Das Haus

Gestern habe ich unser Haus schlafen gelegt. Es winterfest gemacht. Die Heizung läuft, das Wasser ist abgestellt, die Türen und Rollladen verschlossen und im Garten sind die letzten Blätter gefegt.

Ich hoffe, dem Haus passiert nichts, bis es die neuen Besitzer in sich aufnimmt. Die müssen sich erst noch finden. Sie sollen gut zueinander passen, das Haus und seine Menschen. Ich drücke die Daumen, dass es schnell geht. Ein Haus braucht Leben.

Es ist ein großes, altes Haus mit vielen Ecken und Winkeln. Mit einem Innenhof und einem kleinen Garten mitten in der kleinen Stadt. Vor etwa zweihundert Jahren wurde es erbaut und dann immer wieder erweitert. Auch wir haben es verändert. Mein Mann hat es geliebt und bis zum Schluss daran herumgebastelt.

Jetzt hat auch er, der die letzten sieben Jahre dort lebte, es für immer verlassen. Meine Söhne und ich haben seinen Haushalt, der doch irgendwie auch immer noch unser Haushalt war, aufgelöst. Es war so unwirklich, die Sachen zu packen. So vieles aus unserer Familienzeit fiel mir wieder in die Hände. Geschenke, die wir ihm im Laufe unserer gemeinsamen Jahre gemacht haben. Kinderspielzeug, Bücher und alles mögliche sonst. Einiges habe ich jetzt bei mir Zuhause. Auch das ist ein unwirkliches Gefühl, wie sich meine beiden Leben gerade wieder verbinden.

Nun müssen wir noch entrümpeln. Das schieben wir vor uns her. Es wird schlimm werden, wenn auch seine letzten Sachen verschwinden und das Haus ganz leer dasteht. Dann gibt es das Sichtbare seiner und unserer Geschichte nicht mehr.

Hin und wieder besuche ich es noch. Ich muss nach ihm sehen und weiter räumen. Ich werde froh sein, wenn ich es eines Tages den neuen Besitzern übergeben kann.

Ein Haus hat eine Seele, davon bin ich überzeugt. Seine Bewohner hinterlassen sichtbare und unsichtbare Spuren. Unser Haus hat uns gemocht.

 

 

Männerfilm

Ich wollte einen Film sehen, der mich aus meiner Realität abholt und in eine andere Welt versetzt, lustig ist und ein wenig ernsthaft, aber nicht zu sehr. Mit viel Landschaft und Männern, die Verrücktes tun. Einen Film für die Seele mit schönen Bildern und er sollte ruhig ein wenig wie ein Märchen rüberkommen. Gerne auch mit Bjarne Mädel und Lars Eidinger. Und wenn dann noch Sandra Hüller, Franka Potente, Jördis Triebel, Martin Brambach und Wotan Wilke Möhring mitspielen, umso besser.

Natürlich geht es um 25km/h und ich empfehle den Film gerne weiter! Mir hat er gute Laune gemacht und mein Herz für die Männerwelt weit geöffnet, auch wenn diese manchmal völlig absurd und unbegreiflich erscheint. Genial, wie das Machogehabe beim Tischtennis mit anschließender Jagd Mann gegen Mofa ernsthaft lustig über die Leinwand flimmert und der gute Wotan Wilke Möhring sich selbst übertrifft, wenn er mit Pfeil und Bogen bewaffnet wie ein Krieger durch den Wald joggt und die beiden Brüder doch nicht kriegt. Ich habe so gelacht und alle Mitwirkenden trotzdem lieb gehabt. Ehrlich!

Das Kino war gut besetzt und das ist hier nicht häufig um 18.00 Uhr am Sonntag der Fall. Alte und Junge haben sich prächtig amüsiert. Meine beiden Hintermännerkinder  so sehr, dass sie vor Freude und Spannung ihre Beine nicht still halten konnten und mich regelmäßig kräftig durchrüttelten – geschenkt! Ich habe das stoisch ertragen. Sie konnten nicht still sitzen vor lauter Vergnügen. Das konnte ich nachvollziehen.

 

 

Alleinerziehender

Alleinerziehender

Hallo Leute, als alleinerziehender Vater hat frosch es gar nicht so leicht. Die meiste Brut hat sich ja schnell verselbstständigt, aber Zwetschge nicht. Der denkt gar nicht daran, erwachsen zu werden. Er brüllt zwar nicht mehr nach mir, wenn ich aus seinem Sichtfeld verschwinde, aber er will immer wissen, wo ich bin. Daran hat auch unsere Reise nach Österreich nicht viel geändert. Mein Sohn bleibt ein kleiner Schisser. Frau Holle guckt streng und sagt, sowas sagt man nicht. Erst recht kein liebender Froschvater. Nun gut, Zwetschge ist kein kleiner Schisser, übervorsichtig schon.

Ich habe mich sehr an ihn gewöhnt.

Frau Holle hat mein Terrarium hergerichtet und eine nette kleine Zweiraumwohnung daraus gebastelt. Söhne, auch übervorsichtige, müssen sich daran gewöhnen, alleine zu schlafen. Wir trainieren das noch. Unruhige Nächte, aber da müssen wir durch. Zwetschge zieht alle Register und nörgelt, er würde ohne Mutter aufwachsen und da hätte der Vater gefälligst Rücksicht zu nehmen und ihn nachts nicht auch noch alleine zu lassen. Ich sage, seine Brüder und Schwestern seien schon lange selbständig und leben ihr eigenes Leben, so wie es sich für Jungfrösche gehört. Er sagt, das interessiere ihn nicht, was seine Geschwister machen, er will jedenfalls in meinem Zimmer schlafen. Ich sage nein und er droht, zu seiner Mutter zu ziehen, wenn er sie findet. Meine Güte. Dann schläft er eben heute Nacht bei mir. Morgen versuche ich es dann noch einmal mit seiner Verselbstständigung.

Meine Kumpels sind schon wieder erstarrt und ich nicht, weil ich drinnen bleiben darf. Ich will auch Zwetschge nichts vom Erstarren erzählen, denn er weiß das nicht und denkt, alle Frösche leben im Winter in Terrarien. Ich lasse ihm den Glauben. Frau Holle meint, auch Kinder müssen wissen, wie das Leben wirklich ist. Aber sie hat mir nicht in die Erziehung reinzureden.

Wir sitzen neben Frau Holle auf dem neuen Sofa und plaudern ein wenig mit der guten Frau. Sie ist etwas stiller als sonst. Ich will sie aufmuntern und frage, ob sie sich auf Weihnachten freut. Sie sagt: „Weiß ich nicht, Misi.“ Wie kann man nicht wissen, ob man sich freut? Ich freue mich sehr und in diesem Jahr ist Zwetschge dabei, der soll ordentlich staunen. Frau Holle nickt und sagt: „Das stimmt, Misi. Einer ist dazu gekommen. Aber einer wird auch fehlen.“ Ich nicke betreten und gebe Frau Holle ein Küsschen auf die Nase und sage: „Wir machen das schon.“ Frau Holle guckt ganz komisch und sagt: „Ja, mal sehen.“ Wir verabreden, dass wir im Dezember wieder einen Adventskalender in den Regenbogen zaubern wollen. Ich will Frau Holle ganz doll helfen und Zwetschge auch. Frau Holle lächelt und jetzt gibt sie mir ein Küsschen auf die Nase. „Das Leben geht ja weiter“, murmelt sie und steht auf.

Sie will jetzt ins Kino gehen. Ich nicht, denn ich muss bei meinem Kind bleiben.

 

Heute lese ich Männergeschichten

Ich komme wieder zum Lesen und bin froh darüber, ab und zu in andere Welten abzutauchen. Das ist das richtige Wort, denn in folgende zwei Romane bin ich fast verschwunden und wäre am liebsten dort geblieben. Ging aber nicht, weil jedes Buch eine letzte Seite hat. Zum Glück stehen sie dann in meinem Wohnzimmer und ich kann sie jederzeit wieder zur Hand nehmen.

Die „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen, Penguin 2018, habe ich durch. Der Klappentext fasst zusammen:

Ingwer Feddersen erkennt das Dorf, in dem er aufgewachsen ist, nicht wieder: keine Schule mehr, kein Bäcker und kein Kaufmann. Keine Störche auf dem Dach der Kirche, auf den Feldern keine Kühe, nur noch Mais und Wind. Als wäre eine ganze Welt versunken. Aber im Gasthof steht noch immer Sönke Feddersen, de Ole, stur wie ein Findling  hinter seinem Tresen. Und Ingwer, de Jung, der vor vierzig Jahren weggezogen, kehrt zurück. Er hat in seinem Dorf noch etwas gutzumachen.

Mit großer Wärme erzählt Dörte Hansen vom Verschwinden einer bäuerlichen Welt, von Verlust, Abschied und Neubeginn.“

Genau meine Themen! Der Roman ist in Nordfriesland angesiedelt. Ich habe lange dort gelebt und wurde von der ersten Seite an in meine ehemalige Wahlheimat versetzt. Ich fühlte mich sofort bei Ingwer, Hauke, Bente, Sönke, Oke, Marret, Ella, Akke, Barne, Beele, Inken, den Ketelsens, Knudsens, Nissens und Feddersens zu Hause. Ich bin mir ziemlich sicher, dass nicht alle diese Namen im Roman vorkommen, in meiner Erinnerung haben sie sich aber festgesetzt. Die Geschichte könnte  übrigens auch hier in Niedersachsen genauso passiert sein und vielleicht auch weiter südlich. Die Landschaften, die Dörfer und die Menschen haben sich hier wie dort verändert. Diese Wandlung hat Dörte Hansen wunderbar beschrieben.

Ich bekam beim Lesen eine leichte Sehnsucht nach meiner Kindheit und weiß, so wird es nie wieder werden. So schön die Landschaft um mich herum auch sein mag, es ging doch ganz viel verloren. Allerdings zeigt der Roman auch, dass die Vergangenheit in einer wunderschönen Landschaft überhaupt nicht romantischer und wunderbarer war, als die Gegenwart. Nur anders.

Liebevoll erzählt Dörte Hansen von den Menschen, ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben, so ausgefallen ihre Charaktere auch sein mögen. Ich las diesen Roman genau so gerne wie das „Alte Land“.

Und jetzt lese ich gerade mit höchstem Vergnügen, auch wenn die Thematik gar nicht lustig ist, den Roman „Neujahr“ von Juli Zeh, Luchterhand 2018.

„Lanzarote, am Neujahrsmorgen: Henning sitzt auf dem Fahrrad und will den Steilaufstieg nach Femés bezwingen. Seine Ausrüstung ist miserabel, das Rad zu schwer, Proviant nicht vorhanden. Während er gegen Wind und Steigung ankämpft, lässt er seine Lebenssituation Revue passieren. Eigentlich ist alles in bester Ordnung. Er hat zwei gesunde Kinder und einen passablen Job. Mit seiner Frau praktiziert er ein modernes, aufgeklärtes Familienmodell, in dem sich die Eheleute in gleichem Maße um die Familie kümmern. Aber Henning geht es schlecht. Er lebt im Zustand permanenter Überforderung. Familienernährer, Ehemann, Vater- in keiner Rolle findet er sich wieder. Seit Geburt seiner Tochter leidet er unter Angstzuständen und Panikattacken, die ihn regelmäßig heimsuchen wie ein Dämon.

Als Henning schließlich völlig erschöpft den Pass erreicht, trifft ihn die Erkenntnis wie ein Schlag: Er war als Kind schon einmal in Femés. Damals hat sich etwas Schreckliches zugetragen- etwas so Schreckliches, dass er es bis heute verdrängt hat, weggesperrt irgendwohin den Tiefen seines Wesens. Jetzt aber stürzen die Erinnerungen auf ihn ein, und er begreift: Was seinerzeit geschah, verfolgt ihn bis heute.“ (Klappentext)

Ich kam damals mit meinen Rollen als Familienernährerin, Ehefrau und Mutter genauso wenig klar wie Henning. Das hätte ich natürlich niemals zugegeben, denn als emanzipierte Frau sollte es leicht und selbstverständlich sein, alles unter einen Hut zu bringen. Darum kann ich Hennings Überforderung so gut nachvollziehen und auch seinen Kampf gegen die Angstattacken. Ich kenne diese Selbstvorwürfe und auch den Willen, sich endlich zusammenzureißen und liebenswerter zu werden. Und das Scheitern. Ja, das Scheitern habe ich ganz ähnlich so erfahren wie Henning. Ich bin sehr gespannt, wie die Geschichte endet und zwinge mich, nicht auf die letzte Seite zu schauen.

Bemerkenswert finde ich, dass es in beiden Romanen um Männer geht, die voller Selbstzweifel darum kämpfen, ihre Fassade zu wahren und trotzdem nicht mit einem „weiter so“ weitermachen können. Für mich lösen sich beim Lesen die Grenzen zwischen weiblich und männlich auf. Das finde ich interessant, denn mein Männerbild, welches mich bisher prägte, hat mit der Realität wenig zu tun. Diese Tatsache stellte ich in den letzten Wochen fest, als ich meinen Mann und meine Söhne von ganz unbekannten und neuen Seiten kennenlernte.

Wie schön, dass meine Lektüre oft so gut zu meinen Lernprozessen passt!

PS: Falls es sich hier um eine Werbung für zwei Bücher handeln sollte, kennzeichne ich meine hier dargestellte Begeisterung ausdrücklich als Werbung.

 

 

Schöne Momente in schlimmen Zeiten

In guten Zeiten fotografiere ich, In schlimmen erst recht. In den letzten zwei Monaten nutzte ich meinen Fotoapparat allerdings nur in meiner nächsten Umgebung. Mein Blick und mein Empfinden schnurrten auf eine eigenartige Weise zusammen. Ein paar meiner „Krisenfotos“ möchte ich Euch hier zeigen. Ich war also nicht ganz weg.

 

Ganz allmählich weitet sich mein Blick wieder.

 

Blockaden

Blockaden

Manchmal brauche ich Hilfe, um alte Schmerzen zu verstehen und aufzulösen. Die habe ich gestern bekommen.

Klare Gedanken und Gefühle lösen Blockaden auf, die ich seit Jahren schütze, pflege und hege. Weil ich nicht hinsehen wollte. Weil ich es nicht wahrhaben wollte. Weil es weh tat.

Jetzt erkenne ich den Sinn und den Unsinn meiner Handlungen. Jetzt sehe ich, wie sehr ich mich immer wieder in Frage stelle und mich gedanklich selbst niederschlage.

Ich fühlte mich bis zu seinem Tode als seine Ehefrau und war ihm im Herzen sehr nah, obwohl gerade dies nicht sein durfte, denn wir waren ja geschieden und nur noch durch die Kinder und ein gemeinsames Haus verbunden. War es Abhängigkeit, Dummheit, Faulheit, Nichtloslassenkönnen, Stalking, Nichtwahrhabenwollen oder gar Liebesunfähigkeit, die mich so fühlen ließen?

Ich wollte es mir verbieten. Ich wollte nicht so fühlen, wie ich eben fühlte. Und konnte doch nichts dagegen tun. Obwohl alles dagegen sprach und er längst schon eine Geliebte hatte für einige Zeit.

Nun ist er gestorben und ich fühlte es immer noch und das durfte doch nicht sein. Ich musste ihn endlich loslassen, mich mit den Tatsachen abfinden. Und immer wieder passierte etwas in den letzten Wochen, dass mich zwang, hinzusehen.

Seit gestern weiß und fühle ich: Ich habe ihn geliebt und liebe ihn immer noch. Ich darf die Liebe fühlen, muss sie mir nicht mehr ausreden. Ich darf ihn lieben, egal was passiert ist. Es ist in Ordnung, dass ich mich getrennt habe und scheiden ließ, weil ich ein Zusammenleben nicht mehr aushielt. Und ich darf ihn trotzdem lieben. Ich darf auch an seine Liebe zu mir glauben. Er war ja immer irgendwie da, auch wenn er zeitweilig weg war.

Es ist gut so.

Gestern war ich endlich in der Lage, ein Familienfoto von uns vieren aufzustellen. Ich darf meine Liebe fühlen und ihn wieder sichtbar machen.

Gut, dass ich mich von ihm liebevoll verabschiedet habe.

Dass das Loslassen meiner negativen Gefühle mit dieser Erkenntnis möglich wird, ist eine große Überraschung. Ich hätte weiter gegen meine Liebe angekämpft. Das brauche ich nicht mehr und alles wird leichter. Auch die Trauer.