Wie im Unterricht einmal ein ganzes Land verschwand

Wie im Unterricht einmal ein ganzes Land verschwand

Als Klassenlehrerin einer vierten Klasse in einer Förderschule für Geistige Entwicklung absolvierte ich zusammen mit meiner Pädagogischen Mitarbeiterin eine Weiterbildung im Verein für Entwicklungstherapie und Entwicklungspädagogik  (ETEP) http://www.etep.org/

Im Unterricht sollte hauptsächlich die soziale Kompetenz gestärkt und gefördert werden.  Die SchülerInnen erarbeiteten sich zusammen mit meiner Kollegin und mir kurz formulierte Lernziele in den Bereichen Kognition, Kommunikation, Sozialisation und Verhalten, die sich nach ihren individuellen Entwicklungsständen richteten. Die Lernziele schrieben wir auf kleine Kärtchen und visualisierten sie für Nichtleser. Diese Lernzielkarten wurden auf ihren Arbeitsplätzen befestigt.

Hier ein Beispiel:

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Regelmäßig besprachen wir, ob die Ziele erreicht wurden. Wenn ja, wurden neue Lernziele entwickelt. Diese Methode hatte erstaunliche Erfolge. Lesen, Schreiben und Rechnen wurden dabei wie nebenbei gelernt und geübt.

Nun will ich Euch davon erzählen, wie ein ganzes Land im Unterricht vernichtet wurde.

Die SchülerInnen gestalteten zwei Wochen vor der Prüfung an der Tafel ihr Märchenland. Sie nannten es Lemuri. Märchenfiguren wurden angemalt oder selbst entworfen und  laminiert.  Fotos von den SchülerInnen wurden ebenfalls laminiert und so konnten sie sich mit märchenhaften Aufgaben in Lemuri einbringen. Jeder suchte sich einen besonderen Freund und Helfer aus. Die Geschichten dazu erfanden wir gemeinsam. Unsere fünf Jungs bildeten eine Bande in Lemuri: „Die Wilden Kerle“. Die drei Mädchen zogen zu den Prinzessinnen auf das Schloss.

Ich hatte für die Prüfung eine sehr gut durchdachte Vorbereitung in der Schublade liegen. Zwei Tage zuvor geschah aber folgendes:

Die Wilden Kerle drehten plötzlich durch. Wir konnten sie nicht mehr aufhalten. Menschen und Tiere wurden getötet, Gebiete vernichtet und verbrannt. Die Mädchen zogen sich weinend zurück. Ein Kleiner Wilder Kerl rief empört:“ Wir machen ja alles kaputt. Hört auf!“ Aber die anderen hörten nicht auf und machten weiter, rissen alles ab und wischten Lemuri von der Tafel.

Dann waren alle erschöpft. Meine Kollegin ging mit den Prinzessinnen und dem Kleinen Wilden Kerl vor die Tür um sie zu trösten. Ich bleib mit den wild gewordenen Kerlen im Klassenraum. Trotz regierte die Welt. Das haben sie nun davon, die doofen anderen. Selbst Schuld! Die Starken sind die Bestimmer! So ging es eine Weile, bis der Schreck und die Trauer ihren Raum fanden. Jetzt gab es auch bei den Wilden Kerlen Tränen und sie stellten die Frage:“ Was machen wir nun?“

Diese Frage stellten meine Kollegin und ich uns auch. Als sehr hilfreich erwies sich, dass nachmittags sowieso eine Supervision anstand. Wir bekamen ein großes Lob für unsere gute therapeutische Arbeit. Die Erklärung: Hier hat sich eine große aufgestaute Wut Luft gemacht. Die Schüler waren sich ihrer Situation bewusst, nicht so zu sein wie die anderen. Gerade für die fitteren  Schüler bedeutete es eine große Kränkung, die Förderschule besuchen zu müssen. Sie konnten in der vierten Klasse noch nicht richtig lesen und schreiben und so vieles andere nicht, was die SchülerInnnen der Regelklassen scheinbar mühelos beherrschten. Sie waren trotz Kooperation und Integration Außenseiter. Prima, dass sie einmal die Gelegenheit hatten, die Welt, so wie sie ist, auszulöschen.

Gut, das sahen wir ein. Aber was machten wir nun mit der Prüfung? Die Vorbereitung dafür konnte ich ja in die Tonne klopfen. Lemuri gab es nicht mehr. Ich baute  die Unterrichtseinheit in einer Nachtschicht  um. Die Lernziele bleiben zum Glück die gleichen, aber die Geschichte und die Aufgaben änderten sich.

Ich konnte den Verlauf der Stunde nicht genau planen und musste mich auf die Phantasie der SchülerInnnen verlassen. Wir setzten uns am nächsten Tag „planlos“ zusammen und ganz gespannt schauten die Prüfer zu. Die SchülerInnen berieten, was zu tun sei. Erst einmal erweckten sie alle Personen wieder zum Leben, denn zaubern konnten sie ja noch. Dann hatten sie die Idee, dass sich jeder und jede ein neues Land zaubern durfte. Das taten sie an der Tafel und alle Figuren bekamen eine neue Heimat. Es gab ein großes Lemuri mit dem Schloss und die Wilden Kerle hatten jeder eine kleine Insel für sich mit Fähren oder Zugbrücken. Man beschloss, sich ab und zu auf Lemuri zu treffen. Die Drachen wurden für diese Zeit gezähmt und die Wilden Kerle versprachen, sich an die Regeln, die jetzt neu aufgestellt wurden, zu halten. Jeder sollte die Freiheit haben, sich jederzeit zurückziehen zu können.

Diese Prüfungsstunde war ein voller Erfolg mit tausend Sternchen. Für uns alle. Ich meine, das Bedürfnis, sich in der Gemeinschaft auch abgrenzen zu dürfen, kann nicht deutlicher ausgedrückt werden.

Ach, wenn es doch draußen in der realen Welt auch so einfach wäre!

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Oktober 1988

Ich schaffe meine Hausarbeit nicht, der Lütte nervt und ich bin so kribbelig wie lange nicht mehr. Der Große arbeitet und ich fürchte, ich kriege es allein nicht mehr auf die Reihe. Jeder Schritt fällt mir schwer und ich bin schon am frühen Morgen erschöpft und ausgelaugt. Ich zweifel an mir, an meinen Fähigkeiten als Mutter und Hausfrau. Der Frühstückstisch ist auch noch nicht abgeräumt. Dreck und Spielzeug überall und der Wäschekorb quillt über. Am liebsten würde ich mich ins Bett legen und eine Runde heulen. Aber das gestehe ich mir als Mutter eines Dreijährigen einfach nicht zu. Ich rufe den Großen an und bitte ihn, schon mittags nach Hause zu kommen und mir den Lütten abzunehmen.

Ich beschließe raus zu gehen und schimpfe furchtbar ungeduldig mit dem kleinen Kerl, als er seine Gummistiefel nicht anziehen will. Ich bestehe auf seiner warmen Winterjacke, denn es ist schon ziemlich kalt draußen. Zum Glück ist es aber ganz windstill, was hier in dieser Jahreszeit nun wirklich eine Seltenheit ist. Ich pelle mich in meinen Mantel und habe große Mühe, meine Schuhe anzuziehen.

Auf dem Weg zum Strand schiebe ich den Lütten keuchend auf seinem kleinen Dreirad  durch das Wäldchen. Das ist beschwerlich, denn hier werden die Blätter nicht geräumt. Der Lütte steigt vom Rad und tobt durch das Laub. Ich bücke mich und kann eine handvoll trockener Blätter erwischen, die ich durch die Luft werfe. Mein Söhnchen macht es nach. Jetzt lacht er und mir geht es auch besser, obwohl mein Rücken weh tut und ich kaum weiß, wie ich mich aufrecht halten soll.

Langsam steigen wir vorsichtig  die Treppe von der Promenade zum Strand hinunter und ich setze mich auf einen großen Stein. Das Kind tobt sich aus und versucht vergeblich, keine nassen Füße zu kriegen. Egal, ich genieße es, einfach hier zu sitzen und mir die letzten paar Touristen am grauen, ruhigen Meer anzuschauen und Kraft zu schöpfen.

Ein paar Stunden später kam unser Herbstkind zur Welt.