Der Griff ins Leere

Will ich schon aufwachen? Wie spät ist es? Ah, sechs Uhr. Viel zu früh. Also einmal Klo und dann weiterschlafen. Schließlich ist Urlaub. Oder Rente. Je nachdem, ob ich noch Lust auf Urlaub habe. Mir fällt gar nichts mehr ein, was ich urlaubsmäßig tun könnte, was mir rentenmäßig nicht zustehen würde. Ist doch irgendwie dasselbe.

Will ich jetzt munter werden? Kurz nach acht. Doch ja, jetzt werde ich wach! Steifbeinig, weil die Gelenke noch herumzicken, watschle ich ins Bad, bevor ich die Treppe nach unten bewältige, um die Zeitung aus dem Kasten zu holen, mir einen Kaffee zu machen und mit Kaffeebecher und Zeitungslektüre wieder ins Bett zu wanken.

Ich gucke durch das Türfenster, ob die Luft rein ist. Ich wohne in einem Reihenhaus, bin also direkt auf der Straße zu sehen, sobald ich die Haustür öffne. Ich gucke vorher, wenn ich noch so aussehe, wie ich jetzt ausehe. Keiner da? Kann ich mich im Schlafanzug und mit Strubbelhaaren vor die Tür wagen? Ja geht. Kaum bin ich draußen, klopfen die zwei kleinen Jungen von drüben ans Küchenfenster und winken begeistert über die Straße. Mist, erwischt! Tapfer winke ich zurück und greife nach meiner Zeitung, die in ihrem Zeitungsfach am Postkasten auf mich wartet. Und ich greife ins Leere. Keine Zeitung.😳

Ich schließe die Haustür und öffne sie gleich wieder. Nö, tatsächlich keine Zeitung! Auch keine, die herunter gefallen ist. Kann doch nicht sein. Es ist doch sonst immer eine Zeitung da!😲

Völlig fertig (😉) gehe ich in die Küche und koche Kaffee. Dann gucke ich vorsichtshalber doch noch mal nach der Zeitung. Vielleicht habe ich sie übersehen in meiner Müdigkeit und mit all dem Gewinke.

Nein. Ein Morgen ohne Zeitung! An einem Donnerstag! Könnt Ihr Euch eigentlich vorstellen, wie verstörend das sein kann?(😉) Ich brauche meine Routine und zu ihr gehört die Zeitung am Morgen. Also, sonntags nicht, aber sonst immer. Immer.

Ohne Routine ist Mist! Wieso keine Zeitung? Was haben die sich dabei gedacht? Dieses Rätsel werde ich im Bett nicht lösen. Aber Kaffee kann ich trinken und im Buch lesen geht auch. Bis ich bereit bin aufzustehen und mich den Anforderungen des Tages zu stellen. Heute liegt nichts an. Ach doch, ja, natürlich! Eine Aufgabe hat sich ergeben: Ich muss eine Zeitung holen. Ich radle also zur Redaktion und bekomme dort meine Zeitung ausgehändigt. 😁

Und dann ist meine Welt wieder in Ordnung. Ich lese heute nicht im Bett, sondern auf der Terrasse, was sich im Landkreis, in Niedersachsen und auf der Welt ereignet hat. Später überlege ich, warum ich so viel Wert auf eine Papier-Zeitung lege. Sollte ich sie nicht doch endlich online lesen, so wie es sich gehört, wenn man nicht wie aus der Zeit gefallen erscheinen möchte? Mit einem Online-Abo könnte ich jederzeit und überall aktuelle Nachrichten abfragen. Jederzeit und immer aktuell, wenn ich wollte. Eigentlich will ich das gar nicht! Aber wäre das nicht auch viel umweltschonender, auf Gedrucktes zu verzichten?

Und warum muss ich überhaupt Zeitung lesen? Warum mich schon morgens mit all den Problemen und dem Elend der Welt belasten? Weiß ich auch nicht. Gehört eben zu meiner Routine. Morgens Zeitung, mittags gar nichts und abends Nachrichten. Dazu eine Wochenzeitschrift und ich fühle mich gut und ausreichend informiert.

Wenn ich wirklich verreise, wenn ich also weg bin, bleibe ich übrigens verschont davon. Ich lese dann keine Zeitungen und sehe niemals Nachrichten. Vielleicht sollte ich das die nächsten drei Tage auch mal machen, also nicht machen. Ich meine, keine Zeitung lesen, keine Nachrichten gucken. Nachrichtenfasten, weil ich ja gerade im Urlaub bin. Ob ich das schaffe? Ich nehme es mir vor. Dann würde ich vielleicht noch einmal richtige Urlaubsgefühle fühlen.

Bleibt aber die Frage, warum gab es heute morgen keine Zeitung im Zeitungsfach und muss ich morgen wieder ins Leere greifen? Aber das wäre eigentlich gut, denn dann käme ich ja auch nicht in Versuchung, meinen eben gefassten Vorsatz nicht einzuhalten.

7 Gedanken zu “Der Griff ins Leere

  1. Die papierne Zeitung. Die gönne ich mir auch wieder, wenn ich irgendwann reich genug dafür bin.

    Vermißtes Papier ist wie ein vermißter Traum. Unwirklich. Herzdrückend. Es hinterläßt ein übergroßes Loch bei mir …

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s