Neue Schublade

Heute las ich in der Zeitung, dass es für Menschen wie mich einen Begriff gibt. Ich atme auf und freue mich. Ich bin nicht allein. Es gibt noch andere. Für uns wurde eine neue Schublade eingerichtet. Und ich bin dabei! Ich bin drin und richte mich ein.

Ab heute weiß ich: es gibt solche und solche, und ich gehöre zu denen, die so denken wie ich.

Viele Menschen sind froh, dass sie der Eingesperrtheit entkommen sind, die das Coronavirus zu Beginn des Jahres zunächst nach Bayern und dann über das ganze Land gebracht hat. Doch Johanna lebt noch in der Corona-Welt. Sie meidet geschlossene Räume, so gut es geht. Freunde und Verwandte trifft sie am liebsten draußen. Sie fährt lieber Fahrrad oder Auto statt Bahn. Sie ist entschlossen, das auch im Winter so durchzuziehen…

Der „Spiegel“-Journalist Markus Feldenkirchen hat schon zu Beginn der Corona-Krise einen Begriff für Menschen wie Johanna geprägt, die sich, ob nun aus Angst oder Disziplin, an die Kontaktbeschränkungen halten: Corona-Spießer. Corona-Spießer zu sein, bedeutet in den Wochen der Lockerungen nicht nur, weiterhin und bisweilen freiwillig Einschränkungen im Alltag hinzunehmen, sondern auch, dass man sich erklären und im Zweifel sogar streitbar sein muss. Wenn Johanna mit …Freunden spricht, geht es täglich darum, warum sie keinen Besuch in ihrer Wohnung möchte, das Kino meidet oder Maske trägt, wenn andere darauf verzichten.

……Einigen Bekannten muss Johanna bis heute erklären, warum sie gemeinsame Spaziergänge zwar unternehmen mag, eine Reise zu viert im Auto ins Allgäu für sie aktuell aber nicht denkbar ist.

(EJZMagazin, Mittwoch, 9. September 2020, S. 25)

Toll, ich bin auch so eine! Ich lebe weitgehend nach den alten Regeln und wäge jeden Tag neu ab, was ich „riskieren“ möchte und was nicht. Und ich habe ein gutes Gefühl dabei, denn in dieser Rolle fühle ich mich zur Zeit am wohlsten. Darum bleibe ich in der Schublade und stecke nur ab und zu vorsichtig die Nase raus, ob sich draußen etwas verändert hat.

Schubladendenken ist natürlich doof. Ich weiß. Aber im Moment halte ich mich so gerne bei den Corona-Spießern auf. Bei ihnen fühle ich mich wohl und verstanden. Hätte ich auch nicht gedacht, dass ich eines Tages zur Spießerin mutieren könnte! Aber Zeiten ändern sich!

4 Gedanken zu “Neue Schublade

  1. Selbst bin ich eher ambivalent in Sachen Corona. Den Abstand zu meinen Mitmenschen finde ich super, die Regel hätte man auch ohne Virus einführen sollen. Ob Masken einen Sinn machen, weiß ich ehrlich gesagt nicht wirklich. Die Dinger verkeimen ruck-zuck, und Atemnot empfinde ich darunter auch manchmal. Mir tun die Menschen leid, die tagtäglich damit arbeiten müssen. Ganz unselig finde ich die Datensammelwut. Alles liegt offen herum, in Restaurant und Gaststätten. So habe ich mir angewöhnt, die bereits ausgefüllten Zettel einzustecken, wenn die Bedienung sie beim abkassieren nicht einsteckt. Oder – falls ich, was selten vorkommt, in fremden Terrain allein unterwegs bin, unterschreibe ich mit Künstlername und Künstler-Telefonnummer. Daten sind Handelsware – und, davon abgesehen, was geht den Tischnachbarn an, wo ich wohne. Unsäglich, das alles, Infektionskette hin oder her.

    Mit QR-Code-Scanner am Eingang wäre ich schon eher bereit, meine persönlichen Daten zu hinterlassen. Mittels Smartphon wird ein gedruckter Code gescannt, der wiederum auf dem Fon ein Formular öffent, das auszufüllen und abzusenden ist. Ein Unternehmen stellt Server und Webspace zur Verfügung und gewährleistet, dass die gespeicherten Daten binnen Frist gelöscht werden. Da kann so schnell kein Außenstehender dran, zumindest kein Unkundiger. Auch die Gaststätten hätten weniger Aufwand, das alles kostet nur ein paar Euro im Monat (für den Gewerbetreibenden). Das Grundübel daran ist eine teilweise ausgeprägte Technikfeindlichkeit gerade der Älteren. Die füllen lieber umherfliegende Zettel aus …

    https://www.ahgz.de/news/corona-auflagen-mit-dieser-app-koennen-sie-die-gaestedaten-kontaktlos-erfassen,200012262635.html

    Alles in allem machen viele Maßnahmen einen Sinn, zumindest dort, wo potentiell viele Menschen zusammen kommen. Selbst meide ich meine Mitmenschen, wo möglich. Gab immer schon so eine Tendenz in mir, mich einzugraben, jetzt erst recht … gut fühlt sich das auch nicht immer an. Draußen bin ich auch gerne, leider komme ich nur dann dazu, wenn alle anderen auch dazu kommen. Wäre schön, in solchen Zeiten etwas weiter auf dem Land zu wohnen, so wie du 🙂

    Liebe Grüße, Reiner

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    1. Hallo Reiner, ich bin als Rentnerin und auf dem Land lebend privilegiert. Ich kann selbst entscheiden, ob und wie ich mich unter die Menschen begebe. Es fühlt sich beides nicht immer gut an: ob ich zu Hause bleibe oder ob ich los ziehe. Die Pandemie hat mein Leben und Lebensgefühl verändert. Es ist nicht mehr so schlimm wie in den ersten Wochen, aber an die „neue Normalität“ habe ich mich auch noch nicht gewöhnt. Die Masken gefallen mir nicht, doch ich denke, wenn es nur eine geringe Chance gibt, andere vor Ansteckung zu schützen, setze ich sie eben auf und finde es gut, wenn die anderen es auch tun. Einige Male bin ich im Restaurant gewesen und ich fand es nicht so schlimm, meine Daten zu hinterlassen. Ich bin eben eine echte Corona-Spießerin! (Und muss jetzt nach Gerdas Kommentar noch einmal darüber nachdenken!)
      Ich achte allerdings darauf, dass ich meinem Hang zum Cocooning nicht ständig nachgebe, denn als Alleinlebende könnte das schnell zur Vereinsamung führen. So wäge ich also ab und gehe gewisse Risiken ein. Wie groß diese sind, kann ich nicht wissen. Und das nervt mich am meisten.
      Ja, ich weiß, das ganze Leben ist Risiko und jetzt ist eben eins dazu gekommen. Mit diesem Gedanken grüße ich Dich ganz herzlich! Regine

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  2. diese Kategorisierungen finde ich einfach grässlich. Dass ich keine Freundin der Maßnahmen bin, ist, glaube ich, hinlänglich bekannt, aber genauso wenig wie ich mich als Covidiot sehe, möchte ich, dass Menschen, die anders empfinden, als Spießer verschrieen werden. Es ist so menschenverächtlich. Wenn du dich mit Abstand etc besser fühlst, dann wahre ihn, basta.

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    1. Ach, ich finde das Wort „Spießer“ nicht so tragisch. Also, für mich ist es kein Schimpfwort (mehr), sondern eine etwas flapsige Beschreibung meiner Einstellung und meines Verhaltens…….
      Und muss feststellen, es ist doch eins, wenn ich der Definition (Wikipedia), die ich gerade lese, folge: Als Spießbürger, Spießer oder Philister werden in abwertender Weise engstirnige Personen bezeichnet, die sich durch geistige Unbeweglichkeit, ausgeprägte Konformität mit gesellschaftlichen Normen und Abneigung gegen Veränderungen der gewohnten Lebensumgebung auszeichnen.
      Insofern hast Du recht und ich habe mich auf das Glatteis begeben, ohne es zu merken. Man sollte Menschen eben nicht leichtfertig in Schubladen stecken, auch sich selbst nicht.
      Nun werde ich darüber nachdenken, warum ich beim Gedanken, eine Corona-Spießerin zu sein, so fröhlich bin. Ich will ja den Menschen nicht folgen, die unsere Gesellschaft in Gegner und Befürworter einteilt. Ich will nicht schwarz und weiß sehen, sondern die Abstufungen wahrnehmen. Und ich will ganz und gar nicht mit den „Querdenkern“ in Verbindung gebracht werden. Aber vielleicht habe ich selbst das getan, indem ich mich in eine Schublade einsortierte.
      Danke für das Denkfutter! Regine

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