Ich bin Ich

Ich bin Ich

Ich lese das Buch zum Film. Beide heißen: Magical Mystery, oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt. Vom Film berichtete ich ja schon. Begeistert sitze ich jetzt auf meiner Terrasse und tauche in den Roman von Sven Regener ein. Im Film sah man ja nur, was der Ich-Erzähler Karl Schmidt sprach und tat. Im Buch folge ich zusätzlich seinen Gedanken. Und die äußern sich grandios ab und zu in Endlossätzen, einen ganzen Absatz lang. Muss ich manchmal doppelt lesen, um einmal zu verstehen und dann bin ich fasziniert von den Erinnerungs- und Gedankenketten und ich kann es gar nicht erwarten, weiter zu lesen und verstehe den Film erst jetzt richtig und ich werde ihn mir demnächst mit dem Wissen, welches ich im Buch erlangen konnte, noch einmal ansehen und mich über die Auswahl der Schauspieler erfreuen, die ich beim Lesen jetzt vor Augen habe und nun mache ich mal einen Punkt. Ferdi und andere der Protagonisten sprechen übrigens in ähnlich bandwurmartigen Sätzen,  wie Karl erzählt und denkt. Wenn man sich, wie ich, in der Club-Scene und den Raves nicht auskennt, ist das nicht immer so leicht zu verstehen, aber dafür gibt es ja den Film….. Und die Mitwirkenden im Buch und Film verstehen auch nicht immer, was dann oft die Komik ausmacht.

Eine schöne Sommerlektüre, denke ich, als ich mich mal wieder durch einen Bandwurmsatz hindurch gearbeitet habe und nun Löcher in die Luft gucke, um mich zu erholen. Die Sonne scheint. Hummeln und Bienen besuchen meine Blütenpracht, Schmetterlinge flattern im Sommerflieder. Ich strecke und recke mich und finde es schade, dass ich körperlich so beeinträchtigt bin und die Nächte nicht mehr durchfeiern kann.

Ich mag Karl Schmidt so gern. Ich mag die beschriebenen Personen und das, was sie erleben und erleiden. Ich lese vom Scheitern und von Erfolgen. Ich lese über das Leben und das Menschsein.

Ich halte mein Gesicht in die Sonne und denke: “ Und ich bin Ich!“, und weiß gar nicht, wo das auf einmal herkommt. Ich bin Ich. Wie ist das schön!

Alltagsrassismus

Nachdem ich „Deutschland Schwarz weiß“  von Noah Sow studierte, nahm ich mir das Buch von Alice Hasters : WAS WEISSE MENSCHEN NICHT ÜBER RASSISMUS HÖREN WOLLEN ABER WISSEN SOLLTEN  vor.

Ich wollte wissen, worum es in der Rassismusdebatte geht und herausfinden, ob ich alltagsrassistisch bin.

Beide Bücher habe ich gerne gelesen, obwohl mich diese neuartige Sprache nervt. Hasters schreibt dazu: Außerdem verwende ich genderneutrale Sprache. Es mag für manche zunächst ein wenig ungewohnt sein, aber darum geht es ja auch-um das Ändern von Gewohnheiten.“ (S.10). Na gut, dachte ich mir, vielleicht gewöhne ich mich daran. Nein, hat nicht geklappt. Spätestens bei den Kolleg*innen, Spielgefährt*innen oder Sklav*innen ärgerte ich mich dann doch. Ich werde bei meinen eigenen Sprachgewohnheiten bleiben. Basta.

Anders ist es mit meinen Denkgewohnheiten zum Thema. Hier kann ich noch eine Menge dazulernen. Manches sehe ich nicht so wie die Autorinnen, aber das ist verständlich, ich bin eben eine weiße Frau und nicht als Schwarze aufgewachsen. Ich habe mir, ehrlich gesagt, auch selten Gedanken darüber gemacht, denn ich war mir sicher, nicht rassistisch zu sein.

Das war ein Irrtum.

Heute morgen las ich eine Anzeige in der Zeitung. Sie begann mit den Worten: „Schwarze Damen…“ und schon begann ich zu analysieren. Schwarze Damen, ist das jetzt ein rassistischer Ausdruck? Doch, ich habe etwas begriffen. Ich will mich darin üben, mit der Sprache behutsamer umzugehen. Schwarze Damen hört sich doch irgendwie blöd an. Ich las weiter und es hieß: „Schwarze Damenmotorradkleidung Größe 38 zu verkaufen.“😂 Das geht jetzt zu weit und ich denke, es wird Zeit, mir ein neues Thema vorzunehmen und den Rassismus erst einmal sacken zu lassen.

 

Welt retten

Welt retten

Was soll ich dazu sagen, wenn zwischen Bevölkerung und Arbeitnehmern unterschieden wird, um die Fallzahlen herunterzurechnen? Wieso ist es möglich, unmenschliche Arbeitsverhältnisse über Jahre zu kennen und zu tolerieren? Wieso ist es normal, die Armut anderer Nationen auszunutzen und billig produzieren zu lassen? Warum bleiben wir am Überkonsum hängen, obwohl wir genau wissen, wozu das führt?

Ja gut, das sind keine neuen Fragen und ich bin ja nicht dumm. Ich diskutiere darüber schon seit Studententagen. Damals, vor etwa hundert Jahren, schlugen wir uns die Nächte um die Ohren, um uns gegenseitig unsere Meinungen zu bestätigen. Andere Gesprächspartner kamen nicht infrage, denn wir waren die Guten und wollten unter uns bleiben. Wir wollten die Welt retten und waren fest davon überzeugt, dass es gelingen würde. Heute diskutiere ich immer noch gerne, bevorzugt mit Menschen, die sowieso schon meiner Meinung sind. Andere leben anders und finden sich in meinen Welten so wenig zurecht, wie ich in ihren.

Ich lebe ganz bequem so, wie ich lebe und will das auch fortsetzen. Nur Corona macht mir gerade einen Strich durch die Rechnung. Althergedachtes funktioniert nicht mehr so gut. Ich will weiterhin mein Leben genießen. Ich will das beste aus meiner Situation machen. Ich will flexibel bleiben. Und ich will ……Ja, was eigentlich? Politisch aktiv werden und handeln statt zu diskutieren? Nein, das führt jetzt in eine anstrengende Richtung.

Ich will mich lieber mit meinen Gewohnheiten und Denkmustern auseinanderzusetzen. Damit habe ich genug zu tun. Vielleicht bewirke ich damit etwas im Kleinen. Vielleicht verändere ich mich, weil ich einigen Denkfallen auf die Schliche komme.

Werte ich hin und wieder Menschen in meinen Gedanken und Taten ab? Ja.

Will ich das ändern? Ja. Ich erkenne diese schädlichen Gedanken heute viel schneller als noch vor einigen Monaten. Ich stelle sie ab und siehe da, mein Blick weitet sich. Ich nehme wahr, wie unfreundlich ich häufig über mich selbst denke. Diese blöde Selbstabwertung ist viel schwerer abzustellen, aber ich bleibe dran.

Passend dazu lese ich zum dritten Mal den Roman Ausnahme von Christian Jungersen. Die Geschichte regt mich auf. Sie macht mich wütend und traurig. Ich bin sauer darüber, dass die Protagonistinnen immer wieder den selben Mist anstellen. Als ob sich ein Roman verändern könnte, nur weil ich ihn mit anderen Augen lese.

Nein, ein Roman wird sich nicht verändern, wenn er nicht umgeschrieben wird. Mit den schädlichen Gedanken verhält es sich wohl ähnlich. Sie verändern sich nicht, wenn ich nicht daran arbeite. Die Welt werde ich damit nicht retten, aber vielleicht ändert sich mein Umgang mit mir. Und vielleicht hat das positive Auswirkungen auf meine unmittelbare Umwelt.

Das kann ich immerhin tun.

Hausarbeit und Denken

Hausarbeit und Denken

Ich bin so froh!

Ich bin nicht so!

Ich bin emanzipiert, gebildet, belesen, tolerant, menschenfreundlich, vorurteilsfrei und ganz bestimmt keine Rassistin.

Das sind die anderen, ich nicht. Basta.

Ich nehme meinen Staubsauger in die Hand und beginne zu saugen. Ich gehöre zu den Guten, da bin ich mir sicher.

Während ich putze, denke ich an die Zeit, in der ich aufgewachsen bin. Rassismus war normal. Frauenfeindlichkeit war normal. Männerfeindlichkeit auch. Menschenfeindlichkeit eben. Habe ich die Anschauungen und Bewertungen, die mir die Erwachsenen mit auf meinen Lebensweg gaben, wirklich alle abgelegt? Und prägten mich nicht moderne Vorurteile genauso wie die althergebrachten? Bin ich tatsächlich ausreichend gut?

Ich putze weiter und werde richtig sauer. Mir fallen so viele Kränkungen ein, die ich in meiner Vergangenheit hingenommen habe und heute noch hinnehme. Mehr noch, mir fallen etliche Kränkungen ein, die ich mir selbst und anderen zufüge. Nicht öffentlich, nein, ich denke die nur. Mädchen sollen nicht so vorlaut sein und hübsche junge Frauen darf Mann mit blöden Sprüchen in Verlegenheit bringen. Frauen sollen am liebsten schön sein, aber hübsch reicht auch. Schlank in jedem Fall, wenn sie liebenswert sein wollen. Frauen stehen in ständiger Konkurrenz zueinander und Mütter sind in Ordnung, aber am liebsten, wenn sie Haushalt und Beruf unter einen Hut kriegen. Wenn sie es nicht können, stimmt etwas nicht mit ihnen. Mit geschiedenen Frauen stimmt auch etwas nicht, Witwen hingegen verdienen Mitgefühl. Sie können ja nichts dafür. Geschiedene schon. Und wenn Frauen alt sind, wird der Hals faltig und ansonsten sind sie eben alt und uninteressant. Und so weiter und so weiter. Nein, so bin ich überhaupt nicht eingestellt, aber manchmal ploppen solche unwürdigen Gedanken (Relikte meiner Kindheit) auf. Die gehören jetzt endlich einmal auf den Müllberg meiner Geschichte. Oder einfach weg gesaugt. Wenn ich schon dabei bin und den Staubsauger in der Hand habe, kann ich das jetzt auch sofort tun. Keine dieser hässlichen Gedanken und Kränkungen darf mehr wirksam sein.

Wo soll das noch hinführen? Eigentlich wollte ich herausfinden, wie viel Rassismus in mir steckt. Und dann so etwas! Passt das überhaupt zusammen? Ich entscheide, dass das Erkennen und Hinterfragen meiner eigenen teils unbewussten für mich nicht mehr aktuellen Denkmuster sehr wohl zum Thema passen. Erst wenn ich in der Lage bin, diese zu verändern, ist es sinnvoll, mich mit meinem Rassismus auseinandersetzen. Beim Staubsaugen habe ich schon eine Menge Denkarbeit geleistet und die Wohnung ist jetzt auch wochenendtauglich. Gemütlich will ich es schon haben.

Nachdem ich nun genug über mein Frausein nachgedacht habe, nehme ich mir vor, mich um den Rassismus zu kümmern. Dafür lese ich den aktuellen Stern. Entschuldigt die Werbung, aber die Titelgeschichte gibt mir einen so interessanten Einstieg in das Thema, dass ich diese Ausgabe gerne empfehle. Später lese ich Deutschland Schwarz Weiß und dann sehe ich weiter.

Vielleicht gehöre ich doch zu den Guten, denke ich gerade. Muss auch mal sein.

 

Olive Kitteridge

Olive Kitteridge

Ich lernte Olive in einer Zeitschrift kennen. Die Miniserie Olive Kitteridge wurde vorgestellt und ich kaufte mir die DVD . Wunderbar und immer wieder anzusehen!

Corona kam und ich besorgte mir den Roman Die langen Abende. Eine Fortsetzung von Olive Kitteridge in Buchform. Auch wunderbar und sicher immer mal wieder zu lesen an langen Abenden.

Jetzt lese ich Mit Blick aufs Meer, das Buch zum Film, also zur Miniserie, genauer gesagt. Ich vertiefe mich in die Geschichte und da der Film sich eng an die Romanvorlage hält, kommt mir vieles bekannt vor.

Ich tippe Euch den Klappentext ab, damit Ihr wisst, worum es geht. Corona kommt übrigens überhaupt nicht vor, dafür aber alles, was Menschen bewegt.

„Sie kann manchmal eine echte Nervensäge sein: Olive Kitteridge, eine pensionierte Mathelehrerin, hat zu allem, was in Crosby geschieht, eine dezidierte Meinung. Sie kann stur und boshaft sein, dann wieder witzig, manchmal sogar eine Seele von Mensch. Auf jeden Fall kommt in Crosby, der kleinen Stadt an der Küste von Maine, keiner an ihr vorbei: die schrille Barpianistin, die insgeheim einer verlorenen Liebe nachtrauert, ein ehemaliger Schüler, der nicht zum Familienbesuch in seine Heimat zurückkehrt, Olives Sohn, der sich von ihren Empfindlichkeiten bevormundet fühlt, ihr Mann Henry, der die Ehe mit ihr nicht nur als Segen, sondern auch als Fluch empfindet. Und während sich die Menschen in Crosby mit ihrem ganz normalen Leben herumschlagen, den Problemen wie den Freuden, lernt Olive auf ihre alten Tage, das Leben zu lieben. Elizabeth Strouts Roman erzählt von Liebe und Kummer, von Toleranz und Wut. Mit „Blick aufs Meer“ ist ein weises und anrührendes Buch über die Natur des Menschen in all seiner Verletzlichkeit und Stärke, gnadenlos ehrlich und unglaublich schön.“

Eine kleine Olive steckt auch in mir. Ich mag die Geschichten, die das Leben beschreiben, wie es wirklich stattfinden könnte. Es geht um die Liebe, Ehe, Scheidung, Elternschaft, Kindheit, physische und psychische Probleme, Krankheiten und Tod. Nichts ist schwarz oder weiß, alles ist bunt. Nichts ist eindeutig, es gibt kein Richtig und kein Falsch. Es ist wie es ist. Das gefällt mir so gut.

Ein ehemaliger Schüler erkundigt sich bei Olive nach ihrem Mann. Sie antwortet:

„Er denkt daran, vorzeitig in Rente zu gehen. Sie haben die Apotheke verkauft, und er müsste für die neue Kette arbeiten, und da gibt es alle möglichen blödsinnigen Vorschriften. Schon traurig, wie sich diese Welt entwickelt.“

Es war immer traurig, wie sich die Welt entwickelte. Und immer brach ein neues Zeitalter an.“ (Seite 57)

Dieser Satz blieb in mir hängen. Und jetzt kommt doch Corona ins Spiel. Nicht im Buch, aber für mich. Ich habe diesen Gedanken häufig selbst gehabt. Aber er stimmte nie so sehr, wie jetzt gerade. Ich fühle mich aus der Bahn geworfen und taste mich durch Widrigkeiten, die mir vor ein paar Wochen noch völlig unbekannt waren. Meine Synapsen suchen und finden neue Verbindungen und murren, dass sie eigentlich zu alt für so etwas sind. Und ab morgen setze ich mir sogar eine Gesichtsmaske auf, wenn ich einkaufen gehe. Sehr widerwillig, aber ich mache das. Mir graut davor, nur noch Maskierte um mich zu haben. Ich will das nicht, aber ich muss. Ein Spruch, den ich als Kind oft sagte. Ich will nicht, aber ich muss und darum wird das Lästige integriert, wenn es nicht über Bord geworfen werden kann.

Warum schreibe ich das jetzt? Ach ja, ich ahne, dass der Anteil in mir, der Olive so ähnelt, mich darin unterstützen wird, mit den Veränderungen zurecht zu kommen. Das ist keine wissenschaftliche Tatsache, aber Bauchgefühl.

Bisher hat das ja alles auch ganz gut geklappt.

Wolfszeit

Ich las einige Bücher über die  Kriegskinder und Kriegsenkel, um mich und meine Familiengeschichte besser zu verstehen. Ich dachte, ich muss jetzt nichts mehr darüber erfahren. Bis ich einen Artikel über das Buch Wolfszeit, Deutschland und die Deutschen 1945-1955 von Harald Jähner, Rowohlt 2019, las.

Ich wusste sofort, dass ich dieses Buch unbedingt lesen muss. Also besorgte ich es mir gestern und begann auch sofort mit der Lektüre.

Zum Glück gehöre ich zu den glücklichen Leuten, die Ostern zwar etwas vorhaben, aber nichts vorbereiten müssen. Ich habe also die nächsten Tage Zeit zum Lesen und das ist ein Glück. Ich bin bis Seite 80 gekommen und kann es kaum erwarten, mich auf meine sonnengewärmte Terrasse zu setzen und weiter zu lesen. Ich weiß jetzt schon, dass dies eins der wichtigsten Bücher meines Lebens sein wird. Es geht mich unmittelbar etwas an, denn ich bin in diese Zeit (1952) hineingeboren worden.

Das Buch ergänzt mein Wissen darüber, wie meine Eltern im NS-Regime aufgewachsen sind und wie sie den Krieg in Hamburg erlebt haben mögen. Sie selbst erzählten ja wenig, aber einiges weiß ich schon. Jetzt lese ich die „Wolfszeit“ und mir wird bewusst, wie schrecklich und traumatisierend auch die Zeit nach dem Krieg für die Bevölkerung gewesen ist. Ich verstehe, wie es einem Großteil der Bevölkerung gelang, alles, was mit ihrer Vergangenheit zu tun hatte, weitgehend abzuspalten. Ich ordne das Schweigen meiner Eltern, meine Rebellion und unsere Kämpfe später anders ein. Ich verstehe neue Zusammenhänge und mein Wissen um meine Familiengeschichte wird um ein paar  Aspekte bereichert. Ich sehe einige Menschen mit ganz anderen Augen und entwickle ein Mitgefühl, das ich so noch nicht gespürt habe. Und dabei bin ich erst im dritten Kapitel!

Ich muss jetzt hier auch Schluss machen, denn ich will weiterlesen. Jetzt. Sofort!

 

Eberhofer

Kurz vor meiner Operation suchte ich nach leichter Lektüre. Lustig sollte sie sein, gut zu lesen und nicht zu anspruchsvoll, mich ablenken von der Schwere und so, Ihr wisst schon.

Und weil ich mir die Eberhofer- Filme, wie z.B.  „Winterkartoffelknödel“ immer wieder gerne anschaue……..

……entschloss ich mich, es auch mit den Büchern zu versuchen. Ich besorgte mir erst einmal die „Winterkartoffelknödel“ von Rita Falk und las und lachte und las und brauchte unbedingt ganz schnell den zweiten Fall, den „Dampfnudelblues“.

Ich kann nicht aufhören, bin Fan und will alles über Franz lesen. Danke Rita Falk!

Heute bin ich beim „Leberkäs-Junkie“, dem siebten Fall und das Lesevergnügen ist ungebrochen. Ich lache, ich schmunzle und habe alle Helden lieb gewonnen. Den schlitzohrigen Polizisten Franz Eberhofer, seine Susi, die Kollegen und Freunde und vor allen seine Familie. Alle so herrlich unkorrekt, warmherzig, lebensfroh und überaus menschlich. Der schwarze Humor kommt nicht zu kurz und gerührt bin ich auch ab und zu.

Ich lese also mit großem Vergnügen. Ich bin gespannt auf die Fortsetzungen der Geschichte. Jeder Roman beinhaltet einen abgeschlossenen Fall, die Hauptpersonen aber bleiben erhalten und entwickeln sich. Mehr oder weniger. Franz lebt mit seinem kiffenden Vater, der schwerhörigen Oma und dem Hund Ludwig zusammen. Am liebsten würde ich mich auch dort einnisten. Das Zusammenleben würde mir gefallen, auch wenn die Oma ab und zu den anderen ans Schienbein tritt, wenn sie sauer ist. Und das ist sie häufig.

Die Frage, ob der Franz seine Susi doch noch heiratet, bleibt bis heute unbeantwortet. Seine Freunde, die geschlagen sind mit Weib und Kindern, raten ab

Es gibt jetzt übrigens einen Eberhofer-Kreisel!

Dieser Kreisverkehr kommt allerdings nur in den Filmen vor. Passt.

Am Ende einer jeden Geschichte gibt es einige Rezepte, die mich an meine Kindheit erinnern, obwohl ich ganz und gar nicht in Bayern aufgewachsen bin. Kann sogar ich nachkochen!

Meiner Meinung nach sind die Eberhofer- Filme ganz hervorragend umgesetzt und die Schauspieler füllen ihre Rollen perfekt aus. Sie ergänzen mein Lesevergnügen und ich werde mir den neuesten Film (Leberkäs-Junkie) im Kino ansehen, sobald er fertig ist und im hiesigen Kino läuft. Mal sehen, ob ich auch in der Provinz auf andere Fans treffe, was ja mein Vergnügen noch erheblich steigern würde.

 

 

Immer wieder gerne….

Ich habe Silvester und Neujahr nicht den „Tatortreiniger“ geguckt habe, sondern „Dr. Psycho, die Bösen, die Bullen, meine Frau und ich.“ Ich weiß, diese Tatsache alleine hat keinen Nachrichtenwert. Ich habe mich nur zum ich-weiß-nicht-wievielten-Male so gut amüsiert, dass ich dachte, darüber will ich im Regenbogen berichten. Ich mag diese doch recht alte Serie (Staffel 1: 2007, Staffel 2: 2008) mit etwas zeitlichen Abstand immer wieder sehr gerne gucken!

Polizeipsychologe Max Munzl (Christian Ulmen) wird der Sonderkommission „Organisiertes Verbrechen“  (Anneke Kim Sarnau, Ulrich Gebauer, Hinnerk Schönemann und Roeland Wiesnekker)  zugeteilt, um den Kollegen bei ihrer Arbeit zu helfen. Diese Hilfe wird vom gesamten Team skeptisch betrachtet, was Max Munzl nicht davon abhält, sich tatkräftig mit seinen psychologisch untermauerten Hilfestellungen einzubringen. Er hat es dabei nicht leicht, aber leicht geraten Situationen aus den Fugen.

Ich habe die gesamte Sonderkommission sowie alle weiteren Haupt- und Nebenfiguren richtig lieb gewonnen. Sogar die bösen Buben und es ist ja auch so, dass man manchmal nicht so recht weiß, wer nun eigentlich zu den Guten gehört! Ab und zu fließt Blut, manchmal stirbt einer, aber das fällt unter die Sparte schwarzer Humor und wird von mir nicht allzu ernst genommen.

Weil ich als ausgebildete Eheberaterin und Pädagogin so „einige Psychologie und Selbsterfahrung“ gelernt habe, kann ich Max Munzl mit vollem Genuss genießen. Er bedient ausnahmslos alle Klischees, mit denen sich die Psychologen und ihre berufsnahen Kollegen herumärgern müssen. (Ich schließe hier die Psychologinnen und Kolleginnen ausdrücklich ein, ohne das extra zu erwähnen!) 

 

 

 

Heute lese ich Männergeschichten

Ich komme wieder zum Lesen und bin froh darüber, ab und zu in andere Welten abzutauchen. Das ist das richtige Wort, denn in folgende zwei Romane bin ich fast verschwunden und wäre am liebsten dort geblieben. Ging aber nicht, weil jedes Buch eine letzte Seite hat. Zum Glück stehen sie dann in meinem Wohnzimmer und ich kann sie jederzeit wieder zur Hand nehmen.

Die „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen, Penguin 2018, habe ich durch. Der Klappentext fasst zusammen:

Ingwer Feddersen erkennt das Dorf, in dem er aufgewachsen ist, nicht wieder: keine Schule mehr, kein Bäcker und kein Kaufmann. Keine Störche auf dem Dach der Kirche, auf den Feldern keine Kühe, nur noch Mais und Wind. Als wäre eine ganze Welt versunken. Aber im Gasthof steht noch immer Sönke Feddersen, de Ole, stur wie ein Findling  hinter seinem Tresen. Und Ingwer, de Jung, der vor vierzig Jahren weggezogen, kehrt zurück. Er hat in seinem Dorf noch etwas gutzumachen.

Mit großer Wärme erzählt Dörte Hansen vom Verschwinden einer bäuerlichen Welt, von Verlust, Abschied und Neubeginn.“

Genau meine Themen! Der Roman ist in Nordfriesland angesiedelt. Ich habe lange dort gelebt und wurde von der ersten Seite an in meine ehemalige Wahlheimat versetzt. Ich fühlte mich sofort bei Ingwer, Hauke, Bente, Sönke, Oke, Marret, Ella, Akke, Barne, Beele, Inken, den Ketelsens, Knudsens, Nissens und Feddersens zu Hause. Ich bin mir ziemlich sicher, dass nicht alle diese Namen im Roman vorkommen, in meiner Erinnerung haben sie sich aber festgesetzt. Die Geschichte könnte  übrigens auch hier in Niedersachsen genauso passiert sein und vielleicht auch weiter südlich. Die Landschaften, die Dörfer und die Menschen haben sich hier wie dort verändert. Diese Wandlung hat Dörte Hansen wunderbar beschrieben.

Ich bekam beim Lesen eine leichte Sehnsucht nach meiner Kindheit und weiß, so wird es nie wieder werden. So schön die Landschaft um mich herum auch sein mag, es ging doch ganz viel verloren. Allerdings zeigt der Roman auch, dass die Vergangenheit in einer wunderschönen Landschaft überhaupt nicht romantischer und wunderbarer war, als die Gegenwart. Nur anders.

Liebevoll erzählt Dörte Hansen von den Menschen, ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben, so ausgefallen ihre Charaktere auch sein mögen. Ich las diesen Roman genau so gerne wie das „Alte Land“.

Und jetzt lese ich gerade mit höchstem Vergnügen, auch wenn die Thematik gar nicht lustig ist, den Roman „Neujahr“ von Juli Zeh, Luchterhand 2018.

„Lanzarote, am Neujahrsmorgen: Henning sitzt auf dem Fahrrad und will den Steilaufstieg nach Femés bezwingen. Seine Ausrüstung ist miserabel, das Rad zu schwer, Proviant nicht vorhanden. Während er gegen Wind und Steigung ankämpft, lässt er seine Lebenssituation Revue passieren. Eigentlich ist alles in bester Ordnung. Er hat zwei gesunde Kinder und einen passablen Job. Mit seiner Frau praktiziert er ein modernes, aufgeklärtes Familienmodell, in dem sich die Eheleute in gleichem Maße um die Familie kümmern. Aber Henning geht es schlecht. Er lebt im Zustand permanenter Überforderung. Familienernährer, Ehemann, Vater- in keiner Rolle findet er sich wieder. Seit Geburt seiner Tochter leidet er unter Angstzuständen und Panikattacken, die ihn regelmäßig heimsuchen wie ein Dämon.

Als Henning schließlich völlig erschöpft den Pass erreicht, trifft ihn die Erkenntnis wie ein Schlag: Er war als Kind schon einmal in Femés. Damals hat sich etwas Schreckliches zugetragen- etwas so Schreckliches, dass er es bis heute verdrängt hat, weggesperrt irgendwohin den Tiefen seines Wesens. Jetzt aber stürzen die Erinnerungen auf ihn ein, und er begreift: Was seinerzeit geschah, verfolgt ihn bis heute.“ (Klappentext)

Ich kam damals mit meinen Rollen als Familienernährerin, Ehefrau und Mutter genauso wenig klar wie Henning. Das hätte ich natürlich niemals zugegeben, denn als emanzipierte Frau sollte es leicht und selbstverständlich sein, alles unter einen Hut zu bringen. Darum kann ich Hennings Überforderung so gut nachvollziehen und auch seinen Kampf gegen die Angstattacken. Ich kenne diese Selbstvorwürfe und auch den Willen, sich endlich zusammenzureißen und liebenswerter zu werden. Und das Scheitern. Ja, das Scheitern habe ich ganz ähnlich so erfahren wie Henning. Ich bin sehr gespannt, wie die Geschichte endet und zwinge mich, nicht auf die letzte Seite zu schauen.

Bemerkenswert finde ich, dass es in beiden Romanen um Männer geht, die voller Selbstzweifel darum kämpfen, ihre Fassade zu wahren und trotzdem nicht mit einem „weiter so“ weitermachen können. Für mich lösen sich beim Lesen die Grenzen zwischen weiblich und männlich auf. Das finde ich interessant, denn mein Männerbild, welches mich bisher prägte, hat mit der Realität wenig zu tun. Diese Tatsache stellte ich in den letzten Wochen fest, als ich meinen Mann und meine Söhne von ganz unbekannten und neuen Seiten kennenlernte.

Wie schön, dass meine Lektüre oft so gut zu meinen Lernprozessen passt!

PS: Falls es sich hier um eine Werbung für zwei Bücher handeln sollte, kennzeichne ich meine hier dargestellte Begeisterung ausdrücklich als Werbung.

 

 

Ich sah und lese

Ich sah und lese

Vor einigen Tagen sah ich: 11.22.63, Serie in acht Episoden, von Stephen King und J.J. Abrams

Heute lese ich: Der Anschlag, Stephen King, 2011

Klappentext: Jake Epping lebt ein normales Leben, bis sein Freund Al ihm ein großes Geheimnis enthüllt: Er kennt ein Portal, das ins Jahr 1958 führt. Und Al gewinnt ihn für eine wahnsinnige Mission. Jake soll in die Vergangenheit zurückkehren und das Attentat auf John F. Kennedy vereiteln, um den Gang der Geschichte positiv zu korrigieren. Und so beginnt für Jake ein neues Leben in einer für ihn neuen Welt. Es ist die Welt von Elvis und JFK, von großen amerikanischen Autos und beschwingten Highschool- Tanzveranstaltungen. Es ist die Welt des gequälten Einzelgängers Lee Harvey Oswald, aber auch die der Bibliothekarin Sadie Dunhill, die Jakes große Liebe des Lebens wird- eines Lebens, das gegen alle normalen Regeln der Zeit verstößt. Und je näher Jake seinem Ziel kommt, den Mord an Kennedy rückgängig zu machen, desto bizarrer wehrt sich die Vergangenheit dagegen- mit aller gnadenlosen Gewalt, die sich auch gegen Jakes neue Liebe richtet……

Stephen Kings neuer großer Roman „Der Anschlag“ ist eine Tour de Force, die ihresgleichen sucht- voller spannender Action, tiefer Einsichten und großer Gefühle.“

„Das ist vertane Zeit, sich mit etwas auseinanderzusetzen, was niemals eintreffen kann.“ Das sagte mir jemand, dem ich ganz begeistert von dieser Serie und dem Buch erzählte. Nein, für mich ist und war es keine vertane Zeit! Auf keinen Fall. Ich denke ab und zu gerne Unmögliches: Was wäre, wenn….? Was würde passieren, wenn ich mit einer Zeitreise die Vergangenheit ändern könnte. Lassen sich schlimme Ereignisse verhindern? Und wäre dann alles gut oder zöge eine solche Veränderung neue, andere Grausamkeiten nach sich? Wie würden sich kleinste Veränderungen der Vergangenheit auf die Gegenwart auswirken? Und wie wäre es, wenn ich zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her springen könnte? Wenn bei jeder Reise in die Vergangenheit die Veränderungen wieder rückgängig gemacht würden und ich immer wieder neu daran arbeiten könnte, Ereignisse so zu verbessern, dass sich das positiv auf die Geschichte auswirkt? Für mich ist das eine lustvolle Zeit, mich an solche Denkmodelle zu wagen. Ich finde sie spannend, auch wenn es wahrscheinlich immer unmöglich sein wird, in die Vergangenheit zu reisen. Mir wird in dieser Auseinandersetzung einmal wieder bewusst, dass mein Handeln Einfluss auf Gegenwart und Zukunft hat. Immer wieder gibt es Alternativen, immer wieder entscheide ich neu und habe so einen Anteil an der Gestaltung (meiner) heutigen und zukünftigen Welt.

Ich freue mich, dass es Künstler gibt, die sich mit dem Thema Zeitreisen beschäftigen und mir interessante Stunden schenken, in denen ich meine eigenen Gedanken beim Ansehen oder Lesen der Handlung schweifen lassen kann. Und noch besser ist es, wenn es zum Roman einen Film (eine Serie) gibt, den ich gleichermassen genießen kann. Das eine ist nicht besser als das andere, sie ergänzen einander. Beides fasziniert mich auf seine Art. Wobei der Roman mit seinen 1048 Seiten natürlich viel tiefer ins Thema einsteigen kann. Die Serie konzentriert sich auf einen Handlungsstrang, im Roman gibt es davon sehr viele. Besonders begeistern mich die Anspielungen auf Kings früheren Romane, deren Geschichten hier mit einer ganz neuen Perspektive „zitiert“ werden. Außerdem berührt mich im „Anschlag“ Kings Humor, der mir immer wieder unverhofft begegnet und mich zum Schmunzeln bringt. Na ja, und Spannung ist natürlich auch jede Menge und lehrreich ist das Ganze noch dazu, finde ich.

Jetzt, wo ich viele Stunden mit dem „Anschlag“ verbringe, denke ich auch immer wieder an die Serie. Meiner Meinung nach sind die Schauplätze hier optimal visualisiert worden und die Besetzung so perfekt, dass fast alle Personen sehr gut „in den Roman“ passen. Ich stelle mir beim Lesen keine anderen Gesichter vor. Außerdem höre ich in der Serie (Abspann!) die passende wunderbare Musik, die im Roman immer wieder beschrieben wird. Doch ja, ich kann beides empfehlen für Leute, die Stephen King und Zeitreisen mögen….