Kann ich das überhaupt wieder lernen? Kann ich je wieder unbeschwert mit anderen zusammen sein? Kann ich je wieder vergnügt in ein Theater gehen? Kann ich körperliche Nähe je wieder genießen? Diese Gedanken blieben stur und lachten mich aus, als ich ihnen gestern erwiderte: „Natürlich kann ich das!“ In der Nacht träumte ich Träume vom Zusammensein und wachte mit der Gewissheit auf, dass ich mich auch wieder in das gesellige Leben einfügen kann, wenn es denn soweit ist.

Jetzt fällt mir ein, dass mir die Ziele abhanden gekommen sind. Nein, diesen Gedanken will ich auch nicht weiter denken. Ich hatte mir in den letzten zehn Jahren ein neues und gutes Leben aufgebaut und wurde von der Pandemie ausgebremst. Jetzt ist nicht die Zeit der großen Pläne, sondern die der kleinen.

Und schon habe ich wieder Ziele. Kleine Ziele sind auch Ziele. Langfristige Pläne schmieden geht sowieso gerade nicht, also bleiben die kurzfristigen, die das Leben lebenswert machen. Mein heutiges Tagesziel: Ich will Skype nach ewig langer Zeit einmal wieder ausprobieren. Denn am Freitag kommt meine erste Konferenzschaltung meines Lebens auf mich zu. Der Lesebeirat unserer Zeitung findet sich zusammen und ich will mich an mein eigenes Bild auf dem Bildschirm gewöhnen. Ich erschrecke mich darüber, wie ich aussehe. Bis mir dann einfällt, dass ich nicht mehr so aussehe, wie vor 30 Jahren. Normal und doch immer wieder gewöhnungsbedürftig. Also, mein heutiges Ziel ist es, mein eigenes Bild im Skype auszuhalten, es wenig zu beachten und ich will mich auf den Gesprächspartner konzentrieren. Hat ja keinen Sinn, wenn ich am Freitag immer wieder vor Schreck vom Stuhl falle, sobald ich auf mein eigenes Bild auf dem Bildschirm aufmerksam werde. Außerdem will ich vorher die Beleuchtung testen und den richtigen Hintergrund finden.

Zu diesem Zwecke rief ich eine Freundin an und bat um ein Skype-Treffen. Hahaha, hat sie schon Jahre nicht mehr genutzt und sie findet sich selbst immer so doof, wenn sie sich sieht. Wir lachen uns schlapp. Nun werde ich meinen Sohn bitten und das hat den Vorteil, dass ich ihn mal wieder sehen kann. Dann gäbe es noch meinen Bruder und mehr Skype-Nummern habe ich nicht. Sagt man Nummer bei Skype?

Um das alles umzusetzen, brauche ich meinen alten Laptop wieder, der abgelegt wurde, weil er nicht mehr so wollte wie ich. Den brachte ich ganz selbstständig wieder zum Laufen und er funktioniert jetzt einwandfrei. Das ist schon mal gut und macht mich sehr zufrieden. Montagsziel wurde locker erreicht!

Eigentlich ist mein Aussehen am Freitag gar nicht so wichtig. Ist ja kein Date😂! Ich sollte mir eher Gedanken darüber machen, was ich sagen will. Ein paar Notizen habe ich mir gemacht, aber mir erscheinen meine Punkte so unwichtig. Das Draußen ist auf irgend eine seltsame Weise weiter weg gerückt von mir und meiner Realität. Ich lese jeden Tag Zeitung, aber ich fühle immer häufiger, dass die Nachrichten aus der Region recht wenig mit mir zu tun haben. Sie sind fast so weit weg wie Amerika. Ich denke, es würde mir anders ergehen, wenn ich berufstätig wäre. Dann wäre ich mehr im Geschehen. Vielleicht kann das mein Ansatz sein. Vielleicht kann die Redaktion mit meiner Befindlichkeit etwas anfangen. Darüber denke ich morgen nach! Schön, wenn man täglich neue Dümpel-Ziele hat! Davon können viele Menschen nur träumen, die gerade nicht wissen, wo ihnen der Kopf steht. Die Welt ist ungerecht, ich weiß!

17 Gedanken zu “Ziele

  1. Hallo. Dümpel-Ziele klingt so unwichtig, finde sie aber gar nicht unwichtig und sind sie auch nicht, aber das weißt du ja selbst.
    Skype habe ich auch schon ewig nicht benutzt. Kenne das mit deinen Gedanken dazu, dass man sich selbst sieht. Manchmal geht es mir inzwischen so, wenn ich über whatsapp z.B. mit meiner Enkeltochter telefoniere. Trotzdem finde ich es super, dass das alles heute so geht und man sich trotz der weiten Entfernung, trotz Corona und was es sonst noch für Sachen gibt, die ein Treffen unmöglich machen, sehen kann.
    Du wirst sicher von der Konferenz-Erfahrung berichten. Ich bin gespannt. 🙂

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    1. Ich will jetzt auch öfter mit meinem (erwachsenen) Sohn Videotelefonie betreiben, denn ich sehe ihn so selten. Wahrscheinlich ist das auch eine Sache der Gewohnheit. Diese technischen Möglichkeiten sind schon toll und für mich ein wahres Wunderwerk. In meiner Kindheit bekamen wir erst spät ein Telefon und noch später einen Fernseher. Schnurtelefon und drei Programme Schwarz-Weiß mit Zimmerantenne! 😂

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      1. Ähnlich wie bei mir. Als ich fünf war, zogen wir in ein neues Haus. Dort „verkaufte“ mir mein Vater (als Scherz), den Duschkopf mit Schlauch als Telefon. Einen Fernseher hatten wir, aber auch erst nur in schwarz/weiß, was sich dann aber bald änderte. Ein Telefon kam als letztes. In grau/weiß mit Drehscheibe, wie das damals so üblich war. Ja, die Technik heute ist schon bewunderswert.

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      2. Wählscheibe!!! Stimmt. Hatte ich ganz vergessen. Ich bin Jahrgang 52 und komme der Technik kaum noch hinterher. Meine Söhne amüsieren sich, wenn ich mich in neue Fernbedienungen erst einarbeiten muss. Und ich trauere auch noch den alten, unkomplizierten Glühbirnen hinterher……

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      3. Dann bist du der gleiche Jahrgang wie meine älteste Schwester. Sie ist zehn Jahre älter als ich. Mit Fernbedienungen kannst mich jagen, wenn mehrere benötigt werden. Aber wahrscheinlich auch nur, weil mein Mann immer alles schön einstellt. Früher habe ich sowas selbst gemacht. Das früher liegt aber auch inzwischen schon fast 20 Jahre zurück. *lach* Wir haben hier zwei Fernbedienungen in Benutzung. Die nötigsten Funktionen kann ich natürlich bedienen, aber wenn mal etwas aus der Reihe passiert (verdrückt oder ähnliches), dann stehe ich oft einfach auf dem Schlauch und find nicht runter. 😀

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    1. Notgedrungen! Aber wahrscheinlich werde ich mich demnächst mit meinem Sohn aus Berlin über Skype treffen, denn ich habe Sehnsucht nach ihm. Wenn ich das öfter mache, werde ich das Videotelefonieren wohl auch entspannter machen können……😂
      Ich bin sehr gespannt auf unsere Konferenz am Freitag……..

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    1. 😂Genau, 30 Jahre kein Spiegel! Besser isses.😂 Scherz! Ein Spiegelbild zeigt mich spiegelverkehrt, darum scheinen mir Fotos oder eben Bilder auf dem PC so unglaubwürdig. Also für mich. Die anderen kennen mich ja so, wie ich bin. Ich denke, es ist auch eine Sache der Perspektive, wie ich in der Videokonferenz rüber komme. Ich werde das ausprobieren, denn wir haben ja ein halbe Stunde Zeit uns einzurichten. Ein wenig schminken und dann freundlich gucken. Wird schon. Und dann werde ich meine Söhne mit Videochats quälen, bis wir uns wieder unbeschwert besuchen dürfen.😂

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  2. Ich verstehe deine Bedenken bei Videositzungen. Ich erschreck auch immer, wenn ich an der Handykamera versehentlich auf den falschen Knopf drücke und plötzlich mich selbst sehe. „Wer ist diese alte Frau?“ schießt es mir dann durch den Kopf.
    Auf Konferenzschaltungen kann man sich ja vorbereiten und zurechtzupfen, aber wenn Leute meinen, sie müssten mich per Video Call anrufen, haben sie Pech. Ich nehm nicht ab. Das ist ja, als würde jemand unangemeldet ins Wohnzimmer platzen, nicht mit mir! 😉
    Ich finds toll, dass du an eurer Online-Sitzung teilnimmst und alle technischen Hürden gemeistert hast. Das hast du gut gemacht, du kannst zu Recht stolz auf dich sein. 🙂

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    1. Genau, auf dem Handy sehe ich immer besonders alt aus. Schlimmer als im Spiegel, finde ich. Videoanrufe gibt es ganz, ganz selten vom Sohn aus Berlin. Dann freue ich mich so sehr, ihn zu sehen. Ich denke, ich werde ihn öfter einmal „heimsuchen“, aber immer mit Vorankündigung.
      Mein erster Impuls war so zu tun, als hätte ich nicht die technischen Möglichkeiten an der Konferenz teilzunehmen. Habe mich dann aber gleich zur Ordnung gerufen, denn so gebe ich meiner Angststörung, die immer noch im Verborgenen lauert, die Möglichkeit, wieder aktiv zu werden. Ist ja in Wirklichkeit auch nicht schlimm, denn ich kenne alle und freue mich auch ein wenig auf die gemeinsame Arbeit. Ich danke Dir sehr für Deine Anerkennung. Die tut so gut! 💝 Liebe Grüße! Regine

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      1. Bei den eigenen Kindern oder Enkelkindern sind Video Calls toll, wenn man entfernt voneinander wohnt. Aber auch da wollte ich, dass ein Anruf angemeldet wird. Die meisten Menschen machen das ja auch.
        In deinem Fall hast du toll reagiert. Wenn du Angststörungen hast, dann kannst du sie nur durch „Training“ in Schach halten. Für diesen Mut verdienst du gleich noch ein Extra-Lob! Du machst das wirklich gut. 🙂

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