Liebe

Liebe

Wenn zwei sich finden

verschmelzen die Grenzen.

Ich und du

sind eins.

Dachte ich.

 

Ich suchte dich

und fand die Leere.

Zu viel „Grenzenlos“ lässt die Liebe nicht zu.

 

Allein.

Grenzen geschützt.

Nie wieder Verlust riskieren.

Nähe ausgeschlossen.

Oder?

 

Ich habe gehört,

dass die Liebe helfen kann

Türen zu öffnen,

die abschließbar sind.

Ich halte Ausschau

und finde den Frieden.

Wo ich dachte, es gäbe sie nicht,

spielt die Liebe schon längst mit mir.

 

 

 

 

 

 

 

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Wörter im Kopf

Was fange ich mit meiner Zeit an?

was: was fällt Dir ein? Was? Was? Was? Was ist das? Was denkst du gerade? Was kommt? Was bleibt? Was brauche ich? Was willst du? Was kann ich? Was bin ich? Was sagst du? Was gibt’s Neues? Was gibt’s im Fernsehen? Was soll das? Was wünschst du dir? Was ist bloß aus mir geworden? Da kommt noch was! Was denn?

fange: Fangen spielen, einfangen, abfangen, anfangen. Fänger im Roggen. Fangleine. Fang doch nicht wieder damit an! Fang den Hut. Gefangen. Traumfänger. Fischfang. Anfang.

ich: Ego. Ich bin. Ich kann. Mein Ich. Ich kriege euch alle. Egoismus. Egozentrik. Ich. Ich. ICH. Ich will. Ich nicht. Ich auch. Ich bin. Ich denke.

mit: mitgehen, mitkommen, mitnehmen, mitten, mitsingen, mitlachen, mit mir, mit dir, mit allem, mit nichts, mit Sorgen, mit Freuden, mitleiden, mitfühlen, mitbringen, mitreisen, mitfahren, mitfeiern, mittrauern, mitlesen, mit Strom, mit Phantasie,

meiner: meins, meins, meins, Meineid, mein Ein und Alles, mein Geld, mein Gold, mein Garten, mein Kummer, meine Liebe, meine Welt, mein Mann, mein Kind, alles meins.

Zeit: Zeitmesser, Zeitung, Zeitgeist, ZEIT, lange Zeit, Wartezeit, kurze Zeit, Zeitreise, keine Zeit, niemals Zeit, Zeit für mich, Zeit für Dich, ich habe Zeit, das ist meine Zeit, beste Zeit ist jetzt, Freizeit, Arbeitszeit, Reisezeit, Familienzeit, Kaffeezeit, Essenszeit, Zeitleiste, Zeitwende, das Zeitliche segnen, zeitgleich, Uhrzeit, Sommerzeit, Winterzeit, Eiszeit.

an: ankommen, anecken, anmeckern, anlehnen, anbauen, anzweifeln, ankleben, anführen, anbinden, anstehen, anfahren, anwenden.

?: Weiß nicht. ???

Also: Was fange ich mit meiner Zeit an?

Flashback

Die Samtgemeinde schickt einen Brief an das Ehepaar Herrn und Frau Y. Ich bekomme Herzklopfen. Wir waren geschieden, also keine Ehepaar mehr und mein Mann ist im September 18 gestorben. Nun bekommen wir gemeinsam Post.

Die Samtgemeinde wollte die Grundsteuer und die Kosten für die Straßenreinigung für unser Haus im Mai von seinem Konto abbuchen. Das ging natürlich nicht, denn es ist längst aufgelöst. Wir sollen schnell den Betrag überweisen zusätzlich 3 Euro Stornogebühr, die die Bank erhoben hat. Und auf jeden Fall unsere neuen Kontodaten angeben, damit in Zukunft wieder ordnungsgemäß abgebucht werden kann.

Ich bin völlig fertig. Mein Herz klopft und mein Körper ist in Alarmbereitschaft. Ich fühle, es passiert etwas ganz Furchtbares.

Ich atme tief durch und weiß, dass das, was gerade in mir passiert, keine Reaktion auf die reale Situation ist. Mein Gefühlssystem erinnert sich an die schlimmen zwei Wochen, in denen mein Mann zusammenbrach und starb. Und an die Zeit danach, in der wir die Beerdigung organisierten und seinen Hausstand auflösten.

In den letzten Tagen lebte ich viele Momente in der Stille. Ich dachte häufig an ihn und daran, dass es ihn nicht mehr gibt, dass unsere Geschichte endgültig zu Ende ist. Ich war manchmal traurig, manchmal ging ich gedanklich einige Situationen durch, die besonders furchtbar für uns waren. Ich fragte mich, wie er sich wohl gefühlt haben mochte. Ich dachte an unsere Kinder, die zwar erwachsen sind, aber die es wirklich schwer hatten und haben. Mir wurde bewusst, wie unfassbar schlimm es für sie gewesen war. Ja, ich war damals meistens dabei, aber zu sehr mit mir selbst beschäftigt, um mich wirklich einzufühlen. Ich dachte daran, dass von einem Moment zum anderen alles vorbei sein kann, auch für mich.

Ich fühlte mich trotzdem recht wohl in der letzten Zeit. Ich versank nicht in Trauer. Ich stellte mich den Erinnerungen. Und ich fand neue Aspekte in meinem Leben. Ich kam zur Ruhe.

Und jetzt dieser Brief! Mein Verstand bleibt ruhig und weiß, was zu tun ist. Mein Gefühl findet, dass die Welt sicher bald untergeht. Ich rufe bei der Sachbearbeiterin an und sie bleibt dabei: wir müssen die Grundsteuern für 2019 zahlen. Ja gut, mein Mann ist tot, dann muss eben die Erbengemeinschaft dafür aufkommen. Na gut, das Haus ist verkauft, aber solange das Finanzamt sich nicht bei der Samtgemeinde meldet, solange muss ich zahlen. Nein, sie kann sich auch keinen Vermerk machen, bis das Finanzamt sich meldet, würde ein Vermerk nichts nützen. Ich kann mir das Geld ja von den neuen Besitzern zurückholen. Oder sie darum bitten, die Grundsteuer zu zahlen. Wenn die das aber nicht tun, dann werde ich haftbar gemacht. Ich verstehe das nicht und bin rat- und hilflos.

Zum Glück bleibt mein Verstand cool und regelt, was zu regeln ist. Er weiß, dass das Gefühl gerade in der Vergangenheit festhängt und er alleine arbeiten muss.

Übrigens geht es um knapp 25 Euro! Wahrscheinlich werden die neuen Besitzer mir das Geld zurückzahlen. Das Finanzamt wird sich bei der Samtgemeinde melden. Es wird alles gut  und es gibt überhaupt keine Katastrophe.

Also kein Grund zur Panik. Sagt mein Verstand.

Mein Gefühl dreht am Rad.

Nach einiger Zeit komme ich wieder bei mir an. Mein Gefühl erdet sich und ich merke an meiner Erschöpfung, dass ich einen heftigen Flashback durchlebt habe.

Zum Glück weiß ich das richtig einzuordnen, sonst hätte ich wohl an meiner geistigen Gesundheit gezweifelt.

 

 

Schreib doch mal

Schreib doch mal

Antreiber: Nun schreib doch mal was!

Angsthase: Aber nichts über Politik! Und Umwelt und Bienen.

Trauer: Und nichts über das Sterben! Und nichts über deinen Mann. Und nichts über die Vergänglichkeit.

Körper: Und nichts über mich!

Wut: Und nichts über die Liebe!

Lust und Leidenschaft: Doch! Schreib doch endlich mal über die Liebe. Hast du noch nie! Wir setzen schon Spinnweben an!

Antreiber: Jetzt sofort!

Liebe: Musst du nicht. Ich bin ja trotzdem da.

Wut: Schreib doch lieber über Aggression und ihren Nutzen! Und wie du mal so wütend warst wie noch nie.

Inneres Kind: Schreib doch mal über das Wachsen!

Fröhlichkeit: Oder über Feste feiern!

Vernunft: Bloß nicht! Schreib lieber über mich!

Angst: Oder mal wieder über mich. Ich bin auch noch da. Hast du das vergessen?

Kritiker: Oder schreib doch noch mal etwas über Deine Fehler, die Du immer machst! Und gemacht hast. Und machen wirst!

Nörgler: Au ja, fein! Schreib wie doof du bist!

Inneres Kind: Oder über das Tanzen!

Kritiker: Kann sie nicht mehr. Warum soll sie darüber schreiben?

Liebe: Jeder und jede kann tanzen! Tust du ja auch manchmal im stillen Kämmerlein. Du kannst auch über Musik schreiben!

Wissensdurst: Oder über deine Bücher! Oder über Philosophie. Oder über Gott.

Nörgler: Oder über deine „Kunst“. Ich lach mich schlapp.

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Kritiker: Wie dick du immer aussiehst auf Fotos! Wäre auch ein super Thema! Oder wie es sich anfühlt, so alt zu sein.

Antreiber: Los, schreib jetzt. Sei kreativ und suche dir gefälligst ein Thema, das sich nicht nur um dich dreht. Weltfrieden vielleicht.

Vernunft: Oder über deine Bio-Kiste, die du dir neuerdings bestellst. Wieviel Gemüse du plötzlich isst!

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Genuss: Und Obst!

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Nörgler: Das interessiert doch keinen! Und überhaupt magst du Gemüse ja gar nicht und Salat erst recht nicht.

Genuss: Aber das Obst magst du! Schreib über Obst und Früchte und Beeren! Schreib über Erdbeeren! Und Kirschen!

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Inneres Kind: Schreib doch lieber über Bonbons und Kuchen!

Kreativität: Oder schreib mal wieder einen lyrischen Text!

Kritiker: Ich lach mich schlapp.

Witzbold: Oder über Weihnachten!

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Phantasie: Oder über Misi!

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Das ist nicht Misi!

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Nörgler: Och, der blöde Frosch. Das ist sowieso albern. Frösche sprechen nicht.

Inneres Kind: Misi schon!

Antreiber: Wenn du jetzt nichts schreibst, werde ich echt sauer! Los, schreib!

Selbstbewusstsein: Nun beruhigen wir uns all mal wieder! Wenn sie nicht schreiben will, will sie nicht. Es gibt ja noch anderes zu tun! Außerdem braucht sie jetzt nur eins, nämlich RUHE!

Alle: 😳😳😳😳😳😳😳😳😳😳

Ich: 👍

 

Der eine so, die andere so…..

Der eine so, die andere so…..

Die eine weiß, ich kriege nichts auf die Reihe. Also, fast nichts.

Wenn ich mit ihr zusammen bin, verhalte ich mich auch so.

Obwohl ich es besser kann.

 

Der andere erinnert sich, dass ich vor vielen Jahren einmal laut war, als ich in den Badesee stieg. Furchtbar laut. Unanständig laut für eine Frau und Mutter.

Mir ist das peinlich. Es passierte nie wieder.

Obwohl ich so gerne viel öfter laut gewesen wäre.

 

Kinder sind so gerne laut.

Herrlich!

Hier falle ich nicht auf.

 

Der andere findet mich hässlich und sagt, ich kriege keinen mehr ab, wenn ich mich nicht etwas mehr anstrenge und mich hübsch mache.

Ich stimme ihm zu, nicht liebenswert zu sein.

Obwohl ich doch ich bin.

 

Die eine freut sich so, mich zu sehen, dass sie mich beherzt in die Arme nimmt.

Ich mag sie auch und mich sowieso.

Obwohl manchmal auch nicht.

 

Der eine interessiert sich für das, was ich sage, auch wenn er nicht immer meiner Meinung ist.

Ich sage, was ich denke und was mir gerade einfällt.

Manches hört sich richtig schlau an. Manches auch nicht.

 

Die eine findet, ich bin total aktiv.

Ich denke, sie kennt mich nicht.

Ich bin dann aber auch total zufrieden mit mir.

 

Der andere denkt, ich erlebe zu wenig.

Ich glaube ihm.

Obwohl ich es besser weiß.

 

Der eine findet mich alt.

Bin ich ja auch.

Aber unter Gleichaltrigen bin ich es nicht.

 

Der eine denkt, ich bin eine Schlaftablette.

Ich bemühe mich, es nicht zu sein.

Und werde müde.

 

Die andere liebt mein Temperament.

Ich denke, bin ich zu laut?

Und lache mich scheckig.

 

Der eine hätte mich gern intellektueller.

Ich fühle mich dumm.

Ich habe mein kleines Latinum nicht erreicht, weil ich zu faul war.

 

Der andere mag keine Studierten.

Und ich halte mich zurück.

Lehrerin war ich früher auch noch.

Das merkt man, sagt er.

😳

 

Die eine nimmt mich so, wie ich gerade bin.

Ich bin alles, was ich sein kann.

 

Ich denke, die kriegt nichts auf die Reihe,

wenn sie mit mir zusammen ist, verhält sie sich auch so.

Obwohl sie es besser weiß.

 

Ich will achtsamer werden

mit meinen Urteilen.

Denn ich kann ja nichts wissen

über die anderen!

 

 

Viel zu denken

Viel zu denken

Aus lauter Sorge, etwas zu vergessen oder Fehler zu machen, plane ich und plane und plane und denke und denke. Fehlt nur noch, dass ich mir einen kompletten Wochenplan mit Lern- und Ergebniszielen aufstelle. Kleinschrittig, motivierend und verständlich formuliert. Nein, soweit bin ich noch nicht, aber manchmal gebe ich mir schon ein „Ziel erreicht“, wenn ich erfolgreich bin, oder ein „Mangelhaft“, wenn etwas nicht gelingt.

Hin und wieder denke ich so Knoten und dann kommt etwas völlig Verrücktes heraus, das ich mir und anderen kaum erklären kann. Manchmal denke ich auch nur ohne zu handeln. Dann merkt keiner, was für einen Quatsch mein Hirn produziert. Kommt das vom Alter? Kommt das davon, dass ich alleine lebe? Oder war das schon immer so und ich habe es nur nicht bemerkt, weil ich so beschäftigt war?

Freitag ist der Notar dran und dann werden wir unser Haus verkaufen, wenn nichts dazwischenkommt. Es war doch einmal auch mein Haus und jetzt nehme ich pausenlos innerlich Abschied und bin traurig, obwohl auch froh, die Verantwortung dafür los zu sein. Aber jetzt habe ich eben kein Haus mehr. Was schade ist, denn es gab mir immer eine gewisse Sicherheit. Na, egal, was weg ist, ist weg und selbst bewohnen oder vermieten kam ja für uns alle nicht in Frage.

Es fehlt noch ein wichtiges Dokument und das muss gefunden und nachgereicht werden. Daran muss ich unbedingt heute noch denken.

Außerdem denke ich mir aus, wie ich die Zeit am Freitag mit meinen Söhnen verbringen kann. Ich will ein kleines Ritual für uns finden, um gemeinsam einen wichtigen Lebensabschnitt zu beenden. Vielleicht den Ruheforst besuchen? Und hinterher schön Kaffee und Kuchen an der Elbe, bevor ich die beiden wieder zur Bahn bringe.

Ich habe ein kleines Geschenk und eine hübsche Karte für die Käufer besorgt und weiß noch nicht, ob ich es einfach ins Haus legen oder am Freitag übergeben soll. Da habe ich viel zu denken, das könnt Ihr glauben!

Gedanklich spiele ich so nebenbei auch schon Kofferpacken. Nächste Woche Donnerstag muss er fertig sein. Da habe ich noch viel Zeit, darüber nachzudenken, was unbedingt eingepackt werden muss. Ich weiß gar nicht so recht, was ich in der Klinik brauchen werde. Habt Ihr Ideen dazu?

Vorsorglich habe ich mich für ein Einzelzimmer eintragen lassen, was teuer ist. Ich kann mir das jetzt leisten und leiste es mir, was mich selbst verblüfft. Nie zuvor wäre ich auf eine solch elitäre Idee gekommen, aber gestern schon. Was für ein Gedanke!

Alles andere ist geregelt. Mein Blut habe ich abgegeben und morgen bin ich für ein erstes Narkosegespräch mit meinem Hausarzt verabredet. Ein Taxi für die lange Fahrt nach Hamburg am Donnerstag ist bestellt und ich werde hoffentlich nicht nicht abgeholt. Was mache ich wenn? Blöder Gedanke. Den brauche ich jetzt noch nicht zu denken!

Liebe Freundinnen werden am Sonntag einen Ausflug mit mir machen zwecks Ablenkung. Ich freue mich so, dass sie daran gedacht haben. Sie kamen mir mit ihrem Vorschlag zuvor, denn auch das hatte ich schon für mein Vorhaben, am Wochenende gut für mich zu sorgen, angedacht.

Ich denke auch jede Menge Pläne für die Nachklinikzeit. Die Termine für die Krankengymnastik stehen fest. Ich weiß nur noch nicht, wie beweglich und mobil ich sein werde. Darum schaffe ich auch schon Vorräte an, damit ich in den ersten Tagen hier nicht hungern muss. Außerdem gibt es schon gedankliche Putzpläne für die nächste Woche, denn ich will eine saubere Wohnung, wenn ich wiederkomme.

Natürlich haben mir ein paar liebe Menschen Hilfe angeboten und ich werde sie annehmen, sobald ich sie benötige. Ich werde so schnell wie möglich zum Qi Gong, zur Schreibwerkstatt und Philosophie gehen. Nein, nicht gehen, sondern krücken und jemand muss mich abholen, bis ich wieder Autofahren kann. Und im Mai will ich nach Dänemark, mit meiner Mädelsgruppe, Ihr wisst schon. Ich darf jetzt also nicht krank werden, damit sich die OP nicht nach hinten verschiebt. Daran denke ich die ganze Zeit und das macht mich richtig krank!

Also, es gibt die ganze Zeit etwas zu denken und ich denke noch viel mehr. Und immer, wenn ich fertig bin mit einem Plan, kommt eine neue Herausforderung auf mich zu. Wie zum Beispiel die Frage, was ich mir heute kochen soll. Wenn ich daran denke, bin ich schon wieder fix und fertig!

 

 

 

Genug geleistet?

Genug geleistet?

Was? Noch nicht mal zwei Wochen? Erstaunt blicke ich auf den Kalender. Gefühlt ist Silvester schon viel länger her. Vielleicht liegt es daran, dass ich gerade eine Menge planen, bedenken und tun muss. Dabei ist es objektiv gar nicht so viel. Früher hätte ich das alles so nebenbei gemanagt, ohne lange darüber nachzudenken.

Ich weiß gar nicht, wie ich das in meinem früheren Leben alles leisten konnte, damals, als die Kinder noch klein waren und ich täglich jede Menge zu organisieren und zu tun hatte. Wie habe ich bloß Familie, Beruf, Haushalt, Freundschaften und eigene Hobbys unter einen Hut gebracht?

Vielleicht war ich dazu imstande, weil meine Familie noch um mich herum wuselte. Natürlich war ich auch jünger und gesünder. Meistens jedenfalls.

Ich spielte mit meinen Kindern, brachte sie saubergewaschen und gekämmt ins Bett, las ihnen vor, bastelte und malte mit ihnen, ging mit ihnen in die Natur, auf Spielplätze oder schickte sie zu Freunden, organisierte Geburtstage und Weihnachtsfeste, wusch ihre Wäsche und sortierte sie in ihre Schränke, also die Wäsche, nicht die Kinder, ich backte und kochte und so weiter und so fort.  Einmal habe ich sogar in den Ferien mit allen Dorfkindern und unserem Hund zwei Wochen lang einen Kinderzirkus auf die Beine gestellt. An die Vorstellung auf dem Dorfplatz erinnere ich mich noch sehr gut. War erfolgreich und lustig! Ich begleitete meine Jungs durch die Schulzeit und kümmerte mich ab und zu um kulturelle Impulse, was auf dem platten Land ja nicht immer einfach ist. Wir zogen mehrmals um und kauften schließlich ein Haus. Das brachte immer wieder Unruhe, viel Arbeit und Neuanfänge in unser Leben.

Ich las auch selbst damals viel, besuchte Volkshochschulkurse und nahm an Fortbildungen teil. Ich malte, strickte, stickte und bastelte und hatte immer irgend ein Projekt in Arbeit. Ja, nicht alle wurden fertig und manche bleiben im Alltag stecken, aber ich machte immerhin. Ich absolvierte eine zweite Ausbildung und stieg doch in meinen Beruf als Lehrerin wieder ein. Eigentlich fing ich dort von vorne an, denn die Arbeit in einer Förderschule war etwas Neues für mich. Ich versorgte Tiere und den Haushalt. Ich kümmerte mich um Freundschaften und arbeitete mich an meiner Liebesbeziehung ab.

Während ich das jetzt schreibe, denke ich, ja, ich habe immer viel getan und gewollt und geschafft. Auch wenn ich es damals nicht so empfand: meine Familie hatte es gut mit mir. Nun sagt mir mein innerer Kritiker, ich solle nicht so aufgeblasen daherreden, ich hätte ganz schön viel Mist gebaut. Meine Kinder und mein Mann haben schwer unter mir gelitten. Ja, stimmt, manchmal war es so, aber sehr oft eben auch nicht! Merkt Ihr, wie gut ich meinen Vorsatz für das neue Jahr heute umsetze? Muss ich mich doch gleich mal selbst loben!

Damals hatte ich oft den Eindruck, dass mein Mann den Großteil der Arbeit leistete und ich nur angehängt war. Heute sehe ich das anders. Wir haben uns die Aufgaben aufgeteilt. Mein Mann war universell begabt und konnte eigentlich fast alles. Insbesondere im handwerklichen und gärtnerischen Bereich war er unersättlich am Tüfteln und Bauen und Gestalten. Seine Ergebnisse waren offensichtlich, meine Beiträge  häufig nicht so deutlich sichtbar. Nur wenn sie plötzlich wegfielen, dann merkte man schon etwas. Heute bin ich stolz auf das, was ich zum Familienleben beitrug.

Ein großer Umbruch in meinem Leben war die Entscheidung, auszuziehen, nachdem unsere Kinder erwachsen waren. Damals noch in der Hoffnung, dass mein Mann und ich mit getrennten Wohnungen wieder zueinander finden könnten. Hat nicht geklappt und die Scheidung setzte einen Schlusspunkt. Nein, stimmt nicht. So ganz Schluss war ja bis zu seinem Tode nie.

Was hartnäckig blieb, war der Gedanke, dass ich nicht genug bin und leiste. Ganz tief in mir entfaltet er seine Kraft immer noch im Unterbewusstsein. Ich rede, schreibe und denke laut dagegen an. Dabei entdeckte ich mein Mitgefühl. Und zwar mein Mitgefühl für mich selbst.

Ich durchlebte wie wir alle traurige und schwere Zeiten und bin an ihnen gewachsen. Ich kriegte es in den letzten Jahren gut hin, weil ich mir viel Zeit für mich nahm. Dass ich nicht mehr erwerbstätig bin, ist eine gute Voraussetzung dafür! Ich konnte mir die Zeit nehmen, die ich brauchte, um meine Kraftreserven wieder aufzufüllen. Wieviel Energie es kostet, Trauer zu spüren und zu halten, habe ich z. B. heute gerade noch einmal bemerkt, als ich in unserem Haus nachsah, ob der „Entrümpler“ es tatsächlich leergeräumt hat. Hat er. Alles weg und ich wurde so traurig und kraftlos, dass ich mich bei mir Zuhause sofort hinlegte und fest einschlief. Ist der Tagesschlaf jetzt verlorene Zeit? Nein, ich denke nicht. Er war notwendig und gut für mich.

Ich vergaß auch in schweren Zeiten nicht, das Schöne (wieder) zu spüren. Ich bin so aktiv und leistungsfähig, wie ich es gerade sein kann, sogar ziemlich erfolgreich, finde ich. Das Haus ist leer und wird voraussichtlich im Februar neue Besitzer haben. Ein guter Preis ist erzielt. Meine Knie-OP Anfang Februar ist geplant und ich weiß genau, wann ich was erledigen muss. Ich habe eine weitere Reise mit meinen „Mädels“ nach Dänemark gebucht. Ich treibe Sport in Maßen und nach Lust und Laune. Es wird im März wieder einen Philosophie-Kursus in der Volkshochschule geben. Qigong läuft auch weiter und im September bin ich für eine Jahresgruppe angemeldet, in der wir in regelmäßigen Abständen unsere Lebensfragen „aufstellen“ können. Die „Schreibwerkstatt“ existiert noch und wir werden künftig nach einem Lehrbuch arbeiten. Ich durchlebe ab und zu kleinere Panikattacken, die lästig und anstrengend sind, aber nicht mehr so bedrohlich. Ich spüre sie und weiß, sie werden bald aufhören und damit besiege ich sie. Mein Auto ist durch den TÜV gekommen. Und einen neuen Teppich habe ich mir für die Essecke auch geleistet. Ich weiß nur noch nicht, ob ich den nun wirklich gut finde, aber auch diese Frage werde ich mir eines Tages noch beantworten. Muss ja nicht sofort sein.

Es gibt also überhaupt keinen Grund, daran zu glauben, dass ich mehr leisten könnte, wenn ich nur wollte. Dieser Satz stand übrigens oft in meinen Zeugnissen, fällt mir gerade ein. Nun will ich endlich aufhören, mir selbst eine so negative „Kopfnote“ auszustellen.

Also, Ihr Lieben, glaubt einer alten, lebenserfahrenen Frau: Wenn Ihr denkt, Ihr seid nicht aktiv und gut genug, sind das Gedanken, die gut überdacht und wahrscheinlich neu gedacht werden sollten. Meistens stimmen sie nicht, wie Ihr an meinem Beispiel sehen könnt. Und meinen inneren Kritiker, der deutlich macht, dass er diese Weisheit ganz und gar nicht mit mir teilt, den schicke ich jetzt in den Garten. Da kann er sich dann schnell mal selbst doof finden!

Ich wünsche Euch einen schönen Sonntag!