Anpassen

Anpassen

Im Traum reiste ich mit vielen Menschen in den Süden. Unterwegs machten wir eine Pause. Ich wollte ans Meer, die anderen in der Stadt bleiben. In einer Stunde sollte es weitergehen, wohin auch immer. Ich dachte, ich schaffe den Weg locker ans und ins Wasser, denn Planschen wollte ich auf alle Fälle. Und rechtzeitig zurück kommen würde ich auch, da war ich sicher. Unterwegs bemerkte ich, dass das Meer zu weit weg war. Ich saß in einem Park und weinte. Und ich bemerkte, wie schön es um mich herum war. Blumenpracht und Vogelsang und sogar ein Äffchen turnte in den Bäumen herum.

Dann wachte ich auf und dachte, dass ich vieles nicht mehr erreichen werde. Schöne Dinge, die ich früher so mochte und die leicht zu bewältigen waren, schaffe ich einfach nicht mehr. Aber das, was noch geht, kann auch spannend und ausfüllend sein und das Leben bleibt liebenswert.

Ich weiß ja auch, wenn ich mich erst einmal aus meiner Komfortzone wage, besitze ich mehr Kräfte als gedacht. Ich komme vielleicht nicht ans Meer, aber irgendwohin, wo es auch schön ist. Wo ich Neues entdecken kann.

Natürlich schaffe ich es sogar noch ans Meer, wenn es so bleibt, wie es ist. Auch das kann sich ändern, aber hoffentlich nicht so schnell. Mein Erleben wird sich anpassen. Wo ich früher weit gewandert bin, bleibt heute mein Radius kleiner. Aber auf einer Bank sitzen und genießen, was ist, mag die Seele genauso gern.

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Geborgen

Geborgen

Leicht wird es nicht, gemütlich und fröhlich durch den Advent zu kommen. Ich scheine in einer Umbruchphase zu sein. Das Alte ist noch nicht verabschiedet und das Neue noch nicht angekommen. Es kann also Turbulenzen geben.

Was kann das Neue sein? Ein neues Bett ist ja noch nicht alles. Es ist ein Anfang, aber für was?

Es fällt mir so schwer, mich von Erwartungen, Hoffnungen und dem bekannten Gefühl der (vermeintlichen) Geborgenheit in der Familie zu verabschieden. Wo setze ich an? Eine echte Geborgenheit entwickeln? Eine, die ich noch gar nicht kenne? Eine in mir selbst, die ganz unabhängig von der Familie ist? Wenn ich sie im Innern nicht spüre, kann auch die Familie nichts tun? Gibt es neben der Selbstliebe auch eine Selbstgeborgenheit?

Die alte Regine nimmt ihr inneres Kind in die Arme und macht es ihm schön? Alleinsein ohne Stress nennt man das dann wohl. Klingt verlockend.

Die anderen besuchen mich ab und zu und gehen dann wieder zurück in ihre eigenes Leben, wo wenig Platz für mich ist? Halte ich die Traurigkeit geduldig aus und wende mich dann meinen eigenen Angelegenheiten wieder zu? Ja, hört sich richtig an. Für unsere Familie jedenfalls. Andere sind näher zusammen, wir eben nicht. War ja schon bei meinen Eltern und mir so. Nur da lebte ich in einer anderen Rolle. Die hat mir wesentlich besser gefallen, wenn ich nicht so oft dieses schlechte Gewissen gehabt hätte. Das möchte ich meinen Kindern ersparen.

Was mache ich mit dem Wissen, dass ich nichts tun kann außer die anderen zufrieden zu lassen? Genau das ist mein Lebensthema. Aber diesmal will ich es wirklich durchhalten, aufhören, etwas verändern zu wollen, was ich nicht beeinflussen kann. Etwas zu sehr wollen verhindert die Zufriedenheit.

Ich weiß, dass Abstand jetzt völlig in Ordnung ist. Ich schwanke zwischen Traurigkeit und Aufbruchsstimmung.

Vielleicht können meine Kinder und ich uns näher kommen. Vielleicht auch nicht. Ich will gelassen bleiben. Erst einmal meinen weiteren Lebensweg beginnen, ohne dass Ansprüche, Wünsche und festgefahrenen Vorstellungen mich blockieren.

Ach, das ist so schwer.

Ich werde jeden Tag den Adventsschmuck im Zimmer aufstocken, je nach Lust und Laune. Die Frage, ob ich draußen Lichterketten und den roten Weihnachtsstern in Betrieb nehme, ist noch nicht geklärt. Ich bin ein wenig traurig, dass die Stadt Lüchow in diesem Jahr den großen Stern auf dem Amtsturm nicht aufstellt. Ich kenne ihn, seit ich hier wohne. Er gehörte für mich einfach dazu. Er gab mir im Advent oft Anlass, im Dunkeln noch einmal eine Runde zu drehen und Weihnachtsstimmung zu tanken. Und nun fällt der weg und mein inneres Kind will, dass ich im Garten meinen eigenen Stern wenigsten für ein paar Stunden am Abend leuchten lasse. Ja, das werde ich tun. Es gibt mir in der Dunkelheit ein schönes Gefühl, zu wissen, dass er da ist, auch wenn ich nicht ständig aus dem Fenster gucke und ihn ansehe. „Du bist nicht allein“, erzählt er mir. „Auch wenn gerade niemand da ist“, ergänzt die Liebe.

Und damit ist ja schon alles gesagt, gedacht und gefühlt, um entspannt nach der wahren Geborgenheit Ausschau zu halten.

Zugewinn

Zugewinn

Was ich gelernt habe:

Gegen Trigger komme ich nicht an. Und die anderen auch nicht.

Ich übe zu erkennen, wann sich ein Trigger einschleicht und wann mein Unwohlsein mit der aktuellen Lage zusammenhängt.

Ich nehme meinen Mitmenschen nicht übel, wenn sie sich aus einer Situation herausziehen, weil sie getriggert wurden. Wir müssen nicht darüber sprechen, wenn wir nicht wollen.

Meine Familie kann nicht verglichen werden mit anderen. Wir sind so, wie wir sind. Ursachen sind bekannt, aber es ist nicht so wichtig, darüber immer und ewig zu sprechen.

Jede(r) hat sein Eigenes zu bearbeiten und das können wir auch ohne die anderen.

Wir äußern unsere Wünsche. Ich auch.

Die anderen haben nicht immer recht, aber es ist ihr Standpunkt, der manchmal anders ist als meiner.

Ich will zukünftig nicht immer dabei sein. Und manchmal schon.

Meine Einsamkeit schleppe ich schon mein ganzes Leben mit mir herum.

Ich vertraue.

Klare Sicht und Worte sind ein Zugewinn. Auch wenn es nicht immer lustig ist.

Einsicht und Aussicht

Die Einsicht, dass auch meine Kinder in einer dysfunktionalen Familie aufgewachsen sind, ist schmerzhaft. Ich dachte, es wäre nicht so gewesen, denn ich weiß, wie sehr ich meine Kinder liebte und liebe. Mein Mann und ich haben es anders gemacht als unsere Eltern. Aber es war nicht genug, auch wenn wir unser Bestes geben wollten.

In einer toxischen Beziehung kann das Familiensystem nicht funktionieren. Damals habe ich nichts über toxische Beziehungen gewusst, vielleicht gab es den Begriff auch noch gar nicht. Wir waren nicht glücklich miteinander und wollten das ändern. Doch sogar in den diversen Paarberatungen und Therapien durchschauten die Therapeuten und Therapeutinnen nicht, dass unsere Beziehung keine gesunde war, sondern darauf beruhte, dass ein Narzisst und eine Co-Narzisstin miteinander verbunden waren. Verbunden ist hier im Sinne von abhängig zu verstehen. Diese Verbindung hätte aufgelöst werden müssen. Aber davon war nicht die Rede, wir wollten die Familie zusammenhalten und das ging nur mit Veränderungen, und zwar hauptsächlich mit meiner. Ich lebte im Glauben, dass unsere Söhne mit ihrem Vater eng verbunden waren und ich die Harmonie mit meiner Unzufriedenheit, meinen ewigen Forderungen, meinen regelmäßigen Ausbrüchen und meinem weinerlichen Charakter störte. Vereinfacht ausgedrückt, aber nicht falsch.

Heute weiß ich, wie sehr die Kinder unter unserem Familiensystem gelitten haben. Wenn wir darüber sprechen, sehe ich es ihnen auch an. Und das tut weh.

Nach der Scheidung ahnte ich immer noch nicht, was passiert ist. Erst nach und nach konnte ich die Ursachen der Distanz zwischen meinen Kindern und mir erkennen. Mein Mann ist vor ein paar Jahren gestorben und das Verhältnis zu meinen Söhnen veränderte sich so allmählich zum Guten. Beide leben in glücklichen Beziehungen (wage ich mal zu behaupten) und meine Mutter-Rolle veränderte sich rasant.

Dass wir aktuell miteinander intensiv ins Gespräch kommen, zeigt mir zum Glück, dass trotz der großen Schwierigkeiten auch vieles gelungen ist. „Irgendwas ist da, aber eigentlich ist doch alles gut,“ sagte mir ein Sohn, bevor wir uns ziemlich fest drückten.

Was wirklich schwer zu tragen ist, ist der Gedanke, dass ich nachträglich nichts verändern kann. Ich kann mein Leben nicht noch einmal von vorne beginnen und es meinen Kindern so schön machen, wie sie es verdienen.

Und damit komme ich zu meinen Eltern, denen es wahrscheinlich so ähnlich ergangen ist. Mein Vater hat mir, kurz bevor seine Demenz ausbrach, gesagt, dass ihm so vieles leid tue, was er mir angetan hat. Der eine Satz hat ausgereicht, dass ich mich auf den Weg machen konnte, mich innerlich mit meinen Eltern zu versöhnen. Ob sie sich genauso fühlten wie ich heute, als ihnen klar wurde, dass sie ihre Liebe im Umgang mit uns Kindern nicht so umsetzen konnten, wie sie eigentlich wollten? Leider kann ich sie das nicht mehr fragen, aber ich kann nachspüren und auf irgend eine Weise scheine ich mentalen Kontakt zu meinen Eltern zu haben. Zumindest in meiner Gefühlswelt ist es so und das reicht ja auch aus. „Ja“, meinen sie. „Auch für uns war es schwer. Aber du, Tochter, bist doch trotzdem gut gelungen.“

Dass es so viele Generationen braucht, um die schädlichen Familienmuster zu durchbrechen, ist doch sehr anstrengend, oder?

Als ich gestern auf der Terrasse mein Gesicht in die Sonne hielt und darüber sinnierte, sah ich Schmetterlinge flattern. Dass sie echt waren, beweisen mir meine Fotos und abends gab es einen herrlichen Sonnenuntergang mit Gänsen zu beobachten. „Ist doch alles gar nicht so schlimm“, sagte eine innere Stimme und ich glaubte ihr.

Ehrlichkeit

Ehrlichkeit

Manchmal sind die anderen nicht wahrhaftig. Dann sagen sie nicht, was sie denken und fühlen. Oder sie verschweigen etwas, weil sie glauben, dass mich ihr Handeln verletzen wird. Oder sie machen es sich leicht und äußern das eine und handeln ganz anders. Mir fällt gerade viel dazu ein. Manchmal wird mir erst Jahre später bewusst, was passiert ist und dann rumort mein Bauch und der Schmerz macht sich so richtig breit. Ich bin wütend und manchmal auch verzagt.

Das kennen wahrscheinlich sehr viele Menschen und wir haben gelernt, welche Strategien uns helfen, damit zurecht zu kommen.

Manchmal bin auch ich unehrlich und reagiere so, wie ich denke, dass die anderen es von mir erwarten. Weil ich geliebt werden, Freundschaften erhalten, dem anderen nicht weh tun möchte. Oder weil es einfach bequemer ist.

Das kennen wir alle, vermute ich. Ist ja auch nicht immer schlecht. Manchmal brauchen wir das als sozialen Kitt.

Früher habe ich nicht viel darüber nachgedacht, in den letzten Wochen durchschaue ich meine Strategien, die ich anwende, wenn die Realität zu schmerzhaft werden könnte, immer besser und es ist nicht so schön zu erkennen, wie oft ich meiner Selbsttäuschung glaube.

Und eben beim Zähneputzen wollte ich mal wieder in den Groll über die vielen Enttäuschungen verfallen. Da sagte mir eine innere Stimme: „Du bist das ja meist selbst!“ Ich wollte ihr nicht glauben. Das wäre ja noch schöner! Es sind doch die anderen, die mich nicht mögen, die mich ihrem Leben fern halten, die mir die Unwahrheit sagen. Ja, manchmal ist das auch so.

Aber mir fallen gerade so viele Situationen ein, in denen ich glauben wollte, was die anderen mir auftischten und darum das Spiel mitmachte, obwohl mir mein Bauchgefühl etwas ganz anderes mitteilte. „Da stimmt etwas nicht“, rumorte es in mir. Aber ich machte mit, hielt mich von schmerzhaften Einsichten fern und fiel aus allen Wolken, wenn sie sich, meist viel später, durchsetzten. Dabei hätten ein paar Nachfragen meinerseits die Situation sofort klären können und alles wäre für mich viel leichter gewesen, als später zu erkennen, was passierte und ich dann ab und zu durch „die Hölle“ gehen musste. Manchmal habe ich mich mit meinem Unglauben an das, was war, selbst in richtig schlimme Situationen manövriert, bin an meine Grenzen gekommen und einmal wollte ich nicht mehr leben. Dabei hätte ich mir sehr viel Leid ersparen können, wenn ich besser zugehört, mutiger gewesen und nicht so festgefahren in meinen eigenen Wünschen und Vorstellungen gewesen wäre, meinem Bauchgefühl getraut und die Realität in mein Leben integriert hätte.

Ja, hätte ich, wenn ich der Mensch gewesen wäre, der ich heute bin. War ich aber nicht und darum nützt das neue Wissen nachträglich nur zur Erklärung. Ich streiche das „nur“, das Verstehen löst viele negative emotionale Knoten auf. Und mir wird dieses Bewusstsein vielleicht helfen, die aktuellen Fallen rechtzeitig zu erkennen, damit sich möglichst wenig neue Unehrlichkeit aufbaut und ich meine Kraft zukünftig nicht mehr mit Abwehrstrategien vergeude. Dazu gehört der Mut, den anderen nicht alles durchgehen zu lassen und mich vielleicht sogar auch unbeliebt zu machen.

Mein innerer Angstmacher sagt: „Dann wirst du bald überhaupt niemanden mehr haben.“ Das behauptet er schon immer. Jetzt ist Schluss damit. Vielleicht werde ich Menschen verlieren, aber auch neue in mein Leben lassen können.

Es ist nie zu spät für die Annäherung an die innere Wahrhaftigkeit.

Positiv und Negativ oder umgekehrt

„Ich komme im Moment überhaupt nicht klar“, denkt sie und hängt das Bild auf, welches endlich fertig geworden ist.

Na ja, sie kann das nicht mehr so akkurat mit ihren Händen, wie sie es gerne hätte. Aber geht so.

„Man muss das nehmen, was ist“, denkt sie. Und immerhin ist sie in der Lage, das Bild digital zu verändern, das ist ja schon mal was. Das konnte sie vor ein paar Jahren nicht. Lernzuwächse gibt es also jederzeit.

Und dann geht sie zur Tagesordnung über. Muss ja weitergehen, irgendwie. Vielleicht merkt niemand, dass sie im Moment ihr Selbstbewusstsein sucht, welches sich wirklich gut versteckt hat. Dafür rumoren die bösen Gesellen und pflanzen ihr das schlechte Gewissen ein. Schlimme Erinnerungen häufen sich und die guten stellen sich tot.

„Das nützt ja auch wieder nichts,“ denkt sie und erinnert sich daran, dass es nicht um die Schuld geht, sondern um Veränderungen.

Und die brauchen ihre Zeit.

Zum Glück scheuen die schlimmen Gesellen diesen Gedanken und sie verdrücken sich mitsamt den schlechten Gefühlen. Und damit wird der Weg frei für die Zuversicht.

„Man kann die Farben umkehren, nicht nur am PC“, denkt sie und hängt die Wäsche im Garten auf. Vielleicht trocknet sie noch so einigermaßen in der Novembersonne.

Nebelgrau und Himmelblau

Nebelgrau und Himmelblau

Manchmal versinke ich im Sumpf, der Mut verkrümelt sich, Selbstmitleid übernimmt das Kommando und das Innere Kind spürt nur noch das Schlimmste aus vergangenen Tagen.

Manchmal ist es schwer.

Und manchmal geht dann auch wirklich alles schief.

Niemand scheint mehr für mich greifbar zu sein.

Und die Nachrichten schicken meinen Lebensgeist mitsamt der Freude in den Keller und dort sollen sie bleiben und sich schämen.

Nun gut, kann so bleiben.

Aber will ich das?

Nein, ich lote meine Möglichkeiten aus. Ich bin noch handlungsfähig. Ich lasse die Nachrichten nicht ins Haus. Ich mache Musik für das innere Kind und befreie den Lebensgeist. Die Freude streckt sich und fragt, was sie für mich tun kann.

Und plötzlich klingelt auch das Telefon.

Desillusion

Desillusion

Ich täusche mich häufig. Ist nicht so schlimm, ich kann nicht alles wissen. Meine Wünsche, Vorstellungen und Einschätzungen sind nicht immer vereinbar mit denen der anderen, den Umständen oder dem Wetter. Ich darf mich anpassen, ich darf aber auch bei meinen alten Gedanken bleiben und gucken, ob sie sich nicht doch verwirklichen lassen. Ich darf auch aufgeben und Neues wollen. Ich darf auch feststellen, dass ich mir selbst etwas vorgemacht habe. Ich darf meine Illusionen erkennen und aufgeben. Oder auch nicht, Illusionen sind wie das Salz in der Suppe, manchmal. Alles ist in Ordnung.

Ich bin enttäuscht. Das fühlt sich oft richtig schlimm an. Damit ich aus dieser Gefühlslage komme, kann ich sauer sein auf die anderen, die Umstände oder das Wetter. Ich kann mich in Frage stellen, mich unfähig, schlecht und falsch fühlen. Ich kann in die Verbitterung gehen, mich an den Gedanken klammern, das mir alles, wirklich alles um die Ohren fliegt. Ich kann aufgeben, resignieren und traurig sein. Ich kann denken, dass ich das Recht dazu habe und das Leben einfach nur ungerecht zu den Guten ist. Das kann ich tun, will ich aber nicht, weil dieser Weg mich in die Sackgasse führt. Und wenn ich weiter will, muss ich sowieso umkehren, also wäre es blöd, diesen Weg einzuschlagen. Ich will ja schließlich nicht irgendwo im Nirgendwo festsitzen. Obwohl…. vielleicht ist es dort auch ganz gemütlich?

Ich bin enttäuscht und das fühlt sich nicht gut an. Ich bin enttäuscht heißt, dass ich mich getäuscht habe. Mit dieser Interpretation bleibe ich flexibel und ich kann guten Mutes überlegen, was zu tun ist.

Ich muss nicht jede Enttäuschung auflösen, um etwas vermeintlich Heiles daraus zu machen. Ich darf Neues denken und darauf vertrauen, dass mir mein Bauchgefühl einen guten Weg zeigen wird. Nachgeben, weiter so tun als ob, mich fügen ist eine Option. Ich darf auch beenden, was mir nicht gut tut, weil ich mich täuschte. Weil ich ständige Enttäuschungen leid bin. Ja, das darf ich! Das kann dann auch als Altersstarrsinn ausgelegt werden, aber wenn ich weiß, dass ich mit der Enttäuschung flexibel geblieben bin, dann ist es egal, wie andere mein Handeln interpretieren. Auch sie können sich täuschen.

Ich kann mich sogar sehr gut in mir täuschen. So, wie ich denke, dass ich bin, bin ich noch lange nicht, wenn es darauf ankommt. Das ist bitter, aber gehört zum Leben. Ich dachte zum Beispiel vor ein paar Tagen daran, dass es mir immer schwerer fällt, mich in die Sicht der anderen zu versetzen, mich in ihre Schuhe zu stellen sozusagen. Oha, da will ich aufpassen und es wieder mehr praktizieren. Im Selbstgespräch auch die anderen zu Wort kommen zu lassen kann nicht schaden, wenn ich mich dabei nicht vergesse.

Ich bin nicht der Mittelpunkt der Welt, auch wenn ich der Mittelpunkt meines Lebens bin.

Es wird wieder Zeit, andere Süppchen zu probieren, auch wenn mir meins am besten schmeckt. Dann ist die Enttäuschung nicht mehr bitter, sondern fein-würzig. Und dann ist es erst recht nicht schlimm, mich zu täuschen, denn es stehen mir viel mehr Zutaten zur Verfügung, wenn ich aus fremden Töpfen probiere. Ob es mir schmeckt, entscheide ich dann selbst.

Mein Güte, was für ein Wirrwarr sich auftut, nur weil ich etwas über die Enttäuschung schreiben will. Und wie schnell ich das Durcheinander der Gefühle und Gedanken ordnen kann, weil ich darüber schreibe.

Ich danke Euch für das Lesen bis hierher. 💕

Allein

Allein

Mein Nahdransohn sagte am Telefon, dass er und seine Liebste Lust auf ein Silvester auf Föhr haben. Ich war glücklich und begeistert und suchte sofort Ferienwohnungen heraus. Die Vorfreude tanzte Tango! Am nächsten Tag zogen die beiden sich zurück. Ungewisse Schneestürme, Kälte und großer Trubel schreckten die beiden dann doch eher ab und sie wollen lieber im Frühling…..

Na gut, ich bin ja schon groß und war schnell in der Lage, meine Enttäuschung ziehen zu lassen. Sie haben ja nicht ganz unrecht. Trotzdem: Silvester auf meiner ehemaligen Heimatinsel war immer etwas ganz Besonderes. Soll ich alleine? Das ist eigentlich zu teuer für mich. Mir fällt auch niemand ein, mit dem ich eine Wohnung teilen könnte und wollte. Ach, dieses leidige Silvester. Wer mich hier schon länger kennt….😂

Tanken, in ungewohnten Läden einzukaufen und Tulpenzwiebeln zu setzen ist heute Abenteuer genug für mich. Ich bin einfach zu schlapp, um in die Heide oder nach Hitzacker zu fahren, wie ich es eigentlich vorhatte. Ich kenne das schon und weiß, in mir brodelt etwas, was viel Kraft kostet und sich körperlich und seelisch auswirkt. Ich tue gut daran, mir das Gewohnte zu gönnen und bei meiner Radrunde zu bleiben. Es gibt ja zur Zeit wirklich furchtbar viel zu verkraften und zu verarbeiten…. aber das wisst Ihr ja selbst.

Ich lese „Die Freiheit, allein zu sein“ (https://www.politycki-partner.de/projekt/die-freiheit-allein-zu-sein/ ) und komme nur langsam vorwärts mit dem Buch. Es gibt so viel zu denken, zu erinnern und zu verstehen. Als Kind ging ich zum Beispiel bei den sonntäglichen Familienspaziergängen immer am liebsten still, allein und hinten. Das wurde nicht gerne gesehen, weil meine Eltern es als Unlust oder Beleidigtsein interpretierten. Zumindest war die Tagträumerei der Tochter doch etwas seltsam, so dachten sie. Heute weiß ich, warum ich so gerne mit mir allein spazier(t)e und dass Versunkensein keine verlorene Zeit war und ist. Dieses Buch wird mich endgültig von den Erzählungen über Fleiß, immerwährende Geselligkeit und Betriebsamkeit befreien, die ich von klein auf verinnerlichte. Ich lebe schon eine ganze Weile ohne diese und faulenze gerne vor mich hin, aber mein Innerstes denkt, dass das im Grunde eine schlechte Eigenschaft sei, die verändert werden muss. Wie blöd kann ich doch sein.

„Vielleicht haben manche Eltern Sorge, dass ihr Kind für andere seltsam erscheint, wenn es zu lange auf dem Spielplatz selbstvergessen im Matsch sitzt. Das könnte auf ihre Leistung als Eltern zurückfallen. Hat man das Kind zum Eigenbrötler gemacht, nicht genug gefördert, weil es nicht mit anderen Türme baut? Die meisten Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder viele Freunde haben, beliebt sind und dazu gehören, zu was auch immer. Als würde ein großer Freundeskreis das Kind aufwerten. Dass das Kind einfach Zeit allein für sich hat, wird weder wert geschätzt noch gefördert.“

Sarah Diehl, Die Freiheit, allein zu sein. Eine Ermutigung. Seite 60/61

Ja genau, und so denken viele, ich eingeschlossen, auch über Erwachsene. „Was ist falsch an mir?“, frage ich mich, wenn ich mal wieder damit hadere, keinen Lebenspartner zu haben, wie klein mein Freundeskreis geworden ist oder wie wenig Zusammenhalt es in meiner Familie gibt. In diesen Momenten werte ich das Alleinsein ab, interpretiere es als Indikator dafür, dass ich nichts tauge. Das ist überspitzt formuliert, trifft aber den Kern, den ich am liebsten ignorieren möchte. Dabei könnte ich ja auch zu dem Schluss kommen, dass das Alleinsein sehr viel mehr beinhaltet als nur niemanden bei sich zu haben. Und dann: Alleinsein und Gemeinsamkeit sind keine Gegensätze, sondern sie ergänzen sich. Ach so, ja, ich schreibe hier allein, teile meine Gedanken aber allen mit, die hier lesen und fühle mich überhaupt nicht isoliert, denn ich verbinde mich ja gerade mit Euch. Kennt Ihr das Gefühl?

Ich denke, dieses Buch kann allen Menschen neue Impulse schenken, egal, ob sie alleine leben oder Gesellschaft haben.

So, und nun mache ich Schluss, wünsche Euch einen schönen, sonnigen Mittwoch, werde mich von Euch abkoppeln und mich lesend in den Garten verkrümeln.