Wolfszeit

Ich las einige Bücher über die  Kriegskinder und Kriegsenkel, um mich und meine Familiengeschichte besser zu verstehen. Ich dachte, ich muss jetzt nichts mehr darüber erfahren. Bis ich einen Artikel über das Buch Wolfszeit, Deutschland und die Deutschen 1945-1955 von Harald Jähner, Rowohlt 2019, las.

Ich wusste sofort, dass ich dieses Buch unbedingt lesen muss. Also besorgte ich es mir gestern und begann auch sofort mit der Lektüre.

Zum Glück gehöre ich zu den glücklichen Leuten, die Ostern zwar etwas vorhaben, aber nichts vorbereiten müssen. Ich habe also die nächsten Tage Zeit zum Lesen und das ist ein Glück. Ich bin bis Seite 80 gekommen und kann es kaum erwarten, mich auf meine sonnengewärmte Terrasse zu setzen und weiter zu lesen. Ich weiß jetzt schon, dass dies eins der wichtigsten Bücher meines Lebens sein wird. Es geht mich unmittelbar etwas an, denn ich bin in diese Zeit (1952) hineingeboren worden.

Das Buch ergänzt mein Wissen darüber, wie meine Eltern im NS-Regime aufgewachsen sind und wie sie den Krieg in Hamburg erlebt haben mögen. Sie selbst erzählten ja wenig, aber einiges weiß ich schon. Jetzt lese ich die „Wolfszeit“ und mir wird bewusst, wie schrecklich und traumatisierend auch die Zeit nach dem Krieg für die Bevölkerung gewesen ist. Ich verstehe, wie es einem Großteil der Bevölkerung gelang, alles, was mit ihrer Vergangenheit zu tun hatte, weitgehend abzuspalten. Ich ordne das Schweigen meiner Eltern, meine Rebellion und unsere Kämpfe später anders ein. Ich verstehe neue Zusammenhänge und mein Wissen um meine Familiengeschichte wird um ein paar  Aspekte bereichert. Ich sehe einige Menschen mit ganz anderen Augen und entwickle ein Mitgefühl, das ich so noch nicht gespürt habe. Und dabei bin ich erst im dritten Kapitel!

Ich muss jetzt hier auch Schluss machen, denn ich will weiterlesen. Jetzt. Sofort!

 

Eberhofer

Kurz vor meiner Operation suchte ich nach leichter Lektüre. Lustig sollte sie sein, gut zu lesen und nicht zu anspruchsvoll, mich ablenken von der Schwere und so, Ihr wisst schon.

Und weil ich mir die Eberhofer- Filme, wie z.B.  „Winterkartoffelknödel“ immer wieder gerne anschaue……..

……entschloss ich mich, es auch mit den Büchern zu versuchen. Ich besorgte mir erst einmal die „Winterkartoffelknödel“ von Rita Falk und las und lachte und las und brauchte unbedingt ganz schnell den zweiten Fall, den „Dampfnudelblues“.

Ich kann nicht aufhören, bin Fan und will alles über Franz lesen. Danke Rita Falk!

Heute bin ich beim „Leberkäs-Junkie“, dem siebten Fall und das Lesevergnügen ist ungebrochen. Ich lache, ich schmunzle und habe alle Helden lieb gewonnen. Den schlitzohrigen Polizisten Franz Eberhofer, seine Susi, die Kollegen und Freunde und vor allen seine Familie. Alle so herrlich unkorrekt, warmherzig, lebensfroh und überaus menschlich. Der schwarze Humor kommt nicht zu kurz und gerührt bin ich auch ab und zu.

Ich lese also mit großem Vergnügen. Ich bin gespannt auf die Fortsetzungen der Geschichte. Jeder Roman beinhaltet einen abgeschlossenen Fall, die Hauptpersonen aber bleiben erhalten und entwickeln sich. Mehr oder weniger. Franz lebt mit seinem kiffenden Vater, der schwerhörigen Oma und dem Hund Ludwig zusammen. Am liebsten würde ich mich auch dort einnisten. Das Zusammenleben würde mir gefallen, auch wenn die Oma ab und zu den anderen ans Schienbein tritt, wenn sie sauer ist. Und das ist sie häufig.

Die Frage, ob der Franz seine Susi doch noch heiratet, bleibt bis heute unbeantwortet. Seine Freunde, die geschlagen sind mit Weib und Kindern, raten ab

Es gibt jetzt übrigens einen Eberhofer-Kreisel!

Dieser Kreisverkehr kommt allerdings nur in den Filmen vor. Passt.

Am Ende einer jeden Geschichte gibt es einige Rezepte, die mich an meine Kindheit erinnern, obwohl ich ganz und gar nicht in Bayern aufgewachsen bin. Kann sogar ich nachkochen!

Meiner Meinung nach sind die Eberhofer- Filme ganz hervorragend umgesetzt und die Schauspieler füllen ihre Rollen perfekt aus. Sie ergänzen mein Lesevergnügen und ich werde mir den neuesten Film (Leberkäs-Junkie) im Kino ansehen, sobald er fertig ist und im hiesigen Kino läuft. Mal sehen, ob ich auch in der Provinz auf andere Fans treffe, was ja mein Vergnügen noch erheblich steigern würde.

 

 

Immer wieder gerne….

Ich habe Silvester und Neujahr nicht den „Tatortreiniger“ geguckt habe, sondern „Dr. Psycho, die Bösen, die Bullen, meine Frau und ich.“ Ich weiß, diese Tatsache alleine hat keinen Nachrichtenwert. Ich habe mich nur zum ich-weiß-nicht-wievielten-Male so gut amüsiert, dass ich dachte, darüber will ich im Regenbogen berichten. Ich mag diese doch recht alte Serie (Staffel 1: 2007, Staffel 2: 2008) mit etwas zeitlichen Abstand immer wieder sehr gerne gucken!

Polizeipsychologe Max Munzl (Christian Ulmen) wird der Sonderkommission „Organisiertes Verbrechen“  (Anneke Kim Sarnau, Ulrich Gebauer, Hinnerk Schönemann und Roeland Wiesnekker)  zugeteilt, um den Kollegen bei ihrer Arbeit zu helfen. Diese Hilfe wird vom gesamten Team skeptisch betrachtet, was Max Munzl nicht davon abhält, sich tatkräftig mit seinen psychologisch untermauerten Hilfestellungen einzubringen. Er hat es dabei nicht leicht, aber leicht geraten Situationen aus den Fugen.

Ich habe die gesamte Sonderkommission sowie alle weiteren Haupt- und Nebenfiguren richtig lieb gewonnen. Sogar die bösen Buben und es ist ja auch so, dass man manchmal nicht so recht weiß, wer nun eigentlich zu den Guten gehört! Ab und zu fließt Blut, manchmal stirbt einer, aber das fällt unter die Sparte schwarzer Humor und wird von mir nicht allzu ernst genommen.

Weil ich als ausgebildete Eheberaterin und Pädagogin so „einige Psychologie und Selbsterfahrung“ gelernt habe, kann ich Max Munzl mit vollem Genuss genießen. Er bedient ausnahmslos alle Klischees, mit denen sich die Psychologen und ihre berufsnahen Kollegen herumärgern müssen. (Ich schließe hier die Psychologinnen und Kolleginnen ausdrücklich ein, ohne das extra zu erwähnen!) 

 

 

 

Heute lese ich Männergeschichten

Ich komme wieder zum Lesen und bin froh darüber, ab und zu in andere Welten abzutauchen. Das ist das richtige Wort, denn in folgende zwei Romane bin ich fast verschwunden und wäre am liebsten dort geblieben. Ging aber nicht, weil jedes Buch eine letzte Seite hat. Zum Glück stehen sie dann in meinem Wohnzimmer und ich kann sie jederzeit wieder zur Hand nehmen.

Die „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen, Penguin 2018, habe ich durch. Der Klappentext fasst zusammen:

Ingwer Feddersen erkennt das Dorf, in dem er aufgewachsen ist, nicht wieder: keine Schule mehr, kein Bäcker und kein Kaufmann. Keine Störche auf dem Dach der Kirche, auf den Feldern keine Kühe, nur noch Mais und Wind. Als wäre eine ganze Welt versunken. Aber im Gasthof steht noch immer Sönke Feddersen, de Ole, stur wie ein Findling  hinter seinem Tresen. Und Ingwer, de Jung, der vor vierzig Jahren weggezogen, kehrt zurück. Er hat in seinem Dorf noch etwas gutzumachen.

Mit großer Wärme erzählt Dörte Hansen vom Verschwinden einer bäuerlichen Welt, von Verlust, Abschied und Neubeginn.“

Genau meine Themen! Der Roman ist in Nordfriesland angesiedelt. Ich habe lange dort gelebt und wurde von der ersten Seite an in meine ehemalige Wahlheimat versetzt. Ich fühlte mich sofort bei Ingwer, Hauke, Bente, Sönke, Oke, Marret, Ella, Akke, Barne, Beele, Inken, den Ketelsens, Knudsens, Nissens und Feddersens zu Hause. Ich bin mir ziemlich sicher, dass nicht alle diese Namen im Roman vorkommen, in meiner Erinnerung haben sie sich aber festgesetzt. Die Geschichte könnte  übrigens auch hier in Niedersachsen genauso passiert sein und vielleicht auch weiter südlich. Die Landschaften, die Dörfer und die Menschen haben sich hier wie dort verändert. Diese Wandlung hat Dörte Hansen wunderbar beschrieben.

Ich bekam beim Lesen eine leichte Sehnsucht nach meiner Kindheit und weiß, so wird es nie wieder werden. So schön die Landschaft um mich herum auch sein mag, es ging doch ganz viel verloren. Allerdings zeigt der Roman auch, dass die Vergangenheit in einer wunderschönen Landschaft überhaupt nicht romantischer und wunderbarer war, als die Gegenwart. Nur anders.

Liebevoll erzählt Dörte Hansen von den Menschen, ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben, so ausgefallen ihre Charaktere auch sein mögen. Ich las diesen Roman genau so gerne wie das „Alte Land“.

Und jetzt lese ich gerade mit höchstem Vergnügen, auch wenn die Thematik gar nicht lustig ist, den Roman „Neujahr“ von Juli Zeh, Luchterhand 2018.

„Lanzarote, am Neujahrsmorgen: Henning sitzt auf dem Fahrrad und will den Steilaufstieg nach Femés bezwingen. Seine Ausrüstung ist miserabel, das Rad zu schwer, Proviant nicht vorhanden. Während er gegen Wind und Steigung ankämpft, lässt er seine Lebenssituation Revue passieren. Eigentlich ist alles in bester Ordnung. Er hat zwei gesunde Kinder und einen passablen Job. Mit seiner Frau praktiziert er ein modernes, aufgeklärtes Familienmodell, in dem sich die Eheleute in gleichem Maße um die Familie kümmern. Aber Henning geht es schlecht. Er lebt im Zustand permanenter Überforderung. Familienernährer, Ehemann, Vater- in keiner Rolle findet er sich wieder. Seit Geburt seiner Tochter leidet er unter Angstzuständen und Panikattacken, die ihn regelmäßig heimsuchen wie ein Dämon.

Als Henning schließlich völlig erschöpft den Pass erreicht, trifft ihn die Erkenntnis wie ein Schlag: Er war als Kind schon einmal in Femés. Damals hat sich etwas Schreckliches zugetragen- etwas so Schreckliches, dass er es bis heute verdrängt hat, weggesperrt irgendwohin den Tiefen seines Wesens. Jetzt aber stürzen die Erinnerungen auf ihn ein, und er begreift: Was seinerzeit geschah, verfolgt ihn bis heute.“ (Klappentext)

Ich kam damals mit meinen Rollen als Familienernährerin, Ehefrau und Mutter genauso wenig klar wie Henning. Das hätte ich natürlich niemals zugegeben, denn als emanzipierte Frau sollte es leicht und selbstverständlich sein, alles unter einen Hut zu bringen. Darum kann ich Hennings Überforderung so gut nachvollziehen und auch seinen Kampf gegen die Angstattacken. Ich kenne diese Selbstvorwürfe und auch den Willen, sich endlich zusammenzureißen und liebenswerter zu werden. Und das Scheitern. Ja, das Scheitern habe ich ganz ähnlich so erfahren wie Henning. Ich bin sehr gespannt, wie die Geschichte endet und zwinge mich, nicht auf die letzte Seite zu schauen.

Bemerkenswert finde ich, dass es in beiden Romanen um Männer geht, die voller Selbstzweifel darum kämpfen, ihre Fassade zu wahren und trotzdem nicht mit einem „weiter so“ weitermachen können. Für mich lösen sich beim Lesen die Grenzen zwischen weiblich und männlich auf. Das finde ich interessant, denn mein Männerbild, welches mich bisher prägte, hat mit der Realität wenig zu tun. Diese Tatsache stellte ich in den letzten Wochen fest, als ich meinen Mann und meine Söhne von ganz unbekannten und neuen Seiten kennenlernte.

Wie schön, dass meine Lektüre oft so gut zu meinen Lernprozessen passt!

PS: Falls es sich hier um eine Werbung für zwei Bücher handeln sollte, kennzeichne ich meine hier dargestellte Begeisterung ausdrücklich als Werbung.

 

 

Ich sah und lese

Ich sah und lese

Vor einigen Tagen sah ich: 11.22.63, Serie in acht Episoden, von Stephen King und J.J. Abrams

Heute lese ich: Der Anschlag, Stephen King, 2011

Klappentext: Jake Epping lebt ein normales Leben, bis sein Freund Al ihm ein großes Geheimnis enthüllt: Er kennt ein Portal, das ins Jahr 1958 führt. Und Al gewinnt ihn für eine wahnsinnige Mission. Jake soll in die Vergangenheit zurückkehren und das Attentat auf John F. Kennedy vereiteln, um den Gang der Geschichte positiv zu korrigieren. Und so beginnt für Jake ein neues Leben in einer für ihn neuen Welt. Es ist die Welt von Elvis und JFK, von großen amerikanischen Autos und beschwingten Highschool- Tanzveranstaltungen. Es ist die Welt des gequälten Einzelgängers Lee Harvey Oswald, aber auch die der Bibliothekarin Sadie Dunhill, die Jakes große Liebe des Lebens wird- eines Lebens, das gegen alle normalen Regeln der Zeit verstößt. Und je näher Jake seinem Ziel kommt, den Mord an Kennedy rückgängig zu machen, desto bizarrer wehrt sich die Vergangenheit dagegen- mit aller gnadenlosen Gewalt, die sich auch gegen Jakes neue Liebe richtet……

Stephen Kings neuer großer Roman „Der Anschlag“ ist eine Tour de Force, die ihresgleichen sucht- voller spannender Action, tiefer Einsichten und großer Gefühle.“

„Das ist vertane Zeit, sich mit etwas auseinanderzusetzen, was niemals eintreffen kann.“ Das sagte mir jemand, dem ich ganz begeistert von dieser Serie und dem Buch erzählte. Nein, für mich ist und war es keine vertane Zeit! Auf keinen Fall. Ich denke ab und zu gerne Unmögliches: Was wäre, wenn….? Was würde passieren, wenn ich mit einer Zeitreise die Vergangenheit ändern könnte. Lassen sich schlimme Ereignisse verhindern? Und wäre dann alles gut oder zöge eine solche Veränderung neue, andere Grausamkeiten nach sich? Wie würden sich kleinste Veränderungen der Vergangenheit auf die Gegenwart auswirken? Und wie wäre es, wenn ich zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her springen könnte? Wenn bei jeder Reise in die Vergangenheit die Veränderungen wieder rückgängig gemacht würden und ich immer wieder neu daran arbeiten könnte, Ereignisse so zu verbessern, dass sich das positiv auf die Geschichte auswirkt? Für mich ist das eine lustvolle Zeit, mich an solche Denkmodelle zu wagen. Ich finde sie spannend, auch wenn es wahrscheinlich immer unmöglich sein wird, in die Vergangenheit zu reisen. Mir wird in dieser Auseinandersetzung einmal wieder bewusst, dass mein Handeln Einfluss auf Gegenwart und Zukunft hat. Immer wieder gibt es Alternativen, immer wieder entscheide ich neu und habe so einen Anteil an der Gestaltung (meiner) heutigen und zukünftigen Welt.

Ich freue mich, dass es Künstler gibt, die sich mit dem Thema Zeitreisen beschäftigen und mir interessante Stunden schenken, in denen ich meine eigenen Gedanken beim Ansehen oder Lesen der Handlung schweifen lassen kann. Und noch besser ist es, wenn es zum Roman einen Film (eine Serie) gibt, den ich gleichermassen genießen kann. Das eine ist nicht besser als das andere, sie ergänzen einander. Beides fasziniert mich auf seine Art. Wobei der Roman mit seinen 1048 Seiten natürlich viel tiefer ins Thema einsteigen kann. Die Serie konzentriert sich auf einen Handlungsstrang, im Roman gibt es davon sehr viele. Besonders begeistern mich die Anspielungen auf Kings früheren Romane, deren Geschichten hier mit einer ganz neuen Perspektive „zitiert“ werden. Außerdem berührt mich im „Anschlag“ Kings Humor, der mir immer wieder unverhofft begegnet und mich zum Schmunzeln bringt. Na ja, und Spannung ist natürlich auch jede Menge und lehrreich ist das Ganze noch dazu, finde ich.

Jetzt, wo ich viele Stunden mit dem „Anschlag“ verbringe, denke ich auch immer wieder an die Serie. Meiner Meinung nach sind die Schauplätze hier optimal visualisiert worden und die Besetzung so perfekt, dass fast alle Personen sehr gut „in den Roman“ passen. Ich stelle mir beim Lesen keine anderen Gesichter vor. Außerdem höre ich in der Serie (Abspann!) die passende wunderbare Musik, die im Roman immer wieder beschrieben wird. Doch ja, ich kann beides empfehlen für Leute, die Stephen King und Zeitreisen mögen….

 

Was für ein Buch!

Was für ein Buch!

Yuval Noah Harari, Eine kurze Geschichte der Menschheit. München, 2013

“ Krone der Schöpfung oder Schrecken des Ökosystem?

Wie haben wir, Homo sapiens, es geschafft, den Kampf der sechs menschlichen Spezies ums Überleben für uns zu entscheiden? Warum ließen unsere Vorfahren, die einst Jäger und Sammler waren, sich nieder und betrieben Ackerbau und gründeten Städte und Königreiche? Warum begannen wir, an Götter zu glauben, an Nationen, an Menschenrechte? Warum setzen wir Vertrauen in Geld, Bücher und Gesetze und unterwerfen uns der Bürokratie, Zeitplänen und dem Konsum? Und hat uns all dies im Lauf der Jahrtausende glücklicher gemacht? Yuval Noah Harari entwirft mit seinem international gefeierten Bestseller das große Panorama unserer eigenen Geschichte- und stellt die Frage, wohin wir von hier aus gehen wollen.

Vor 100 000 Jahren war Homo sapiens noch ein unbedeutendes Tier, das unauffällig in einem abgelegenen Winkel des afrikanischen Kontinents lebte. Unsere Vorfahren teilten sich den Planeten mit mindestens fünf weiteren menschlichen Spezies, und die Rolle, die sie im Ökosystem spielten, war nicht größer als die von Gorillas, Libellen und Quallen.

Vor 70 000 Jahren dann vollzog sich ein mysteriöser und rascher Wandel mit dem Homo sapiens, und es war vor allem die Beschaffenheit seines Gehirns, seine Sprache und seine einzigartige Fähigkeit zur Kooperation, die ihn zum Beherrscher und zur Bedrohung des Planeten werden ließen.

Bis heute hat sich diese Vorherrschaft stetig zugespitzt: Der Mensch hat die Fähigkeit zu schöpferischen und zerstörerischem Handeln wie kein anderes Lebewesen. Und die Menschheit steht jetzt an einem Punkt, an dem er entscheiden muss, welchen Weg sie von hier aus gehen will.

Gerade zu meisterhaft versteht es Harari, große historische Ereignisse mit der Macht von Ideen zu verknüpfen (NEUE ZÜRICHER ZEITUNG).

Spektakuläre Panoramen, plötzliche Sturzflüge in Details und unkonventionelle Interpretationen…..Der unwiderstehliche Reiz liegt in der Coolness des Universalhistorikers (DEUTSCHFUNK KULTUR).

Kenntnisreich und witzig erzählt (FOCUS).“   

Yuval Noah Harari schreibt präzise, klug- und vor allem so, dass man gar nicht aufhören will zu lesen. Dieses Buch lässt Hirne wachsen (ZEIT WISSEN). 

( Klappentext hinten und vorne)

Ich weiß nicht, ob mein Hirn gewachsen ist. Ich weiß aber, dass ich nicht aufhören kann zu lesen. Das Buch hat auf mich eine unglaubliche Sogwirkung. Ich sitze im Garten unter meinem Flieder und tauche ein in Welten und Zeiten und lache laut, wenn mal wieder so witzige Beispiele  kommen. Die kognitive Revolution, die landwirtschaftliche Revolution, die Vereinigung der Menschheit und die wissenschaftliche Revolution ziehen an mir vorbei und 10 000 Jahre sind irgendwie ein Katzensprung der Geschichte. Meine kleine Lebensspanne ist lächerlich kurz und das Große und Ganze geht seinen Weg, den es gehen muss. Ich überlege, mit welchen Mythen und ausgedachten Geschichten ich aufgewachsen bin und nichts ist mehr selbstverständlich. Vielleicht sogar auch gar nicht so wichtig. Also für das Große und Ganze. Für mich und meine Zeit natürlich schon. Und dabei bin ich erst auf Seite 269, das ist etwas mehr als die Hälfte des Buches. Schnell beende ich jetzt hier meine  Schreiberei und gehe unter meinen Fliederbaum und versinke wieder in die Universalgeschichte, die mir bisher eigentlich nicht so wichtig schien. Jetzt bin ich entzückt davon und gewinne auch geistig neue Perspektiven. Dazu muss ich noch nicht einmal meine Lesestuhl in den Garten schieben….

Mit einem Zitat möchte ich Euch Lust auf dieses Buch machen. Wirklich, es ist eine Lust, es zu lesen. Wenn man Lust zum Lesen hat jedenfalls.

„Eines der ehernen Gesetze der Geschichte lautet, dass ein Luxus schnell zur Notwendigkeit wird und neue Zwänge schafft. Sobald wir uns an einen Luxus gewöhnt haben, verkommt er zur Selbstverständlichkeit. Erst wollen wir nicht ohne ihn leben, und irgendwann können wir nicht mehr. Nehmen wir ein Beispiel, das Ihnen bekannt vorkommen könnte. In den vergangenen Jahrzehnten wurden zahllose Maschinen erfunden, die uns das Leben erleichtern sollen: Waschmaschinen, Staubsauger, Geschirrspülmaschinen, Telefone, Mobiltelefone, Computer, E-Mail. Früher hat es viel Zeit gekostet, einen Brief zu schreiben, einen Umschlag zu kaufen, ihn zur Post zu bringen und abzuschicken. Die Antwort ließ Tage und Wochen auf sich warten. Heute können wir innerhalb einer halben Minute eine E-Mail schreiben und sofort eine Antwort bekommen. Haben wir jetzt mehr Zeit für uns selbst?

Im Gegenteil. In Zeiten der Schneckenpost haben wir nur Briefe geschrieben, wenn wir wirklich etwas mitzuteilen hatten………wir haben sorgfältig über den Inhalt nachgedacht und an Formulierungen gefeilt. Als Antwort haben wir einen genauso durchdachten Brief erwartet. Pro Monat haben wir eine Handvoll Briefe geschrieben…..Heute bekommen wir pro Tag Dutzende Mails, die alle umgehend beantwortet werden wollen. Mit dem Versuch, Zeit zu sparen, haben wir lediglich die Schlagzahl erhöht und unser Leben noch hektischer gemacht…….

Aus der Geschichte der Luxusfallen können wir eine wichtige Lektion lernen. Bei dem Versuch, winzige Fortschritte zu erringen, setzen wir immense Energien frei und bewirken Veränderungen, die niemand vorhersehen konnte und die auch niemand in dieser Form wollte. Niemand konnte die landwirtschaftliche Revolution vorhersehen und niemand wollte sie. Eine Abfolge winziger Entscheidungen, mit denen sich die Menschen den Magen füllen und ein bisschen Sicherheit gewinnen wollten, summierten sich so lange, bis die alten Wildbeuter unter sengender Sonne Wassereimer schleppten.“ (S. 114/115, Die Luxusfalle)

Altes Land

Altes Land

Heute lese ich nur mit den nötigsten Unterbrechungen:

Dörte Hansen, Altes Land, 2015

“ Polacken, schimpft Ida Eckhoff, Bäuerin im Alten Land, als im Frühjahr 1945 Flüchtlinge aus Ostpreußen auf ihrem Hof stehen. Hildegard von Kamcke und ihre kleine Tochter Vera müssen in die Knechtekammer, auf Idas weißer Hochzeitsbank dürfen sie nicht sitzen. Aber Hildegard hat für die Opferrolle kein Talent. Sie zieht weiter nach Hamburg und lässt ihr Kind zurück. Vera erbt das große kalte Haus und scheint es doch nie zu besitzen. Sie fürchtet sich vor ihm, lässt es verfallen. Bis mehr als sechzig Jahre später wieder zwei Flüchtlinge vor der Tür stehen: Veras Nichte Anne mit ihrem kleinen Sohn. Anne kommt nicht mehr zurecht mit ihrem Leben im szenigen Hamburg-Ottensen. Sie hasst ihren Job als Flötenlehrerin. Als ihr Mann sich dann auch noch in eine Andere verliebt, haut sie ab.

Vera, die raubeinige Zahnärztin, und Anne, die verkrachte Musikerin, haben mehr gemeinsam als sie ahnen. Beide fühlen sich nirgends zugehörig, beide kämpfen mit ihrer Vergangenheit, die alle Frauen in ihrer Familie hat erstarren lassen. Als sie beginnen, das Haus zu renovieren, geraten die Dinge in Bewegung.

Mit scharfen Blick und trockenem Witz erzählt Dörte Hansen von zwei Einzelgängerinnen, die überraschenderweise finden, was sie nie gesucht haben: eine Familie“ (Klappentext)

Dieses Buch lese ich immer wieder gerne. Ich tauche ein und erst wieder auf, wenn die letzte Seite gelesen ist. Schade. Ich könnte noch 1000 Seiten mehr davon gebrauchen. Der Roman spielt im Alten Land und in Hamburg. Als geborene Hamburgerin fühle mich sofort Zuhause. Nicht zuletzt, weil sich die Geschichte auch genauso auf Föhr (letzte Wahlheimat) und erst recht im Wendland (jetzige Heimat) abspielen könnte. Hier sind wir Menschen tatsächlich so, wie sie im „Alten Land“ liebevoll und manchmal lustig, aber immer treffend, beschrieben werden.

Der Roman hat 286 Seiten, die es alle in sich haben! Dörte Hansen versteht es meisterhaft, kurz und knapp so viele Informationen über ihre Figuren preiszugeben, dass ich mir deren Vergangenheit und Gegenwart leicht ausmalen kann. Landschaften und das menschliche Miteinander kann ich förmlich vor mir sehen und spüren. Es ist fast, als wäre ich Teil der Handlung. Ernste Themen und witzige Situationen stehen nebeneinander und berühren mich fast auf jeder Seite. Entweder ich muss schmunzeln oder erst einmal aus dem Fenster schauen und meinen Gefühlen nachspüren, bis ich weiter lese. Gestern Abend zum Beispiel, als ich vom Osterfeuer las, bekam ich großes Heimweh nach meinem alten Leben mit meiner Familie auf dem Land :

“ Es wurde kalt, die Leute drängten sich ans Feuer, „und nachher stinkt man wieder wie ein Räucheraal“, seufzte Brittas Schwiegermutter, es schien sie nicht zu stören.

Kinder marodierten in großen Banden hin und her, sie stocherten mit langen Stöcken in der Glut, drückten den Eltern das verkohlte Stockbrot in die Hand und wollten Geld für Pommes.

Die Erwachsenen verloren die Übersicht ein bisschen, sie tranken kaltes Bier und heißen Apfelpunsch im Wechsel. Alle kannten alle und redeten mit allen, Anne lernte Namen und Gesichter und vergaß sie alle wieder.“ (Seite 252)

Ja, so hatte ich das damals auch beim ersten Osterfeuer im Dorf erlebt, als wir gerade mit unseren kleinen Kindern hingezogen waren. Mein Mann und ich bekamen Gläser in die Hand gedrückt, weil wir selbst keine mitgebracht hatten, und uns wurde etwas eingeschenkt und angestoßen und Namen wurden ausgetauscht und dann kamen schon die nächsten mit einem Drink. Unsere Kinder waren mit den anderen Kindern und dem Feuer beschäftigt und ich verlor ein wenig die Übersicht. Das Eierverstecken im Garten am nächsten Tag war schwierig und die Vögel zwitscherten viel zu laut….. Manchmal möchte ich…..aber egal, es ist wie es ist und die Vergangenheit bleibt Erinnerung. Schön, wenn man sie sich bewahrt und dabei dürfen gerne ein paar Tränchen verdrückt werden. So ergeht es mir beim Lesen, ich komme mit meinen Gedanken immer wieder auf mein eigenes Leben und auf das meiner Eltern und Großeltern zurück.

Ein wunderbares Buch! Alle Dorf-und Stadtbewohner bekommen ihr Fett weg: die Eingeborenen und die Zugezogenen, die ehrgeizigen Vollwerteltern, die wortkargen Landwirte und erst recht die Biobauern. Die Mütter, Väter, Söhne und Töchter. Alle eben, so wie sie zusammen leben, mit ihren unterschiedlichen Schicksalen und Charakteren.

Ich wünschte, ich könnte meine Familie, Freunde, Nachbarschaft und mich auch so liebevoll skizzieren, dann sähe ich uns vielleicht plötzlich mit anderen Augen!