Manchmal sind die anderen nicht wahrhaftig. Dann sagen sie nicht, was sie denken und fühlen. Oder sie verschweigen etwas, weil sie glauben, dass mich ihr Handeln verletzen wird. Oder sie machen es sich leicht und äußern das eine und handeln ganz anders. Mir fällt gerade viel dazu ein. Manchmal wird mir erst Jahre später bewusst, was passiert ist und dann rumort mein Bauch und der Schmerz macht sich so richtig breit. Ich bin wütend und manchmal auch verzagt.

Das kennen wahrscheinlich sehr viele Menschen und wir haben gelernt, welche Strategien uns helfen, damit zurecht zu kommen.

Manchmal bin auch ich unehrlich und reagiere so, wie ich denke, dass die anderen es von mir erwarten. Weil ich geliebt werden, Freundschaften erhalten, dem anderen nicht weh tun möchte. Oder weil es einfach bequemer ist.

Das kennen wir alle, vermute ich. Ist ja auch nicht immer schlecht. Manchmal brauchen wir das als sozialen Kitt.

Früher habe ich nicht viel darüber nachgedacht, in den letzten Wochen durchschaue ich meine Strategien, die ich anwende, wenn die Realität zu schmerzhaft werden könnte, immer besser und es ist nicht so schön zu erkennen, wie oft ich meiner Selbsttäuschung glaube.

Und eben beim Zähneputzen wollte ich mal wieder in den Groll über die vielen Enttäuschungen verfallen. Da sagte mir eine innere Stimme: „Du bist das ja meist selbst!“ Ich wollte ihr nicht glauben. Das wäre ja noch schöner! Es sind doch die anderen, die mich nicht mögen, die mich ihrem Leben fern halten, die mir die Unwahrheit sagen. Ja, manchmal ist das auch so.

Aber mir fallen gerade so viele Situationen ein, in denen ich glauben wollte, was die anderen mir auftischten und darum das Spiel mitmachte, obwohl mir mein Bauchgefühl etwas ganz anderes mitteilte. „Da stimmt etwas nicht“, rumorte es in mir. Aber ich machte mit, hielt mich von schmerzhaften Einsichten fern und fiel aus allen Wolken, wenn sie sich, meist viel später, durchsetzten. Dabei hätten ein paar Nachfragen meinerseits die Situation sofort klären können und alles wäre für mich viel leichter gewesen, als später zu erkennen, was passierte und ich dann ab und zu durch „die Hölle“ gehen musste. Manchmal habe ich mich mit meinem Unglauben an das, was war, selbst in richtig schlimme Situationen manövriert, bin an meine Grenzen gekommen und einmal wollte ich nicht mehr leben. Dabei hätte ich mir sehr viel Leid ersparen können, wenn ich besser zugehört, mutiger gewesen und nicht so festgefahren in meinen eigenen Wünschen und Vorstellungen gewesen wäre, meinem Bauchgefühl getraut und die Realität in mein Leben integriert hätte.

Ja, hätte ich, wenn ich der Mensch gewesen wäre, der ich heute bin. War ich aber nicht und darum nützt das neue Wissen nachträglich nur zur Erklärung. Ich streiche das „nur“, das Verstehen löst viele negative emotionale Knoten auf. Und mir wird dieses Bewusstsein vielleicht helfen, die aktuellen Fallen rechtzeitig zu erkennen, damit sich möglichst wenig neue Unehrlichkeit aufbaut und ich meine Kraft zukünftig nicht mehr mit Abwehrstrategien vergeude. Dazu gehört der Mut, den anderen nicht alles durchgehen zu lassen und mich vielleicht sogar auch unbeliebt zu machen.

Mein innerer Angstmacher sagt: „Dann wirst du bald überhaupt niemanden mehr haben.“ Das behauptet er schon immer. Jetzt ist Schluss damit. Vielleicht werde ich Menschen verlieren, aber auch neue in mein Leben lassen können.

Es ist nie zu spät für die Annäherung an die innere Wahrhaftigkeit.

9 Gedanken zu “Ehrlichkeit

  1. Ja, der Mut zur Wahrhaftigkeit erscheint uns am Anfang oft riesig, weil wir uns damit abschneiden von manchen Sympathien. Aber was nützen uns „Freundschaften“, die nichts aushalten können? Dabei brauchen wir nicht verletzend oder grob zu werden. Ehrlichkeit genügt, vor allem aber sich selbst gegenüber.

    Gefällt 1 Person

  2. Ja, die Wahrheitsliebe ist eine der schwierigen. Viele spielen das Spiel, ich mache mit, du machst mit, wir machen mit, uns gefallen unsere Masken ja so sehr! Und wir wissen darum. Manche legen diese Maske ab, sogar Politiker – aber was bieten sie anstatt? Schamlosigkeit. Ja, ich bin ein böser Mensch, ja, ich verfolge nur meine Eigeninteressen, findet das gefälligst gut!
    Auch kein Ersatz. Diese Ehrlichkeit, erst einmal die Ehrlichkeit zu sich selbst, die hier gemeint ist, die ist nicht leicht zu erlangen. Mühsam zu erkämpfen ist sie, tut manchmal übel weh. Ich weiß, von was ich rede: manchmal bin ich ehrlich. Zu mir selbst.

    Gefällt 1 Person

    1. Ich komme mir manchmal vor, wie eine Zwiebel, die weinend Schicht um Schicht ablegt. Und damit verändern sich auch die Beziehungen zu geliebten Menschen. Mir macht das gerade Angst.
      Wir geben nicht auf und machen weiter! Weil es notwendig ist. 💞💪🌈

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s