Verschickt

Zufällig sah ich folgende Reportage:

https://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/videos/exclusiv-im-ersten-gequaelt-erniedrigt-drangsaliert-video-102.html)

Ich war wie vom Donner gerührt. Als Kind wurde ich gleich zweimal nach Wyk auf Föhr verschickt. Ich war fünf und acht Jahre alt und kann mich kaum daran erinnern. Aber als ich sah, wie zwei Männer und eine Frau meiner Generation über ihre Zeit im Kinderkurheim in Wyk sprachen, erkannte ich ihr Leid und plötzlich wusste ich, ich hatte genau das auch erlebt. Es muss furchtbar für die kleine Regine gewesen sein. Ich dachte bisher: Ich wurde verschickt und hatte furchtbares Heimweh, weil ich eben eine Heulsuse war. Dass es wirklich für uns Kinder schrecklich gewesen sein muss, diese Idee kam mir gar nicht. Ich war das Problem. Die Erwachsenen meinten es gut mit uns.

Erst als ich sah, wie andere sich an ihr Leid erinnerten, dass es eine Initiative der „Kur-Kinder“ gibt, die sich um Aufklärung bemüht, gestand ich mir zu, das Leid der kleinen Regine anzuerkennen. Ich dachte an das kleine Kind, welches ihre Gefühle abspaltete, um die Zeit im Kurheim zu überstehen und schnell das meiste vergaß. Und wenn ich mich an Ungeheuerliches erinnerte, machte ich das ohne Emotionen. Jetzt ahne ich, wie schlimm es wirklich war. Ich weiß, dass diese beiden „Kuren“ unbewusste Auswirkungen auf mein weiteres Leben hatten. Eine Tür ging auf und ich will noch gar nicht wissen, was dahinter liegt. Erst einmal spüre ich die Schmerzen der Kleinen und weine mit ihr. Nicht immerzu, aber ab und zu.

Ich kann es nicht fassen, dass ich meine Erinnerungen so perfekt löschte, so dass ich jahrelang in der Lage war, in diesem Heim als Lehrerin zu arbeiten, ohne mich groß an die Ereignisse zu erinnern, die ich dort als kleines, wehrloses Kind durchlitt. Ich war hier zur Kur, habe brav zugenommen und hatte Heimweh. Fertig.

Gibt es unter Euch auch „Verschickungskinder?“

 

 

7 Gedanken zu “Verschickt

  1. Ja … ich war mit fünf Jahren, 1967 oder 1968, im Schwarzwald, in so einem Heim. Leider kann ich mich nur an sehr wenig erinnern, Heimweh hatten wir alle, ja. Grund der Verschickung war Untergewicht, die Tischsitten dort waren fragwürdig, vorsichtig formuliert. Alles auffressen, fettiges Fleisch, scharfe Radieschen (esse ich bis heute nicht). Irgend eine Seuche grassierte und täglich kotzte ein anderes Kind über`n Tisch. Ich irgendwann auch…

    In meiner Erinnerung ist, dass ich dort mein Butterbrot mit beiden Händen festhielt – und darauf bestanden habe, meinen Koffer allein zu tragen, als mich meine Eltern am Bahnhof abholten. Muss mal mit meiner Mutter darüber sprechen…

    Liebe Grüße!

    PS: Bei meiner Heimreise wog ich noch zwei Kilo weniger als zuvor.

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    1. Dann weißt Du, wovon ich spreche. Vielleicht kommt Dein Heim im Film auch vor?
      Abnehmen war der Horror für mich. Das durfte ich auf keinen Fall. Ob diese Botschaft für mich heute noch gilt? Ich werde meinem Körper mal signalisieren, dass er seine Fettreserven jetzt gerne loslassen darf. Vielleicht hilft das ja. Liebe Grüße und gut, dass diese Zeiten vorbei sind!!!!! Regine

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  2. Ich habe nur eine schwache Erinnerung das ich einmal auf Norderey und einmal irgendwo in Bayern war, wo dort genau, weiß ich nicht mehr.
    Ich kann mich erinnern, dass ich auf Norderey bunte Glassteine am Strand gefunden hatte, die aber irgendwo verschwunden sind.
    Die Erinnerung an die Verschickung in Bayern, da kann ich mich nur erinnern, an Schnee und das ich Flöhe mit nach Hause gebracht habe.
    Ansonsten weiß ich davon gar nichts mehr.

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  3. Ich war mal in Hohenpeißenberg, das ist in Bayern. Schlechte Erfahrungen habe ich keine gemacht. Man musste sich einfügen. So ist das halt. Aber die Erzieherinnen waren schon nett und wir hatten es gut. Glück gehabt!

    Aber, mir tun die Kleinen leid, denen solches widerfahren ist.

    Liebe Grüße, Brigitte

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    1. Das waren so viele Kinder, wie ich jetzt herausgefunden habe. Mir wird erst jetzt bewusst, wie schlimm und prägend diese Zeit für mich war. Mein Bruder wurde auch verschickt und er hat nur gute Erinnerungen. Glück gehabt, genauso wie Du!

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