Zufrieden klappe ich das Buch „Mut und Menschlichkeit. Als Arzt weltweit in Grenzsituationen“ von T. Stöbe zu. ( Tankred Stöbe – Wikipedia ) Zufrieden und dankbar, weil ich hier geboren und aufgewachsen bin. Ich wusste es, aber jetzt im Alter und nach dieser Lektüre fühle ich es auch. Ich lebe im Schlaraffenland.

Ich bin ein Nachkriegskind, habe das Elend der Nazizeit und des Krieges nicht direkt erlebt, sondern die Traumata meiner Eltern und Großeltern „nur“ geerbt. Ja sicher, war und ist schwierig, aber nicht mit dem zu vergleichen, was so viele Menschen weltweit erleiden müssen. Ich trage mein Päckchen, habe aber das große Glück, vieles aufarbeiten zu können. Als meine Kinder noch Kinder waren, verdienten wir wenig Geld, aber wir wurden immer satt und hatten ein gutes Leben.

Ich lege das Buch auf den Stapel der Bücher, die ich weitergeben möchte. Nichts ist selbstverständlich, denke ich. Gerade jetzt in Zeiten der Pandemie, werden die Unterschiede von reich zu arm und bitterarm noch einmal deutlich. Nichts von dem, was ich besitze, ist selbstverständlich: Rente, Wohnung, Heizung, Strom, Essen, Wasser, Frieden, Krankenhäuser, Ärzte, Freiheit, Leben. Ich habe das alles, ich vertraue darauf, dass es bleibt, ich weiß und fühle dennoch: alles kann sich ändern. Man kann zu diesem Thema, wenn man will, die Mini-Serie „Years and Years“ ansehen (Years and Years: Britische Drama-Serie – ZDFmediathek). Auch wenn sie eine Fiktion ist, die gesellschaftliche Entwicklung könnte dahin gehen. Und ich könnte das noch erleben. Also, nichts war, ist und bleibt selbstverständlich.

Ich bin dankbar dafür, dass es Menschen wie Tankred Stöbe gibt, die über ihre Arbeit berichten. Stöbe beschreibt kurz, verständlich und objektiv die politischen Entwicklungen und die Aufgaben in seinen jeweiligen Einsatzgebieten. Sehr persönlich schreibt er dann über seine Arbeit. Er erzählt von einigen Menschen, denen er helfen konnte und von einigen, für die es keine Hilfe mehr gab. Er verliert trotz seiner schweren Arbeit nicht den Humor, der auch im Buch neben all dem Schweren nicht zu kurz kommt.

Also, nichts ist selbstverständlich. Ich bin dankbar, dass ich es so gut habe und dass meine Kinder gesund und meistens auch munter sind.

Es ist nicht immer so einfach zu wissen, was weltweit passiert. Manchmal wäre es wohl ganz schön, auf einer kleinen Insel zu leben und von draußen nichts mehr zu sehen und zu hören. Aber das Draußen gehört doch auch in meine Welt. Und damit es mir trotzdem gut gehen kann in meinem Luxusleben, setze ich im Alltag meine „Anker“. Ich habe kein schlechtes Gewissen, aber ich weiß und fühle: Alles was ich habe ist nicht selbstverständlich, sondern ein Geschenk. Und damit schließe ich und zeige Euch ein paar letzte Schneefotos. Denn es wird wärmer und der Frühling ist auch nicht mehr weit. Ich lasse die Leute reden vom Osterurlaub und der Normalität, die ihnen jetzt aber nun endlich zusteht. Nein, denke ich, mir steht gar nichts zu. Ich habe bisher nur großes Glück gehabt. Und mit diesem Gedanken lade ich die Zufriedenheit ein, bei mir zu bleiben.

4 Gedanken zu “Zufrieden ist das kleine Glück

  1. Nichts ist „selbstverständlich“. Wenn ich mir in Erinnerung rufe, dass Kriege bis weit in die zweite Generation nach den Tätern (Kriegsenkel) hinein wirken, wird mir übel, wenn ich sehe, was weiterhin auf der Welt geschieht. Ich darf es bei meinem Sohn erleben: Er ist in der Generationenfolge der Erste, der wenig bis nichts mehr davon spürt.

    Wir haben jeden Tag gute Gründe zur Dankbarkeit. Wenn ich mir das vergegenwärtige, erscheinen die Herausforderungen des Tages in einem ganz anderen Licht. Danke für`s erinnern, liebe Regine.

    Lieben Gruß, Reiner

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    1. Mein Verstand weiß das schon etwas länger, aber als ich das Buch las, „wusste“ auch meine Seele, wie viel Glück ich bisher hatte. Unsere Gesellschaft hier und heute ist sehr verwöhnt.

      Meine Kinder sind mit zwei ziemlich kaputten Eltern aufgewachsen. Das spüren sie immer noch, wobei wir uns im Prozess der „Heilung“ befinden. Wir konnten ihnen als Eltern schon mehr mitgeben, als es unseren Eltern möglich war. Das ist schon mal gut. Mein Bruder hat übrigens das Empfinden, in einem guten Elternhaus mit liebenden Eltern groß geworden zu sein. Er versteht uns Schwestern überhaupt nicht, wenn wir über unsere Kindheit sprechen.
      Ich wünsche Dir einen schönen Mittwoch, der nun auch schon wieder halb rum ist. Und ich trödle noch immer und drücke mich vor dem Hausputz!😂 Liebe Grüße! Regine

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