Wo ich bin, ist das Leben

„Wo ich bin, ist das Leben“, denkt sie und kann sich nicht vorstellen, dass das irgendwann einmal enden kann. Sie ist so jung und hat noch viel vor!

Und sie lebt, mal so und mal so.

„Wo ich bin, ist das Leben“, denkt sie viele Jahre später und weiß, das es nicht immer so bleibt, auch wenn sie es sich überhaupt nicht vorstellen kann. Und damit kann sie ihr Sein sehr deutlich spüren und die kommende Dunkelheit verliert den Schrecken.

Und was bleibt, wenn sie nicht mehr ist, kann sie nicht wissen.

„Ich bin“, denkt sie heute und hat noch viel vor.

Damit leben

Nein, meine Angststörung ist nicht verschwunden. Sie gibt nur meist Ruhe, weil ich alleine lebe. Und darum ist mein Dasein kein Zufall. Bindungsstörung, soziale Phobie, Angststörung, egal wie ich die seltsamen, diffusen Gefühle und körperlichen Reaktionen nenne, sie beeinträchtigen mich und weil ich das nicht weg therapiert kriege, lebe ich damit.

In der letzten Zeit bin ich stärker mit meinen schlimmen inneren Gesellen konfrontiert, weil ich „nach Corona“ wieder ein soziales Leben habe und dies auch weiter ausbaue. Ich habe gelernt einzuschätzen, was körperlich passiert und wie die Angst einzuordnen ist. Das ist gut. Schlecht ist, dass alle geplanten Unternehmungen, auf die sich die meisten freuen, mir erst einmal schwer zu bewältigen, dunkel und gefährlich erscheinen. Besonders intensiv arbeiten diese Gefühle und Gedanken morgens. Im Laufe des Tages strahlen die Farben wieder und ich kann mich zur Freude und Vorfreude vorarbeiten.

Ich übe mich darin, die Angst nicht so ernst zu nehmen, die Emotionen anzuerkennen und sie dann aber auch ziehen zu lassen. Ich akzeptiere, dass ich oft erschöpft bin, bevor und nachdem ich etwas unternommen und Nähe zu Menschen gelebt habe. Ich wachse ja auch gleichzeitig und fühle mich lebendig.

Wer diesen Zustand nicht kennt, kann meine Schilderung hier nicht nachvollziehen. Wer sich mit Ähnlichem herumschlägt, weiß, wie anstrengend es sein kann, sich dem immer wieder auszusetzen. Wir sind tapfer und machen, denn wir wollen ja auch nicht vereinsamen, weil es einfacher zu sein scheint.

Ich wollte mich gestern unter Leute mischen und steuerte einen Dorfflohmarkt an. Als ich die Menschenmassen sah, spürte ich deutlich, dass mir das Gedränge zu viel sein wird und ich lieber alleine sein wollte. Ich hörte auf mein Bauchgefühl, kehrte um und radelte wie gewohnt mit mir selbst durch die Landschaft. Es gibt eben auch Zeiten, in denen ich mich erholen und ausruhen will. Dann geht das mit den sozialen Kontakten später umso besser.

Beim Fotografieren höre ich auf, mich mit mir zu beschäftigen. Ich fokussiere mich auf das, was ich sehe. Und darum tut mir mein Fotoapparat so gut.

Gestern sah ich hauptsächlich Strukturen, Linien, Technik und die herbstliche Farben der Natur. Und das Glitzern im Wasser. Aber das bekam ich nicht so richtig eingefangen. Nicht alles lässt sich von mir festhalten und das ist auch gut so.

Kleine Angst

„Alles zu viel“, denkt sie und möchte sich auf eine einsame Insel beamen. Ohne alles, nur mit Wasser, Luft und Wetter. Und vielen Süßigkeiten, die nichts schaden und vor allen Dingen nicht dick machen.

„Wo bleibt denn dort das Leben?“, fragt sie sich und bleibt doch lieber da, wo sie ist.

Nur diese diffuse kleine Angst, die wäre sie gerne los. Aber die bleibt trotzdem.

„Auch gut“, denkt sie und macht ein kleines Schläfchen. Im Traum umarmt sie die kleine Angst.

Stimmungstief und Abendstimmung

Mein Eindruck, dass ich nirgends eingebunden bin, dass es niemand wirklich gerne über längere Zeit mit mir aushält und dass meine Lieben besser ohne mich zurecht kommen, ist natürlich nur ein Spiegel meiner Seele.

Oder das Ergebnis eines viel zu langen Alleinlebens, meiner Trägheit, meiner sozialen Phobie, meiner Hochsensibilität, meiner körperlichen und seelischen Befindlichkeit, meiner hohen Ansprüche, meiner Persönlichkeit.

Ich bin traurig.

Und ich weiß, das Stimmungstief ist nur eine Phase. Das geht vorbei. Dann bin ich zwar immer noch allein, aber ich kann wieder besser würdigen, was ich hatte und habe. Zufrieden sein. Und vielleicht bekomme ich Ideen, wie ich mein Leben ein wenig verändern kann. Denn so, wie es ist, kann es nicht endlos weitergehen. Na ja, endlos geht sowieso nichts weiter……

Und weil es tagsüber zu heiß und zu sonnig ist, genieße ich es, abends unterwegs zu sein. Dann passt meine miese Stimmung einfach nicht mehr in die Gesamtsituation meiner Umgebung und es geht mir besser.

Pläne schmieden

Pläne schmieden

Ich bin angetriggert, möchte meine Vorbehalte (Reisen und Klima, Ihr wisst schon) loswerden und wieder in die weite Welt. Im Oktober ans Meer zum Beispiel. Am liebsten verbunden mit einem Seminar oder Workshop oder so. Etwas gemeinsam mit Leuten tun, raus aus der Einsamkeit. Ich stöbere im Internet und bleibe bei Fotokursen auf Rügen hängen. Landschaftsfotografie ist sowieso mein Ding und ich bin ganz aufgeregt. Herrlich! Wunderbar! Das mache ich……nicht. Bis zu drei Stunden zu Fuß unterwegs zu sein, wie angekündigt, werde ich nicht schaffen. Und richtig teuer ist das ganze auch. Und überhaupt……

Unlustig studiere ich das aktuelle Programm für die hiesige Volkshochschule. QiGong, klar, dort bin ich schon angemeldet. Aber beim ersten Lesen gibt es vor Ort nichts anderes für mich, beim zweiten Hinschauen schon. Die Unlust fliegt davon und der Unternehmungsgeist wird hellwach. Was für ein schönes Gefühl ist das denn? An einem Oktoberwochenende wird ein Fotoworkshop „Rundlingsdörfer“ angeboten. Kurzentschlossen melde ich mich an und denke, auch mit Dörfern kann ich lernen. Und weil meine gute Laune gerade ihren Höhepunkt erreicht, buche ich gleich einen Tageskurs „Entdecke deinen Clown“ im November dazu. Witzig sein kann ich. Und ein Clown muss doch auch in einer 70jährigen stecken, oder? Auch oder gerade in diesen beschissenen Zeiten…..Vielleicht finden die Kurse nicht statt, weil sich zu wenige anmelden, das habe ich schon häufig erlebt, aber heute im Hier und Jetzt geht die innere Mutmacherin davon aus, dass alles gut wird und ich das auch kann. Klar kann ich das!

Ich atme durch. Ich komme allmählich wieder auf Touren. Auch wenn es im Herbst keine Reise wird, sondern ein kleines Abenteuer vor Ort, sind doch Höhepunkte gesetzt, auf die ich mich freuen kann.

Und dann guckt ja auch schon die Hochzeit im September um die Ecke. Oh je. Mein innerer Miesmacher arbeitet hart daran, mir die Vorfreude zu verderben. „Das Outfit geht gar nicht“, sagt er. „Du wirst vor Aufregung keine Rede halten können, weil dir die Stimme versagen wird“, grinst er und überhaupt: „Als Bräutigammutter kannst du gar kein gutes Bild abgeben. Du hast ja nicht einmal einen Begleiter!“

„Bleib bloß zu Hause“, jammert der Angsthase und das Selbstbewusstsein hat jede Menge zu tun, die bösen Gesellen in ihre Schranken zu weisen. Natürlich gehe ich hin und natürlich werde ich nicht peinlich sein. Und wenn doch, dann nur ein ganz klein wenig. Eigentlich ist Hochzeitfeiern ja nur ein Gesellschaftsspiel, in dem ich meine Rolle als Mitglied der alten Generation erst finden muss. Das verunsichert mich und zum Glück habe ich noch ein paar Wochen Schonfrist, bevor es ernst wird.

Alles gut also und vielleicht hilft ja auch so ein innerer Clown, heil und fröhlich da durchzukommen.

Bald

Und plötzlich ist so viel zu bedenken und zu machen und zu tun. Termine rücken näher und es wird spannend. „Bald, bald, bald“, singt mein inneres Kind und bindet sich eine Schleife ins Haar. Butterlecker hieß das wohl einmal und nein, meine Erinnerungen trügen nicht: https://www.elke-droescher.de/museum/wasistdas/.

Abenteuer locken und ich könnte heute schon mal loslegen und ein kleines wagen. Irgendwas, vielleicht zum Schützenfestplatz gehen oder so.

34 Grad und schwül.

Nein, ich fange heute lieber doch noch nicht mit den Abenteuern an. Zu heiß für alles.

Aber tief drinnen beginnt Vorfreude zu perlen und meine inneren Stimmen purzeln munter durcheinander. Und während ich mich auf mein Buch konzentrieren will, finden sie, ich hätte lang genug gelesen.

Drei Schwestern

Ich schlafe tief und fest, als es klingelt. Mitten in der Nacht mache ich natürlich nicht auf. Das ist klar. Und dann ist jemand im Haus. Ich gucke nach und finde meinen Ex-Mann in der Stube. Wir umarmen uns. Er legt sich auf das Sofa und ich deckte ihn zu. Dann gehe ich wieder in mein Bett. Ich bin traurig und kann es nicht ändern.

Mein Mann ist vor einigen Jahren gestorben. Es muss also ein Traum gewesen sein. Er war mir so nah, als wäre er da. Habe ich das Klingeln mitten in der Nacht auch nur geträumt?

Als ich am frühen Morgen aus dem Fenster gucke, begrüßt mich der Klatschmohn in roter Pracht. Die Blüten wiegen sich im Wind, so als ob drei Schwestern miteinander tanzen, denke ich und bin erleichtert.

Ein paar Stunden später sind ihre Blütenblätter fortgeweht.

Gedankenspaziergang morgens um 10.36 Uhr

Gedankenspaziergang morgens um 10.36 Uhr

Ab und zu wache ich nachts mit Druck im Bauch auf. Ich will den aktuellen Konflikt auflösen, mich erklären und ich denke darüber nach und denke und denke. Ich will hier außerdem ausziehen, weil vermeintliche Spannungen mir mein trautes Heim vermasseln. Ich würde am liebsten ins Kopfkissen weinen und mich hilflos und einsam fühlen. Und dann lese ich lieber ein paar Seiten und muss etwas später über meine Reste-Angst aus der Zeit, in der mich die Angststörung so heftig erwischte, schmunzeln. Die Angststörung ist nicht weg, aber ich habe sie im Griff. Zumindest, wenn ich richtig wach bin. Dann weiß ich auch, dass innere Monologe gar nichts bringen außer Schlaflosigkeit. Und darum bin ich jetzt übrigens sehr müde.

Gestern telefonierte ich mit dem Weitwegsohn und dort werden die Hochzeitsvorbereitungen konkreter. Schritt für Schreit tasten sie sich heran und die Trauringe sind bestellt. Sie suchen jetzt die Lokalitäten (sagt man das so?) und werden dann für die Gäste Hotelzimmer buchen. Darum brauche ich mir jetzt also keinen Kopf mehr zu machen. Alles andere wird sich dann auch finden. Sogar ein schönes Kleid für die Bräutigammutter.😉 Ist ja auch erst im September. Ich bin mir sicher, dass ich bis dahin noch so manche Nacht absurde Gedanken und Gefühle weglesen muss und will.😂

Ich bin ganz froh, dass es mir gelingt, die schlimmen Themen dieser Zeit und die dazu gehörenden Emotionen abzuspalten. Ich mache weiter mein Ding und wundere mich selbst, dass mir das ganz gut gelingt. Die Gegenwart bietet doch eigentlich einen perfekten Boden für die Angststörung. Aber mit Krieg und Pandemie will sie sich nicht befassen, dass überlässt sie gerne der echten Emotion Angst. Diese ist vernünftig und zurückhaltend. Sie nimmt die Realität nicht so recht wahr und beschwichtigt meine Seele. Das ist wohl auch gut so.

Ich mache also weiter, als ob alles so ist wie immer. Hier in meiner kleinen Welt ist es das ja auch. Das soziale Leben nimmt so ganz allmählich wieder Fahrt auf. Meine Lieblingsnachbarin hat ein nigelnagelneues Enkelkind und das kleine Menschlein verzaubert uns alle. Ich denke: „Wir werden geboren. Wir leben. Wir sterben“, und weiß nicht mehr, wo ich das aufgeschnappte. Ein Film war das, aber welcher nur?

Ich wurde geboren und jetzt lebe ich. Und das will ich so gut wie möglich machen. Mich einfügen ins große Ganze. Und jetzt höre ich lieber mit der Schreiberei auf, denn ich weiß gar nicht, wohin das jetzt hier führen soll. Eben kam mir mein Ex-Gartenfrosch Misi (Rubrik: Misi hier im Blog!) in den Sinn und ich vermisse ihn. Wo kommt denn das jetzt so plötzlich her?

Ach ja, ich wollte aufhören————————-.