Ich bin so froh!

Ich bin nicht so!

Ich bin emanzipiert, gebildet, belesen, tolerant, menschenfreundlich, vorurteilsfrei und ganz bestimmt keine Rassistin.

Das sind die anderen, ich nicht. Basta.

Ich nehme meinen Staubsauger in die Hand und beginne zu saugen. Ich gehöre zu den Guten, da bin ich mir sicher.

Während ich putze, denke ich an die Zeit, in der ich aufgewachsen bin. Rassismus war normal. Frauenfeindlichkeit war normal. Männerfeindlichkeit auch. Menschenfeindlichkeit eben. Habe ich die Anschauungen und Bewertungen, die mir die Erwachsenen mit auf meinen Lebensweg gaben, wirklich alle abgelegt? Und prägten mich nicht moderne Vorurteile genauso wie die althergebrachten? Bin ich tatsächlich ausreichend gut?

Ich putze weiter und werde richtig sauer. Mir fallen so viele Kränkungen ein, die ich in meiner Vergangenheit hingenommen habe und heute noch hinnehme. Mehr noch, mir fallen etliche Kränkungen ein, die ich mir selbst und anderen zufüge. Nicht öffentlich, nein, ich denke die nur. Mädchen sollen nicht so vorlaut sein und hübsche junge Frauen darf Mann mit blöden Sprüchen in Verlegenheit bringen. Frauen sollen am liebsten schön sein, aber hübsch reicht auch. Schlank in jedem Fall, wenn sie liebenswert sein wollen. Frauen stehen in ständiger Konkurrenz zueinander und Mütter sind in Ordnung, aber am liebsten, wenn sie Haushalt und Beruf unter einen Hut kriegen. Wenn sie es nicht können, stimmt etwas nicht mit ihnen. Mit geschiedenen Frauen stimmt auch etwas nicht, Witwen hingegen verdienen Mitgefühl. Sie können ja nichts dafür. Geschiedene schon. Und wenn Frauen alt sind, wird der Hals faltig und ansonsten sind sie eben alt und uninteressant. Und so weiter und so weiter. Nein, so bin ich überhaupt nicht eingestellt, aber manchmal ploppen solche unwürdigen Gedanken (Relikte meiner Kindheit) auf. Die gehören jetzt endlich einmal auf den Müllberg meiner Geschichte. Oder einfach weg gesaugt. Wenn ich schon dabei bin und den Staubsauger in der Hand habe, kann ich das jetzt auch sofort tun. Keine dieser hässlichen Gedanken und Kränkungen darf mehr wirksam sein.

Wo soll das noch hinführen? Eigentlich wollte ich herausfinden, wie viel Rassismus in mir steckt. Und dann so etwas! Passt das überhaupt zusammen? Ich entscheide, dass das Erkennen und Hinterfragen meiner eigenen teils unbewussten für mich nicht mehr aktuellen Denkmuster sehr wohl zum Thema passen. Erst wenn ich in der Lage bin, diese zu verändern, ist es sinnvoll, mich mit meinem Rassismus auseinandersetzen. Beim Staubsaugen habe ich schon eine Menge Denkarbeit geleistet und die Wohnung ist jetzt auch wochenendtauglich. Gemütlich will ich es schon haben.

Nachdem ich nun genug über mein Frausein nachgedacht habe, nehme ich mir vor, mich um den Rassismus zu kümmern. Dafür lese ich den aktuellen Stern. Entschuldigt die Werbung, aber die Titelgeschichte gibt mir einen so interessanten Einstieg in das Thema, dass ich diese Ausgabe gerne empfehle. Später lese ich Deutschland Schwarz Weiß und dann sehe ich weiter.

Vielleicht gehöre ich doch zu den Guten, denke ich gerade. Muss auch mal sein.

 

Ein Gedanke zu “Hausarbeit und Denken

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