Scheu und Susanne war nach zwei Stunden Mitfahren ziemlich mürbe. Ihr war übel, sie war aufgeregt, weil die Prüfung bevorstand und sie hatte alle Praxis vergessen, weil ihr irgendetwas den Kopf vernebelte. Sie fand ihren Freund ziemlich bekloppt, weil er sie in diese Lage gebracht hatte.
Endlich war sie an der Reihe und die Stunde könnte sich so zugetragen haben:
Fahrlehrer: Was ist zu beachten, bevor Sie losfahren?
Susanne: Äh…….
Fahrlehrer: ist sehr ungeduldig und hat eigentlich keine Lust mehr auf Fahrschülerinnen, insbesondere auf alte nicht.
Susanne: Äh, also anschnallen?
Fahrlehrer: nickt und möchte sich am liebsten Bewegung verschaffen, nach über zwei Stunden im Auto und vorher auf der Fähre ein ernst zu nehmendes Bedürfnis.
Susanne: Schulterblick?
Fahrlehrer: Wie wollen Sie denn losfahren, gute Frau? Er ist müde und gereizt.
Susanne: weiß, dass gute Frau nichts Gutes bedeutet und reißt sich zusammen. Sie ist müde und möchte nach Hause. Äh, Schlüssel einstecken?
Fahrlehrer: Und? Er hat die Nase voll und denkt schlimme Schimpfworte.
Susanne: Umdrehen? Sie fühlt sich wie ein kleines, unfähiges Mädchen und spürt den Ärger ihres Lehrers sehr genau.
Fahrlehrer: Und? Er kann bald nicht mehr und reißt sich zusammen. Sein Blutdruck steigt.
Susanne: Gang einlegen? Sie kann bald nicht mehr und der Blutdruck steigt.
Der Fahrlehrer seufzt und der junge Mann hinten stöhnt. Susanne startet das Auto und will losfahren.
Fahrlehrer schreit: Blinken!!!! Schulterblick!!!! Er ist kurz davor, aufzugeben. Er denkt daran, seinen Beruf zu wechseln.
Susanne: Ach so, ja. Sie ist erschrocken und kurz davor, aufzugeben.
Der junge Mann hinten findet das typisch Frau. Susanne fährt los und beruhigt sich jetzt. Sie weiß, dass sie halten muss, wenn die Ampel rot ist. Sie startet, ohne den Wagen abzuwürgen.
Fahrlehrer: Die nächste links.
Susanne denkt: ach du meine Güte. Links abbiegen, wie furchtbar.
Fahrlehrer denkt: Die doofe Kuh merkt sicher nicht, dass die nächste links eine Einbahnstraße ist! Dann ist sie raus.
Susanne merkt das aber sehr wohl und fährt geradeaus weiter. Der junge Mann hinten findet, dass ein blindes Huhn auch mal ein Korn findet und Susanne grinst.
So nähert sich die Stunde allmählich dem Ende zu und Susanne macht das meiste richtig. Kurz vor Schluss übersieht sie einen Fußgänger am Straßenrand, der auf die andere Seite will. Unglücklicherweise steht er am Zebrastreifen und Susanne fährt weiter, ohne zu halten. Der junge Mann hinten stöhnt und findet, das sei ja nun typisch Frau, der Fahrlehrer schüttelt und Kopf und entschließt sich, niemals wieder alte Tanten zur Fahrprüfung anzumelden und Susanne ist untröstlich, aufgeregt und fertig mit den Nerven. Als sie dann auf dem großen Parkplatz einparken soll, verwechselt sie das Gaspedal mit der Bremse und zischt über die Begrenzung ihrer Parkbucht hinaus. Zum Glück findet sie die Bremse noch rechtzeitig und hält ohne Schaden anzurichten an. Der Fahrlehrer springt aus dem Auto und schreit: „Und sowas will gleich den Führerschein machen!“ Er zündet sich eine Zigarette an und verschwindet. Susanne weint.
Etwas später beruhigten sich die Gemüter und sie wurden geprüft. Susanne machte keinen Fehler und bestand. Die junge Frau wurde auch glückliche Besitzerin eines Führerscheins. Nur der junge Mann fiel durch und meinte auf der Fähre, dass Susanne wohl mit dem Prüfer geschlafen hätte, damit er sie nicht durchfallen ließ.

Kleider meines Lebens

Kleider meines Lebens

Gestern nahm ich mir viel Zeit zum Denken. Und war erstaunt, woran ich dachte: an meine Kleider! Wo kommt das denn her? Egal: Gedanke-Idee-Thema-Umsetzung auf dem Regenbogen:  Kleider meines Lebens.

Gegenwärtig trage ich selten Kleider in der Öffentlichkeit. Aber früher schon. Obwohl meine Beine….na ja. Trotzdem hielten sie mich nicht ab, in meiner Jugend Minis zu tragen! Meine Mutter nähte mir, als ich etwa 14 Jahre alt war, aus einem feinen Blümchenbaumwollstoff ein Mini-Hosenrockkleid. Sie kaufte mir einen silbernen Kettengürtel dazu. Den konnte ich um meine damals noch schlanke Taille ketten und ich fand mich superschön. Dazu ein gelber Strohschlapphut aufgesetzt….. perfekt! Dieses Kleid trug ich, bis es auseinanderfiel und am Po durchgescheuert war.

Für meine Jugendweihe suchte ich mir ein braunes, knielanges Hängekleid mit Pailletten an der Passe aus. Nein, ich fand es nicht schön, aber für das Geld, welches mir zur Verfügung stand, war es das beste, was ich kriegen konnte. Er glitzerte immerhin oben herum. Das war damals sensationell. Heute könnte ich mich in Glitzerstoffe von oben bis unten einhüllen, damals gab es das noch nicht oder doch, aber diese Kleider waren unerschwinglich für mich. Ich kaufte also das blöde braune Kleid und hatte auch gleich etwas für das Theater und die Oper. Kulturring der Jugend! Fünf Theatervorstellungen und eine Oper pro Halbjahr! Wundervolle Jugendzeit. Ach ja. Ich fürchte, dieses Kleid trug ich auch auf meinem Abtanzball. Ich weiß es nicht mehr genau. Ich erinnere mich aber, dass ich keinen Partner hatte und ein Mauerblümchendasein fristete. Traurig, traurig.

Als ich etwa neunzehn war, kaufte ich mir ein knallrotes, glänzendes Minikleid mit Flügelärmeln und Tellerrock. Wunderschön und ich dachte mir gar nichts dabei, dass es so rot war und ging damit aus. Ich hatte damit sogar gute Chancen und wurde zum Tanzen aufgefordert. Das war damals in meinen Kreisen so. Schließlich gingen wir Mädels zum Tanzen, damit wir aufgefordert wurden und vielleicht sogar das Lebensglück in Form eines festen Freundes fanden. Ich fand keinen, aber immerhin wurde ich aufgefordert.

Ein wirklich kurzes Volantkleid zog ich mit Anfang zwanzig im Sommer kaum noch aus. Es war blau mit weißen Punkten und kombiniert mit weißen Plastikkugelohrringen und einer riesigen Sonnenbrille mit weißem Rand war es einfach unwiderstehlich und ich gleich mit, fand ich. Einmal zog ich es zum Fasching an und meine Güte, da ging die Post ab.

Ich kann mich an ein Maxikleid erinnern. Toll, toll ein langes Kleid mitten am Tag zu tragen erzeugte schon ein kleines Prinzessinnengefühl in mir. Dieses war schwarz mit tausend kleinen Blümchen darauf. Also das Kleid, nicht das Gefühl! Schick auch zu Feten und „Insterburg und Co“  in der Hamburger Uni-Mensa erlebte ich in eben diesem Kleid. Nein, was haben wir gelacht und bei „Otto“ war ich auch, aber da hatte ich etwas anderes an.

So, was gibt es noch für Lebenskleider? Mein Hochzeitskleid war ein billiges Schwangerschaftskleid. Knielang-dunkelblau mit kleinen Blümchen drauf und superbillig. Also nichts besonderes und wir wollten es ja auch heimlich tun, das Heiraten. Nur ein paar Verwandte und Freunde im kleinen Kreis. Unser dreijähriger Sohn war natürlich dabei und fand es putzig, dass er plötzlich einen neuen Nachnamen bekam. Das zweite Kinde steckte noch in mir, war schon ziemlich groß und mein Bauch wirklich sehr, sehr eindrucksvoll. Die Hochzeiten am 08.08.88 blieben in Wyk auf Föhr allerdings nicht geheim. Eine große Menschenmenge füllte den Marktplatz um die Superbrautpaare am Superdatum zu beobachten, wie sie das Standesamt verließen. Nun gut, wir waren natürlich nicht wie ein Hochzeitspaar gekleidet, aber das Glück muss man uns angesehen haben. Ach ja.

Als junge Frau und Mutter trug ich im Sommer eine ganze Reihe von Kleidern wadenlang, schwingend und ja, die meisten mit Blümchen, für die ich eine Vorliebe zu haben scheine. Irgendwann passte ich nicht mehr hinein in meine Lieblingskleider. Sie waren wohl eingelaufen im Laufe der Jahre, was wirklich schade war.

Ich besorgte mir zum Abiball meines ältesten Sohnes ein festliches langes Abendkleid. Es war günstig zu haben und ich sah ungewohnt vornehm aus. Der Rock war eng bis unten, dort glockte es um meine Fesseln und Schuhe. Mein Mann gestand mir einige Jahre später, dass ihn das Kleid mit seiner Stofffarbe an eine Leberwurstpelle (die golden-weiße) erinnert hätte. Ich weinte und warf es gleich in den Altkleidercontainer. Ich brauchte es sowieso nicht mehr. Ich kriegte den Reißverschluss nicht mehr zu.

Zu meinem sechzigsten Geburtstag kaufte ich mir noch einmal ein neues Kleid. Lang und eng, und ja, weiß mit Blumen bedruckt. Kein festliches Kleid, aber ein langes und manchmal trage ich es im Sommer heute noch, aber nur Zuhause.

Kleider meines Lebens! Ein witziges Thema und es sprudeln die Erinnerungen, wenn ich an sie denke! Weiter geht´s vielleicht mit den Möbeln meines Lebens, den Reisen meines Lebens und vielleicht sogar der Schmuck meines Lebens? Puppen, Bücher, Musik, Freunde, Ausbildungen, Filme und noch so einiges eignen sich hervorragend für alternative Lebensläufe. Wunderbar, so wird ein und dieselbe Geschichte niemals langweilig.

 

Genug geleistet?

Genug geleistet?

Was? Noch nicht mal zwei Wochen? Erstaunt blicke ich auf den Kalender. Gefühlt ist Silvester schon viel länger her. Vielleicht liegt es daran, dass ich gerade eine Menge planen, bedenken und tun muss. Dabei ist es objektiv gar nicht so viel. Früher hätte ich das alles so nebenbei gemanagt, ohne lange darüber nachzudenken.

Ich weiß gar nicht, wie ich das in meinem früheren Leben alles leisten konnte, damals, als die Kinder noch klein waren und ich täglich jede Menge zu organisieren und zu tun hatte. Wie habe ich bloß Familie, Beruf, Haushalt, Freundschaften und eigene Hobbys unter einen Hut gebracht?

Vielleicht war ich dazu imstande, weil meine Familie noch um mich herum wuselte. Natürlich war ich auch jünger und gesünder. Meistens jedenfalls.

Ich spielte mit meinen Kindern, brachte sie saubergewaschen und gekämmt ins Bett, las ihnen vor, bastelte und malte mit ihnen, ging mit ihnen in die Natur, auf Spielplätze oder schickte sie zu Freunden, organisierte Geburtstage und Weihnachtsfeste, wusch ihre Wäsche und sortierte sie in ihre Schränke, also die Wäsche, nicht die Kinder, ich backte und kochte und so weiter und so fort.  Einmal habe ich sogar in den Ferien mit allen Dorfkindern und unserem Hund zwei Wochen lang einen Kinderzirkus auf die Beine gestellt. An die Vorstellung auf dem Dorfplatz erinnere ich mich noch sehr gut. War erfolgreich und lustig! Ich begleitete meine Jungs durch die Schulzeit und kümmerte mich ab und zu um kulturelle Impulse, was auf dem platten Land ja nicht immer einfach ist. Wir zogen mehrmals um und kauften schließlich ein Haus. Das brachte immer wieder Unruhe, viel Arbeit und Neuanfänge in unser Leben.

Ich las auch selbst damals viel, besuchte Volkshochschulkurse und nahm an Fortbildungen teil. Ich malte, strickte, stickte und bastelte und hatte immer irgend ein Projekt in Arbeit. Ja, nicht alle wurden fertig und manche bleiben im Alltag stecken, aber ich machte immerhin. Ich absolvierte eine zweite Ausbildung und stieg doch in meinen Beruf als Lehrerin wieder ein. Eigentlich fing ich dort von vorne an, denn die Arbeit in einer Förderschule war etwas Neues für mich. Ich versorgte Tiere und den Haushalt. Ich kümmerte mich um Freundschaften und arbeitete mich an meiner Liebesbeziehung ab.

Während ich das jetzt schreibe, denke ich, ja, ich habe immer viel getan und gewollt und geschafft. Auch wenn ich es damals nicht so empfand: meine Familie hatte es gut mit mir. Nun sagt mir mein innerer Kritiker, ich solle nicht so aufgeblasen daherreden, ich hätte ganz schön viel Mist gebaut. Meine Kinder und mein Mann haben schwer unter mir gelitten. Ja, stimmt, manchmal war es so, aber sehr oft eben auch nicht! Merkt Ihr, wie gut ich meinen Vorsatz für das neue Jahr heute umsetze? Muss ich mich doch gleich mal selbst loben!

Damals hatte ich oft den Eindruck, dass mein Mann den Großteil der Arbeit leistete und ich nur angehängt war. Heute sehe ich das anders. Wir haben uns die Aufgaben aufgeteilt. Mein Mann war universell begabt und konnte eigentlich fast alles. Insbesondere im handwerklichen und gärtnerischen Bereich war er unersättlich am Tüfteln und Bauen und Gestalten. Seine Ergebnisse waren offensichtlich, meine Beiträge  häufig nicht so deutlich sichtbar. Nur wenn sie plötzlich wegfielen, dann merkte man schon etwas. Heute bin ich stolz auf das, was ich zum Familienleben beitrug.

Ein großer Umbruch in meinem Leben war die Entscheidung, auszuziehen, nachdem unsere Kinder erwachsen waren. Damals noch in der Hoffnung, dass mein Mann und ich mit getrennten Wohnungen wieder zueinander finden könnten. Hat nicht geklappt und die Scheidung setzte einen Schlusspunkt. Nein, stimmt nicht. So ganz Schluss war ja bis zu seinem Tode nie.

Was hartnäckig blieb, war der Gedanke, dass ich nicht genug bin und leiste. Ganz tief in mir entfaltet er seine Kraft immer noch im Unterbewusstsein. Ich rede, schreibe und denke laut dagegen an. Dabei entdeckte ich mein Mitgefühl. Und zwar mein Mitgefühl für mich selbst.

Ich durchlebte wie wir alle traurige und schwere Zeiten und bin an ihnen gewachsen. Ich kriegte es in den letzten Jahren gut hin, weil ich mir viel Zeit für mich nahm. Dass ich nicht mehr erwerbstätig bin, ist eine gute Voraussetzung dafür! Ich konnte mir die Zeit nehmen, die ich brauchte, um meine Kraftreserven wieder aufzufüllen. Wieviel Energie es kostet, Trauer zu spüren und zu halten, habe ich z. B. heute gerade noch einmal bemerkt, als ich in unserem Haus nachsah, ob der „Entrümpler“ es tatsächlich leergeräumt hat. Hat er. Alles weg und ich wurde so traurig und kraftlos, dass ich mich bei mir Zuhause sofort hinlegte und fest einschlief. Ist der Tagesschlaf jetzt verlorene Zeit? Nein, ich denke nicht. Er war notwendig und gut für mich.

Ich vergaß auch in schweren Zeiten nicht, das Schöne (wieder) zu spüren. Ich bin so aktiv und leistungsfähig, wie ich es gerade sein kann, sogar ziemlich erfolgreich, finde ich. Das Haus ist leer und wird voraussichtlich im Februar neue Besitzer haben. Ein guter Preis ist erzielt. Meine Knie-OP Anfang Februar ist geplant und ich weiß genau, wann ich was erledigen muss. Ich habe eine weitere Reise mit meinen „Mädels“ nach Dänemark gebucht. Ich treibe Sport in Maßen und nach Lust und Laune. Es wird im März wieder einen Philosophie-Kursus in der Volkshochschule geben. Qigong läuft auch weiter und im September bin ich für eine Jahresgruppe angemeldet, in der wir in regelmäßigen Abständen unsere Lebensfragen „aufstellen“ können. Die „Schreibwerkstatt“ existiert noch und wir werden künftig nach einem Lehrbuch arbeiten. Ich durchlebe ab und zu kleinere Panikattacken, die lästig und anstrengend sind, aber nicht mehr so bedrohlich. Ich spüre sie und weiß, sie werden bald aufhören und damit besiege ich sie. Mein Auto ist durch den TÜV gekommen. Und einen neuen Teppich habe ich mir für die Essecke auch geleistet. Ich weiß nur noch nicht, ob ich den nun wirklich gut finde, aber auch diese Frage werde ich mir eines Tages noch beantworten. Muss ja nicht sofort sein.

Es gibt also überhaupt keinen Grund, daran zu glauben, dass ich mehr leisten könnte, wenn ich nur wollte. Dieser Satz stand übrigens oft in meinen Zeugnissen, fällt mir gerade ein. Nun will ich endlich aufhören, mir selbst eine so negative „Kopfnote“ auszustellen.

Also, Ihr Lieben, glaubt einer alten, lebenserfahrenen Frau: Wenn Ihr denkt, Ihr seid nicht aktiv und gut genug, sind das Gedanken, die gut überdacht und wahrscheinlich neu gedacht werden sollten. Meistens stimmen sie nicht, wie Ihr an meinem Beispiel sehen könnt. Und meinen inneren Kritiker, der deutlich macht, dass er diese Weisheit ganz und gar nicht mit mir teilt, den schicke ich jetzt in den Garten. Da kann er sich dann schnell mal selbst doof finden!

Ich wünsche Euch einen schönen Sonntag!

17. Dezember

17. Dezember

Meine Güte, eben stand ich noch durchnässt und verfroren am Föhrer Strand und begrüßte das neue Jahr. Es sollte ein gutes werden, das hatte ich mir vorgenommen.

Und plötzlich ist bald Weihnachten und ich muss ich mir schon wieder Gedanken darüber machen, was ich Silvester mache.

Früher war es einfacher. Als Kind konnte ich mich darauf verlassen, dass meine Familie zusammenkommt und bei Feuerzangenbowle bis Mitternacht und darüber hinaus immer fröhlicher wurde. Wir Kinder schmückten das Wohnzimmer mit Papierschlangen, blieben natürlich wach und feierten, so gut wir konnten. Alle hatten Papphüte auf und meine Großmutter brachte immer Tischfeuerwerke und andere Dummheiten mit. Was für ein Vergnügen, wenn eine schwarze Wurst nach dem Anzünden immer größer und größer wurde und gar nicht aufhören wollte zu wachsen. Knallbonbons liebte ich sehr, denn da waren kleine Plastikteile drin, die als Glücksbringer bei uns Kindern heiß begehrt waren. Mein Bruder vergnügte sich den ganzen Abend im Badezimmer mit seinen Piepmanscher, die er einzeln mit einer kleinen Kanone abfeuerte. Es gab Würstchen im Schlafrock und andere Leckereien. Lustige Musik aus dem Radio unterstrich die fröhliche Silvesterstimmung. Mein Opa fand jedes Jahr, dass dies nun wirklich der schönste Tag in seinem Leben war und er froh sei, dass er das noch erleben durfte. Das Feuerwerk und die Knallerei um Mitternacht liebte ich sehr. Jetzt weiß ich, dass es für die Erwachsenen nicht so einfach war, denn Kriegserinnerungen wurden geweckt. Sie ließen es sich aber nicht anmerken, damit wir Kinder unseren Spaß unbelastet genießen konnten.

Als ich dann kein Kind mehr, sondern eine junge Erwachsene war, hatte ich meine Clique und Silvester waren wir immer zusammen. Mal in Hamburg, mal in Dänemark und einmal mit Schneekatastrophe in Kappeln. Aber immer ohne Hüte, was eigentlich schade war. Dafür war die Stimmung ausgelassen und die Feiern uferten auch manchmal etwas aus. Wir waren eben jung!

Später hatte ich meine eigenen Familie und meistens feierten wir alleine oder mit Freunden. Die Jahrtausendwende verbrachten wir auf Föhr, wo wir jahrelang gelebt hatten, bevor wir auf das Festland zogen. Die grandiose Party auf dem Sandwall mit Lifemusik am Meer werde ich nie vergessen.

Noch später, als die Kinder abgenabelt waren, feierten mein Mann und ich mit anderen Paaren im kleinen Kreis oder wir blieben alleine. Das war dann gemütlich, aber nicht sonderlich spektakulär.

Im Scheidungsjahr blieb ich alleine Zuhause und sah mir die ersten Staffeln von „Mord mit Aussicht“ an. Ich konnte den Gedanken kaum ertragen, dass mein Mann mit der anderen Frau feiert und glücklich ist. Sein Glück machte mich tiefunglücklich. Um Mitternacht stand ich heulend auf der Straße und sah dem Feuerwerk zu. Auch dieses Silvester werde ich nie vergessen! So eine Heulsuse bin ich heute zum Glück nicht mehr.

Die nächsten Jahre verbrachte ich den Jahreswechsel hin und wieder alleine auf Föhr, wobei auf dem Sandwall ja immer viele Leute um mich waren, mit denen ich auf das jeweilige neue Jahr anstoßen konnte. Manchmal traf ich alte Bekannte und dann war die Freude groß.

Einige Jahre feierte ich mit Freundinnen in Lüchow. Wir aßen und spielten. Die Stimmung war gut, aber irgendwie nicht so richtig silvestertauglich, fand ich.

Im letzten Jahr war ich also mit drei lieben Leuten  wieder auf Föhr. Das Feiern war auch bei Dauerregen wunderschön. Der Jahreswechsel am Strand hat immer etwas ganz besonderes, egal wie das Wetter ist.

Jetzt ist also bald Weihnachten und ich weiß immer noch nicht, wie ich Silvester verbringe. Vielleicht bleibe ich alleine Zuhause und stoße um Mitternacht mit mir selber an. Dieser Moment ist in meinem ganzen Leben immer besonders emotional und wichtig gewesen, egal, in welcher Form ich den Jahreswechsel verbrachte. Vielleicht liegt das an meinen schönen Kindheitserinnerungen!

 

 

Inklusion oder Kooperation?

Hier könnt Ihr etwas über meine Gedanken zur Inklusion und Kooperation lesen……

Handigoknown

Viele Jahre war ich Klassenlehrerin an einer Förderschule Geistige Entwicklung. Mit einem gut differenzierten Unterricht sollten und sollen, denn die Schule gibt es ja immer noch, die SchülerInnen so gut wie möglich gefördert werden.

Ja aber, werden viele fragen, warum muss es überhaupt Förderschulen geben und warum sondert man Kinder mit besonderem Förderbedarf aus? Im Laufe meiner Berufsjahre setzte sich unser Kollegium natürlich auch mit den Themen Integration, Inklusion und Kooperation auseinander.

Wir fragten uns, ob eine Inklusion  für alle unsere Schüler möglich und sinnvoll wäre. Es gab durchaus gute Argumente, sich gegen Inklusion auszusprechen und eine Beschulung an einer Förderschule zu bevorzugen.

Um die Isolation unserer Schülerschaft aufzubrechen, wagten wir den Versuch einer Kooperationsklasse in einer Grundschule und ich durfte die Klassenlehrerin der ersten Klasse werden.

Kooperation bedeutete enge Zusammenarbeit mit einer anderen ersten Klasse der Grundschule. Das hieß getrennte Klassenräume, aber möglichst viel gemeinsamer Unterricht in den…

Ursprünglichen Post anzeigen 485 weitere Wörter

Sommerfreiheit

Sommerfreiheit

Nächste Woche beginnen in Niedersachsen die Sommerferien. Ich weiß noch genau, wie ich mich vor ein paar Jahren um diese Zeit als Klassenlehrerin in einer Förderschule geistige Entwicklung fühlte:

Die Zeugnisse lagen fertig in der Schublade, Klassenfahrten sowie die Entlassfeier hatten die letzten Kraftreserven des Lehrkörpers aufgezehrt, das Schulgebäude verwandelte sich in einen Backofen und die Insassen waren urlaubsreif, alle miteinander. Die Klassenräume mussten ausgeräumt werden, damit die Fußböden in den Ferienwochen extra gepflegt werden konnten und an Unterricht war nicht mehr zu denken. An heißen Tagen, und ich erinnere mich fast nur an solche, wurden die Schüler draußen verpflegt, umhegt und mit dem Gartenschlauch gewässert, bis die Busse sie um 15.00 Uhr abholten und ich nur noch zum Auto kriechen konnte, um nach Hause zu fahren.

Der letzte Schultag mit einem großen Frühstück, der feierlichen Vergabe der Zeugnisse und einem letzten Aufräumen der Klassenräume wurde von allen heiß ersehnt.

Unsere SchülerInnen umarmten uns an diesem Tag noch schnell und herzlich(!), bevor es zum gemeinsamen Abschied in die Aula ging. Einige Eltern brachten Blumen und Pralinen  für uns vorbei und bedankten sich für das erfolgreiche Schuljahr(!). Ich konnte mein Glück kaum fassen, wenn wir uns dann tatsächlich alle versammelten, unser Abschiedslied sangen und die Schulleiterin endlich, endlich um 10.30 Uhr den Startschuss gab: jubelnd setzte sich die Schülerschaft in Richtung Ausgang in Bewegung, stieg gut gelaunt in die Busse und Autos der Eltern, winkte uns Erwachsenen noch einmal zu und verschwand. Ruhe, Stille………

Vergessen waren die Kämpfe mit den Pubertieren und die ärgerlichen Elternabende mit ärgerlichen Eltern. Freudentränen vergießend lagen sich die Klassenteams in den Armen um dann gemeinsam ins Lehrerzimmer zu tanzen und mit allen Kollegen und Kolleginnen (etwa 60!) und einem Gläschen Sekt das Schuljahr zu verabschieden und auf die SOMMERFREIHEIT anzustoßen.

Zuhause landete ich nicht himmelhoch jauchzend, sondern ziemlich betrübt. Das Gefühl, etwas angestellt oder vergessen zu haben, beeinträchtigte für ein oder zwei Tage meinen Ferienbeginn. Die Anspannung fiel ab und dann verordnete ich mir ein paar Wochen privates Glück. Ohne Vorbereitung und Gedanken an das, was das neue Schuljahr wohl bringen würde.

Aber eigentlich wollte ich über etwas ganz anderes schreiben. Das mache ich morgen oder so. Denn ich will darüber berichten, wie ich mich wieder in Urlaubsstimmung versetzen möchte, auch wenn ich Rentnerin bin und immer frei habe.

Fasching

Fasching

Wenn ich mich vor dem Schlafengehen durch die Fernsehprogramme zappe, hänge ich manchmal etwas fassungslos bei den Dritten fest. Bis mir einfällt, dass ich Karneval im Fernsehen als Kind geliebt habe. Rosenmontagszüge war immer mein Highlight. Mitten am Tag durfte ich den ganzen Nachmittag fernsehen. Lustige Leute auf der Straße gab es so in Hamburg nicht. Das waren fremde Welten.

Aber auch wir im Norden feierten im Sportverein und in der Schule Fasching. Ich mochte mich zu jeder Jahreszeit zu und zu gerne verkleiden. Besonders aber, wenn es alle anderen auch taten.

Später gab es so schöne Feste im Freundeskreis und an der Uni. Wie konnte ich feiern und tanzen und lachen und schmusen und das Leben einfach nur herrlich finden.

Noch später feierte ich als Lehrerin Fasching in der Schule. Zuletzt vor drei Jahren. Irgendwie ist mir die Faschingslaune privat abhanden gekommen. Vielleicht ist das schade.

Einige Fotos dazu habe ich gefunden

Allen, die Spaß daran haben, wünsche ich eine schöne verrückte Zeit  und erholt Euch vom Alltag!