Kleines Mädchen

Ach, du arme Kleine. Komm her, ich nehme dich in den Arm. Ich bin für dich da. Du bist hier sicher. Guck mal, wie gemütlich wir es haben. Du darfst im Garten spielen. Du darfst laufen und hüpfen und fröhlich sein. Ja, sing nur so laut du kannst. Natürlich, auch weinen ist erlaubt. Du darfst deinen Willen wollen. Du darfst ausprobieren, was zu dir passt. Hier hast du Malstifte, Knete, Tusche, eine Schere und Buntpapier.

Ja, du darfst jetzt auch zornig sein. Es wird nichts passieren. Ich halte dich und liebe dich. Du hattest soviel Grund, wütend zu sein. Angst zu haben war angebracht. Du wurdest nicht gesehen. Es war dir nicht erlaubt, du zu sein und zu fühlen, was du fühlst. Wie schrecklich sind sie mit dir umgegangen. Ja, du wurdest verschickt. So hieß das damals. Ein kleines Mädchen wurde verschickt wie ein Paket. Es war zu dünn. Zu dünn!

Und dann hast du nichts mehr gefühlt und schnell vergessen. Wie Blitzlichter tauchen Erinnerungen auf. Jetzt, nach so vielen Jahren. Essen müssen bis zum Kotzen. Und dann gleich noch mal. Still sein. Nicht auffallen. Im Bett liegen wie ein Brett. Heimweh nicht erlaubt. Weinen nicht erlaubt. Lachen wahrscheinlich auch nicht. Ach, die Mutter fehlt und der Vater und die Oma und der kleine Bruder. „Der Mond ist aufgegangen“ gesungen von der Mutter kurz vor dem Schlafen. Wird es das noch einmal für dich geben? Jetzt, im großen Schlafsaal vergisst du dein Zuhause fast, denn du musst aufpassen, darfst dich nicht bewegen, mit dem Gesicht zur Wand! Wer nicht schläft, fliegt raus. Wer weint, darf das auf der Bank vor dem Schlafsaal tun. Bloß nicht ins Bett machen. Toilettengang nicht erlaubt. Krank werden, das geht. Krankenstation mit liebevoller Schwester. Kuschel dich ins Bett, meine Kleine. Auszeit vom Schrecken da draußen am Meer.

Komm her meine Kleine. Die Verletzungen kann ich nicht heilen. Das bleibt. Ich sehe dich, wie du dich zusammen kauerst und ganz klein machst. Gefühle gibt es nicht mehr. Sie nicht zu fühlen rettet Leben. Komm her, meine Kleine. Du bist jetzt hier und du bleibst bei mir. Ich konnte dich früher nicht sehen, denn ich hatte so viel zu tun und auch große Angst. Aber jetzt ist es Zeit und ich habe die Kraft, den Schrecken mit dir zu teilen.

Und vielleicht wird es besser. Vielleicht kann ich mich in Zukunft öffnen und Nähe leichter ertragen. Dabei hilfst du mir, meine Kleine. Aber erst einmal ruhen wir uns aus. Ich bin für dich da und heute gibt es Schokolade, soviel du willst. Dann bleibe ich eben dick, das ist gerade nicht so schlimm. Denn dicker sollte ich ja werden, damals. Das Ziel ist also erreicht.

Du lachst. Wie schön, meine Kleine. Geh in den Garten und lege dich in die Sonne. Und heute Nacht gucken wir Sterne! Du wirst sehen, wie die glitzern und funkeln! Komm her meine Kleine, wir hören Musik und wir wissen, der Schrecken ist vorbei. Er kommt auch nicht wieder, dafür sorge ich, denn ich bin eine starke Frau.

Gestern lernte ich das kleine Mädchen in einer Aufstellung kennen, welches noch in mir steckt. Gut versteckt hatte sie doch großen Einfluss auf mein Leben. Ich bin, wie ich bin, weil es sie gab und ich sie nicht sah. Jetzt kann ich mir vieles besser erklären und das entlastet mich. Auch wenn so tiefe Verletzungen nicht geheilt werden können, kann ich doch einiges für das kleine Mädchen in mir tun.

Und ich bin nicht alleine! https://www.op-marburg.de/Marburg/Das-stille-Leid-der-Verschickungskinder

Das kleine Chaos

Das kleine Chaos

„Unordnung! Hier herrscht Unordnung, Chaos und Anarchie. Nicht überall, aber doch vorhanden. Das muss weg. Das geht so nicht. Das stört. Also los, beweg dich!“, schimpft der innere Antreiber.

Ich nehme meinen Fotoapparat und knipse drauflos. Klick….klick…..klick. Ich hatte vor ein paar Tagen ja schon damit angefangen. Sicher finde ich noch mehr Motive. Der Antreiber weiß nicht, was das soll. Er will, das ich aufräume und nicht, dass ich mein Chaos noch dokumentiere und lieb habe. Und veröffentlichen darf ich die Bilder auf keinen Fall! Was sollen denn die Leute denken?

Ich will nicht aufräumen. Die Chaos-Inseln zeigen Persönlichkeit. Der innere Kritiker zuckt zusammen? „Was, Persönlichkeit? Du bist ja nicht mehr bei Sinnen! Räum das weg, bevor Besuch kommt!“ Der Antreiber nickt und streng guckt das schlechte Gewissen um die Ecke.

Ich knipse weiter und finde, dass einiges tatsächlich zu persönlich ist, um es ins Netz zu stellen. Zum Beispiel das bewohnte Sofa, welches nach einem wundervollen Sonntag-Fernsehabend mit Tatort und „Freude schöner Götterfunken“ (https://www.zdf.de/kultur/musik-und-theater/berlin-feiert-beethoven-100.html) wirklich nicht schön aussieht. Das räume ich gleich auf. Und die Schubladen gehen auch niemanden etwas an. Darum sind es ja Schubladen, damit man sie zumachen kann, oder? Aber ein paar Bilder zeige ich. Mutig werde ich es wagen. Was kann denn schon passieren?

„Alles Mögliche!“, zetert die Furcht. „Oh nein, das geht nicht gut!“, sorgt sich die Bewertung. „Klar, das darf sein!“, grinst die Kreativität. Die Gelassenheit nimmt es gelassen und ich mache das jetzt einfach!

Habt Ihr auch ähnliche Ecken? Hört auf sie zu verstecken! Zeigt sie mir! Stehen wir zu unseren Persönlichkeiten und zur Ansatz-Anarchie!

Nun werde ich aber gleich aufräumen und das Chaos ordnen. Vielleicht kommt ja heute doch noch die Ordnungsliebe vorbei und schimpft mich aus!

September

September
Septemberwochen
bleiben still 
sie füllen sich mit Erinnerungen
und die Sehnsucht
noch einmal neben Dir zu gehen
kommt und geht.

Ich schaue mich um
und webe die Vergangenheit 
in meine Gegenwart mit ein
ich lebe
im Sommer
der zu Ende geht
und sehe die Sterne funkeln.

Ein Teil von Dir
blieb 
bei unseren Kindern
und mir.

Wenn diese Septemberwochen
erst einmal vorüber sind
werde ich verstehen
dass ich nicht so wichtig bin
und ich höre auf
mich als Mittelpunkt zu sehen
um den sich alles dreht.

Grenzen setzen

Grenzen setzen

Die anderen, die so sauer auf mich sind, zeigen mir das indirekt. Sie wissen, was mich ärgert. Ich weiß, wenn ich auf die kleinen Nadelstiche einsteige, habe ich verloren. Also ducke ich mich weg, bleibe bei meinen Angelegenheiten und lasse die ärgerlichen Gedanken weiterziehen. Mal sehen, wie viele Wochen mir das gelingen wird. Reagiere ich doch noch oder wird es den anderen Leuten zu langweilig? Wenn nicht noch Schlimmeres  nachkommt, halte ich das gut aus. Ich festige meine Grenzen und fühle mich sicher. Das müssen die anderen nicht unbedingt merken, wenn sie mir nicht zu nahe kommen. Es fühlt sich gut an, erwachsen zu sein. Und wenn man mit 68 damit anfängt, mit guten Gefühlen auch gegen den Willen der anderen für sich zu sorgen, erst recht.

Schade eigentlich, dass ich nicht konkreter werden möchte.

Im Vergleich zu den Sorgen und Nöten dieser Welt ist das hier Pillepalle. Mit diesem Gedanken gehe ich wohlgemut in die Küche und backe nach ewig langer Zeit mal wieder einen Kuchen. Ob das überhaupt ein akzeptabler Kuchen wird? Wenn nicht, gehe ich morgen ganz schnell zum Bäcker, bevor der Besuch kommt. Überhaupt wird sich mein Besuch beim Kuchen sowieso zurückhalten, denn alle ernähren sich bewusst und nehmen pausenlos ab. Im Gegensatz zu mir. Ich nehme nicht ab, allerdings auch nicht zu. Das ist ja schon mal ganz gut. Alle haben gesagt, wir sorgen gemeinsam für unser Essen. Vermutlich will das Jungvolk sich einen Döner holen, denn der hiesige Döner ist angeblich der beste der Welt. Aber es kann nicht schaden, trotzdem einen Kuchen vorrätig zu haben. Ich bin ja schließlich die Mutter!

Auch im Familienverband sind die Grenzen wichtig. Ich musste erst mühsam lernen, mich abzugrenzen und trotzdem guten Kontakt aufzubauen und zu halten. Das kannte ich nicht. Darin war ich unsicher. Ich war nicht in der Lage meinen Kindern zu vermitteln, wie man seine Grenzen schützen kann. Heute sind wir alle sensibler geworden. Wir sagen Bescheid, wenn Grenzen überschritten werden. Passiert ja ab und zu und ist nicht schlimm.

Ich lernte, dass Grenzen setzen nichts mit Kontaktabbruch oder Liebesverlust zu tun hat. Mit dieser Konsequenz bin ich aufgewachsen, weil meine Eltern den Umgang mit Grenzen nicht kannten. Grenzenlos sollte das Leben zwischen Eltern und Kindern verlaufen. Entweder keine Grenzen oder keinen Kontakt, das war ihre Einstellung. Darum habe ich bis heute auch so großen Respekt davor, meine Grenzen zu erkennen und sie mit gutem Gewissen zu verteidigen.

Mir ist es gelungen, mich zu meinen Kindern abzugrenzen und ihre Grenzen anzuerkennen, ohne Liebesverlust zu befürchten. Das ging nicht von heute auf morgen. Nein, ein jahrelanger, manchmal schmerzhafter Prozess war dazu notwendig, der auch noch nicht abgeschlossen ist. Das ist klar. Ich bin gespannt, denn für uns alle ist das unkomplizierte Zusammensein für ein paar Stunden keine Selbstverständlichkeit. Wir üben noch, die Balance zwischen Nähe und Abstand zu finden.

Ich freue mich darauf!

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Darf sein!

Darf sein!

😡  Nein, was soll daran schön sein.

😁  Da stehen Störche!

😡  Ja und, die sind sowieso bald wieder weg.

😁  Da schweben Schwalben.

😡  Na und, die sind auch sowieso bald wieder weg.

😁  Guck mal, die Spatzen, wie die da auf dem Zaun sitzen.

😡   Na und, die sind ja sowieso immer da.

😁  Guck mal, der Fluss steht still und Fische schwimmen und Enten.

😡   Na und?

😁   Was bist du denn so brummig?

😡   Heiß, Schweiß, kein Eis.

😁   Dann kaufe dir doch welches.

😡   Eis ist böse und macht dick.

😁   Ach so.

😡   Und , was soll jetzt so schön sein, wo doch alles in die Binsen geht?

😁   Die Natur und so.

😡  Natur ist gut. Abgemähte Felder, vertrocknetes Gras. Müde Kühe. Staub.

😁  Ja, dann weiß ich auch nicht, wie ich dich aufmuntern könnte.

😡  Ich will gar nicht aufgemuntert werden.

😁  ?

😡  Bei der Nachrichtenlage und der Hitze macht gute Laune keinen Sinn.

😁   Ach so. Na dann. Auch gut. Darf sein.

😡   Eben. Und nun komm nach Hause, da machen wir es uns gemütlich.

😁   Oh ja!

 

 

 

Was ein Kuhhirte in mir auslöst

Gestern sah ich eine berührende Reportage über einen außergewöhnlichen Mann. Von der Hitze angeschlagen hing ich schlaff im Sessel vor dem Fernseher und staunte, was der menschliche Körper leisten kann. Mich beeindruckten die Bilder zutiefst und ich freute mich, dass es Menschen gibt, die so sehr im Einklang mit der Natur leben und sich für deren Erhalt einsetzen. Na gut, nicht jeder kann Kühe im Gebirge hüten, aber dass ein Brice Delsouiller überhaupt existiert, ist doch interessant und schön anzusehen.

Arte schreibt: Brice Delsouiller ist Kuhhirt in den Pyrenäen und verbringt mit seinen Tieren sechs Monate auf den Sommerweiden auf 3.000 Meter Höhe. Hier hat er für sich die Freiheit des Laufens entdeckt, es gibt für ihn kein anderes Glück als die grenzenlose Weite der Berge: Er kann nur leben, wenn er beim Skyrunning, einer Art Extrem-Berglauf, das Letzte von seinem Körper abverlangt.

Der 36-jährige Brice Delsouiller ist ein ungewöhnlicher Mann – sechs Monate im Jahr verbringt er auf den 3.000 Meter hoch gelegenen Sommerweiden in den Pyrenäen, um Kühe zu hüten. Der Enge des Alltags seines Heimatortes versuchte er sich seit jeher zu entziehen – und fand so nicht nur sein Glück in der Einsamkeit der Berge, sondern entdeckte eine weitere Leidenschaft: die des Skyrunnings, des Extrem-Berglaufs. Wer ihn beobachtet, traut seinen Augen nicht: Wie eine Gämse springt er von Bergkuppe zu Bergkuppe, stundenlang rennt er durch Täler und über Berghänge, durch unwegsame, steinige Landschaft. Brice Delsouiller hütet hier im Sommer etwa 400 Kühe, eine Mammutaufgabe, denn das Gelände ist unwegsam und Brice treibt seine Tiere immer höher, dorthin, wo das Gras am saftigsten, die Freiheit am größten ist. In seiner kleinen Berghütte lebt er ohne warmes Wasser, ohne Strom, ohne moderne Kommunikation. Nur mit seinen beiden Hunden und seinen Büchern. Seit 14 Jahren führt er dieses Leben als Hirte, erst vor vier Jahren hat er angefangen zu laufen. Zunächst, um seinen Hunden beim Hüten zu helfen, versprengte Tiere zu suchen oder um unten im Tal einzukaufen. Daraus wurde eine Sucht, eine Besessenheit, die ihn ständig an die eigenen Grenzen führt: „Ich weiß nicht, warum ich renne. Es ist eine Selbstverständlichkeit. Mein Körper wollte immer rennen. Ich fühle mich leicht, mächtig. Seit 14 Jahren lebt mein Körper in den Bergen, ist durch die Höhenunterschiede und den Mangel an Luft geformt und geschmiedet. Mein Körper hat sich komplett an die Bergwelt angepasst.“ Die Wettrennen in Katalonien und Andorra werden ihm zeigen, wo er steht, denn hier laufen die Besten.

https://www.arte.tv/de/videos/064565-024-A/geo-reportage/

Diese Geschichte machte Mut und inspirierte mich zum Weiterdenken. Ich fragte mich, welchen Sinn meine Lust am Alleinsein hat. Bisher dachte ich, dass ich vielleicht zu faul sei, mich regelmäßig um Gesellschaft und Unternehmungen zu kümmern. Ich erlaube mir ja immer längere Phasen, in denen ich alleine sein und alleine machen möchte. Ich bleibe meist in der näheren Umgebung und fühle mich dabei so friedlich und ruhig, wie ich es früher nicht kannte. Zuhause höre ich Musik, gucke Filme und lese. Ich tauche oft dabei richtig ab. Das Gefühl, im Einklang mit dem Leben zu sein, spüre ich so intensiv nur in dieser „Einsamkeit“. Ich mag es so gerne, Gedanken zu Ende zu denken und  zu spüren, was in mir vorgeht.

Allerdings mag ich nicht ständig alleine sein, sondern ich will auch Teil einer Gemeinschaft bleiben. Darum kümmere ich mich immer dann, wenn ich weiß, jetzt ist es gut und richtig, etwas Trubel in mein Leben zu bringen. Manchmal denke ich, dass ich regelmäßiger unter Menschen sein möchte und eine vertraute Zweisamkeit vermisse ich auch. Dann frage ich mich, ob ich mir das Alleinsein nicht nur schönrede, weil ich das andere eben nicht haben kann. Aber das wäre ja auch egal, weil mir die stillen Phasen so guttun. Nur die Gedanken daran, dass ich eigentlich mehr erleben, mehr Menschen um mich haben sollte, dass ich wahrscheinlich dabei bin, zu vereinsamen, stören mich in meiner Ruhe und ich weiß nicht, ob sie wahr sind oder ob das nur mein innerer Antreiber ist, der da spricht.

Während ich gestern die Reportage sah, wurde ich immer zufriedener mit mir. Ist irgendwie lustig, denn Brice und ich haben überhaupt keine Gemeinsamkeiten. Doch, eine klitzekleine fällt mir ein: ich bin fast täglich bei meiner kleinen Lieblingskuhherde und schaue ihnen eine Weile beim Grasen zu.

Mir gefiel so gut, was er sagte und einige seiner Gedanken werde ich weiter denken. Und während ich das tue, gehe ich in den Garten und gucke, was meine Blumen so treiben.

 

Mein Leben und ich

Mein Leben und ich

Ich habe Besuch. Er sieht eindeutig aus wie eine Frau, die die Schwelle zum Alter bald übertreten wird. Aber noch nicht. Noch ist sie mittelalt. Also nicht mehr jung, aber eben auch noch nicht uralt. Sie sagt, sie sei mein Leben. Ich staune und biete ihr einen Tee an. Sie möchte etwas Stärkeres. Sekt vielleicht? Zum Kennenlernen und Schwesternschaft trinken.

Ich habe keinen vorrätig und biete ihr ein Bier an. Auch gut. Wir setzen uns und ich beäuge sie neugierig. So sieht also mein Leben aus! Ich erkenne ein paar Ecken und Kannten, ein paar Dellen, wo keine hingehören, aber ihr gutes Aussehen wird dadurch nicht beeinträchtigt. Im Gegenteil, Persönlichkeit und Ausstrahlung ergänzen ihr Erscheinungsbild hervorragend. Ein schönes Leben habe ich da, denke ich.

Sie scheint mich sehr zu mögen und nimmt mich in ihre Arme, trotz Corona. Es fühlt sich gut an. Mein Leben meint es gut mit mir, das spüre ich. Ich entspanne mich und bleibe da, wo ich bin, denn die Nähe tut mir unendlich gut. Sie fragt, ob ich zufrieden sei mit ihrer Arbeit. Ich sage: „Ja, jetzt ja. Das war früher anders.“ Mein Leben schmunzelt und sagt, das wüsste sie. Sie hätte es manchmal schwer mit mir gehabt. Sie hat mir so viele Chancen gezeigt, die ich verträumt habe. Oder vor Angst gemieden. Selten hätte ich herzhaft zugegriffen. „Aber in entscheidenden Momenten eben doch“, werfe ich ein. Mein Leben sagt: „Es gab auch Momente, da hast Du zu früh zugegriffen und ich hatte alle Hände voll zu tun, dich da durch zu kriegen.“ Das stimmt. Manchmal bin ich zu früh abgebogen und manchmal zu spät. Und manchmal gar nicht. Aber ich habe mich immer durchgebissen. Ich hielt viel aus. „Zu viel ab und zu!“, meint mein Leben. Es war nicht immer leicht mit mir. Aber das sagte sie schon.

Das sei nun auch egal, führt mein Leben weiter aus, denn es gibt keinen Weg zurück. Darum wollte sie heute mit mir persönlich sprechen, denn der Lebensweg wird kürzer und sie will sehen, was sie noch für mich tun kann, bevor ich die letzte Zielgerade erreiche. Ich bin fast ein wenig empört. Gut, es geht mir körperlich nicht so gut. Schmerzen und Einschränkungen gehören zum Alltag. „Aber fertig bin ich noch lange nicht mit Dir! Lass uns zusammen feiern!“, sage ich und biete ihr ein neues Bier an. Mein Leben nimmt es gerne und möchte Musik hören. Ich werfe eine CD ein, öffne mein Fenster so weit es geht und kuschel mich an sie, während unsere Blicke ins Draußen schweifen. Ich fühle mich geborgen und überhaupt: es ist Sommer. Die Vögel zwitschern nicht mehr so heftig, aber die Hummeln, Bienen und Fliegen brummen umso lauter. Schmetterlinge sind ruhiger, aber genauso hungrig. Meine Blumen öffnen ihre Blüten so weit sie können und duften wahrscheinlich auch, aber das kann ich nicht wahrnehmen, denn mein Leben hat meinen Geruchssinn kassiert. Was ich ihr aber nicht übelnehme.

Und im Haus ist es auch schön, blitzblank geputzt und Sofa gemütlich. Sie fragt, ob es etwas gibt, was ich mir von ihr wünsche. Also für mich, nicht für meine Kinder, unterbricht sie meine Gedanken, als ich gerade von diesen anfangen möchte. „Die haben ihr eigenes Leben!“, erklärt mir mein Leben streng und grinst. Ja, stimmt. Mir kommt die Idee, dass ich nicht weiß, wie sich eine liebevolle Partnerschaft anfühlt. Mein Leben sagt, das läge nicht in ihrer Hand, aber sie wird mich daran erinnern, wenn es darauf ankommt. Ich wünsche mir, dass sich meine Gesundheit nicht verschlechtert. Mein Leben erinnert mich an Ernährung, Sport und Bewegung. „Das musst du selbst übernehmen“, sagt sie. Weiß ich doch! Dann wünsche ich mir eben, dass mein Leben weiterhin gut für mich sorgt und für mich da ist.

Sie nimmt mich noch einmal in ihre Arme und lässt lange nicht los. „Schön, Dich kennengelernt zu haben“, sage ich und mein Herz macht kleine Freudensprünge. Sie sagt, sie sei froh, dass ich mit ihr zufrieden bin. Das erleichtert ihre Arbeit ungemein und mit frischer Kraft kann sie weiterhin meine beste Freundin sein. Egal, was kommt, sie wird mich begleiten. Immer. Bis zum Schluss. Und bis dahin werden wir häufiger miteinander feiern und uns freuen, dass wir uns haben. Ich bin stolz auf mein Leben und das Leben ist zufrieden mit mir.

Anmerkung: Ich weiß, es heißt das Leben. Aber wenn es mich besucht, mein Leben, ist es eben eine Sie, kein Es!

Gut so!

Gut so!

Ich dachte, das Chaos wird ausbrechen. Ich war mir sicher, Tränen werden fließen. Ich fürchtete, ich würde immer noch ausgeschlossen sein. Ich rechnete damit, in ein tiefes Loch zu fallen. War ich doch das schwarze Schaf der Familie und wir haben schwere Zeiten hinter uns.

Ich stellte meine Ursprungsfamilie auf. Ich benannte die Personen und erzählte nichts. Die StellvertreterInnen fanden ihre Positionen und was sie dann sagten, stimmte mit meiner Gegenwart überein. Allerdings nicht mit meiner gefühlten, denn ich sah: ich bin mittendrin. Das war eine große und schöne Überraschung.

Es ist alles gut so, wie es ist, auch wenn nicht alles gut ist. Geschehenes muss nicht wieder aufgewühlt werden. Wir haben unseren Frieden gefunden. Mein Leben und ich sind zufrieden miteinander und ich gucke zuversichtlich nach vorne.

Was für ein schöner Sonntag!

 

Familienaufstellung

Familienaufstellung

Vater: Bestimmer, Alleskönner, stark und unbesiegbar. Er tut was immer er auch tun muss. Ein hübscher Panzer hält ihn aufrecht und schmettert Emotionen doppelseitig ab. Empathie wird weggelacht und das Herz zerspringt.

Mutter: Hilfreich, gut und dienend mit zorniger Wut. Die aber ist tief innen eingeschlossen. Immer etwas tun und machen und ackern und niemals Stille zulassen. Dafür depressiv.

Sohn: Wächst an der eigenen Stärke. Der Panzer noch dünn und biegsam. Mit geballten Fäusten sich auflehnend die Welt erobern. Zu viel Mutter, zu wenig Vater. Vorbild suchend und seinen weichen Kern sorgfältig versteckend hält er sich an der Frauenverachtung fest. Und am Alkohol.

Tochter: Hübsch und zärtlich bis zur Selbstaufgabe. Emanzipiert bis zur Erschöpfung. Will nicht so werden, wie die Mutter. Hat sie eine Wahl? Sie arbeitet hart daran, nicht alt zu werden. Dafür ist sie Bloggerin geworden. Eine Millionen Likes und ein netter Mann noch nicht in Sicht?

Dies sagt nichts über meine Ursprungsfamilie aus. Ähnlichkeiten mit realen Familiensystemen meiner Generation wären rein zufällig. Aber die eine oder andere Gemeinsamkeit könnte ich in meiner Familie doch entdecken, wenn ich auf die Suche gehen würde.

Nein, heute mache ich das noch nicht. Morgen aber werde ich meine Ursprungsfamilie aufstellen. Ich weiß, es wird Unbekanntes sichtbar werden. Ich bin gespannt.