Heute lese ich Männergeschichten

Ich komme wieder zum Lesen und bin froh darüber, ab und zu in andere Welten abzutauchen. Das ist das richtige Wort, denn in folgende zwei Romane bin ich fast verschwunden und wäre am liebsten dort geblieben. Ging aber nicht, weil jedes Buch eine letzte Seite hat. Zum Glück stehen sie dann in meinem Wohnzimmer und ich kann sie jederzeit wieder zur Hand nehmen.

Die „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen, Penguin 2018, habe ich durch. Der Klappentext fasst zusammen:

Ingwer Feddersen erkennt das Dorf, in dem er aufgewachsen ist, nicht wieder: keine Schule mehr, kein Bäcker und kein Kaufmann. Keine Störche auf dem Dach der Kirche, auf den Feldern keine Kühe, nur noch Mais und Wind. Als wäre eine ganze Welt versunken. Aber im Gasthof steht noch immer Sönke Feddersen, de Ole, stur wie ein Findling  hinter seinem Tresen. Und Ingwer, de Jung, der vor vierzig Jahren weggezogen, kehrt zurück. Er hat in seinem Dorf noch etwas gutzumachen.

Mit großer Wärme erzählt Dörte Hansen vom Verschwinden einer bäuerlichen Welt, von Verlust, Abschied und Neubeginn.“

Genau meine Themen! Der Roman ist in Nordfriesland angesiedelt. Ich habe lange dort gelebt und wurde von der ersten Seite an in meine ehemalige Wahlheimat versetzt. Ich fühlte mich sofort bei Ingwer, Hauke, Bente, Sönke, Oke, Marret, Ella, Akke, Barne, Beele, Inken, den Ketelsens, Knudsens, Nissens und Feddersens zu Hause. Ich bin mir ziemlich sicher, dass nicht alle diese Namen im Roman vorkommen, in meiner Erinnerung haben sie sich aber festgesetzt. Die Geschichte könnte  übrigens auch hier in Niedersachsen genauso passiert sein und vielleicht auch weiter südlich. Die Landschaften, die Dörfer und die Menschen haben sich hier wie dort verändert. Diese Wandlung hat Dörte Hansen wunderbar beschrieben.

Ich bekam beim Lesen eine leichte Sehnsucht nach meiner Kindheit und weiß, so wird es nie wieder werden. So schön die Landschaft um mich herum auch sein mag, es ging doch ganz viel verloren. Allerdings zeigt der Roman auch, dass die Vergangenheit in einer wunderschönen Landschaft überhaupt nicht romantischer und wunderbarer war, als die Gegenwart. Nur anders.

Liebevoll erzählt Dörte Hansen von den Menschen, ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben, so ausgefallen ihre Charaktere auch sein mögen. Ich las diesen Roman genau so gerne wie das „Alte Land“.

Und jetzt lese ich gerade mit höchstem Vergnügen, auch wenn die Thematik gar nicht lustig ist, den Roman „Neujahr“ von Juli Zeh, Luchterhand 2018.

„Lanzarote, am Neujahrsmorgen: Henning sitzt auf dem Fahrrad und will den Steilaufstieg nach Femés bezwingen. Seine Ausrüstung ist miserabel, das Rad zu schwer, Proviant nicht vorhanden. Während er gegen Wind und Steigung ankämpft, lässt er seine Lebenssituation Revue passieren. Eigentlich ist alles in bester Ordnung. Er hat zwei gesunde Kinder und einen passablen Job. Mit seiner Frau praktiziert er ein modernes, aufgeklärtes Familienmodell, in dem sich die Eheleute in gleichem Maße um die Familie kümmern. Aber Henning geht es schlecht. Er lebt im Zustand permanenter Überforderung. Familienernährer, Ehemann, Vater- in keiner Rolle findet er sich wieder. Seit Geburt seiner Tochter leidet er unter Angstzuständen und Panikattacken, die ihn regelmäßig heimsuchen wie ein Dämon.

Als Henning schließlich völlig erschöpft den Pass erreicht, trifft ihn die Erkenntnis wie ein Schlag: Er war als Kind schon einmal in Femés. Damals hat sich etwas Schreckliches zugetragen- etwas so Schreckliches, dass er es bis heute verdrängt hat, weggesperrt irgendwohin den Tiefen seines Wesens. Jetzt aber stürzen die Erinnerungen auf ihn ein, und er begreift: Was seinerzeit geschah, verfolgt ihn bis heute.“ (Klappentext)

Ich kam damals mit meinen Rollen als Familienernährerin, Ehefrau und Mutter genauso wenig klar wie Henning. Das hätte ich natürlich niemals zugegeben, denn als emanzipierte Frau sollte es leicht und selbstverständlich sein, alles unter einen Hut zu bringen. Darum kann ich Hennings Überforderung so gut nachvollziehen und auch seinen Kampf gegen die Angstattacken. Ich kenne diese Selbstvorwürfe und auch den Willen, sich endlich zusammenzureißen und liebenswerter zu werden. Und das Scheitern. Ja, das Scheitern habe ich ganz ähnlich so erfahren wie Henning. Ich bin sehr gespannt, wie die Geschichte endet und zwinge mich, nicht auf die letzte Seite zu schauen.

Bemerkenswert finde ich, dass es in beiden Romanen um Männer geht, die voller Selbstzweifel darum kämpfen, ihre Fassade zu wahren und trotzdem nicht mit einem „weiter so“ weitermachen können. Für mich lösen sich beim Lesen die Grenzen zwischen weiblich und männlich auf. Das finde ich interessant, denn mein Männerbild, welches mich bisher prägte, hat mit der Realität wenig zu tun. Diese Tatsache stellte ich in den letzten Wochen fest, als ich meinen Mann und meine Söhne von ganz unbekannten und neuen Seiten kennenlernte.

Wie schön, dass meine Lektüre oft so gut zu meinen Lernprozessen passt!

PS: Falls es sich hier um eine Werbung für zwei Bücher handeln sollte, kennzeichne ich meine hier dargestellte Begeisterung ausdrücklich als Werbung.

 

 

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12 Gedanken zu “Heute lese ich Männergeschichten

  1. Schön! Das erste sollte Lektüre in meinem eben beendeten Urlaub sein, ich war aus Sylt. Aber da bin ich bei Siegfried Lenz deutschstunde hängengeblieben, und so werde ich mich auf „Mittagsstunde“ noch ein bisschen länger freuen. 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für die kleine Rechtsberatung und liebe Grüße in den Süden! Hier blühen noch die Blumen und ich sitze immer noch auf der Terrasse, wenn ich lesen will. Na ja, natürlich wird es früh dunkel, daran merke ich, dass November ist. Ist es bei Euch ähnlich?

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