Viel zu denken

Viel zu denken

Aus lauter Sorge, etwas zu vergessen oder Fehler zu machen, plane ich und plane und plane und denke und denke. Fehlt nur noch, dass ich mir einen kompletten Wochenplan mit Lern- und Ergebniszielen aufstelle. Kleinschrittig, motivierend und verständlich formuliert. Nein, soweit bin ich noch nicht, aber manchmal gebe ich mir schon ein „Ziel erreicht“, wenn ich erfolgreich bin, oder ein „Mangelhaft“, wenn etwas nicht gelingt.

Hin und wieder denke ich so Knoten und dann kommt etwas völlig Verrücktes heraus, das ich mir und anderen kaum erklären kann. Manchmal denke ich auch nur ohne zu handeln. Dann merkt keiner, was für einen Quatsch mein Hirn produziert. Kommt das vom Alter? Kommt das davon, dass ich alleine lebe? Oder war das schon immer so und ich habe es nur nicht bemerkt, weil ich so beschäftigt war?

Freitag ist der Notar dran und dann werden wir unser Haus verkaufen, wenn nichts dazwischenkommt. Es war doch einmal auch mein Haus und jetzt nehme ich pausenlos innerlich Abschied und bin traurig, obwohl auch froh, die Verantwortung dafür los zu sein. Aber jetzt habe ich eben kein Haus mehr. Was schade ist, denn es gab mir immer eine gewisse Sicherheit. Na, egal, was weg ist, ist weg und selbst bewohnen oder vermieten kam ja für uns alle nicht in Frage.

Es fehlt noch ein wichtiges Dokument und das muss gefunden und nachgereicht werden. Daran muss ich unbedingt heute noch denken.

Außerdem denke ich mir aus, wie ich die Zeit am Freitag mit meinen Söhnen verbringen kann. Ich will ein kleines Ritual für uns finden, um gemeinsam einen wichtigen Lebensabschnitt zu beenden. Vielleicht den Ruheforst besuchen? Und hinterher schön Kaffee und Kuchen an der Elbe, bevor ich die beiden wieder zur Bahn bringe.

Ich habe ein kleines Geschenk und eine hübsche Karte für die Käufer besorgt und weiß noch nicht, ob ich es einfach ins Haus legen oder am Freitag übergeben soll. Da habe ich viel zu denken, das könnt Ihr glauben!

Gedanklich spiele ich so nebenbei auch schon Kofferpacken. Nächste Woche Donnerstag muss er fertig sein. Da habe ich noch viel Zeit, darüber nachzudenken, was unbedingt eingepackt werden muss. Ich weiß gar nicht so recht, was ich in der Klinik brauchen werde. Habt Ihr Ideen dazu?

Vorsorglich habe ich mich für ein Einzelzimmer eintragen lassen, was teuer ist. Ich kann mir das jetzt leisten und leiste es mir, was mich selbst verblüfft. Nie zuvor wäre ich auf eine solch elitäre Idee gekommen, aber gestern schon. Was für ein Gedanke!

Alles andere ist geregelt. Mein Blut habe ich abgegeben und morgen bin ich für ein erstes Narkosegespräch mit meinem Hausarzt verabredet. Ein Taxi für die lange Fahrt nach Hamburg am Donnerstag ist bestellt und ich werde hoffentlich nicht nicht abgeholt. Was mache ich wenn? Blöder Gedanke. Den brauche ich jetzt noch nicht zu denken!

Liebe Freundinnen werden am Sonntag einen Ausflug mit mir machen zwecks Ablenkung. Ich freue mich so, dass sie daran gedacht haben. Sie kamen mir mit ihrem Vorschlag zuvor, denn auch das hatte ich schon für mein Vorhaben, am Wochenende gut für mich zu sorgen, angedacht.

Ich denke auch jede Menge Pläne für die Nachklinikzeit. Die Termine für die Krankengymnastik stehen fest. Ich weiß nur noch nicht, wie beweglich und mobil ich sein werde. Darum schaffe ich auch schon Vorräte an, damit ich in den ersten Tagen hier nicht hungern muss. Außerdem gibt es schon gedankliche Putzpläne für die nächste Woche, denn ich will eine saubere Wohnung, wenn ich wiederkomme.

Natürlich haben mir ein paar liebe Menschen Hilfe angeboten und ich werde sie annehmen, sobald ich sie benötige. Ich werde so schnell wie möglich zum Qi Gong, zur Schreibwerkstatt und Philosophie gehen. Nein, nicht gehen, sondern krücken und jemand muss mich abholen, bis ich wieder Autofahren kann. Und im Mai will ich nach Dänemark, mit meiner Mädelsgruppe, Ihr wisst schon. Ich darf jetzt also nicht krank werden, damit sich die OP nicht nach hinten verschiebt. Daran denke ich die ganze Zeit und das macht mich richtig krank!

Also, es gibt die ganze Zeit etwas zu denken und ich denke noch viel mehr. Und immer, wenn ich fertig bin mit einem Plan, kommt eine neue Herausforderung auf mich zu. Wie zum Beispiel die Frage, was ich mir heute kochen soll. Wenn ich daran denke, bin ich schon wieder fix und fertig!

 

 

 

Kleider meines Lebens

Kleider meines Lebens

Gestern nahm ich mir viel Zeit zum Denken. Und war erstaunt, woran ich dachte: an meine Kleider! Wo kommt das denn her? Egal: Gedanke-Idee-Thema-Umsetzung auf dem Regenbogen:  Kleider meines Lebens.

Gegenwärtig trage ich selten Kleider in der Öffentlichkeit. Aber früher schon. Obwohl meine Beine….na ja. Trotzdem hielten sie mich nicht ab, in meiner Jugend Minis zu tragen! Meine Mutter nähte mir, als ich etwa 14 Jahre alt war, aus einem feinen Blümchenbaumwollstoff ein Mini-Hosenrockkleid. Sie kaufte mir einen silbernen Kettengürtel dazu. Den konnte ich um meine damals noch schlanke Taille ketten und ich fand mich superschön. Dazu ein gelber Strohschlapphut aufgesetzt….. perfekt! Dieses Kleid trug ich, bis es auseinanderfiel und am Po durchgescheuert war.

Für meine Jugendweihe suchte ich mir ein braunes, knielanges Hängekleid mit Pailletten an der Passe aus. Nein, ich fand es nicht schön, aber für das Geld, welches mir zur Verfügung stand, war es das beste, was ich kriegen konnte. Er glitzerte immerhin oben herum. Das war damals sensationell. Heute könnte ich mich in Glitzerstoffe von oben bis unten einhüllen, damals gab es das noch nicht oder doch, aber diese Kleider waren unerschwinglich für mich. Ich kaufte also das blöde braune Kleid und hatte auch gleich etwas für das Theater und die Oper. Kulturring der Jugend! Fünf Theatervorstellungen und eine Oper pro Halbjahr! Wundervolle Jugendzeit. Ach ja. Ich fürchte, dieses Kleid trug ich auch auf meinem Abtanzball. Ich weiß es nicht mehr genau. Ich erinnere mich aber, dass ich keinen Partner hatte und ein Mauerblümchendasein fristete. Traurig, traurig.

Als ich etwa neunzehn war, kaufte ich mir ein knallrotes, glänzendes Minikleid mit Flügelärmeln und Tellerrock. Wunderschön und ich dachte mir gar nichts dabei, dass es so rot war und ging damit aus. Ich hatte damit sogar gute Chancen und wurde zum Tanzen aufgefordert. Das war damals in meinen Kreisen so. Schließlich gingen wir Mädels zum Tanzen, damit wir aufgefordert wurden und vielleicht sogar das Lebensglück in Form eines festen Freundes fanden. Ich fand keinen, aber immerhin wurde ich aufgefordert.

Ein wirklich kurzes Volantkleid zog ich mit Anfang zwanzig im Sommer kaum noch aus. Es war blau mit weißen Punkten und kombiniert mit weißen Plastikkugelohrringen und einer riesigen Sonnenbrille mit weißem Rand war es einfach unwiderstehlich und ich gleich mit, fand ich. Einmal zog ich es zum Fasching an und meine Güte, da ging die Post ab.

Ich kann mich an ein Maxikleid erinnern. Toll, toll ein langes Kleid mitten am Tag zu tragen erzeugte schon ein kleines Prinzessinnengefühl in mir. Dieses war schwarz mit tausend kleinen Blümchen darauf. Also das Kleid, nicht das Gefühl! Schick auch zu Feten und „Insterburg und Co“  in der Hamburger Uni-Mensa erlebte ich in eben diesem Kleid. Nein, was haben wir gelacht und bei „Otto“ war ich auch, aber da hatte ich etwas anderes an.

So, was gibt es noch für Lebenskleider? Mein Hochzeitskleid war ein billiges Schwangerschaftskleid. Knielang-dunkelblau mit kleinen Blümchen drauf und superbillig. Also nichts besonderes und wir wollten es ja auch heimlich tun, das Heiraten. Nur ein paar Verwandte und Freunde im kleinen Kreis. Unser dreijähriger Sohn war natürlich dabei und fand es putzig, dass er plötzlich einen neuen Nachnamen bekam. Das zweite Kinde steckte noch in mir, war schon ziemlich groß und mein Bauch wirklich sehr, sehr eindrucksvoll. Die Hochzeiten am 08.08.88 blieben in Wyk auf Föhr allerdings nicht geheim. Eine große Menschenmenge füllte den Marktplatz um die Superbrautpaare am Superdatum zu beobachten, wie sie das Standesamt verließen. Nun gut, wir waren natürlich nicht wie ein Hochzeitspaar gekleidet, aber das Glück muss man uns angesehen haben. Ach ja.

Als junge Frau und Mutter trug ich im Sommer eine ganze Reihe von Kleidern wadenlang, schwingend und ja, die meisten mit Blümchen, für die ich eine Vorliebe zu haben scheine. Irgendwann passte ich nicht mehr hinein in meine Lieblingskleider. Sie waren wohl eingelaufen im Laufe der Jahre, was wirklich schade war.

Ich besorgte mir zum Abiball meines ältesten Sohnes ein festliches langes Abendkleid. Es war günstig zu haben und ich sah ungewohnt vornehm aus. Der Rock war eng bis unten, dort glockte es um meine Fesseln und Schuhe. Mein Mann gestand mir einige Jahre später, dass ihn das Kleid mit seiner Stofffarbe an eine Leberwurstpelle (die golden-weiße) erinnert hätte. Ich weinte und warf es gleich in den Altkleidercontainer. Ich brauchte es sowieso nicht mehr. Ich kriegte den Reißverschluss nicht mehr zu.

Zu meinem sechzigsten Geburtstag kaufte ich mir noch einmal ein neues Kleid. Lang und eng, und ja, weiß mit Blumen bedruckt. Kein festliches Kleid, aber ein langes und manchmal trage ich es im Sommer heute noch, aber nur Zuhause.

Kleider meines Lebens! Ein witziges Thema und es sprudeln die Erinnerungen, wenn ich an sie denke! Weiter geht´s vielleicht mit den Möbeln meines Lebens, den Reisen meines Lebens und vielleicht sogar der Schmuck meines Lebens? Puppen, Bücher, Musik, Freunde, Ausbildungen, Filme und noch so einiges eignen sich hervorragend für alternative Lebensläufe. Wunderbar, so wird ein und dieselbe Geschichte niemals langweilig.

 

Es ist gut so

Es ist gut so

Wie Ihr wisst, ist mein geschiedener Mann vor vier Monaten gestorben. Bis vorgestern haben meine Söhne und ich gebraucht, seinen Nachlass zu ordnen. Jetzt sind wir fertig und ich fühle mich seltsam. Seltsam ist natürlich kein Gefühl, ich weiß, aber ich kann dieses ungute Rumoren in mir gar nicht so recht beschreiben.

Jetzt beginnt die Zeit, in der ich mit einem wichtigen Kapitel abschließen will. Das ist viel schwerer, als ich dachte und ich verstehe es nicht so richtig. Ich wohne doch schon seit sieben Jahren nicht mehr in unserem Haus und es sollte sowieso verkauft werden.

Und nun ist es geräumt und ich bin nicht erleichtert. Meine Gefühle untergraben jegliche Vernunft, wenn ich durch das Haus und den Garten gehe. Ist es tatsächlich die Leere, die ich äußerlich sehe und innerlich spüre? Ist jetzt alles aus unserer gemeinsamen Zeit verschwunden? Nein, natürlich nicht. Mein Mann hat das Haus und den Garten gestaltet, das ist noch da. Aber es tut weh, alles so nackt zu sehen, ohne Möbel und Hausrat, ohne unsere Bücher und seine kleinen Sammlungen.

Innerlich spüre ich natürlich auch nicht die Leere. Ein Gefühlsmischmasch lähmt mich. Es ist sicher kein Zufall, dass sich meine Nasennebenhöhlen zuziehen und mich zur Ruhe zwingen. Die Ruhe, die ich brauche, um mich wieder auf die Reihe zu bringen, damit das Abschließen und Trauern jetzt beginnen kann.

Das Haus wird im Februar neue Besitzer bekommen. Ich kenne sie noch nicht, aber ich denke, es sind genau die Richtigen und ich werde es gerne an sie weitergeben.

Und ich? Ich wende mich jetzt wieder verstärkt meinen eigenen Angelegenheiten zu. Ich wünsche mir, dass ich den Platz, den ich mit Erinnerungen an meinen Mann und dem Scheitern unserer Ehe in den letzten Monaten gefüllt habe, wieder für andere Gedanken frei machen kann. Die Vergangenheit kann nicht verändert werden und es macht keinen Sinn, die schlimmen Dinge noch einmal durchzufühlen. Sie nahmen so viel Raum ein, dass sich die schönen Erinnerungen erschrocken zurückzogen. Ich werde demnächst die Freiheit haben, selbst zu entscheiden, an was ich noch denken möchte und an was nicht.

Als ich das letzte Mal im Ruheforst eine Weile an „seinem“ Baum stand, dachte ich: „Es ist alles gut so, wie es ist.“ Das schien nicht mein eigener Gedanke zu sein, denn ich finde es ganz und gar nicht in Ordnung und gut. Aber wenn ich diesen Gedanken hier an diesem Ort denken konnte, ist er vielleicht wahr.

 

 

 

Pubertät

Pubertät

Hallo Leute, ich habe keine Zeit und bin im Dauerstress. Mein Sohn, der Zwetschge, will nicht so, wie ich wohl will. Frau Holle ist höchst ungehalten und fragt sich und mich, ob sie im nächsten Winter wieder Frösche bei sich aufnehmen soll. Sie will im Hause die Bestimmerin sein und entscheiden, wie es bei ihr aussieht. Zur Zeit macht Zwetschge ihr die Rolle streitig und müllt uns alle ein, wenn ich nicht aufpasse und ihm hinterherräume. Das Sofa ist immer unordentlich und der Tisch vollgestellt, die Schranktüren stehen offen, die getrockneten Fliegenreste liegen überall herum und der Keller ist ab und zu überschwemmt. Unsere ganze große kleine Welt hier gerät aus den Fugen und die Musik ist viel zu laut. Er will tun, was er will und aufräumen will er nicht. Auf keinen Fall. Er nennt das spießig und in einer Spießerwohnung will er nicht wohnen. Er rüpelt sich durch unser Leben und es wird immer schwieriger, die Harmonie wieder herzustellen.

Früher war das einfacher. Als Ei und Kaulquappe fiel Zwetschge unter seinen Geschwistern nicht weiter auf und schien sich normal zu entwickeln. Aber als sie sich alle in Frösche wandelten und sich verselbständigten, verselbständigte sich Zwetschge nicht und hing an seinen Eltern. Das war dann nicht mehr so einfach, denn er hing ziemlich fest und klammerte. Iris, meine Frau und seine Mutter, konnte das nicht mehr ertragen, ging auf Reisen und wurde nie wieder gesehen. Die meisten von Euch kennen die Geschichte wahrscheinlich. Ich wurde also alleinerziehender Vater mit Einzelkind und das kommt unter Fröschen sehr, sehr selten vor. Frau Holle unterstützte mich wohlwollend und wir übten und machten und taten, damit mein Sohn lernte, mich aus den Augen zu verlieren, ohne zu schreien. Frau Holle sagte damals: „Wird schon!“ Und es wurde auch. Zwetschge konnte eines Tages selbst entscheiden, wohin er wollte. Er musste mir nicht mehr hinterher hüpfen. Was für eine Erleichterung! Für eine kleine Weile war es wieder leichter für mich und dann wurde es furchtbar.

Alleine ihn allabendlich zum Schlafen zu bringen ist jedes Mal ein Drama an sich. Früher reichte es, wenn ich ins Terrarium hüpfte. Er kam mir ja immer hinterher. Ich legte mich hin und er fiel dann sofort auch um und schlief fest ein. Heimlich konnte ich das Terrarium wieder verlassen und mich noch ein wenig im Haus verlustieren. Ohne Kind, denn alleinerziehende Väter sind eben auch Frösche, die noch etwas erleben wollen.

Jetzt funktioniert das nicht mehr. Ich rufe: „Zwetschge, Lieber, ab ins Terrarium!“ Keine Reaktion. Wo steckt er bloß? War das noch schön einfach, als er noch an mir hing! Ich rufe: „Zwetschge, mein lieber Sohn! Wenn du mich hörst komm doch bitte her und mach dich fertig für dein Terrarium!“ Keine Reaktion. Ich brülle: „Zwetschge, wenn du nicht sofort kommst, schicke ich dich in den Garten, wenn ich dich erwische!“ Wir wissen, dass er dann erstarrt, weil es so kalt draußen ist und dann ist Schluss mit lustig. Dann kann er erst im Frühling wieder aufleben. Also hat er Angst vor dem Garten.

Frau Holle schüttelt den Kopf und meint, dass das Froschmisshandlung ist und Drohungen haben noch nie etwas gebracht.  „Du musst ihm das Terrariumgehen schmackhaft machen. Vielleicht mit ein paar getrockneten Fliegen zur Belohnung“, meint sie. Ich denke ich höre nicht richtig. Soll ich den Bengel noch für seine Frechheit belohnen?

Meist wird es Zwetschge dann aber doch langweilig. Betont langsam kommt er angehüpft und fragt, was ich nun schon wieder von ihm will und ich soll ihn endlich in Ruhe lassen und er weiß schon, was gut für ihn ist und ich bin nicht gut für ihn und erwachsen ist er auch. Rülps. Da fällt mir nichts mehr ein und ich kenne meinen kleinen Zwetschge nicht mehr wieder. Seufz.

Frau Holle murmelt etwas von Pubertät und ich weiß mal wieder nicht, was sie meint. Ich freue mich auf den Frühling. Dann kann ich meinen Sohn tatsächlich in den Garten schicken. Iris hat wohl alles richtig gemacht. Sie ist frei und ich habe die Arbeit und den Ärger. Aber manchmal kuschelt sich Zwetschge an mich heran und gibt mir ein Küsschen auf die Nase und meint, ich sei der liebste, beste Froschvater der Welt und er will mich immer, immer liebhaben, wenn ich ihm noch ein paar tiefgefrorene Mücken organisiere. Dann bin ich ganz gerührt und denke, habe ich wohl doch nicht alles falsch gemacht!

 

 

 

Genug geleistet?

Genug geleistet?

Was? Noch nicht mal zwei Wochen? Erstaunt blicke ich auf den Kalender. Gefühlt ist Silvester schon viel länger her. Vielleicht liegt es daran, dass ich gerade eine Menge planen, bedenken und tun muss. Dabei ist es objektiv gar nicht so viel. Früher hätte ich das alles so nebenbei gemanagt, ohne lange darüber nachzudenken.

Ich weiß gar nicht, wie ich das in meinem früheren Leben alles leisten konnte, damals, als die Kinder noch klein waren und ich täglich jede Menge zu organisieren und zu tun hatte. Wie habe ich bloß Familie, Beruf, Haushalt, Freundschaften und eigene Hobbys unter einen Hut gebracht?

Vielleicht war ich dazu imstande, weil meine Familie noch um mich herum wuselte. Natürlich war ich auch jünger und gesünder. Meistens jedenfalls.

Ich spielte mit meinen Kindern, brachte sie saubergewaschen und gekämmt ins Bett, las ihnen vor, bastelte und malte mit ihnen, ging mit ihnen in die Natur, auf Spielplätze oder schickte sie zu Freunden, organisierte Geburtstage und Weihnachtsfeste, wusch ihre Wäsche und sortierte sie in ihre Schränke, also die Wäsche, nicht die Kinder, ich backte und kochte und so weiter und so fort.  Einmal habe ich sogar in den Ferien mit allen Dorfkindern und unserem Hund zwei Wochen lang einen Kinderzirkus auf die Beine gestellt. An die Vorstellung auf dem Dorfplatz erinnere ich mich noch sehr gut. War erfolgreich und lustig! Ich begleitete meine Jungs durch die Schulzeit und kümmerte mich ab und zu um kulturelle Impulse, was auf dem platten Land ja nicht immer einfach ist. Wir zogen mehrmals um und kauften schließlich ein Haus. Das brachte immer wieder Unruhe, viel Arbeit und Neuanfänge in unser Leben.

Ich las auch selbst damals viel, besuchte Volkshochschulkurse und nahm an Fortbildungen teil. Ich malte, strickte, stickte und bastelte und hatte immer irgend ein Projekt in Arbeit. Ja, nicht alle wurden fertig und manche bleiben im Alltag stecken, aber ich machte immerhin. Ich absolvierte eine zweite Ausbildung und stieg doch in meinen Beruf als Lehrerin wieder ein. Eigentlich fing ich dort von vorne an, denn die Arbeit in einer Förderschule war etwas Neues für mich. Ich versorgte Tiere und den Haushalt. Ich kümmerte mich um Freundschaften und arbeitete mich an meiner Liebesbeziehung ab.

Während ich das jetzt schreibe, denke ich, ja, ich habe immer viel getan und gewollt und geschafft. Auch wenn ich es damals nicht so empfand: meine Familie hatte es gut mit mir. Nun sagt mir mein innerer Kritiker, ich solle nicht so aufgeblasen daherreden, ich hätte ganz schön viel Mist gebaut. Meine Kinder und mein Mann haben schwer unter mir gelitten. Ja, stimmt, manchmal war es so, aber sehr oft eben auch nicht! Merkt Ihr, wie gut ich meinen Vorsatz für das neue Jahr heute umsetze? Muss ich mich doch gleich mal selbst loben!

Damals hatte ich oft den Eindruck, dass mein Mann den Großteil der Arbeit leistete und ich nur angehängt war. Heute sehe ich das anders. Wir haben uns die Aufgaben aufgeteilt. Mein Mann war universell begabt und konnte eigentlich fast alles. Insbesondere im handwerklichen und gärtnerischen Bereich war er unersättlich am Tüfteln und Bauen und Gestalten. Seine Ergebnisse waren offensichtlich, meine Beiträge  häufig nicht so deutlich sichtbar. Nur wenn sie plötzlich wegfielen, dann merkte man schon etwas. Heute bin ich stolz auf das, was ich zum Familienleben beitrug.

Ein großer Umbruch in meinem Leben war die Entscheidung, auszuziehen, nachdem unsere Kinder erwachsen waren. Damals noch in der Hoffnung, dass mein Mann und ich mit getrennten Wohnungen wieder zueinander finden könnten. Hat nicht geklappt und die Scheidung setzte einen Schlusspunkt. Nein, stimmt nicht. So ganz Schluss war ja bis zu seinem Tode nie.

Was hartnäckig blieb, war der Gedanke, dass ich nicht genug bin und leiste. Ganz tief in mir entfaltet er seine Kraft immer noch im Unterbewusstsein. Ich rede, schreibe und denke laut dagegen an. Dabei entdeckte ich mein Mitgefühl. Und zwar mein Mitgefühl für mich selbst.

Ich durchlebte wie wir alle traurige und schwere Zeiten und bin an ihnen gewachsen. Ich kriegte es in den letzten Jahren gut hin, weil ich mir viel Zeit für mich nahm. Dass ich nicht mehr erwerbstätig bin, ist eine gute Voraussetzung dafür! Ich konnte mir die Zeit nehmen, die ich brauchte, um meine Kraftreserven wieder aufzufüllen. Wieviel Energie es kostet, Trauer zu spüren und zu halten, habe ich z. B. heute gerade noch einmal bemerkt, als ich in unserem Haus nachsah, ob der „Entrümpler“ es tatsächlich leergeräumt hat. Hat er. Alles weg und ich wurde so traurig und kraftlos, dass ich mich bei mir Zuhause sofort hinlegte und fest einschlief. Ist der Tagesschlaf jetzt verlorene Zeit? Nein, ich denke nicht. Er war notwendig und gut für mich.

Ich vergaß auch in schweren Zeiten nicht, das Schöne (wieder) zu spüren. Ich bin so aktiv und leistungsfähig, wie ich es gerade sein kann, sogar ziemlich erfolgreich, finde ich. Das Haus ist leer und wird voraussichtlich im Februar neue Besitzer haben. Ein guter Preis ist erzielt. Meine Knie-OP Anfang Februar ist geplant und ich weiß genau, wann ich was erledigen muss. Ich habe eine weitere Reise mit meinen „Mädels“ nach Dänemark gebucht. Ich treibe Sport in Maßen und nach Lust und Laune. Es wird im März wieder einen Philosophie-Kursus in der Volkshochschule geben. Qigong läuft auch weiter und im September bin ich für eine Jahresgruppe angemeldet, in der wir in regelmäßigen Abständen unsere Lebensfragen „aufstellen“ können. Die „Schreibwerkstatt“ existiert noch und wir werden künftig nach einem Lehrbuch arbeiten. Ich durchlebe ab und zu kleinere Panikattacken, die lästig und anstrengend sind, aber nicht mehr so bedrohlich. Ich spüre sie und weiß, sie werden bald aufhören und damit besiege ich sie. Mein Auto ist durch den TÜV gekommen. Und einen neuen Teppich habe ich mir für die Essecke auch geleistet. Ich weiß nur noch nicht, ob ich den nun wirklich gut finde, aber auch diese Frage werde ich mir eines Tages noch beantworten. Muss ja nicht sofort sein.

Es gibt also überhaupt keinen Grund, daran zu glauben, dass ich mehr leisten könnte, wenn ich nur wollte. Dieser Satz stand übrigens oft in meinen Zeugnissen, fällt mir gerade ein. Nun will ich endlich aufhören, mir selbst eine so negative „Kopfnote“ auszustellen.

Also, Ihr Lieben, glaubt einer alten, lebenserfahrenen Frau: Wenn Ihr denkt, Ihr seid nicht aktiv und gut genug, sind das Gedanken, die gut überdacht und wahrscheinlich neu gedacht werden sollten. Meistens stimmen sie nicht, wie Ihr an meinem Beispiel sehen könnt. Und meinen inneren Kritiker, der deutlich macht, dass er diese Weisheit ganz und gar nicht mit mir teilt, den schicke ich jetzt in den Garten. Da kann er sich dann schnell mal selbst doof finden!

Ich wünsche Euch einen schönen Sonntag!

Tagebücher

Tagebücher

Heute fand ich meine alten tagebücher

ich verlor mich im spiegel der zeit

und es gefiel mir nicht

was ich dort sah.

 

Jetzt liegen noch mehr davon

in einer ecke

und ich will sie nicht lesen

oder doch?

 

Jetzt fühle ich

meine hilflosigkeit

von damals

wieder neu

und sehe

ich bin noch immer so

wenn stress meinen verstand vertreibt.

 

Kann es helfen zu erkennen

verhaltensmuster zu benennen

oder kann ich damit leben

wenn der spiegel mir sagt

du machst es schon wieder!

 

Kann ich dann lachen

und sagen

ja, es war schon immer so

bin ich dann froh

es nicht ändern zu können

wenn ich überfordert bin?

 

Ich warte ab

bei gelegenheit

werde ich mich wieder schutzlos fühlen

hilflos den verstand verlieren

wenn die angst das handeln

zäh werden lässt

dann werde ich so sein

wie ich bin

und es geht trotzdem weiter.

 

Mal sehen, mal sehen

und ich lese sie einfach nicht

die Tagebücher haben ausgesorgt.