Der eine so, die andere so…..

Der eine so, die andere so…..

Die eine weiß, ich kriege nichts auf die Reihe. Also, fast nichts.

Wenn ich mit ihr zusammen bin, verhalte ich mich auch so.

Obwohl ich es besser kann.

 

Der andere erinnert sich, dass ich vor vielen Jahren einmal laut war, als ich in den Badesee stieg. Furchtbar laut. Unanständig laut für eine Frau und Mutter.

Mir ist das peinlich. Es passierte nie wieder.

Obwohl ich so gerne viel öfter laut gewesen wäre.

 

Kinder sind so gerne laut.

Herrlich!

Hier falle ich nicht auf.

 

Der andere findet mich hässlich und sagt, ich kriege keinen mehr ab, wenn ich mich nicht etwas mehr anstrenge und mich hübsch mache.

Ich stimme ihm zu, nicht liebenswert zu sein.

Obwohl ich doch ich bin.

 

Die eine freut sich so, mich zu sehen, dass sie mich beherzt in die Arme nimmt.

Ich mag sie auch und mich sowieso.

Obwohl manchmal auch nicht.

 

Der eine interessiert sich für das, was ich sage, auch wenn er nicht immer meiner Meinung ist.

Ich sage, was ich denke und was mir gerade einfällt.

Manches hört sich richtig schlau an. Manches auch nicht.

 

Die eine findet, ich bin total aktiv.

Ich denke, sie kennt mich nicht.

Ich bin dann aber auch total zufrieden mit mir.

 

Der andere denkt, ich erlebe zu wenig.

Ich glaube ihm.

Obwohl ich es besser weiß.

 

Der eine findet mich alt.

Bin ich ja auch.

Aber unter Gleichaltrigen bin ich es nicht.

 

Der eine denkt, ich bin eine Schlaftablette.

Ich bemühe mich, es nicht zu sein.

Und werde müde.

 

Die andere liebt mein Temperament.

Ich denke, bin ich zu laut?

Und lache mich scheckig.

 

Der eine hätte mich gern intellektueller.

Ich fühle mich dumm.

Ich habe mein kleines Latinum nicht erreicht, weil ich zu faul war.

 

Der andere mag keine Studierten.

Und ich halte mich zurück.

Lehrerin war ich früher auch noch.

Das merkt man, sagt er.

😳

 

Die eine nimmt mich so, wie ich gerade bin.

Ich bin alles, was ich sein kann.

 

Ich denke, die kriegt nichts auf die Reihe,

wenn sie mit mir zusammen ist, verhält sie sich auch so.

Obwohl sie es besser weiß.

 

Ich will achtsamer werden

mit meinen Urteilen.

Denn ich kann ja nichts wissen

über die anderen!

 

 

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Viel zu denken

Viel zu denken

Aus lauter Sorge, etwas zu vergessen oder Fehler zu machen, plane ich und plane und plane und denke und denke. Fehlt nur noch, dass ich mir einen kompletten Wochenplan mit Lern- und Ergebniszielen aufstelle. Kleinschrittig, motivierend und verständlich formuliert. Nein, soweit bin ich noch nicht, aber manchmal gebe ich mir schon ein „Ziel erreicht“, wenn ich erfolgreich bin, oder ein „Mangelhaft“, wenn etwas nicht gelingt.

Hin und wieder denke ich so Knoten und dann kommt etwas völlig Verrücktes heraus, das ich mir und anderen kaum erklären kann. Manchmal denke ich auch nur ohne zu handeln. Dann merkt keiner, was für einen Quatsch mein Hirn produziert. Kommt das vom Alter? Kommt das davon, dass ich alleine lebe? Oder war das schon immer so und ich habe es nur nicht bemerkt, weil ich so beschäftigt war?

Freitag ist der Notar dran und dann werden wir unser Haus verkaufen, wenn nichts dazwischenkommt. Es war doch einmal auch mein Haus und jetzt nehme ich pausenlos innerlich Abschied und bin traurig, obwohl auch froh, die Verantwortung dafür los zu sein. Aber jetzt habe ich eben kein Haus mehr. Was schade ist, denn es gab mir immer eine gewisse Sicherheit. Na, egal, was weg ist, ist weg und selbst bewohnen oder vermieten kam ja für uns alle nicht in Frage.

Es fehlt noch ein wichtiges Dokument und das muss gefunden und nachgereicht werden. Daran muss ich unbedingt heute noch denken.

Außerdem denke ich mir aus, wie ich die Zeit am Freitag mit meinen Söhnen verbringen kann. Ich will ein kleines Ritual für uns finden, um gemeinsam einen wichtigen Lebensabschnitt zu beenden. Vielleicht den Ruheforst besuchen? Und hinterher schön Kaffee und Kuchen an der Elbe, bevor ich die beiden wieder zur Bahn bringe.

Ich habe ein kleines Geschenk und eine hübsche Karte für die Käufer besorgt und weiß noch nicht, ob ich es einfach ins Haus legen oder am Freitag übergeben soll. Da habe ich viel zu denken, das könnt Ihr glauben!

Gedanklich spiele ich so nebenbei auch schon Kofferpacken. Nächste Woche Donnerstag muss er fertig sein. Da habe ich noch viel Zeit, darüber nachzudenken, was unbedingt eingepackt werden muss. Ich weiß gar nicht so recht, was ich in der Klinik brauchen werde. Habt Ihr Ideen dazu?

Vorsorglich habe ich mich für ein Einzelzimmer eintragen lassen, was teuer ist. Ich kann mir das jetzt leisten und leiste es mir, was mich selbst verblüfft. Nie zuvor wäre ich auf eine solch elitäre Idee gekommen, aber gestern schon. Was für ein Gedanke!

Alles andere ist geregelt. Mein Blut habe ich abgegeben und morgen bin ich für ein erstes Narkosegespräch mit meinem Hausarzt verabredet. Ein Taxi für die lange Fahrt nach Hamburg am Donnerstag ist bestellt und ich werde hoffentlich nicht nicht abgeholt. Was mache ich wenn? Blöder Gedanke. Den brauche ich jetzt noch nicht zu denken!

Liebe Freundinnen werden am Sonntag einen Ausflug mit mir machen zwecks Ablenkung. Ich freue mich so, dass sie daran gedacht haben. Sie kamen mir mit ihrem Vorschlag zuvor, denn auch das hatte ich schon für mein Vorhaben, am Wochenende gut für mich zu sorgen, angedacht.

Ich denke auch jede Menge Pläne für die Nachklinikzeit. Die Termine für die Krankengymnastik stehen fest. Ich weiß nur noch nicht, wie beweglich und mobil ich sein werde. Darum schaffe ich auch schon Vorräte an, damit ich in den ersten Tagen hier nicht hungern muss. Außerdem gibt es schon gedankliche Putzpläne für die nächste Woche, denn ich will eine saubere Wohnung, wenn ich wiederkomme.

Natürlich haben mir ein paar liebe Menschen Hilfe angeboten und ich werde sie annehmen, sobald ich sie benötige. Ich werde so schnell wie möglich zum Qi Gong, zur Schreibwerkstatt und Philosophie gehen. Nein, nicht gehen, sondern krücken und jemand muss mich abholen, bis ich wieder Autofahren kann. Und im Mai will ich nach Dänemark, mit meiner Mädelsgruppe, Ihr wisst schon. Ich darf jetzt also nicht krank werden, damit sich die OP nicht nach hinten verschiebt. Daran denke ich die ganze Zeit und das macht mich richtig krank!

Also, es gibt die ganze Zeit etwas zu denken und ich denke noch viel mehr. Und immer, wenn ich fertig bin mit einem Plan, kommt eine neue Herausforderung auf mich zu. Wie zum Beispiel die Frage, was ich mir heute kochen soll. Wenn ich daran denke, bin ich schon wieder fix und fertig!

 

 

 

Genug geleistet?

Genug geleistet?

Was? Noch nicht mal zwei Wochen? Erstaunt blicke ich auf den Kalender. Gefühlt ist Silvester schon viel länger her. Vielleicht liegt es daran, dass ich gerade eine Menge planen, bedenken und tun muss. Dabei ist es objektiv gar nicht so viel. Früher hätte ich das alles so nebenbei gemanagt, ohne lange darüber nachzudenken.

Ich weiß gar nicht, wie ich das in meinem früheren Leben alles leisten konnte, damals, als die Kinder noch klein waren und ich täglich jede Menge zu organisieren und zu tun hatte. Wie habe ich bloß Familie, Beruf, Haushalt, Freundschaften und eigene Hobbys unter einen Hut gebracht?

Vielleicht war ich dazu imstande, weil meine Familie noch um mich herum wuselte. Natürlich war ich auch jünger und gesünder. Meistens jedenfalls.

Ich spielte mit meinen Kindern, brachte sie saubergewaschen und gekämmt ins Bett, las ihnen vor, bastelte und malte mit ihnen, ging mit ihnen in die Natur, auf Spielplätze oder schickte sie zu Freunden, organisierte Geburtstage und Weihnachtsfeste, wusch ihre Wäsche und sortierte sie in ihre Schränke, also die Wäsche, nicht die Kinder, ich backte und kochte und so weiter und so fort.  Einmal habe ich sogar in den Ferien mit allen Dorfkindern und unserem Hund zwei Wochen lang einen Kinderzirkus auf die Beine gestellt. An die Vorstellung auf dem Dorfplatz erinnere ich mich noch sehr gut. War erfolgreich und lustig! Ich begleitete meine Jungs durch die Schulzeit und kümmerte mich ab und zu um kulturelle Impulse, was auf dem platten Land ja nicht immer einfach ist. Wir zogen mehrmals um und kauften schließlich ein Haus. Das brachte immer wieder Unruhe, viel Arbeit und Neuanfänge in unser Leben.

Ich las auch selbst damals viel, besuchte Volkshochschulkurse und nahm an Fortbildungen teil. Ich malte, strickte, stickte und bastelte und hatte immer irgend ein Projekt in Arbeit. Ja, nicht alle wurden fertig und manche bleiben im Alltag stecken, aber ich machte immerhin. Ich absolvierte eine zweite Ausbildung und stieg doch in meinen Beruf als Lehrerin wieder ein. Eigentlich fing ich dort von vorne an, denn die Arbeit in einer Förderschule war etwas Neues für mich. Ich versorgte Tiere und den Haushalt. Ich kümmerte mich um Freundschaften und arbeitete mich an meiner Liebesbeziehung ab.

Während ich das jetzt schreibe, denke ich, ja, ich habe immer viel getan und gewollt und geschafft. Auch wenn ich es damals nicht so empfand: meine Familie hatte es gut mit mir. Nun sagt mir mein innerer Kritiker, ich solle nicht so aufgeblasen daherreden, ich hätte ganz schön viel Mist gebaut. Meine Kinder und mein Mann haben schwer unter mir gelitten. Ja, stimmt, manchmal war es so, aber sehr oft eben auch nicht! Merkt Ihr, wie gut ich meinen Vorsatz für das neue Jahr heute umsetze? Muss ich mich doch gleich mal selbst loben!

Damals hatte ich oft den Eindruck, dass mein Mann den Großteil der Arbeit leistete und ich nur angehängt war. Heute sehe ich das anders. Wir haben uns die Aufgaben aufgeteilt. Mein Mann war universell begabt und konnte eigentlich fast alles. Insbesondere im handwerklichen und gärtnerischen Bereich war er unersättlich am Tüfteln und Bauen und Gestalten. Seine Ergebnisse waren offensichtlich, meine Beiträge  häufig nicht so deutlich sichtbar. Nur wenn sie plötzlich wegfielen, dann merkte man schon etwas. Heute bin ich stolz auf das, was ich zum Familienleben beitrug.

Ein großer Umbruch in meinem Leben war die Entscheidung, auszuziehen, nachdem unsere Kinder erwachsen waren. Damals noch in der Hoffnung, dass mein Mann und ich mit getrennten Wohnungen wieder zueinander finden könnten. Hat nicht geklappt und die Scheidung setzte einen Schlusspunkt. Nein, stimmt nicht. So ganz Schluss war ja bis zu seinem Tode nie.

Was hartnäckig blieb, war der Gedanke, dass ich nicht genug bin und leiste. Ganz tief in mir entfaltet er seine Kraft immer noch im Unterbewusstsein. Ich rede, schreibe und denke laut dagegen an. Dabei entdeckte ich mein Mitgefühl. Und zwar mein Mitgefühl für mich selbst.

Ich durchlebte wie wir alle traurige und schwere Zeiten und bin an ihnen gewachsen. Ich kriegte es in den letzten Jahren gut hin, weil ich mir viel Zeit für mich nahm. Dass ich nicht mehr erwerbstätig bin, ist eine gute Voraussetzung dafür! Ich konnte mir die Zeit nehmen, die ich brauchte, um meine Kraftreserven wieder aufzufüllen. Wieviel Energie es kostet, Trauer zu spüren und zu halten, habe ich z. B. heute gerade noch einmal bemerkt, als ich in unserem Haus nachsah, ob der „Entrümpler“ es tatsächlich leergeräumt hat. Hat er. Alles weg und ich wurde so traurig und kraftlos, dass ich mich bei mir Zuhause sofort hinlegte und fest einschlief. Ist der Tagesschlaf jetzt verlorene Zeit? Nein, ich denke nicht. Er war notwendig und gut für mich.

Ich vergaß auch in schweren Zeiten nicht, das Schöne (wieder) zu spüren. Ich bin so aktiv und leistungsfähig, wie ich es gerade sein kann, sogar ziemlich erfolgreich, finde ich. Das Haus ist leer und wird voraussichtlich im Februar neue Besitzer haben. Ein guter Preis ist erzielt. Meine Knie-OP Anfang Februar ist geplant und ich weiß genau, wann ich was erledigen muss. Ich habe eine weitere Reise mit meinen „Mädels“ nach Dänemark gebucht. Ich treibe Sport in Maßen und nach Lust und Laune. Es wird im März wieder einen Philosophie-Kursus in der Volkshochschule geben. Qigong läuft auch weiter und im September bin ich für eine Jahresgruppe angemeldet, in der wir in regelmäßigen Abständen unsere Lebensfragen „aufstellen“ können. Die „Schreibwerkstatt“ existiert noch und wir werden künftig nach einem Lehrbuch arbeiten. Ich durchlebe ab und zu kleinere Panikattacken, die lästig und anstrengend sind, aber nicht mehr so bedrohlich. Ich spüre sie und weiß, sie werden bald aufhören und damit besiege ich sie. Mein Auto ist durch den TÜV gekommen. Und einen neuen Teppich habe ich mir für die Essecke auch geleistet. Ich weiß nur noch nicht, ob ich den nun wirklich gut finde, aber auch diese Frage werde ich mir eines Tages noch beantworten. Muss ja nicht sofort sein.

Es gibt also überhaupt keinen Grund, daran zu glauben, dass ich mehr leisten könnte, wenn ich nur wollte. Dieser Satz stand übrigens oft in meinen Zeugnissen, fällt mir gerade ein. Nun will ich endlich aufhören, mir selbst eine so negative „Kopfnote“ auszustellen.

Also, Ihr Lieben, glaubt einer alten, lebenserfahrenen Frau: Wenn Ihr denkt, Ihr seid nicht aktiv und gut genug, sind das Gedanken, die gut überdacht und wahrscheinlich neu gedacht werden sollten. Meistens stimmen sie nicht, wie Ihr an meinem Beispiel sehen könnt. Und meinen inneren Kritiker, der deutlich macht, dass er diese Weisheit ganz und gar nicht mit mir teilt, den schicke ich jetzt in den Garten. Da kann er sich dann schnell mal selbst doof finden!

Ich wünsche Euch einen schönen Sonntag!

Tagebücher

Tagebücher

Heute fand ich meine alten tagebücher

ich verlor mich im spiegel der zeit

und es gefiel mir nicht

was ich dort sah.

 

Jetzt liegen noch mehr davon

in einer ecke

und ich will sie nicht lesen

oder doch?

 

Jetzt fühle ich

meine hilflosigkeit

von damals

wieder neu

und sehe

ich bin noch immer so

wenn stress meinen verstand vertreibt.

 

Kann es helfen zu erkennen

verhaltensmuster zu benennen

oder kann ich damit leben

wenn der spiegel mir sagt

du machst es schon wieder!

 

Kann ich dann lachen

und sagen

ja, es war schon immer so

bin ich dann froh

es nicht ändern zu können

wenn ich überfordert bin?

 

Ich warte ab

bei gelegenheit

werde ich mich wieder schutzlos fühlen

hilflos den verstand verlieren

wenn die angst das handeln

zäh werden lässt

dann werde ich so sein

wie ich bin

und es geht trotzdem weiter.

 

Mal sehen, mal sehen

und ich lese sie einfach nicht

die Tagebücher haben ausgesorgt.

 

 

 

 

 

 

Ein fester Vorsatz

Ein fester Vorsatz

Der letzte Beitrag war natürlich gelogen. Also, fast. Negative Glaubenssätze lassen sich nicht so leicht entsorgen. Ansehen, erkennen und ausmisten, wenn das so einfach wäre!

Wie oft schon habe ich meine negativen Glaubenssätze vor die Tür gestellt, in der Hoffnung, sie würden einfach verschwinden! Pustekuchen! Sie blieben nicht weg, sie fanden immer wieder einen Weg zurück.

Das ist ihre Natur. Sie haben sich so fest eingenistet, dass so ein läppischer Vorsatz, sie zu entsorgen, lächerlich und völlig wirkungslos ist.

Die schlimmen Glaubenssätze wirken nicht mehr so stark wie früher. Ich habe sie benannt und als das erkannt, was sie wahrscheinlich sind: veränderbare Einstellungen, vielleicht von außen eingepflanzt, nicht unbedingt wahr. Sie lassen sich trotzdem nicht einfach aussortieren und entsorgen.

Oder? Habt Ihr einen einfachen Weg gefunden, Eure  schädlichen Glaubenssätze zu verbannen?

Ich nicht. Keine Therapie und kein Nachdenken schafften sie weg. Kein guter Vorsatz  bewirkte, dass sie endgültig verschwanden. Ich glaube noch immer nicht daran, dass der Satz: „Ich bin liebenswert“ wahrer sein soll als „Ich bin nicht liebenswert“ . Er ist nur schöner. Wenn ich an das Positive glaube wirkt sich das mit Sicherheit auf mein Lebensgefühl aus. Weiß ich. Nur, die negativen Gedanken sind ja trotzdem noch da.

Ich kann sie nicht rausschmeißen, aber vielleicht so lange bearbeiten, bis die negativen Gedanken nicht mehr wissen, wo oben und unten ist und sich geschmeidig in positive Glaubenssätze umformen lassen. Die unnützen Gedanken wären dann nützlich, wenn sie sich in „ich bin liebenswert“ , „ich gehöre dazu“ , „ich kann ganz viel“ , „ich bin ein Teil des Ganzen und darum nicht allein“ und „ich bin nicht allmächtig“ verändern ließen.

Wirklich? Auch das habe ich schon unzählige Male vergeblich gemacht. Die negativen Glaubenssätze denken nicht daran, sich dauerhaft positiv zu verhalten.

Also funktioniert dieser Trick auch nicht.

Etwas ratlos stehe ich vor meinen Glaubenssätzen, die mir nicht gefallen, aber sie scheinen ganz fest zu mir zu gehören. Ich werde es nicht schaffen, sie dieses Jahr noch in Luft aufzulösen.

Mal sehen, ob etwas anderes besser klappt. Aus „ich gehöre nicht dazu“ könnte ein „manchmal gehöre ich nicht dazu“ werden. Damit kann ich gut leben, denn manchmal ist es ja tatsächlich so. Wenn ich akzeptiere, dass ich eben doch hin und wieder dazu gehöre, ist alles gut. Ich könnte dann das Zugehörigkeitsgefühl genießen, wenn es sich einstellt. Ich kenne es noch nicht so gut. Es ist schüchtern. Ich werde es in Zukunft stärken!

Prima. Mal sehen, wie es sich mit dem „ich bin nicht liebenswert“ verhält. „Manchmal bin ich nicht liebenswert“ ist auch wahr. Es gibt Situationen, in denen ich nicht besonders liebenswert rüberkomme. „Ich bin es wert, als unperfekter Mensch geliebt zu werden“ würde den negativen Glaubenssatz ergänzen. Manchmal fällt es schwer, mich zu mögen und manchmal findet man mich ganz putzig und liebenswert. Beide Seiten sind da und nichts muss aussortiert werden.

Ich kann nichts“ ist leicht. Es gibt kein Lebewesen, welches nichts kann. Gar nichts. Sogar Steine können schwer sein und rumliegen. Also „ich kann nichts“ ist ganz einfach ein großes Missverständnis und kann tatsächlich entsorgt werden. Das zumindest kann ich tun. Das ist mehr als nichts! Na also. Ähnlich ist es mit dem „ich bin ganz alleine auf der Welt“ und „ich bin immer als einzige an allem schuld“. Dazu muss ich nicht viel sagen und wird tatsächlich jetzt sofort entsorgt. Manchmal bin ich alleine und manchmal trage ich Schuld, aber dass ist ja etwas ganz anderes. Das kann bleiben.

Verallgemeinerungen werden ab heute einfach nicht mehr gedacht!

Prima, ein guter Vorsatz für das neue Jahr!

 

 

Unnützes Zeug

Unnützes Zeug

Die Tage „zwischen den Jahren“ regen zum Aufräumen an. Nicht nur Schränke und Schubladen könnten neu sortiert werden, sondern auch die alten Glaubenssätze gehören einmal gründlich abgestaubt und angeschaut. Welches ist hilfreich und was kann in den Müll?

Ich nehme mir das „Ichgehörenichtdazu“ vor. Brauche ich das alte, nichtsnutzige Ding noch? Will ich mich weiterhin an den scharfen Kanten verletzen? Ist es gut für mich, wenn sich die Seele dorthin verkriecht, die Fenster fest schließt, damit auch ja keiner auf die Idee kommt, sie zu besuchen und in die Arme zu nehmen? Nein, nein, das kann weg. Für immer.

Ich finde das furchtbare „Ichbinnichtliebenswert“, eine giftige Brühe im unfassbaren Gefäß. Wer hat sie hier überhaupt vergessen und warum ist sie immer noch hier? Sie tarnt sich gut, macht sich breit und wird dabei doch übersehen. Aber gefühlt. Die Seele badet ab und zu darin, weil sie denkt, sie muss. Immer noch. Nein, nein, will ich nicht mehr haben. Muss ich auch nicht. Soll die Seele doch lieber in den See der Freude springen oder die Zufriedenheit suchen.

Das „Ichkannjanichts“ möchte raus aus seinem Sack, es  dehnt und streckt sich nach allen Seiten. Es rumpelt im Kreis herum und will entweichen. Nein, nein, du bleibst schön da, wo du bist! Dich brauche ich wirklich nicht. Ich bin Rentnerin und kann entspannen. Das zumindest kann ich gut. Manchmal.

Das „Ichbinganzalleinaufderwelt“ kocht Selbstmitleid im großen Kessel und will die Seele damit nähren. Wie gut sich die Festtage dazu eigenen! Wie herrlich kann die Seele davon trinken und traurig sein. Sie wird weinen und alles bleibt sowieso ganz furchtbar hoffnungslos. Brauche ich das wirklich noch? Oder kann das weg? Kann weg! Oder doch lieber  nicht?

„Ichbinanallemschuld“ grinst in seinem Spiegel und tanzt einen wilden Tanz. Ich erlaube der Allmachtsphantasie, mir alle Schuld der Welt auf die Schultern zu legen, denn ich bin stark, ich kann sie tragen. Aber will ich sie noch? Nein, nein, vorbei, ich brauche sie ja zu gar nichts mehr. Also gehört das Teil nun endlich aussortiert. Meine eigene, private Schuld kommt in ein goldenes Kästchen, sie darf bleiben.

Der Berg der unnützen Glaubenssätze ist jetzt schon ganz schön hoch und ich bin noch nicht einmal fertig. „Soll“ und „Muss“ bringen alles durcheinander und sind nicht zu fassen, so schnell verschwinden sie in dunklen Ecken und stricken neue Muster. Unnützes Zeug staubt still vor sich hin, bis es sich bemerkbar macht mit lautem Knall und Juchhe. Das schaffe ich nicht alles auf einmal aufzuräumen.

Aber immerhin habe ich mit dem Ausmisten schon angefangen und fünf alte Denkmuster müssen daran glauben.

Aber wohin damit?

3. Dezember

3. Dezember

Im Haus ist es ruhig geworden. Die Seele sitzt auf dem Sofa in der kalten Stube. Sie wartet auf die Trauer. Aber diese kann nicht kommen, weil ihr die eisige Fassungslosigkeit den Weg versperrt.

Die Liebe streift durch das Haus und schaut nach ihren Leuten. Sie darf jetzt sein, ohne Wenn und Aber, und das tut ihr sehr gut. Sie kämpft sich durch zur Seele, umarmt sie und gibt ihr Kraft.

Das Innere Kind wird ungeduldig. Es läuft zum Selbstbewusstsein. „Du musst unbedingt kommen, die Seele will kein Weihnachten! Das geht doch nicht“, sagt es und stampft mit dem Fuß auf. Das sieht das Selbstbewusstsein ein, denn Weihnachten ist wichtig.

Die Seele wendet sich ab und sagt: „Mein Lebensmensch ist gestorben, die Fassungslosigkeit ist zu groß und lässt keinen Platz für die Trauer in meinem Zimmer.“ Das Selbstbewusstsein setzt sich zur Seele und nimmt ihre Hand. Die Fassungslosigkeit zieht sich zurück und macht den Zugang frei. Die Lebensfreude steckt vorsichtig ihre vorwitzige Nase ins Zimmer und das Innere Kind springt in die Stube und auf Seeles Schoß.

Die Trauer gesellt sich mit einem Kilo Schokolade dazu und bringt einen Adventskranz mit. Selbstbewusstsein zündet die erste Kerze an und sagt: „Wir brauchen das jetzt!“ Die Lebensfreude und die Trauer kochen Tee und machen Feuer im Kamin. Das Innere Kind holt seine Buntstifte und beginnt ein großes Weihnachtsbild zu malen. Die Erinnerung schaut herein und lässt alte Weihnachtslieder erklingen.

Es wird warm in der Stube. Die Seele trinkt ihren Tee und sagt: „Aber ich will nicht groß feiern.“ Nein, das muss sie auch nicht. Alle spenden Seelentrost und das Innere Kind ist zufrieden, dass der Advent nicht in der Kälte verloren geht. Es setzt sich neben die Trauer und weint und dann lächelt es wieder.

Die Seele blickt ins Kerzenlicht und sagt: „Wer weiß, vielleicht überleben wir Seelen das Sterben. Vielleicht bekomme ich sogar eines Tages Besuch?“

Wir wissen es nicht. Wir wissen aber, dass unsere Seele bei den anderen gut aufgehoben ist, denn das Leben sorgt für sie.

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