Kleines spanisches Mädchen

Ich gucke Nachrichten und ich schotte mich innerlich vom Elend ab. Manchmal bin ich wütend, manchmal traurig, manchmal ratlos und manchmal erschrecke ich mich. Aber diese Gefühle bleiben an der Oberfläche und ziehen sofort weiter.

Vor ein paar Tagen sah ich einen Bericht aus Spanien. Die Familien, die wochenlang in ihren Wohnungen bleiben mussten, dürfen für eine Stunde am Tag mit ihren Kindern  an die frische Luft. Ich sah ein kleines Mädchen, dass lief und lief und lief. Im Hintergrund taten es andere Kinder. Hin und her und im Kreis, Hauptsache rennen. Mein innerer Schutzwall gab auf und ich weinte eine Weile vor mich hin.

Gestern erzählte ich meinem Bruder am Telefon davon und mir kamen schon wieder die Tränen. Immer, wenn ich an dieses laufende kleine Mädchen denke, rührt sich etwas in mir. Ich weine nicht wirklich, aber ich bin aufgewühlt.

Warum? Ich darf nach draußen, wann immer ich will. Laufen kann ich mit meiner Polyarthrose leider nicht, ich bin schon froh, wenn ich ein wenig spazieren gehen kann. Ich fahre daher lieber mit dem Rad. Erinnert mich das rennende Mädchen an meine verloren gegangene Mobilität? Nein, das denke ich nicht, obwohl ich darüber ab und zu traurig bin. Aber das fühlt sich anders an.

Ich bleibe bei der Erinnerung an die Bilder aus Spanien und meine Gefühle kommen an die Oberfläche. Ich halte es eine Weile aus und denke plötzlich an meine Lieben und an meine Gruppenaktivitäten. Ich denke an meine Kinder und ihren Anhang, an die Reisen mit meinen Freundinnen, an meine Qi Gong Frauen und an meine Familienaufstellungsgruppe. Jetzt weiß ich, was da in mir hoch kocht, wenn ich dieses kleine rennende Mädchen vor mir sehe: eine tiefe Sehnsucht nach dem unbeschwerten Zusammensein, nach Umarmungen und dem Kuscheln. Nach gemeinsamen Erlebnissen ohne Abstand. Nach meinem früheren Leben.

Mein inneres Kind hat Sehnsucht und will auf seine liebsten Menschen zurennen, sobald es von der Leine gelassen wird. Noch ist es nicht soweit. Noch muss es in seinem Zimmer bleiben und telefonieren. Aber es darf sich schon darauf freuen und ab und zu die Sehnsucht spüren.

 

24 Gedanken zu “Kleines spanisches Mädchen

    1. Ja klar und ich bin auch sehr dankbar dafür. Ich fand es nur so interessant, warum mich dieses kleine Mädchen so berührt und ich denke, es ist die Sehnsucht, die sich bemerkbar macht ab und zu. Auch wenn ich es gut habe, fehlt ja etwas ganz wichtiges im Leben.

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      1. Ich bin ganz froh, wenn sich die Gefühle ab und zu bemerkbar machen. Dann kann ich besser und gelassener mit der Krise umgehen. Ich finde auch, dass wir mit unseren Maßnahmen in Deutschland sehr gut dran sind. Ich hoffe,dass es so bleibt. Diese Kinder erinnerten mich daran, wie dankbar ich bin. Darum habe ich es auch mit Humor genommen, als mir heute beim Einkaufen die Maske, die ich das erste Mal auf hatte, fast meinen Atem nahm. Ich werde mich daran gewöhnen.

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  1. Wie gut ich dich verstehe. Und doch : Wir haben es trotz allem Elend noch gut und wer nicht Angst haben muss, seine Arbeit zu verlieren oder seine Kosten weiterhin tragen kann und zudem noch gesund bleibt, lebt doch wie im Paradies.

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    1. Ja, ich weiß. Aber die Pandemie hat schmerzhafte Auswirkungen auf mich, auch wenn ich es besser als die meisten anderen Menschen habe. Ich bin sehr dankbar, dass es mir noch so gut geht, die anderen Gefühle haben trotzdem ihre Berechtigung. Aber das weißt Du ja auch! Liebe Grüße und in Rente sein hat gerade jetzt ein paar schönen Seiten, oder?

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      1. Ich will dir keines deiner Gefühle absprechen und ich leide auch, weil ich einiges schmerzlich vermisse. Und die Rente – ja, am Monatsende müssen wir uns keine Gedanken machen, doch, ich würde so gerne etwas sinnhaftes tun, anstatt gerade Haus und Garten akribisch in Schuss zu halten, weil mir so wichtige liebgewordene Dinge zurzeit nicht möglich sind.
        Ich würde sogar gerne stundenweise wieder arbeiten gehen …

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      2. Mir geht es ähnlich. Es wird an der Zeit, wieder etwas mit und für andere zu tun. Arbeiten möchte ich nicht mehr, aber in einer gelebten Gemeinschaft etwas zu geben und zu nehmen fehlt schon sehr. Ich bleibe mit vielen Leuten digital in Verbindung, aber das ist nicht dasselbe! Wird besser werden! Liebe Grüße! Regine

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      3. Ja, das wird es, liebe Regina. Ich kann jedes deiner Worte unterschreiben. Haben wir Geduld und seien wir dankbar, wenn wir und die Menschen um uns herum gesund bleiben.

        Ich grüße dich herzlich zurück!!! 🙂

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  2. Ich fange immer an zu weinen, wenn ich Kinder singen höre. Etwas in diesen unschuldigen Stimmen berührt mich so, dass mir jedes Mal Tränen kommen, das letzte Mal bei einer Erstkommunion in der Kirche. Alle freuten sich, ich saß heulend in der Bank. Weiß bis heute nicht, was das ist …
    Wenn wir Kinder-Balkonkonzerte hätten, wäre es wieder soweit. 😉

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      1. Ich vermute, dass da tiefere seelische Schichten berührt werden. Kinder sind ja immer auch eine Brücke zur eigenen Vergangenheit.
        Hoffen wir jedenfalls, dass wir alle bald wieder unbeschwert sein können. 🙂

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  3. Das Bild mit den rennenden Kindern ist herzzerreißend, wenn man ihre Lage kennt. Sie haben so viel Bewegungsdrang und werden doch irgendwie eingesperrt.
    Ja, wir haben es wirklich gut getroffen. Wir dürfen raus, wann und wie lange wir wollen.
    Freunde von uns leben in Spanien, von ihnen wissen wir, wie eingeengt man dort ist – und sie haben keine Kinder.
    Herzliche Grüße, das Licht

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    1. Ja, das kommt natürlich noch dazu. Ich weiß, wie sehr Kinder die Bewegung, Sonne und frische Luft brauchen. Das sind Grundbedürfnisse. Wenn ich später einmal gefragt werde, welches Bild sich während der Pandemie in mir festgesetzt haben: es wird vermutlich dieses kleine spanische Mädchen sein.
      Wenn ich es richtig erinnere, lebst Du auf Sylt. Ich habe auf Föhr meine Familie gegründet und gerade großes Heimweh nach dem Meer, Strand und dem Watt! Liebe Grüße in den Norden aus dem Wendland! Regine

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      1. Hallo liebe Regine,
        Sylt war früher immer ein häufiges Reiseziel von mir, weil meine Großeltern dort eine Wohnung hatten.
        Heute planen wir ein Haus in Nordfriesland, auf dem Festland, wo wir hoffentlich noch dieses Jahr hinziehen werden.
        Freunde von uns leben dort und wenn wir sie wieder – vor unserem Umzug – besuchen, werde ich Deine Heimat gern grüßen.
        Vielleicht ist das ja auch schon von unserem jetzigen Wohnort möglich, er liegt schließlich auch in Schleswig-Holstein.
        Herzliche Grüße, das Licht

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