Achtung: Weihnachtliches!

Achtung: Weihnachtliches!

Unsere Schreibwerkstatt will im Advent weihnachtliche Texte in die Öffentlichkeit bringen. Eine Lesung sozusagen. Wir trauen uns.

Wenn wir einen weihnachtlichen Text zur Weihnachtszeit vorlesen wollen, dann muss er natürlich vorher geschrieben werden. Also los, liebe Regine, setz Dich ran, denke an Weihnachten und jetzt darfst Du schon mal weihnachtlich schwelgen.

Im Supermarkt gehe ich mit geschlossenen Augen an den Weihnachtsartikeln und den süßen Köstlichkeiten vorbei, ohne hinzusehen. Nein, es wird noch nichts gekauft, sage ich mir jedesmal, jetzt ist erst einmal Oktober und der Sommer gerade vorbei. Eine innere Stimme rät mir jedoch, unbedingt das Marzipan, die Kringel, den Lebkuchen, das Krokant und die Weihnachtsmänner jetzt schon mitzunehmen, denn im Dezember werden die guten, leckeren Sachen ausverkauft sein. Ich kann die Vorräte doch verstecken und vergessen und dann habe ich im Dezember alles, was das Herz begehrt.

Nein, habe ich nicht, denn nie im Leben könnte ich diese verbotenen Süßigkeiten so gut vor mir verstecken, dass am ersten Advent noch etwas davon im Hause wäre. Nein, ich würde mich heimlich, aber sehr zielstrebig Abend für Abend vom Sofa erheben und meine Vorräte plündern. Und das mehrmals.
Und dann geht Heiligabend meine Hose nicht mehr zu und es würde furchtbar teuer werden, denn ich müsste mehrmals nachkaufen. Und im Dezember gibt es ja nichts mehr und ich hätte dann sowieso nichts. Also: nicht kaufen! NICHT KAUFEN!!!!

Aber es schadet nicht, im Oktober einen weihnachtlichen Text zu schreiben. Davon kriege ich keinen Zuckerschock.

Also stimme ich mich auf Weihnachten ein und schlage einen Katalog auf, der mit über 400 Neuheiten Weihnachten 2018 einzigartig zu machen verspricht. Oder so ähnlich. Gold, Silber, Plastik, Pling-Pling in Massen.

Das Wunder zu Bethlehem als stilvolle Alternative zur traditionellen Krippe aus Plexiglas mit wechselndem Lichtspiel inklusive Knopfzelle für 5,99.

Ein himmlischer Rauschgoldengel mit funkelnden Flügeln in Fiberglasoptik- ein Traum aus Polyresin/Textil, der in schönen Farben leuchtet und manche Erinnerung an unsere Kindheit weckt. Ohne Batterie, bitte mitbestellen.

Täuschend echte Amaryllis und Tannenzweige aus Kunststoff in jeder Größe und Form. Leicht abzustauben!

Plüschtiere und Schneemänner, die mit den Hintern wackeln, singen und tanzen und Batterien bitte mitbestellen.

Ein Weihnachtsmann mit Akkordeon schaukelt sich in unsere Herzen und ein anderer mit Saxophon bläst so, dass keiner mehr still sitzen kann, wenn er loslegt. Ach ja, am Klavier und am Schlagzeug sitzen auch drollige Männer und verbreiten sinnliche Weihnachten……..besinnliche meine ich.

Kunsttannen mit oder ohne Beleuchtung, lange haltbar. Ein perfekter Weihnachtsbaum für ein perfektes Fest. In einem Tannenbaum sitzen Kätzchen mit Mützchen. Er ist festlich geschmückt und erstrahlt goldglänzend, wenn er sich dreht und stille Nacht, heilige Nacht vor sich hin dudelt. Die Katzen schnurren sich im Farbwechsel in unsere Herzen, wenn wir Batterien mitbestellen.

Kerzen werden einfach angeknipst und ausgeknipst.

Ohne entzückende Weihnachtsbärchen wird keine Weihnachtsstimmung aufkommen, denn auch sie schillern in den schönsten Farben.

Absolute Höhepunkte sind die Lichtgestalten in den Formen „Madonna“ und „Jesus Christus“, die als leuchtende Statuen in schweren Stunden Trost und Zuversicht verleihen. Gespeist vom Tageslicht erhellen sie abends die Dunkelheit und geben Kraft für den Alltag. Polyresin, selbstleuchtend, keine Batterien mitbestellen! Je 9,99.

Nein, ich habe jetzt genug gesehen. Das ist nicht weihnachtlich, es ist einfach nur fürchterlich, finde ich.

Heute fällt mir nichts weihnachtliches mehr ein. Ist einfach noch nicht die Zeit dafür. Aber für unsere Lesung muss ich mir noch etwas ausdenken.

Morgen.

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Nachlass

Nachlass

Wir lösen seinen Haushalt auf. Ich entdecke zahlreiche Gegenstände, die ich kenne, die mit mir zu tun haben und aus unserer Familienzeit stammen. Sie waren ihm so wertvoll, dass er sie aufgehoben hat. Ich bin gerührt, denn ich dachte, er hätte vieles schon lange entsorgt.

Wenn ich ein paar Stunden im Haus war, bin ich erschöpft und muss wieder in meine eigenen vier Wände. Ich überlege, welche Erinnerungsstücke ich zu mir nehmen will. Einige habe ich schon in meine Wohnung integriert. Einige Dinge kenne ich, seit ich ihn kenne, die hat er mitgebracht in unser gemeinsames Leben. Zwei davon hebe ich auf. Es soll nicht alles entsorgt werden, was ihn ausmachte. Aber alles will ich nicht bewahren, denn ich will kein Museum aufmachen.

Einiges übernehmen die Kinder oder wird verschenkt und was mit dem Rest geschieht, daran will ich nicht denken.

Seine Kater leben jetzt bei unserem Sohn und seiner Freundin. Es war wichtig, dass die beiden alten Kerle noch ein schönes Leben haben. Sie waren schon da, als wir uns trennten. Sie sind also wirklich alt.

Ich gucke mich nachdenklich in dem Haus um, das sich allmählich leert. Was bleibt übrig vom Menschen? Gegenstände und Erinnerungen. Die Sachen bleiben, wie sie sind, die Erinnerungen mäandern und jeder von uns hat seine eigenen. Sie zeigen nicht die wahre Persönlichkeit. Wer war er also wirklich? Ich werde es nie wissen.

Ich denke an mich und sehe mich in meiner Wohnung um. Ich habe so vieles, was ich nicht mehr brauche. Meine Schubladen sind nicht so gut sortiert wie seine. Ich will unbedingt aufräumen und ausmisten. Was mache ich mit meinen Tagebüchern und den vielen Briefen, die ich aufgehoben habe? Will ich, dass die Kinder sie später lesen?

Ich denke über das Leben und Sterben nach. Anders als vor seinem Tod, denn jetzt habe ich es hautnah erlebt, wie plötzlich alles zu Ende sein kann. Wie zerbrechlich der Körper ist und dass es Sicherheit nicht gibt.

Wir führten eine lange Zeit für jedes Jahr ein Kalendertagebuch. Später gestaltete ich als Weihnachtsgeschenk für meinen Mann ein Fotobuch zu den Jahren 1990 bis 2000 mit Texten aus diesen Kalendern. Übrigens ist es ein Fotobuch mit echten Fotos. Es hatte so viel Arbeit gemacht, die Bilder aus ihren Alben zu lösen und neu entwickeln zu lassen. Und teuer war es noch dazu. Damals gab es noch kein Internet und digitale Fotografie. Jedenfalls nicht bei uns.

Vier Jahre schaffte ich, für die restlichen Jahre gibt es nur die Fotos. Ich blättere darin herum und Erinnerungen ploppen auf. Ich habe so viel vergessen!

Ich könnte das Fotobuch vollenden, denn auch die Kalender hat er aufgehoben.

Soll ich? Will ich wieder eintauchen in unsere Familienjahre? Wird es weh tun? Werde ich Sehnsucht bekommen? Werde ich traurig werden oder vielleicht doch froh, wenn ich sehe, wieviel wir erlebt und mit unseren Kindern gemacht haben? Kann ich vielleicht ein digitales Geschenk für die Kinder daraus zaubern? Das wäre ein schönes, arbeitsreiches Projekt, aber wird es mir guttun?

Ich denke, ich werde es versuchen.

 

 

Na bitte, geht doch!

Ich habe ein ganz anderes Zeitempfinden als in normalen Zeiten. Die letzten Wochen schienen zeitlos  vorbeigezogen zu sein und oft fiel es uns schwer, den Ablauf der Ereignisse zu rekapitulieren. Heute entdeckte ich mit Erstaunen, dass irgendwann der Herbst Einzug gehalten hat, auch wenn es noch sommerlich warm ist. Und meine Haare kriege ich auch nicht mehr in Form, weil die Frisur irgendwann rausgewachsen ist.

Gestern Abend setzte ich mich an den PC und wollte ein paar Dankesbriefe schreiben. Mein Schreibprogramm unterstrich jedes Wort mit einer roten Schlangenlinie, was es sonst nur tat, wenn die Rechtschreibung nicht korrekt war. Ihr kennt das. Hatte ich jedes Wort falsch geschrieben? Nein, so weit war ich noch nicht neben der Spur.

Ich wurde ganz nervös. Die Korrekturen bei WordPress sind ja manchmal sehr merkwürdig, das kenne ich und stelle mich darauf ein. Aber mein Schreibprogramm? Das war sonst immer, also wirklich immer, sehr zuverlässig.

Gestern nicht mehr. Ich fragte das Internet, was nun zu tun sei und bekam wunderbar schlaue Tipps. Ich versuchte dies und auch das andere. Nichts half. Immer wieder rote Schlangenlinien unter allen Wörtern.

Um 1.45 Uhr versuchte ich ein letztes Mal die Rechtschreibprüfung wieder in Ordnung zu bringen. Dazu sollte ich nur mal eben AppData öffnen. Hatte ich noch nie gehört und es dauerte ewig, bis ich diesen Ordner fand. Fragt mich bitte nicht, wie. Ich weiß es nicht mehr. Mittlerweile war die Zeit auch weiter fortgeschritten, als ich dachte. Nun noch schnell den Ordner Uno packages finden und umbenennen, dann sollte das Problem gelöst sein, hieß es in der Anleitung. Ganz leicht, wenn man ihn findet, diesen Ordner. Was soll ich sagen? Ich habe ihn irgendwann einmal gesehen und schnell umbenannt. Damit ich heute meine Dankesbriefe schreiben kann und ich die Fehler nicht selbst suchen muss. Meine Güte, war ich glücklich. Um 3.12 Uhr ging ich ins Bett. Ich habe nicht erwartet, dass es schon so spät war. Wie gesagt, mein Zeitempfinden…….

Sehr optimistisch gestimmt öffnete ich heute mein Schreibprogramm und wollte loslegen. Keine roten Wellenlinien mehr zu sehen. Prima, Fehler behoben.

Na toll, ich kann jetzt alles falsch schreiben und mein Schreibprogramm zeigt überhaupt keine roten Schlangenlinien mehr. Keine einzige.

Und jetzt?

Und jetzt?

Abschiednehmen ist manchmal furchtbar schwer. Rituale helfen. Wir haben unsere eigenen gefunden, die passen. Unsere Trauerfeier im Ruheforst mitten im Wald war etwas ganz besonderes.

Aber emotional auch sehr anstrengend. Die Erschöpfung ist heute noch zu spüren.

Die schlimmen Wochen sind abgeschlossen. Die Fassungslosigkeit natürlich noch nicht. Ich befinde mich noch in einem Ausnahmezustand. Ich habe den Eindruck, dass ich mich noch durch eine ganze Menge Gefühle „durcharbeiten“ muss, bevor ich meine Traurigkeit richtig zulassen kann. Vor ihr habe ich großen Respekt.

Zum Glück gibt es die Träume.

Ich beginne mich jetzt in meinem Leben wieder zu „verankern“. In schweren Zeiten hilft mir das Fotografieren sehr, mich wieder auf die Füße zu stellen und die schönen Dinge meiner Umgebung wahrzunehmen. Das Schreiben ist auch so ein Anker und darum bin ich froh, den „Regenbogen“ zu haben. Hier begegne ich Euch auf eine Art, die mir guttut.

Mein Frosch Misi und seine kleine Zwetschge erwachen so ganz allmählich aus ihrer Schockstarre und werden sich wohl bald wieder hier äußern können.

Ach Leute, das Leben ist eins der schwersten, hat meine Oma oft gesagt. Stimmt! Aber es gibt ja nur das eine (in dieser Form jedenfalls). Auch das Wissen darum ist für mich beängstigend.

Damit will ich mich heute Vormittag aber nicht weiter beschäftigen. Ich möchte lieber ein wenig für die Zukunft tun und gleich eine Menge Blumenzwiebeln einkaufen.

 

Eine schwere Zeit

Eine schwere Zeit

„Er war doch einer von uns! Das geht doch nicht!“, sagte eine Freundin, als ich ihr erzählte, dass mein geschiedener Mann gestorben ist.

Doch, es geht. Ich wusste, dass jeder jederzeit sterben kann. Doch nun weiß es nur mein Verstand, mein Gefühl glaubt immer noch daran, dass er wiederkommt und sagt, es war nur Spaß und alles ist gut und ob ich noch etwas zu reparieren hätte.

Das wird nicht passieren. Ich weiß, aber mein Herz lässt die Realität nur in kleinen Bruchstücken zu. Die Zeit dehnt sich, Gefühle sind so intensiv wie selten zuvor. Ich halte mich am liebsten im Garten oder in der Natur auf und lasse die Gedanken fließen. Gefühle wechseln und manche will ich überhaupt nicht fühlen. Erinnerungen werden geweckt. Manche will ich am liebsten abweisen, taste mich aber vorsichtig an sie heran. Der Wahrheit ins Gesicht sehen, sie anerkennen und sich mit ihr aussöhnen, das ist jetzt meine Aufgabe.

Bis wir Samstag gemeinsam im Ruheforst um ihn trauern.

Wir lebten fast dreißig Jahre zusammen und ließen uns dann scheiden. Im Moment ist es völlig nebensächlich. In den letzten Jahren fanden wir uns als Familie wieder zusammen, die Kinder, er und ich. Manchmal trafen wir uns auch allein und die alte Vertrautheit war wieder da. Ich vertraute nicht so ganz, aber ich traute mich, ihm zu begegnen. Heute trauere ich um ihn und auch ein bißchen um die Ehe, die es ja schon lange nicht mehr gab, die für mich aber erst jetzt mit einer drückenden Endgültigkeit vorbei ist.

Unsere Kinder trauern und haben doch die Kraft, alles zu regeln, was es zu regeln gibt. Ich habe da nichts mehr zu suchen, ich bin die geschiedene Frau, die zuarbeiten kann, aber ihn nun endlich loslässt, weil sie muss. Die Kinder sind die „direkten Hinterbliebenen“, ich nicht mehr. Der Verstand weiß das genau, das Gefühl aber nicht. Dort sind wir eine Familie geblieben. Es ist wie bei einem Mobile: wenn ein Teil plötzlich fehlt, wirbeln die anderen herum und müssen sich neu aufstellen und einstellen und als System zur Ruhe kommen. Das ist anstrengend. Ich schlafe viel. Nachts kommen Träume und Bilder und manche halten mich dann wach.

Eine einzige Rose blüht im Garten und ich denke mir aus, es sei sein letzter Gruß. Solche Gedanken helfen, auch wenn sie nur Gedanken sind. Das geflügelte Schwein haben wir einmal gemeinsam ausgesucht. Es blieb all die Jahre unser Glückssymbol. Jetzt steht es bei mir und wird mich weiterhin begleiten. Es ist nichts mehr, wie es war, aber das unmögliche Schwein erinnert mich daran: Es wird!

Er hätte gesagt: Feierabend! Aber nur für mich.

 

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