Die anderen, die so sauer auf mich sind, zeigen mir das indirekt. Sie wissen, was mich ärgert. Ich weiß, wenn ich auf die kleinen Nadelstiche einsteige, habe ich verloren. Also ducke ich mich weg, bleibe bei meinen Angelegenheiten und lasse die ärgerlichen Gedanken weiterziehen. Mal sehen, wie viele Wochen mir das gelingen wird. Reagiere ich doch noch oder wird es den anderen Leuten zu langweilig? Wenn nicht noch Schlimmeres  nachkommt, halte ich das gut aus. Ich festige meine Grenzen und fühle mich sicher. Das müssen die anderen nicht unbedingt merken, wenn sie mir nicht zu nahe kommen. Es fühlt sich gut an, erwachsen zu sein. Und wenn man mit 68 damit anfängt, mit guten Gefühlen auch gegen den Willen der anderen für sich zu sorgen, erst recht.

Schade eigentlich, dass ich nicht konkreter werden möchte.

Im Vergleich zu den Sorgen und Nöten dieser Welt ist das hier Pillepalle. Mit diesem Gedanken gehe ich wohlgemut in die Küche und backe nach ewig langer Zeit mal wieder einen Kuchen. Ob das überhaupt ein akzeptabler Kuchen wird? Wenn nicht, gehe ich morgen ganz schnell zum Bäcker, bevor der Besuch kommt. Überhaupt wird sich mein Besuch beim Kuchen sowieso zurückhalten, denn alle ernähren sich bewusst und nehmen pausenlos ab. Im Gegensatz zu mir. Ich nehme nicht ab, allerdings auch nicht zu. Das ist ja schon mal ganz gut. Alle haben gesagt, wir sorgen gemeinsam für unser Essen. Vermutlich will das Jungvolk sich einen Döner holen, denn der hiesige Döner ist angeblich der beste der Welt. Aber es kann nicht schaden, trotzdem einen Kuchen vorrätig zu haben. Ich bin ja schließlich die Mutter!

Auch im Familienverband sind die Grenzen wichtig. Ich musste erst mühsam lernen, mich abzugrenzen und trotzdem guten Kontakt aufzubauen und zu halten. Das kannte ich nicht. Darin war ich unsicher. Ich war nicht in der Lage meinen Kindern zu vermitteln, wie man seine Grenzen schützen kann. Heute sind wir alle sensibler geworden. Wir sagen Bescheid, wenn Grenzen überschritten werden. Passiert ja ab und zu und ist nicht schlimm.

Ich lernte, dass Grenzen setzen nichts mit Kontaktabbruch oder Liebesverlust zu tun hat. Mit dieser Konsequenz bin ich aufgewachsen, weil meine Eltern den Umgang mit Grenzen nicht kannten. Grenzenlos sollte das Leben zwischen Eltern und Kindern verlaufen. Entweder keine Grenzen oder keinen Kontakt, das war ihre Einstellung. Darum habe ich bis heute auch so großen Respekt davor, meine Grenzen zu erkennen und sie mit gutem Gewissen zu verteidigen.

Mir ist es gelungen, mich zu meinen Kindern abzugrenzen und ihre Grenzen anzuerkennen, ohne Liebesverlust zu befürchten. Das ging nicht von heute auf morgen. Nein, ein jahrelanger, manchmal schmerzhafter Prozess war dazu notwendig, der auch noch nicht abgeschlossen ist. Das ist klar. Ich bin gespannt, denn für uns alle ist das unkomplizierte Zusammensein für ein paar Stunden keine Selbstverständlichkeit. Wir üben noch, die Balance zwischen Nähe und Abstand zu finden.

Ich freue mich darauf!

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12 Gedanken zu “Grenzen setzen

  1. Wenn ich mich so umschaue, ist das mit den Grenzen, ein ziemlich weit verbreitetes Thema und es ist nicht nur auf Familien allein begrenzt.
    Gut, wenn man das bei sich selbst erkennt und dann lernt, seine Grenzen wahrzunehmen und auch deutlich zu zeigen. Das bedarf natürlich einiger Übungen, doch mit der Zeit geht es über und wird zu einer Selbstverständlichkeit. Und ganz wichtig: Wann man damit anfängt, ob jung oder alt, das spielt doch überhaupt keine Rolle.
    Viel Spaß beim Kuchenbacken. Ich nasche ja gerne Kuchenteig.
    Liebe Grüße, Kaya

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    1. Ja, der Kuchenteig schmeckte mir schon einmal sehr gut. Mal gucken, ob der fertige Kuchen genießbar ist. 😂
      Ich denke, dass das „eigene Grenzen schützen“ in Deutschland ein ganz großes Thema ist. Ich bin schon viele Jahre dabei zu üben und weiß, dass ich in guter Gesellschaft bin. Meine Eltern und Großeltern wurde das abtrainiert. Für sie konnte es lebensgefährlich sein, gegen den Strom zu schwimmen. Meine Eltern wollten das Beste für mich und darum legten sie Wert darauf, meinen „Willen zu brechen“ und mich zur Anpassung zu bringen. Ich sollte so „normal“ wie möglich sein. Das schien ihnen ein wichtiges Erziehungsziel. Das war damals noch durchgängig so, wobei es natürlich, wie zu jeder Zeit, auch Ausnahmen gab. Meine Schwester ist 11 Jahre jünger, die hat davon nicht mehr viel erlebt, weil meine Eltern dazugelernt hatten. Als ich älter wurde, gab es heftige Konflikte mit meinen Eltern und einige Kontaktabbrüche, weil ich nicht so wurde, wie so wohl gerne gewollt hätten. Erst kurz vor ihrem Tod kam es zur Versöhnung und Aussöhnung.
      Das schöne am Älterwerden ist für mich, dass ich Zeit und Gelegenheit habe, vieles aufzuarbeiten und es mit meinen Kindern besser zu machen. Liebe Grüße in den Norden! Regine

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      1. Hallo liebe Regine,
        erst einmal vielen Dank für das Vertrauen, dass Du uns hier schenkst und so viel erzählst.
        Vieles davon kommt mir auch vertraut vor – nicht alles.
        Ich glaube ja auch, dass Eltern-Generationen viel mehr unbewusst mit auf den Weg geben, als bewusst. Und die Kinder-Generationen auch wiederum viel mehr an- und mitnehmen, als sie es sich womöglich eingestehen wollen.
        So wird auch das mit den Grenzen setzen, generationsübergreifend vermutlich weiter für viele Schwierigkeiten bereiten.
        Und dann spielen ja noch andere Faktoren eine Rolle, als nur die Eltern – die Gesellschaft, die Politik, die Welt…
        Liebe Grüße für Dich, Kaya

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      2. So ist es, liebe Kaya! Ich schreibe viel über meine Gedankenwelt, aber eigentlich wenig wirklich Persönliches über meine Familie, sondern ich gucke: Was ist mein Thema und wie kann ich es so allgemeingültig darstellen, dass andere sich angesprochen fühlen und für sich Ähnlichkeiten entdecken. Was tatsächlich in meiner Familie, passiert ist, bleibt bei mir.
        Danke für Deine lieben Worte! Regine

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    1. Ich danke Dir! Es ist so schön, sich mal wieder als Teil einer anwesenden Familie wahrzunehmen! Und ich werde üben, mich nicht alleine für das Gelingen verantwortlich zu fühlen! Leider regnet es…..na ja, es ist warm genug, die Fenster offen zu halten. Liebe Grüße! Regine

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