Zimmerreisen 9: S wie Stickbild

Ehrgeizig bin ich ab und zu. Die „Zimmerreisen“ fordern mich heraus. Ich möchte die Aufgabe vollständig erledigen und mich durch das ganze Alphabet buchstabieren. Puzzleblume lädt zur 9. Zimmerreise ein: https://puzzleblume.wordpress.com/?s=zimmerreisen+9. Heute ist der Buchstabe S an der Reihe.

Früher stickte ich, wann immer ich Zeit hatte. Tischdecken, Bilder, Kissenhüllen, Lesezeichen, Handtücher und alles mögliche stellte ich mit großer Geduld fertig. Oft besorgte ich mir Fertigpackungen: Muster waren aufgedruckt und genügend Stickgarn lag immer bei. Ich entwarf aber auch selbst die Motive.

Eines Tages wurde ich schwanger. Ich wollte mich belohnen und bis zur Geburt etwas Schönes sticken. Also bestellte ich mir im Handarbeitsladen ein großes Stickbild. Es hieß „Puppenhaus“ und sollte dann später im Kinderzimmer hängen. So stellte ich mir das jedenfalls vor.

Als ich die Ware abholte, viel Geld bezahlte und das Paket zu Hause öffnete, erschrak ich sehr. Ich fand Stickgarn in vielen, vielen Farben, eine kleine Sticknadel und ein Stück Leinen (40cm x 50cm) . Dazu eine Anleitung. Ich hielt ein kompliziertes, sehr kompliziertes Abzählmuster in den Händen. Ach je, ich wusste gar nicht, ob ich zu so etwas fähig war. Am liebsten hätte ich das Ganze verschenkt. Aber ich kannte niemanden, der dazu Lust gehabt hätte. Darum machte ich mich ans Werk, denn das Geld wollte ich nicht umsonst ausgegeben haben.

Ich vergrößerte zuerst das Abzählmuster und arbeitete mich dann ganz allmählich ein. Winzige Kreuzstiche setzten sich nach und nach zu einem Bild zusammen. Fernsehen oder Hörbücher nebenbei waren nicht möglich. Ich musste mich ganz auf meine Arbeit und das Abzählen konzentrieren. Bis zum Geburtstermin wurde der Vorgarten und die äußere Mauer fertig. Auch die Schornsteine waren gebaut und die Tannenbäumchen gepflanzt. Dann legte ich die Handarbeit zur Seite, bis mein Sohn ein Jahr alt und ich nicht mehr so müde war.

Ich stickte also weiter, wurde wieder schwanger und wusste, dass die Zeit nicht reichen würde, um das „Puppenhaus“ für das Kinderzimmer fertigzustellen. Nach der Geburt gab es wieder eine lange Schaffenspause. Ich stickte leichtere Bilder, die schneller fertig wurden und nicht abgezählt werden mussten. Wir zogen von Föhr in das Wendland und irgendwann stickte ich dort weiter. Und stickte und stickte einige Jahre lang. Mit Unterbrechungen, aber ich stickte mich bis zur Fertigstellung tapfer durch die Zeit.

Ich ließ meine fertige Stickerei eines Tages rahmen und war sehr stolz auf mich.

Heute hängt das Bild im Flur. Jeder Mensch sieht es, sobald er meine Wohnung betritt. Die meisten Leute wissen wohl nicht, dass es eine Stickerei ist. Man muss schon nah herantreten, um zu erkennen, dass es sich um eine Handarbeit handelt. Um meine Handarbeit! Wie sorgfältig habe ich gezählt. Ab und zu musste ich wieder auftrennen. Ein Fehler ist geblieben, aber ich verrate natürlich nicht, wo der steckt. Ich freue mich selbst gerade sehr, dass mein „Puppenhaus“ hier auf dem Regenbogen einmal gewürdigt wird. Staunend stehe ich davor und betrachte es nach langer Zeit wieder ausgiebig.

Dieses Teil unter Glas zu fotografieren ist nicht einfach. Die Fotos sind nicht so toll geworden. Ich zeige sie trotzdem. Vielleicht könnt Ihr ahnen, warum ich so viele Jahre bis zur Fertigstellung brauchte.

Heute kann ich mit meinem Arthrosehänden leider nicht mehr sticken. Ich kriege es einfach nicht mehr akkurat hin. Aber ich erinnere mich gerne an die Zeit, die ich mit dem Stickrahmen, Nadel und Faden verbrachte. Abgezählt habe ich allerdings nur einmal, aber das ganz schön lange!

20 Gedanken zu “Zimmerreisen 9: S wie Stickbild

    1. 😁 Ich staune manchmal selbst und frage mich, warum ich so oft denke, ich mache und kann zu wenig. Egal. Kennen tun wir uns natürlich nur vom Lesen. Eigentlich schade. Danke für deine Rückmeldung! Ich freue mich!😊 Regine

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  1. Ich ziehe den Hut vor so viel Fleiß, Können und Ausdauer. Ich habe früher vieles gemacht, was ich schon lange nicht mehr mache: stricken, nähen, basteln – aber gestickt habe ich nicht eine einzige Minute. Meine Schulfreundin und eine Blogfreundin hat auch wahre Wunder gestickt.

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      1. Ja gut, ich bin rein gekommen und kommentiere hier, weil es bei Dir mit meinen Kommentaren und Likes nicht klappt, weil ich irgendwie zu blöd bin:
        Ja, habe ich jetzt gesehen! Das ist ja mehr, als eine nette Kleinigkeit.
        Tolle Stickereien hast Du gemacht!

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