Daheim

Daheim

Ich lese gerade den Roman „Daheim“ von Judith Hermann (|Rezension| Daheim – Judith Hermann • Literatour.blog) und fühle mich verstanden und seelenverwandt. Besser kann ich es gerade nicht ausdrücken. Ich lebe natürlich ein ganz anderes Leben als die Protagonistin, aber ich finde mich sofort in der Geschichte wieder. Am liebsten würde ich ins Buch kriechen. Ich sage nur: Nordsee! Aber das geht ja nicht. Ich bleibe ich und hier. Gut, dass es den Roman gibt, so kann ich lesend am fremden Frauenleben teilnehmen, das mir doch so bekannt und nahe scheint.

Meine kleine Angst und ich

Meine kleine Angst und ich

Über ein Jahr nur „ICH ALLEIN ZU HAUS“ hinterlässt Spuren. Sobald ich unter Leute will, meldet sich freudig meine kleine Angst zurück. Noch ist sie schüchtern, aber trotzig macht sie mir klar, dass sie unbedingt dabei sein muss, wenn schon mal was los ist in meiner Rentnerinnen-Corona-Dümpelei!

Ich begrüße sie, weise ihr ihren Platz zu und treffe ab und zu Menschen und Ärzte.

Heute sind der Hausarzt und der große Gesundheitsscheck Teil I dran. Dazu muss ich den Wecker stellen (!) und kurz nach acht (!) los.

Mein Termin für ein Vorgespräch, den ich vor zwei Wochen telefonisch vereinbart hatte, befindet sich nicht im System der Praxis, was mich kalt lässt. Ich will gleich einen neuen verabreden und wieder nach Hause eilen. Aber so schnell lassen sie mich nicht gehen. Ein kurzes Gespräch mit dem Arzt wird eingeschoben und danach eine Menge Blut abgenommen. Zwischendurch hört mein Blutfluss auf, was mir noch nie passierte. Nichts will durch die Kanüle. Ich finde das lustig und schiebe es meinem Alter zu. Die Arzthelferin schiebt es sich selber zu und probiert weiter, bis der rote Saft wieder fließt.

Dann will sie meinen Blutdruck messen. Ich will das nicht und lieber mein eigenes Blutmessgerät mit den Werten der letzten Tage vorzeigen. Aber das wiederum will sie nicht und so wird gemessen. Meine Güte! Natürlich ist mein Blutdruck viel, viel höher als der, den mein eigenes Messgerät vorweisen kann. Die Arzthelferin trägt beide Werte ein und ich meine zu erkennen, wie sie sich ein Grinsen nicht verkneifen kann. Ich denke, meine kleine Angstattacke ist hier sehr gut ablesbar. Zuhause werden meine Werte übrigens wieder völlig in Ordnung sein. Also gut, schnell noch Pipi abgeben und dann nichts wie weg. Aber ich will noch probieren, ob ich einen Impftermin ergattern kann. Nein, kann ich nicht. Ich komme nicht einmal auf die Warteliste. Die ist nämlich lang und muss erst abgearbeitet werden. Im Juni soll ich anrufen, denn dann gibt es eine neue Liste. Ich kann mich auch ans Impfzentrum wenden, sobald ich eine Impfeinladung erhalte. NEIN! WILL ICH NICHT! Ich müsste nach Uelzen fahren. 40 Kilometer hin und 40 Kilometer zurück! Die Bilder der Impfzentren sind purer Horror für mich und eine große Freude für meine kleine Angststörung. Ja, das versteht die Frau hinter dem Tresen und dann erzählt sie noch einmal von der unermesslich langen Warteliste. Vorletzte Woche hat die Praxis 6 Dosen erhalten und letzte Woche 25.

Kann also dauern das Ganze! Ich bleibe weiter geduldig. Kommt ja jetzt auf ein paar Monate mehr oder weniger auch nicht mehr an, oder? Und wer weiß, vielleicht mache ich mich ja doch noch auf ins Impfzentrum nach Uelzen, sobald ich eine Einladung und dann einen Termin erhalte. Meine kleine Angst reibt sich schon die Hände.

Ich verlasse die Praxis und besteige mein Fahrrad, das schon sehnsüchtig auf mich wartet. Glücklich und zufrieden drehe ich meine übliche Runde. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, die Schafe tun gar nichts und meine Lieblingskuhherde liegt noch faul herum. Ja, es ist immer noch früh und der ganze Tag liegt noch vor mir.

Und jetzt wärmt die Sonne das Land. Ich bereite mein Essen zu und kann dann gleich meinen Leseplatz auf der Terrasse einnehmen. Gestern begann ich meinen neuen Stephen King (Neuer Thriller von Stephen King: Der junge Geisterseher – taz.de) und kann es gar nicht erwarten, weiter zu lesen. Fragt mich bitte nicht, warum sich Angststörung und Stephen King miteinander vertragen. Ich weiß es nicht, aber sie tun es bestens! Und wenn ich lese, dass King 2018 den „PEN America Literary Service Award für sein Wirken, gegen jedwede Art von Unterdrückung aufzubegehren und die Humanität zu verteidigen,“ erhielt, muss ich dann doch schmunzeln. Sein Ruf ist bei vielen Leuten ja ein ganz anderer.

Heute habe ich das Gefühl, richtig viel geleistet zu haben. Morgen ist frei, Donnerstag ist Einkaufstag und Freitag wieder Video-Konferenz mit dem Lesebeirat der Zeitungsredaktion. Meine kleine, winzige Angststörung findet es prima, dass sie mich bald wieder ärgern kann, auch wenn ich nach außen hin weitgehend gelassen bleibe. Mein Blutdruck verbündet sich doch immer wieder mit ihr, darauf kann sie sich verlassen! 😂

Sachbuch aktuell

Ich weiß so wenig und vieles hat mich nicht interessiert. Bis es dann interessant wurde. Und nun vertiefe ich mich in ein Buch, welches alles zusammenfasst, was wichtig ist, um zu verstehen. Zahlreiche Fakten beruhigen nicht, aber sie informieren und helfen, das Zeitgeschehen einzuordnen und mir eine fundierte Meinung zu bilden. Geschichte erklärt die Gegenwart. Mir geht es gut mit der Zusammenfassung des Unglaublichen, das gar nicht so überraschend ist, wie ich dachte. Ich bekomme Einblicke in Entscheidungsprozesse, die mir bisher unbekannt waren. Ich kann vieles immer noch nicht nachvollziehen, aber Politiker und Politikerinnen sind Menschen und von daher verstehe ich zumindest. Und ich hoffe, dass die Vernunft sich überall durchsetzen wird. Vielleicht auch nicht, dann wird uns die Entwicklung schon zur Vernunft bringen. Und ich bin froh, nur ein winzig kleines Rädchen im Getriebe zu sein und nichts für andere entscheiden zu müssen.

Meine Situation verändert sich nicht. Aber die Erkenntnis, wie groß das Ganze ist und dass ich mit meiner Einstellung bisher (für mich) ganz richtig lag, festigt mein Glauben an meine Urteilskraft.

Ich empfehle: Katja Gloger und Georg Mascolo: Ausbruch (Ausbruch | Lesejury)

Menschen

Ich habe wenig Zeit! Ich muss schnell das Nötigste erledigen und dann will ich unbedingt weiterlesen. Bin so gespannt auf all das Überraschende, was da noch kommen mag. Schwarzweiß kann ich vergessen, es gibt so viele Grautöne. Daran lasse ich mich gerne erinnern. Widersprüche werden nicht gelöst, sondern ausgehalten. Und wir machen trotzdem weiter, auch wenn es nicht einfach ist. Grenzen lösen sich auf. Zwischentöne lockern das Denken. Es gibt alles überall und immer. Und eine Hündin kann auch Jochen heißen, das geht!

Ich habe die halbe Nacht gelesen und erst ein halbes Buch geschafft. Und darum habe ich jetzt keine Zeit mehr! Tschüss!

Ach so. Das Buch heißt: „Über Menschen“ und ist von Juli Zeh (WDR 3 Buchkritik: Juli Zeh – Über Menschen – Bücher – Kultur – WDR). Mein Ostergeschenk an mich selbst. Da kann es draußen noch so kalt und stürmisch sein. Und sogar der Schnee wird akzeptiert und toleriert, denn ich lese und lese und werde auf jeder Seite mit meinen eigenen Denkschablonen konfrontiert. Meine Güte, ich bin auch so eine, die ein ganz klein wenig festgefahren ist.

Homo sapiens

Homo sapiens hat schon immer die Umwelt verändert und ausgerottet, was ihm nicht passte. Und er wurde mit der landwirtschaftlichen Revolution vor etwa zehntausend Jahren Opfer der Luxusfalle, in der wir heute noch leben. Das schrieb Yuval Noah Harari in seinem Buch: Die kurze Geschichte der Menschheit. Pantheon 2015

Aha, denke ich, kein Wunder, das alles, wir sind ja immer noch Homo sapiens (lateinisch für „verstehender, verständiger“ oder „weiser, gescheiter, kluger, vernünftiger Mensch“). Menschengemachte Umweltkatastrophen sind nicht neu. Tier-und Pflanzenarten verschwanden schon immer, sobald Homo sapiens auftauchte. Die Gegenwart ist also keine Ausnahme, sondern nur die logische Fortsetzung unserer Geschichte. Wir werden allerdings immer besser darin, denn der Fortschritt macht keine Pause.

Und mit der Luxusfalle sind wir in guter Gesellschaft. Auch die ist nicht neu. Wenn wir über Luxus (Üppigkeit, Ausschweifung, Verschwendung) verfügen, empfinden wir Freude. Aber nicht lange, denn Luxus wird schnell alltäglich und dann wollen wir mehr davon. Wir merken nicht, wie uns der Luxus in Wirklichkeit immer weiter einschränkt. Na ja, wir merken es manchmal schon, nämlich dann, wenn wir unzufrieden oder krank werden. Der technische Fortschritt hat uns keine Zeit und Ruhe geschenkt, sondern er ist ein purer Zeitfresser. Je mehr technische Geräte wir im Haus haben, umso weniger Zeit für Muße steht uns zur Verfügungen. Wenn wir modern, aufgeschlossen und jung bleiben wollen, tun wir gut daran, den technischen Fortschritt fröhlich mitzumachen. Wenn wir nicht mithalten können oder wollen, werden wir schnell abgehängt und nicht mehr ernst genommen. Ich als Rentnerin leiste es mir, nicht alles zu besitzen, was es gibt und mich mit alten Geräten zufrieden zu geben. Das stößt aber auf Unverständnis und ein mildes Lächeln bei den Kindern und anderen, die es wichtig finden, fortschrittlich zu sein.

Reisen war früher ein Luxus, den nicht jeder haben konnte. Wollten wir aber. Und je mehr (technisch) möglich wurde, umso größer wurden die Begehrlichkeiten. Ich spreche jetzt mal ganz allgemein und wir wissen, dass es Ausnahmen gibt. Reisen sind bei vielen also kein Luxus mehr, sondern ein Menschenrecht. Jedenfalls bei uns Wohlhabenden. Wir können und wollen uns nicht einschränken. Wir wollen Luxus-Glück erleben. Das Dumme ist nur, dass wir immer weiter, höher oder sogar tiefer müssen, um dieses Glücksgefühl erneut erleben zu können. Und ich wette, dass die meisten Reisenden mehr denn je unter Stress und Zeitmangel leiden. Und die Einheimischen verdienen zwar Geld, aber leiden auch, ich habe auf Föhr gelebt, ich weiß, wovon ich spreche.

Wir stumpfen ab. Was das erste Mal befriedigend war, ist es beim zweiten Mal oft nicht mehr. Es müssen also immer neue Ziele gesucht werden. Letztendlich landen wir auf Kreuzfahrtschiffen, die immer „größer und besser“ werden, um attraktiv zu bleiben. Insofern ist es zu verstehen, warum so viele Menschen auf das Reisen nicht verzichten können, auch wenn alle wissen, dass die Mobilität uns allen nicht gut tut. Sie zerstört die Umwelt und jetzt trägt sie auch noch dazu bei, dass es der Pandemie so richtig gut geht. Homo sapiens kann nicht anders.

„Und nun?“, denke ich bei meiner Lektüre. „Was mache ich nun damit?“ Aufgeben? Mit einem Achselzucken weitermachen, weil ich sowieso nichts ändern kann?

Ich stelle mir gerade die Frage, ob ich dieses Buch nicht lieber weglegen will. Nein, sagt meine Vernunft, da stehen noch viele schlaue Sachen drin und witzig geschrieben ist es ja auch. Weltuntergangstimmung erzeugt es bei mir nicht, sondern ein Verständnis unserer heutigen Situation. Homo sapiens ist eben moralisch gesehen auch nicht besser als das Virus.

Zufrieden ist das kleine Glück

Zufrieden ist das kleine Glück

Zufrieden klappe ich das Buch „Mut und Menschlichkeit. Als Arzt weltweit in Grenzsituationen“ von T. Stöbe zu. ( Tankred Stöbe – Wikipedia ) Zufrieden und dankbar, weil ich hier geboren und aufgewachsen bin. Ich wusste es, aber jetzt im Alter und nach dieser Lektüre fühle ich es auch. Ich lebe im Schlaraffenland.

Ich bin ein Nachkriegskind, habe das Elend der Nazizeit und des Krieges nicht direkt erlebt, sondern die Traumata meiner Eltern und Großeltern „nur“ geerbt. Ja sicher, war und ist schwierig, aber nicht mit dem zu vergleichen, was so viele Menschen weltweit erleiden müssen. Ich trage mein Päckchen, habe aber das große Glück, vieles aufarbeiten zu können. Als meine Kinder noch Kinder waren, verdienten wir wenig Geld, aber wir wurden immer satt und hatten ein gutes Leben.

Ich lege das Buch auf den Stapel der Bücher, die ich weitergeben möchte. Nichts ist selbstverständlich, denke ich. Gerade jetzt in Zeiten der Pandemie, werden die Unterschiede von reich zu arm und bitterarm noch einmal deutlich. Nichts von dem, was ich besitze, ist selbstverständlich: Rente, Wohnung, Heizung, Strom, Essen, Wasser, Frieden, Krankenhäuser, Ärzte, Freiheit, Leben. Ich habe das alles, ich vertraue darauf, dass es bleibt, ich weiß und fühle dennoch: alles kann sich ändern. Man kann zu diesem Thema, wenn man will, die Mini-Serie „Years and Years“ ansehen (Years and Years: Britische Drama-Serie – ZDFmediathek). Auch wenn sie eine Fiktion ist, die gesellschaftliche Entwicklung könnte dahin gehen. Und ich könnte das noch erleben. Also, nichts war, ist und bleibt selbstverständlich.

Ich bin dankbar dafür, dass es Menschen wie Tankred Stöbe gibt, die über ihre Arbeit berichten. Stöbe beschreibt kurz, verständlich und objektiv die politischen Entwicklungen und die Aufgaben in seinen jeweiligen Einsatzgebieten. Sehr persönlich schreibt er dann über seine Arbeit. Er erzählt von einigen Menschen, denen er helfen konnte und von einigen, für die es keine Hilfe mehr gab. Er verliert trotz seiner schweren Arbeit nicht den Humor, der auch im Buch neben all dem Schweren nicht zu kurz kommt.

Also, nichts ist selbstverständlich. Ich bin dankbar, dass ich es so gut habe und dass meine Kinder gesund und meistens auch munter sind.

Es ist nicht immer so einfach zu wissen, was weltweit passiert. Manchmal wäre es wohl ganz schön, auf einer kleinen Insel zu leben und von draußen nichts mehr zu sehen und zu hören. Aber das Draußen gehört doch auch in meine Welt. Und damit es mir trotzdem gut gehen kann in meinem Luxusleben, setze ich im Alltag meine „Anker“. Ich habe kein schlechtes Gewissen, aber ich weiß und fühle: Alles was ich habe ist nicht selbstverständlich, sondern ein Geschenk. Und damit schließe ich und zeige Euch ein paar letzte Schneefotos. Denn es wird wärmer und der Frühling ist auch nicht mehr weit. Ich lasse die Leute reden vom Osterurlaub und der Normalität, die ihnen jetzt aber nun endlich zusteht. Nein, denke ich, mir steht gar nichts zu. Ich habe bisher nur großes Glück gehabt. Und mit diesem Gedanken lade ich die Zufriedenheit ein, bei mir zu bleiben.

Ich bin Ich

Ich bin Ich

Ich lese das Buch zum Film. Beide heißen: Magical Mystery, oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt. Vom Film berichtete ich ja schon. Begeistert sitze ich jetzt auf meiner Terrasse und tauche in den Roman von Sven Regener ein. Im Film sah man ja nur, was der Ich-Erzähler Karl Schmidt sprach und tat. Im Buch folge ich zusätzlich seinen Gedanken. Und die äußern sich grandios ab und zu in Endlossätzen, einen ganzen Absatz lang. Muss ich manchmal doppelt lesen, um einmal zu verstehen und dann bin ich fasziniert von den Erinnerungs- und Gedankenketten und ich kann es gar nicht erwarten, weiter zu lesen und verstehe den Film erst jetzt richtig und ich werde ihn mir demnächst mit dem Wissen, welches ich im Buch erlangen konnte, noch einmal ansehen und mich über die Auswahl der Schauspieler erfreuen, die ich beim Lesen jetzt vor Augen habe und nun mache ich mal einen Punkt. Ferdi und andere der Protagonisten sprechen übrigens in ähnlich bandwurmartigen Sätzen,  wie Karl erzählt und denkt. Wenn man sich, wie ich, in der Club-Scene und den Raves nicht auskennt, ist das nicht immer so leicht zu verstehen, aber dafür gibt es ja den Film….. Und die Mitwirkenden im Buch und Film verstehen auch nicht immer, was dann oft die Komik ausmacht.

Eine schöne Sommerlektüre, denke ich, als ich mich mal wieder durch einen Bandwurmsatz hindurch gearbeitet habe und nun Löcher in die Luft gucke, um mich zu erholen. Die Sonne scheint. Hummeln und Bienen besuchen meine Blütenpracht, Schmetterlinge flattern im Sommerflieder. Ich strecke und recke mich und finde es schade, dass ich körperlich so beeinträchtigt bin und die Nächte nicht mehr durchfeiern kann.

Ich mag Karl Schmidt so gern. Ich mag die beschriebenen Personen und das, was sie erleben und erleiden. Ich lese vom Scheitern und von Erfolgen. Ich lese über das Leben und das Menschsein.

Ich halte mein Gesicht in die Sonne und denke: “ Und ich bin Ich!“, und weiß gar nicht, wo das auf einmal herkommt. Ich bin Ich. Wie ist das schön!

Alltagsrassismus

Nachdem ich „Deutschland Schwarz weiß“  von Noah Sow studierte, nahm ich mir das Buch von Alice Hasters : WAS WEISSE MENSCHEN NICHT ÜBER RASSISMUS HÖREN WOLLEN ABER WISSEN SOLLTEN  vor.

Ich wollte wissen, worum es in der Rassismusdebatte geht und herausfinden, ob ich alltagsrassistisch bin.

Beide Bücher habe ich gerne gelesen, obwohl mich diese neuartige Sprache nervt. Hasters schreibt dazu: Außerdem verwende ich genderneutrale Sprache. Es mag für manche zunächst ein wenig ungewohnt sein, aber darum geht es ja auch-um das Ändern von Gewohnheiten.“ (S.10). Na gut, dachte ich mir, vielleicht gewöhne ich mich daran. Nein, hat nicht geklappt. Spätestens bei den Kolleg*innen, Spielgefährt*innen oder Sklav*innen ärgerte ich mich dann doch. Ich werde bei meinen eigenen Sprachgewohnheiten bleiben. Basta.

Anders ist es mit meinen Denkgewohnheiten zum Thema. Hier kann ich noch eine Menge dazulernen. Manches sehe ich nicht so wie die Autorinnen, aber das ist verständlich, ich bin eben eine weiße Frau und nicht als Schwarze aufgewachsen. Ich habe mir, ehrlich gesagt, auch selten Gedanken darüber gemacht, denn ich war mir sicher, nicht rassistisch zu sein.

Das war ein Irrtum.

Heute morgen las ich eine Anzeige in der Zeitung. Sie begann mit den Worten: „Schwarze Damen…“ und schon begann ich zu analysieren. Schwarze Damen, ist das jetzt ein rassistischer Ausdruck? Doch, ich habe etwas begriffen. Ich will mich darin üben, mit der Sprache behutsamer umzugehen. Schwarze Damen hört sich doch irgendwie blöd an. Ich las weiter und es hieß: „Schwarze Damenmotorradkleidung Größe 38 zu verkaufen.“😂 Das geht jetzt zu weit und ich denke, es wird Zeit, mir ein neues Thema vorzunehmen und den Rassismus erst einmal sacken zu lassen.

 

Welt retten

Welt retten

Was soll ich dazu sagen, wenn zwischen Bevölkerung und Arbeitnehmern unterschieden wird, um die Fallzahlen herunterzurechnen? Wieso ist es möglich, unmenschliche Arbeitsverhältnisse über Jahre zu kennen und zu tolerieren? Wieso ist es normal, die Armut anderer Nationen auszunutzen und billig produzieren zu lassen? Warum bleiben wir am Überkonsum hängen, obwohl wir genau wissen, wozu das führt?

Ja gut, das sind keine neuen Fragen und ich bin ja nicht dumm. Ich diskutiere darüber schon seit Studententagen. Damals, vor etwa hundert Jahren, schlugen wir uns die Nächte um die Ohren, um uns gegenseitig unsere Meinungen zu bestätigen. Andere Gesprächspartner kamen nicht infrage, denn wir waren die Guten und wollten unter uns bleiben. Wir wollten die Welt retten und waren fest davon überzeugt, dass es gelingen würde. Heute diskutiere ich immer noch gerne, bevorzugt mit Menschen, die sowieso schon meiner Meinung sind. Andere leben anders und finden sich in meinen Welten so wenig zurecht, wie ich in ihren.

Ich lebe ganz bequem so, wie ich lebe und will das auch fortsetzen. Nur Corona macht mir gerade einen Strich durch die Rechnung. Althergedachtes funktioniert nicht mehr so gut. Ich will weiterhin mein Leben genießen. Ich will das beste aus meiner Situation machen. Ich will flexibel bleiben. Und ich will ……Ja, was eigentlich? Politisch aktiv werden und handeln statt zu diskutieren? Nein, das führt jetzt in eine anstrengende Richtung.

Ich will mich lieber mit meinen Gewohnheiten und Denkmustern auseinanderzusetzen. Damit habe ich genug zu tun. Vielleicht bewirke ich damit etwas im Kleinen. Vielleicht verändere ich mich, weil ich einigen Denkfallen auf die Schliche komme.

Werte ich hin und wieder Menschen in meinen Gedanken und Taten ab? Ja.

Will ich das ändern? Ja. Ich erkenne diese schädlichen Gedanken heute viel schneller als noch vor einigen Monaten. Ich stelle sie ab und siehe da, mein Blick weitet sich. Ich nehme wahr, wie unfreundlich ich häufig über mich selbst denke. Diese blöde Selbstabwertung ist viel schwerer abzustellen, aber ich bleibe dran.

Passend dazu lese ich zum dritten Mal den Roman Ausnahme von Christian Jungersen. Die Geschichte regt mich auf. Sie macht mich wütend und traurig. Ich bin sauer darüber, dass die Protagonistinnen immer wieder den selben Mist anstellen. Als ob sich ein Roman verändern könnte, nur weil ich ihn mit anderen Augen lese.

Nein, ein Roman wird sich nicht verändern, wenn er nicht umgeschrieben wird. Mit den schädlichen Gedanken verhält es sich wohl ähnlich. Sie verändern sich nicht, wenn ich nicht daran arbeite. Die Welt werde ich damit nicht retten, aber vielleicht ändert sich mein Umgang mit mir. Und vielleicht hat das positive Auswirkungen auf meine unmittelbare Umwelt.

Das kann ich immerhin tun.

Hausarbeit und Denken

Hausarbeit und Denken

Ich bin so froh!

Ich bin nicht so!

Ich bin emanzipiert, gebildet, belesen, tolerant, menschenfreundlich, vorurteilsfrei und ganz bestimmt keine Rassistin.

Das sind die anderen, ich nicht. Basta.

Ich nehme meinen Staubsauger in die Hand und beginne zu saugen. Ich gehöre zu den Guten, da bin ich mir sicher.

Während ich putze, denke ich an die Zeit, in der ich aufgewachsen bin. Rassismus war normal. Frauenfeindlichkeit war normal. Männerfeindlichkeit auch. Menschenfeindlichkeit eben. Habe ich die Anschauungen und Bewertungen, die mir die Erwachsenen mit auf meinen Lebensweg gaben, wirklich alle abgelegt? Und prägten mich nicht moderne Vorurteile genauso wie die althergebrachten? Bin ich tatsächlich ausreichend gut?

Ich putze weiter und werde richtig sauer. Mir fallen so viele Kränkungen ein, die ich in meiner Vergangenheit hingenommen habe und heute noch hinnehme. Mehr noch, mir fallen etliche Kränkungen ein, die ich mir selbst und anderen zufüge. Nicht öffentlich, nein, ich denke die nur. Mädchen sollen nicht so vorlaut sein und hübsche junge Frauen darf Mann mit blöden Sprüchen in Verlegenheit bringen. Frauen sollen am liebsten schön sein, aber hübsch reicht auch. Schlank in jedem Fall, wenn sie liebenswert sein wollen. Frauen stehen in ständiger Konkurrenz zueinander und Mütter sind in Ordnung, aber am liebsten, wenn sie Haushalt und Beruf unter einen Hut kriegen. Wenn sie es nicht können, stimmt etwas nicht mit ihnen. Mit geschiedenen Frauen stimmt auch etwas nicht, Witwen hingegen verdienen Mitgefühl. Sie können ja nichts dafür. Geschiedene schon. Und wenn Frauen alt sind, wird der Hals faltig und ansonsten sind sie eben alt und uninteressant. Und so weiter und so weiter. Nein, so bin ich überhaupt nicht eingestellt, aber manchmal ploppen solche unwürdigen Gedanken (Relikte meiner Kindheit) auf. Die gehören jetzt endlich einmal auf den Müllberg meiner Geschichte. Oder einfach weg gesaugt. Wenn ich schon dabei bin und den Staubsauger in der Hand habe, kann ich das jetzt auch sofort tun. Keine dieser hässlichen Gedanken und Kränkungen darf mehr wirksam sein.

Wo soll das noch hinführen? Eigentlich wollte ich herausfinden, wie viel Rassismus in mir steckt. Und dann so etwas! Passt das überhaupt zusammen? Ich entscheide, dass das Erkennen und Hinterfragen meiner eigenen teils unbewussten für mich nicht mehr aktuellen Denkmuster sehr wohl zum Thema passen. Erst wenn ich in der Lage bin, diese zu verändern, ist es sinnvoll, mich mit meinem Rassismus auseinandersetzen. Beim Staubsaugen habe ich schon eine Menge Denkarbeit geleistet und die Wohnung ist jetzt auch wochenendtauglich. Gemütlich will ich es schon haben.

Nachdem ich nun genug über mein Frausein nachgedacht habe, nehme ich mir vor, mich um den Rassismus zu kümmern. Dafür lese ich den aktuellen Stern. Entschuldigt die Werbung, aber die Titelgeschichte gibt mir einen so interessanten Einstieg in das Thema, dass ich diese Ausgabe gerne empfehle. Später lese ich Deutschland Schwarz Weiß und dann sehe ich weiter.

Vielleicht gehöre ich doch zu den Guten, denke ich gerade. Muss auch mal sein.