Ich fragte mich: „Wie ist es möglich, dass ich mich, wenn auch nur kurzfristig, so unwohl fühlte, als ich die Einladung zur Hochzeit las? Meine soziale Phobie habe ich doch ganz gut im Griff.“

Ich konnte mir das nicht erklären, bis ich folgende Dokumentation sah:

https://tinyurl.com/4s9edwb9

Ich kannte den Beitrag schon, aber gestern wollte ich ihn mir unbedingt noch einmal ansehen. Und da lichtete sich der Nebel und ich erkannte mein Problem. Seine Wurzeln liegen in Woodstock 69.

Ich war damals 17 und wurde mehr von diesem Festival geprägt, als mir je bewusst war. Woodstock wirkte wie ein Sog, der mich ein paar Jahre lang bewusst und unbewusst mitzog. Mein Musik-, Mode- und Männergeschmack wurde in dieser Zeit geprägt und hält bis heute vor. Ja, ganz tief innen bin ich noch Woodstock, dachte ich gestern. Dort fühle ich mich geborgen, das ist meine Heimat, dort ist es schön, dort darf ich ich sein, dort will ich wieder hin. Also nicht nach Woodstock direkt, aber zu diesen Idealen und Träumen, die damit zusammenhängen und die ich eigentlich nie ganz aufgab, wenn ich ganz ehrlich bin.

Heute weiß ich, dass meine von der Hitlerjugend und dem Krieg geprägten Eltern tatsächlich große Angst um ihre Tochter hatten, die vom Woodstock-Zeitgeist so fasziniert war. Sie wollten mich behüten und konnten mich doch nicht fernhalten. Das entzweite uns.

Ich wurde kein echter Hippie, auch wenn ich es so gerne geworden wäre. Bis dahin reichte mein Mut nicht und das war vielleicht auch gut so, denn für mich wäre es wohl nicht gut ausgegangen. Aber das wusste ich damals natürlich nicht. Woodstock und alles, was daran hing, blieb mein Ideal und ich ärgerte mich über meine Feigheit. Ich folgte den gesellschaftlichen Vorgaben, machte Abitur und studierte. Meinen Freiheitsdrang lebte ich als junge Erwachsene in Afrika aus, als ich für ein paar Monate dort mit anderen jungen Leuten unterwegs war. Das war´s dann aber auch. Ich radikalisierte mich nicht, nahm keine Drogen (mehr) und führte ein beinahe „anständiges“ Leben, welches meine Eltern allerdings immer noch in Nöte brachte. Ich bekam Kinder und heiratete sogar, als das zweite unterwegs war. Nicht weil ich von der Notwendigkeit überzeugt war, sondern weil mein Mann als unverheirateter Vater wenig Rechte hatte.

Aus dieser Zeit stammen meine Widerstände gegen alles, was den Idealen meiner Eltern ähnelt. Heiraten ja, aber nach bestimmten Regeln feiern? Niemals! Elegante Mode? Ist was für Reiche und Kapitalisten. Markenklamotten? Gab es für unsere Familie nicht. Neue Küche alle 10 Jahre? Hahaha, sehr komisch. Statussymbole? Abscheulich! Kriege und Umweltverseuchung? Nicht mit uns! Frieden schaffen ohne Waffen!

Und so weiter.

Weil ich nun keine echte Aussteigerin bin, will ich mich trotzdem so gut es geht an die Regeln des Umgangs, des sozialen Verhaltens, die für die Gesellschaft als Verhaltensnorm gilt, halten. Aber wie verhalte ich mich wo richtig? Wie kleide ich mich angemessen? Wie sind die Spielregeln? Und was mache ich, wenn mich die Regeln unglücklich machen? Das sind Fragen, auf die ich oft keine Antwort weiß, die mich verunsichern und die mir Unbehagen bereiten. Allerdings ist diese Einstellung nicht mehr zeitgemäß. Die Fragen erinnern mich an die schwere Zeit meiner Jugend, aber heute bin ich alt. Heute weiß ich ja so viel mehr als damals. Heute kann ich! Das vergesse ich manchmal.

Ich dachte natürlich, dass meine Söhne meinen Idealen folgen und sie ausleben werden. Falsch gedacht. Sie können mit Woodstock nichts anfangen. Sie wollen überhaupt keine langen Haare. Sie wollen Mode und Technik. Frei sind sie sowieso und leider haben sie viele Ängste und Unsicherheiten von mir geerbt. Das ist blöd, aber veränderbar. Sie wollen es anders machen als ihre Eltern. Und darum wird geheiratet, wie es sich gehört! Punkt.

Und ich spiele mit. Jetzt, wo ich weiß, was mit mir los ist, kann ich loslassen. Woodstock ist vorbei. Nicht für meine Seele, aber für alles drumherum.

In Wahrheit bin ich immer noch Woodstock. Aber ich weiß mich trotzdem zu benehmen.

9 Gedanken zu “Ach darum!

    1. Ja super, liebe Katrin. Ich habe das Nicht-Funktionieren auch bemerkt und herumprobiert. Nichts half und so dachte ich, dass sich Interessierte dann in der Mediathek weiter „vortasten“ können müssen. Dein Link ist natürlich viel praktischer und ich würde gerne wissen, wie Du darauf gekommen bist. Damit ich dazu lerne! Liebe Grüße an Dich und Deinen wunderbaren Besserwissermodus! Regine

      Gefällt 1 Person

  1. Ich kann mich schick anziehen, wie ich will (schwarzer Jumpsuit usw.), aber auch ich strahle laut meinen Kindern (14 und 17) immer einen Hippiestyle aus. (Obwohl zu spät dafür geboren mit Jahrgang1972.) Finde ich – und sie auch – aber auch völlig okay! Hippie forever.

    Gefällt 1 Person

    1. Schick anziehen war in meinen Studienzeiten total verpönt im Freundeskreis. Schick ging gar nicht, das gehörte zur Bourgeoisie oder so. Mit Schick habe ich bis heute meine Schwierigkeiten. Allen meinen Freunden von damals geht es anders. Sie haben jetzt Kohle und zeigen das auch. Ich bin übrig geblieben und ab gestern stehe ich zu meinem Woodstock im Kopf.

      Gefällt mir

      1. Ich stehe auch dazu und für mich ist zum Beispiel Kostüm und Pumps oder weiße Bluse und Bleistiftrock oder Fullfacemakeup oder hingestylte Frisuren immer noch megaspießig. Will mich nicht wie wahlweise Sektetärin, Dragqueen oder meine eigene Mom fühlen. Habe bei der Abiverabschiedung auch wieder festgestellt, dass ich keine Garderobenauswahl für solche Fälle habe. Ziehe meinen Jumpsuit an, greife mir die silberne Handtasche meiner Tochter und gut is. Ich will lässig aussehen, sonst fühle ich mich unwohl.

        Gefällt 1 Person

      2. Ein Jumpsuit ist wohl so ein Zauberding, welches man dem Anlass entsprechend schmücken kann. Für die Hochzeit habe ich etwas gefunden, das sowohl zu mir als auch zum Dresscode „Cocktail“ passt. Ich werde mich darin wohl fühlen, denke ich. Allerdings muss die Hitze bis dahin vorbei sein……
        Im Beruf als Lehrerin habe ich darauf geachtet, dass die Kleidung, sauber, ordentlich, leicht zu waschen und bequem ist. In meiner Förderschule war nicht die Mode ausschlaggebend, sondern die Beziehungsarbeit.
        Vielleicht wird auf dem Gymnasium mehr auf Stil geachtet?
        Schöne Ferien weiterhin! Oder bist Du schon durch? 🙋‍♀️

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s