Hallo Leute, sie hat mich gar nicht vermisst! Sie hat gar nicht gemerkt, dass ich mich versteckt habe. Jetzt werde ich mich sichtbar machen und sie erschrecken, während sie mit ihrer Zeitung und dem Kaffee im Bett liegt. Mit großen Augen starrt mich Frau Holle an, als ich auf die Zeitung hopse und sie mit einem lauten Buh aus ihrer Konzentration hole.
„Misi“ ,hustet sie, „mach das nie wieder!“ Sie faltete die Zeitung zusammen und zückt ihr Taschentuch. Sie hat eine fiese Erkältung. „Und morgen muss ich eine Geschichte vorlesen und später zum Reha-Sport“, sagt sie. Ich rate ihr, einfach im Bett zu bleiben. Sie erzählt mir doch immer, sie sei Rentnerin und müsse gar nichts mehr. Frau Holle sagt, der Seniorenclub wartet auf neue Geschichten aus der Schreibwerkstatt. Und zum  Rehasport ging sie schon im Dezember nicht, weil sie so erkältet war. Das glaubt ihr doch kein Mensch, wenn sie jetzt schon wieder wegen Schnupfen absagt. „Nein, nein, das geht gar nicht“, hustet sie traurig vor sich hin. Weil sie jetzt neu damit anfangen will und auch gewisse Vorsätze hat, muss sie also morgen hin. Ich schüttle ihr das Kopfkissen auf und verlasse ihr Bett. Ich soll da ja sowieso nicht rein.
Nein, liebe Leute, in diesem Jahr bin ich nicht zufrieden mit der Gesamtsituation hier im Haus. Weihnachten fiel aus und es gab kein lustiges Leben mit den vielen Weihnachtsgestalten wie in den Jahren zuvor. Meine Mitfrösche waren langweilig und ich langweilte mich sowieso. So verbrachte ich die meiste Zeit auf dem Dachboden bei halber Erstarrung. Nächstes Jahr werde ich mich in den Gartenteich begeben und vollständig erstarren, so wie es sich für einen Frosch gehört! Jetzt lohnt sich das nicht mehr, denn die Tage werden schon wieder länger. Also etwas. Sonne gibt es allerdings kaum zu sehen. Schnee zum Glück auch nicht.
Ich freue mich auf gar nichts mehr. Mein Kind ist weg und meine Frau ja schon lange. Ich finde keinen Sinn im Leben und im Beruf als Gartenhänger sowieso nicht. Ist doch alles egal.
Ich schleiche durch das Haus und Frau Holle schleicht aus dem Badezimmer. Sie will jetzt kochen, denn der Rotkohl muss noch weg. „Donnerstag kommt schon wieder eine neue Bio-Kiste“, murmelt sie und sucht ein großes Messer. Ich knabbere an einem Rotkohlblatt und sage, es macht alles keinen Sinn und wozu bin ich denn eigentlich noch gut. Frau Holle sagt, sie ist auch zu nichts mehr nütze aber hilft ja nichts, da müssen wir nun einmal durch. Dann sagt sie: „Misi, ich glaube, wir beide haben eine ausgewachsene Winterdepression!“ Ich weiß nicht, was das ist, kenne nur Burnout. Frau Holle sagt was von zu wenig Sonne, Luft und Bewegung. Und vielleicht sieht jetzt alles nur so traurig aus und ist es in Wirklichkeit gar nicht.
Frau Holle gibt mir ein Küsschen auf die Nase und sagt: „Wird schon!“ Dann köchelt sie weiter an ihrem Rotkohl und macht sich einen Ingwer-Tee. Der soll gesund sein und den Schnupfen vertreiben. Ich kriege eine Tasse Kakao mit Fischfutter drüber. Den nehme ich mit auf den Dachboden, erstarre ein wenig und warte auf bessere Tage.
Frau Holle winkt mir nach und geht ihren Geschäften nach. Sie hat auch im Winter etwas zu tun.

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