Vorsorge

Interessiert es Euch, dass ich keine Blutdrucktabletten mehr nehme und mehrmals täglich meinen Blutdruck messe, um zu sehen, ob dieser blöde Typ nicht doch wieder steigt?

Nein? Trotzdem: Gestern ist er den ganzen Tag zu hoch gewesen. Der Grund war wohl meine unterschwellige Angststörung, die zwar meistens schläft, sich aber ab und zu noch zeigen muss, die blöde Kuh. Normalerweise ruht sie, diese böse Gesellin, denn ich verbringe ja sehr viel Zeit in meiner Wohnhöhle mit Garten ohne Konfliktpotential.

Aber gestern verabredeten sich Angst und Blutdruck und ärgerten mich. Ich sollte zum Augenarzt wollen.😳 Schlimmer noch, ich konnte nicht zum mir schon lange bekannten Augenarzt meiner kleinen Stadt, denn der hat altersbedingt dicht gemacht, sondern ich sollte zur Augenklinik ein Städtchen weiter wollen😲. Diese Praxis hat mich übrigens nur als neue Patientin aufgenommen, weil ich dort meinen grauen Star vor einigen Jahren operieren ließ. Glück gehabt. Viele Patienten meiner kleinen Stadt finden in der Nähe keine Aufnahme mehr und müssen sehr weit weg.

Äußerlich ruhig und meinen Vormittag routiniert verbringend, rödelte die Angst herum und schrie GEFAHR. Obwohl ich nicht operiert werden sollte, sondern nur untersucht, ob alles in Ordnung ist mit meinen Augen. Vorsorge muss im Alter gemacht werden. Mein Blutdruck stieg trotzdem.

Ich lebe alleine. Ich will meinen Freundinnen einen Nachmittag in der nächsten Stadt nicht zumuten. Ich will selbständig sein. Busse fahren selten. Also bestellte ich mir ein Taxi. Die letzte längere Taxifahrt brachte mich damals zur Knie-OP. Also zeterte die Angststörung GEFAHR und der Blutdruck blieb wohl weiter hoch.

Ein Schild an der verschlossenen Praxistür klärte mich auf, dass ich nicht hinein darf, wenn ich Fieber hätte oder sonstige Symptome, wenn ich Kontakt hätte zu Leuten mit Symptomen oder wenn ich aus einem Risikogebiet käme. Bei mir traf alles nicht zu und so klingelte ich. Ein junger Mann hielt mir ein Fieberthermometer an die Stirn und gewährte mir Einlass. Maskiert und mit frisch desinfizierten Händen nahm nach einer angemessenen Wartezeit die Vorsorge ihren Lauf. Verschiedene Leute fragten mich aus, untersuchten meine Brillen, testeten mein Seevermögen ………äh……. Sehvermögen, maßen auf eigene Kosten, also auf meine Kosten, den Augeninnendruck, suchten nicht den grünen Star, denn das war mir zu teuer, und betropften meine Augen mehrmals. 90 Minuten lang saß ich herum, ließ mich hierhin beordern und woanders wieder abgesetzen.

Dann endlich sah mir der Augenarzt persönlich tief in die Augen und teilte nach vier Minuten mit, dass alles in Ordnung sei.

Das hörte ich gerne, rief mir halb blind und mit riesigen Pupillen ein Taxi, wartete eine halbe Stunde auf dieses und wurde endlich nach Hause kutschiert.

Die Vorsorge hat mich gestern 100 Euro und hohen Blutdruck gekostet.

Heute ist er wieder einigermaßen normal und damit es so bleibt, sorge ich vor und bleibe schön zu Hause. 😂

Ich müsste dann noch irgendwann einmal zur Frauenärztin, zur Hautärztin (die nur Privatpatienten nimmt und weil es weit und breit keinen Dermatologen hier gibt, muss ich da wohl oder übel selbst zahlen), weit weg endlich eine Rheumapraxis suchen, zur Orthopädin und zum Hausarzt. Aber das verschiebe ich jetzt erst einmal, denn ich will da gerade nicht hin.😂

Früher war das irgendwie alles einfacher mit den Ärzten und Ärztinnen, oder? Ach so, ja, früher war ich jünger und nicht so altersbeschwert. Stimmt. Und es gab viel mehr Fachärzte in der Region, das auch.

Eins ist sicher

Unsicherheiten aushalten. Gut, das übe ich gerade. Nicht so gut geht es mir im Moment damit. Aber immerhin weiß ich, warum ich mich so schwammig fühle. Und ich weiß, was dagegen hilft. Bewegung in der frischen Luft! Ich steige auf das Fahrrad und bewege mich heute einmal nicht durch die freie Natur, sondern durch mein kleines Städtchen. Mal sehen, wohin der Weg mich führt.

Na gut, das ist eher Stadtrand. Schon geht es mir ein wenig besser. Ich vermisse das erste Mal in diesem Jahr meine Handschuhe, als ich mich in die Innenstadt begebe. Es ist doch herbstlich kalt geworden.

Ohne Plan fahre ich irgendwie irgendwohin und lande am Friedhof. Das ist ja super und wird meine Stimmung gleich aufhellen. Zuletzt war ich mit meinem Mann vor vielen Jahren hier. Ich denke an ihn und irgend etwas treibt mich an, mein Fahrrad abzustellen und über den Friedhof zu schlendern. Nachdenklich stimmen mich die Geburts- und Todesdaten. Viele Menschen durften nicht so lange leben wie ich.

Ich entdecke bekannte Namen, natürlich, Kleinstadt eben. Mir wird ganz schwindelig vom Grabschmuck. Auf vielen Gräbern befinden sich Engel, Fotos, Spielzeug, Fußball-Fan-Artikel und anderes. Ich fotografiere das lieber nicht, denn ich will nicht zu sehr in das Private der anderen Leute eindringen.

Ich entdecke noch ein paar Schmetterlinge und so manche Kuriosität, die mich schmunzeln lässt. Ein paar Vögel zwitschern und mir scheint alles ziemlich lebendig hier. Mir wird wieder einmal bewusst, dass es niemals Sicherheit geben wird. Nur dass ich eines Tages sterben werde, daran führt kein Weg vorbei. Ich bin dankbar für meine Lebenszeit und alles, was mich so umtreibt, scheint mir gerade relativ geringfügig zu sein. Das ist gut.

Und jetzt Schluss mit den bedeutungsschweren Gedanken. Ich fahre auf dem Heimweg durch eine Straße der lebendigen Erinnerungen. Hier wohnten wir in zwei verschiedenen Häusern. Einmal zur Miete und dann im Eigenheim. Heute lebe ich am anderen Ende der Stadt.
Als ich zu Hause ankomme, sitzt dieser Riesenvogel auf dem Schornstein gegenüber. So etwas gab es hier auch noch nie. Alles ist ungewiss, aber etwas passiert immer. Spannend, oder? Mal sehen, wie es weitergeht.

Ich auch

Ich auch

Die Welt anders denken

Sicherheit schenken

Liebe erfinden

Zweifel entwinden

eigentlich ist es wie immer

nur manchmal schlimmer

oder besser

je nachdem

wo man steht

und wie man denkt

ich bin so froh

und ich will es so lassen

und sehe allmählich ein

ich darf sogar dann so sein

wenn andere sauer auf mich sind

und die anderen dürfen es auch

das ist ein guter menschlicher Brauch.

Hauptsache, wir schlagen uns nicht

unsere Meinungen gegenseitig um die Ohren

denn dann sind wir verloren.

Ich will das nicht erleben

und darum achte ich sorgfältiger

als sonst

auf meine Gedanken und Worte

und bemerke leider

ich gehe selbst manchmal zu weit.

Gesprächskultur

Er hat sich eine Trump-Verehrerin zum Talk eingeladen. Er verlor im Gespräch zunehmend die Fassung, blieb aber professionell, finde ich. Ich sah ihm an, wie fassungslos und erschöpft er war. Und ein richtiges Gespräch fand eigentlich nicht statt.

Was können wir tun, um mit allen Menschen konstruktiv ins Gespräch zu kommen? Ratlos lese ich: https://www.deutschlandfunkkultur.de/philosophischer-kommentar-zur-cancel-culture-debatte-vom.2162.de.html?dram:article_id=482776 und denke, ist ja alles gut und schön, wenn sich beide Seiten mit Kritik auseinandersetzen wollen. Sobald die eine das nicht will, läuft der andere gegen die Wand. Oder umgekehrt.

Ach Leute, warum ist das denn alles so schwierig.

Ich erinnere mich so gerne an meine Philosophie-Seminare in der Volkshochschule. Unterschiedliche Meinungen und Lebenseinstellungen waren das Salz in der Suppe unserer Auseinandersetzungen. Es ging heiß her und ich fühlte mich so lebendig. Oft konnten wir nur schwer ein Ende finden. Wir lernten, wir tauschten uns aus, wir blieben bei unseren Meinungen oder auch nicht, wir hörten uns zu und fanden den anderen auch hin und wieder etwas seltsam. Aber wir mochten uns und freuten uns immer auf ein Wiedersehen.

So geht das nicht

Es regnet. Keine Gartenarbeit heute. Was dann? Weihnachtskisten misten! Das ist schon lange dran.

Auf dem Dachboden…..
…stehen drei Weihnachtskisten oder so.

Die packe ich jetzt schnell aus und werfe weg. Das Zeug brauche ich nicht mehr. Meine beliebtesten Dekoteile stehen sowieso woanders.

Früher mochte ich es, meine/unsere Wohnung weihnachtlich zu schmücken. Je mehr Dekoration und Glitzer, desto besser. Sogar die Fenster wurden nicht verschont. In den letzten Jahren änderte sich das. Ich stellte ein paar Teile auf, Adventskranz dazu und fertig. Also kann ich jetzt blitzschnell die Weihnachtkisten ausmisten. Wäre doch gelacht!

😳

Nein, so geht das nicht.

Weihnachtskisten sind pure Erinnerungsbewahrerinnen. Auch wenn ich viele dieser Dinge nie mehr (ge)brauchen werde, will ich mich nicht trennen.

Meine Engel bleiben. Alle!!!!!
Und die selbst gebastelten Baumhänger sowieso. Mein Mann sägte, ich malte. Irgendwo muss sich doch noch so ein Zirkus verstecken?
Nein, bleibt! Selbst gemacht!
Puppe, Teddy, Weihnachtsmaus. Die Kinder liebten sie……Nein. Aber ich bin 68, ich brauche das nicht mehr! Trotzdem, nein.
Bibi Bohne!!! Da bist du ja. Du bleibst. Auch wenn du vom vielen Hören abgenudelt bist.
Von denen könnte ich mich trennen. Vielleicht. Oder? Zum Basteln oder so?
???

Ich gebe es auf. So wird das nichts. Ich setze mich jetzt an den PC und vergesse das Ausmisten. Jetzt sieht es da oben schlimmer aus, als vorher. Kein Durchkommen mehr.

Ich hätte nicht gedacht, dass gerade in den Weihnachtskisten so viele Erinnerungen lauern, die mich handlungsunfähig werden lassen.

Hilfe!

😭

Nachtrag: Fast alles wieder eingepackt! Dafür aber ordentlich! Ist ja auch schon was.👍

Anker-Bilder

Wenn mich etwas oder jemand aus der Fassung bringt, liegt die Verantwortung dafür häufig bei mir selbst. Ich verliere meinen Standpunkt und mein Selbstbewusstsein will weg. Wie schön wäre es, könnte ich dem anderen die Verantwortung für meine schlechte Verfassung zuschieben. Ersatzgefühle rumoren. Unruhe und Lähmung, Fluchttrieb und „Kopf in den Sand stecken wollen“ gleichzeitig. Wie anstrengend. Ermüdend. Nutzlos.

Es dauert meist eine Weile, bis ich wieder bei mir bin. Wenn der Bauchdruck weg ist und die Gedanken nicht mehr kreisen, sondern fließen, dann ist es wieder gut und ich fühle mich in meiner Fassung wohl.

Mir hilft das Fotografieren, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren, mich in die Gegenwart zu verankern sozusagen. Und darum nenne ich sie meine Anker-Bilder. Sie helfen mir, meine Fassung aufzupolieren und damit das Selbstbewusstsein zu stärken. Guter Trick, oder?

Also hier die Fotos zum Thema: Der Herbst ist da und ich bin es auch wieder!

Nebenwirkung

Nebenwirkung

Nun ist eine scheußliche Corona-Nebenwirkung auch bei mir zu Hause angekommen. Nein, ich bin nicht krank geworden, aber: Gelassenheit ist dahin und der Blutdruck steigt. Und ich kam doch schon ein paar Wochen gut ohne Medikamente mit annehmbaren Werten über die Runden. Ärgerlich.

Dabei wollte ich gestern nur Hallo sagen. Ich wollte signalisieren, dass ich noch da bin. Ich wollte zeigen, dass ich andere Meinungen und Interpretationen gut aushalte. Und dann das. Aber ja, warum sollten sich der Hass und die tiefe Spaltung, die ich in Zeiten der Pandemie deutlicher wahrnehme, nicht bis in meine kleine „heile“ Welt vorarbeiten?

Ich habe mir gut überlegt, wie ich ruhig bleiben und die Tür offen lassen könnte. Nur nicht provoziert fühlen und zuhören. Am besten, Corona gar nicht erwähnen. Alltägliches bequatschen. Wenn das Thema aufkommt: Gelassen das Gespräch in eine andere Richtung lenken.

Ich habe es nicht geschafft. Zu emotional. Zu überwältigend. Pandemie war nicht zu umschiffen. Und dann wurde ich vom Thema überrannt. Die guten Vorsätze lösten sich in Luft auf. Alles was ich sagte, sprach letzten Endes gegen mich und bestätigte die Einstellung der anderen Person, in einer Diktatur zu leben. Ich würde es nur nicht merken, weil ich die richtigen Fakten nicht kenne. Ich wurde selbst unsachlich und Gefühle kochten auf beiden Seiten. Meine Güte.

Ich bleibe also nicht verschont und erschöpft frage ich mich, wie ist das passiert und warum war ich nicht in der Lage, Ruhe zu bewahren?

Und mehr noch: ich habe Angst bekommen vor den Querdenkern und dachte mir schon meine eigene Theorie über die Gefahren, die unserer Gesellschaft drohen, wenn wir nicht standhalten. Wenn alle so versagen wie ich, wird es furchtbar werden. Aber halt! Dieses Fahrwasser will ich verlassen. Schnell ans rettende Ufer geschwommen, tief Luft geholt und Grenzen gestärkt! Müde und traurig hole ich mir heute mein ICH zurück. Das ist harte Arbeit.

Diese Nebenwirkung ist mir zu giftig. Darum bleibt die Tür erst einmal geschlossen, bis sich die Gemüter wieder beruhigt haben.

Gestern Abend wurde in den Nachrichten über eine Querdenker-Demo berichtet, die mich zuversichtlich stimmte. Mir schien, als gäbe es auch bei denen die verantwortungsvollen Menschen, die mit den Regeln nicht einverstanden sind und sich trotzdem an die Abstände halten. Wäre doch schön, wenn diese Bilder realistisch waren. Mit unterschiedlichen Einstellungen kann ich tatsächlich gut leben, wenn sie mir nicht unterstellen, ich würde Corona-Diktatoren hinterherlaufen.

Und jetzt beruhige ich mich mal wieder und wünsche Euch einen schönen Sonntag!

Neues Normal

An der Supermarktkasse

guckt mich ein Bärchen fröhlich an.

Ach so.

Das ist ein alter Mann

mit Maske.

😂

Mund-Nasenschutz mal anders.

Ich lächele ihm zu.

Das kann er nicht sehen,

denn ich trage auch Mund-Nasenschutz.

Wie vorgeschrieben.

Aber immerhin

habe ich mich getraut

ohne nachzudenken

ein Lächeln

zu verschenken.

Arendsee

„Oh, schon wieder letzter September-Tag“, dachte ich gestern und beschloss, ihn mit einem kleinen Ausflug zu würdigen. Gedacht, getan. Ich bockte mein Fahrrad auf und fuhr mit dem Auto zum nahe gelegenen Arendsee (https://de.wikipedia.org/wiki/Arendsee_(See)).

Zu Fuß kann ich ihn wohl nicht mehr umrunden, aber mit dem Fahrrad schon. Ich radelte fröhlich durch die beginnende Herbstlandschaft und dachte an vergangene Zeiten. Doch ja, der Herbst machte sich bemerkbar, aber der Sommer war noch nicht so ganz verschwunden. Ich war lange nicht mehr hier und freute mich, dass es die Gänse immer noch gab. Na ja, es werden nicht dieselben sein, ich weiß. Und lange werden auch diese nicht mehr hier verweilen, denn Weihnachten…..Och nö, daran wollte ich jetzt nicht denken.

Mich faszinieren immer wieder die abgeschlossenen Türen mitten in der Landschaft. Ich wundere mich darüber. Würde ich meinen Steg freigeben, wenn ich hier ein Sommerhaus hätte? Vielleicht.

Es war eine schöne Tour und gerade als ich dachte, ich hätte wohl die Hälfte geschafft, war ich schon wieder an der Treppe, die ich nehmen musste, um zum Auto zu gelangen. Huch, schon rum? Ich hatte den Eindruck, ich bin fast immer geradeaus gefahren, aber auf dem Rad verliert man schnell den Überblick.

Und heute ist der 1. Oktober. Der Sommer ist vorbei. Ich bereite mich mental darauf vor, mich von meinen Blumen im Garten so allmählich verabschieden zu müssen. Das freut mich nicht. Ist aber trotzdem so.

Nachtrag: Als ich eben durch den Garten und Vorgarten spazierte sah ich: es ist noch eine Menge los! Ich verordne mir folgendes Rezept zum 1. Oktober: Nicht so oft an später denken, sondern den Augenblick genießen!