Doppelbotschaften

Doppelbotschaften

Geh weg – und bleib hier.

Bleib hier – und mache dich unsichtbar.

Lass mich – aber kümmre dich um mich.

Kümmere dich um mich – und bleibe fern.

Halte mich nicht – und lass mich nicht gehen.

Lasse mich nicht gehen – und laufe mir nicht nach.

Lass mich nicht allein – und lass mich los.

Liebe mich – und lass mich zufrieden.

Lass mich zufrieden – und hilf mir.

Sei da – aber nicht zu nah.

Komm mir nicht zu nah – und umarme mich.

Sei schlau – aber nicht so schlau wie ich.

Sei selbstständig – und sei so wie ich.

Sei so wie ich –  und sei ganz du selbst.

Sei ganz du selbst – und sei so, wie ich dich brauche.

Sei natürlich – und sei ganz Frau.

Sei ganz Frau – aber nicht zu sehr.

Ich will dich – und ich will dich nicht.

Was tun?

Cosima

Cosima

Also, das ist mir ja seit 296 Jahren nicht mehr passiert. So ein Jungmann hat mich herausgerissen aus meinem Hexenharz und irgendwo anders abgeliefert. Keine Berge. Keine Hexen. Nix. Kein Wald. Keine vernünftige Gesellschaft. Nur so eine alte, häßliche Frau, die sich ab und zu mit so einem komischen Frosch unterhält, schlurft hier rum. Sonst nix. Auch der Jungmann ist weg. Besen verloren. Kater verloren. Hexenbuch weg. Zauberkraft weg. Und ich sitze in so einem blöden Regal herum, umgeben von blöden Büchern. Alles riesig hier. Ich war ja schon immer die Kleinste, aber hatte immerhin meinen Besen, um mich hoch zu schrauben. Ich hatte Gesellschaft.

Nun sitze ich hier fest. Cosima, die Junghexe kurz vor der Schwelle des Erwachsenseins und Allesdürfens, sitzt fest. Irgendwo im Nirgendwo. Ich will nicht mehr im Regal leben und stehe auf. Vorbei die Zeit, in der ich so tue, als sei ich ein doofes Andenken ohne Hirn. Ich schleiche mich aus der Stube und versuche die Treppe zu erklimmen. Mühsam, mühsam und richtig scheiße schlimm, nicht fliegen zu können. Ich komme nicht ganz hoch und klammere mich am Treppenabsatz fest und warte ab.

DSC_0073Da klappert die Haustür und die alte Frau kommt rein, sieht mich da sitzen und sagt: „Huch!?“ Sie stellt ihre Einkaufstasche ab, zieht sich die schreckliche Jacke aus, blinzelt mich an und nimmt mich mit. Frechheit sowas. Ich zapple herum und schreie, dass ich alleine gehen kann. Und wenn sie mir einen neuen Besen besorgt, auch fliegen, verdammt noch mal! Die alte Frau hockt sich auf ein scheußliches Sofa, setzt mich auf einen bekloppten Tisch und zieht sich ihre fürchterliche Brille an. „Ach je, die Harzhexe“, sagt sie und schüttelt den Kopf. „Du warst doch im Regal, oder? Ich dachte, du bist ein Andenken.“ Ja, von wegen! Nun hat sie mich also erwischt und ich klage ihr mein Lied, also mein Leid meine ich.

Betroffen sieht sie mich an, die alte, schreckliche Frau. Als sie mich auch noch fragt, ob ich etwa bleiben will, flippe ich aus. Wo soll ich denn hin? Ohne Besen und Hexenbuch? Natürlich bleibe ich. Die Alte mag nicht angeschrien werden, sagt sie. „Wenn du bleiben willst, gewöhne dich daran, dass ich hier das Sagen habe!“, fügt sie hinzu. Ich kriege die Hexenkrätze! Ich lasse mir doch von einer alten, senilen Frau nichts sagen. Ich bin Cosima, 296 Jahre alt und bald erwachsen! Ich sage also ziemlich laut und nachdrücklich:“ Wenn du irgendetwas unternimmst, was ich in meiner großartigen und unvergleichlichen Weisheit für Tabu halte, werde ich….., werde ich, äh.“ Peinlich, mir fiel nichts ein, was ich dann tun werden. So ohne Zauberbuch und Hexenbesen bin ich aufgeschmissen.

Die alte Frau steht auf und sagt:“ Ich heiße Frau Holle und bin auch unvergleichlich großartig und weise und das Haus gehört mir. Ich bin hier die Bestimmerin!“

Mano. Wo bin ich denn hier gelandet?

Zeit

Zeit

„Das Wochenende ist schon bald wieder vorbei. Ich fasse es nicht“, sagte mein Sohn gestern bedauernd und ich fand, dass ich es nicht fasse, dass schon wieder Oktober ist. Mein Verhältnis zur Zeit ist gestört. Wobei ich nicht weiß, ob ich überhaupt ein Verhältnis mit der Zeit haben kann.

Aber Verhältnis stimmt schon irgendwie. Und gestört auch. Eben war Ostern und heute Nacht gab´s schon den ersten herbstlichen Nachtfrost. Dabei ist in mir noch gefühlter Sommer. Einerseits kommt es mir so vor, als ob ich in einem Schnellzug durch mein Leben rase. Auf der anderen Seite war ich sehr erstaunt, dass unser Haus erst in diesem Jahr verkauft wurde. Mir kommt das schon ewig vor und ich musste mich schwer zusammenreißen, diesen Tatbestand zu glauben.

In drei Tagen fahre ich weit, weit weg. Also nicht wirklich, ich bleibe immer noch in Niedersachsen. Trotzdem kommt es mir so vor, als mache ich eine kleine Weltreise, weil ich schon so lange nicht mehr alleine mit der Bahn gefahren bin. Aber das ist ein anderes Thema und hat nichts mit dem Zeitgefühl zu tun. Oder doch? Das ist wohl eher das Körpergefühl. Ich bin nicht mehr so standfest wie in früheren Jahren. So gesehen fühle ich mich ziemlich alt. Hat also doch etwas mit der Zeit zu tun, mein leichtes Unbehagen.

Also, ich fahre in drei Tagen weg und bin in fünf Tagen schon wieder da. Zwei Tage sind keine lange Zeit, kommt mir aber so vor, zumal ich in fünf Tagen nach meiner „kleinen Weltreise“ mit meinen Söhnen verabredet bin. Das kommt ja selten vor und ich freue mich so. Darum kommt es mir noch ewig vor bis Samstag. Ich muss ja noch viel erledigen bis dahin. Wegfahren, Besuch bei der Freundin genießen, zurückfahren. Und am gleichen Tag dann meine Söhne treffen. Was nur klappen wird, wenn die Bahn so fährt, wie sie soll.

Wenn ich an meine Silvesterunternehmung in Nordfriesland denke, kommt es mir so vor, als sei das schon ganz bald. Ich freue mich, bin etwas aufgeregt, plane schon die Autofahrt und lache über mich, wenn ich mich am liebsten über die Staugefahr informieren möchte. Dann fällt mir auf, dass ich noch über zwei oder fast drei Monate Zeit habe. Kommt mir so kurz vor, aber auch lang, weil ich vorher ja noch allerhand zu tun habe:

  1. Mit meinem jüngsten Sohn werde ich nächste Woche Geburtstag feiern. Mein Baby wird 31 und wieder frage ich, wo bloß die Zeit geblieben ist. Rasend schnell vergangen, oder? Mein Sohn findet das nicht.
  2.  Ich werde in etwas drei Wochen (oder zwei Wochen? Schnell mal nachgerechnet: ne, zwei Wochen!) ein Wochenende mit Familienaufstellungen verbringen. Das ist aufregend. Zumal ich nie weiß, ob sich meine Panikattacken wieder melden, sobald ich mit so vielen fremdem Menschen in einem Raum zusammen bin.
  3.  Ich freue mich im November auf Moving Shadows mit Freundinnen und ein Wochenende in Berlin mit meinen Söhnen.
  4.  Und dann ist Dezember und so. Also ist Weihnachten doch schon ziemlich nah, obwohl ich noch meine Sommergefühle fühle. Es ist jetzt also höchste Zeit, die Herbstdeko herauszusuchen, denn sonst wird die Zeit bis zur Weihnachtsdeko zu knapp.

Eigentlich sollte die Zeit doch gleichmäßig fließen. Tut sie für mich aber nicht. Es kommt mir vor, als hätte ich noch viel Zeit, bis ich heute zur Schreibwerkstatt muss. In drei Stunden muss ich erst da sein. Aber ich will vorher noch meine Hausaufgaben machen. Dazu werde ich nicht genug Zeit haben. Weil ich hier und jetzt über die Zeit nachdenke, werde ich gleich ohne Hausaufgabe losgehen. Und mich schämen, dass ich keine Zeit dafür hatte. Obwohl, wenn ich so richtig darüber nachdenke, hätte ich zwei Wochen dafür Zeit gehabt. Aber die ist so schnell vergangen.

 

Selbstfürsorge

Selbstfürsorge

Kaum hat sich herausgestellt, dass ich in diesem Jahr nicht operiert werde, stellt sich mir fast automatisch die Frage: Und was mache ich Silvester?

Ja, ich weiß, es ist erst Oktober, aber meine Erfahrung der letzten Jahre ist folgende: Wenn ich nicht rechtzeitig plane, wird das nichts mit dem Jahreswechsel. Also, das Jahr wechselt, aber ich bin unzufrieden.

Soll ich verreisen? Ich habe schließlich eine Auto-und eine Bahnfahrt nach Hamburg überlebt. Also ist beides möglich. Ich kann wieder etwas besser gehen und stehen. „Nun werde mal nicht übermütig!“, sagt mir der innere Miesmacher. Und die Panikmacherin zählt auf, was mir alles passieren könnte. Allerdings verstummt sie etwas beschämt, als sie merkt, dass ich nicht zuhöre. „Außerdem wirst Du ganz alleine und völlig vereinsamt  in einer Ferienwohnung rumhocken…“, versucht sie es noch einmal.

Alleine will ich nicht sein. Etwas Neues ausprobieren könnte ich versuchen und so stöbere ich im Internet unter dem Stichwort: Silvesterangebote. Ja, da gibt es einiges und ich beschließe, mein Sparguthaben zu plündern und mich selbst zu erfreuen. Schnell begeistere ich mich für dieses Angebot der Nordsee Akademie und ich melde mich nach einer telefonischen Anfrage, ob ich nicht doch vielleicht zu alt für die Gruppe sei, sofort und ziemlich mutig an.

Meine inneren negativ gesinnten Stimmen toben. „Was hast du denn jetzt wieder angestellt!“, „Wie kommst du dahin?“, „Was ziehst du zum festlichen Silvesteressen an?“, „Bestimmt mag dich keiner!“,“Bestimmt sitzt du ganz alleine am Tisch.“, „Was ziehst du zum Neujahrskonzert an?“ „Silvester feiern und dann am nächsten Tag um 8.30 Uhr frühstücken ist doch bescheuert grrrgrrrrgrrrblabla!“ ….So zetern sie, aber zu spät, ich bin angemeldet und basta.

Wird sich alles finden. Ich werde irgendwie hinkommen. Und nach Hause auch wieder. Ich habe in meinem Leben schon etliche gute Erfahrungen mit ähnlichen Bildungseinrichtungen gemacht. Wer sich Silvester für so etwas anmeldet, wird ja Gesellschaft suchen und mich nicht alleine am Tisch sitzen lassen, oder? Kleidung besitze ich, keine festliche, aber immerhin werde ich angezogen sein. Und nett bin ich auch meistens. Silvester, ich komme!

Ich liebe Nordfriesland, habe lange auf Föhr gelebt. Wir werden einen kleinen Ausflug ins weihnachtliche Dänemark machen. Ich werde an der Nordsee sein. Ich werde zum Jahreswechsel etwas völlig Neues erleben! Wir werden ein wenig philosophieren und es wird ein Neujahrskonzert in Flensburg geben.

Vielleich hat ja der eine oder die andere Silvester noch nichts vor? Wäre doch zauberhaft, wenn wir uns in Nordfriesland träfen? „Jetzt spinnt die total“, seufzt mein innerer Kritiker. „Ich freue mich so!“, jauchst mein inneres Kind.