Ein ereignisreiches Wochenende liegt hinter mir. Familienaufstellungen im großen Kreis erfordern eine Bereitschaft zu einer ganz besonderen Kommunikation. Die hatten wir und ich fühle mich allen Teilnehmenden noch heute eng verbunden. Drei Tage Intensivsport für die Seele hinterlässt einen leichten Muskelkater. Ich fühle mich angeschlagen. Ich brauche Ruhe und nehme sie mir. Nicht im Bett, aber im Haus. Alleinsein ist angesagt. Vielleicht verabschieden sich dann auch meine Halsschmerzen, die mich schon einige Tage lang plagen!

Durch den Garten unserer Therapeutin fließt ein künstlicher Wasserlauf. Ein Teilnehmer sah, dass eine große Masse Herbstblätter sich daran machten, diesen zu verstopfen. Er reinigte den Bach und sah, wie das Wasser wieder munter sprudelte. Ihm fiel dabei folgender Satz dazu ein: Ich reinige den Fluss des Lebens und die Liebe kann wieder fließen. Ein perfekter Leitsatz für uns! Ein anderer Teilnehmer trug folgenden Text vor:

Die Gedanken einer Kerze

Jetzt habt ihr mich entzündet und schaut in mein Licht. Ihr freut euch an meiner Helligkeit, an der Wärme, die ich spende. Und ich freue mich, dass ich für euch brennen darf. Wäre dem nicht so, läge ich vielleicht irgendwo in einem alten Karton – sinnlos, nutzlos. Sinn bekomme ich erst dadurch, dass ich brenne.

Aber je länger ich brenne, desto kürzer werde ich. Ich weiß, es gibt immer beide Möglichkeiten für mich: Entweder bleibe ich im Karton – unangerührt, vergessen, im Dunkeln – oder aber ich brenne, werde kürzer, gebe alles her, was ich habe, zugunsten des Lichtes und der Wärme. Somit führe ich mein eigenes Ende herbei.
Und doch, ich finde es schöner und sinnvoller, etwas herzugeben zu dürfen, als kalt zu bleiben und im düsteren Karton zu liegen….
Schaut, so ist es auch mit euch Menschen!
Entweder ihr zieht euch zurück, bleibt für euch – und es bleibt kalt und leer-, oder ihr geht auf die Menschen zu und schenkt ihnen von eurer Wärme und Liebe, dann erhält euer Leben Sinn. Aber dafür müsst ihr etwas in euch selbst hergeben, etwas von eurer Freude, von eurer Herzlichkeit, von eurem Lachen, vielleicht auch von eurer Traurigkeit.
Ich meine, nur wer sich verschenkt, wird reicher. Nur wer andere froh macht, wird selbst froh. Je mehr ihr für andere brennt, um so heller wird es in euch selbst. Ich glaube, bei vielen Menschen ist es nur deswegen düster, weil sie sich scheuen, anderen ein Licht zu sein. Ein einziges Licht, das brennt, ist mehr wert als alle Dunkelheit der Welt.
Also, lasst euch ein wenig Mut machen von mir, einer winzigen, kleinen Kerze.»

Tief berührt nahm ich mir vor, mein Licht zukünftig wieder etwas heller strahlen zu lassen. Aber erst einmal stellte ich meine aktuelle Familiensituation auf. Zur Familie gehören der (verstorbene) Vater und geschiedene Ehemann, meine zwei Kinder und ich. Spät nahm ich zur Kenntnis, dass ich beim Auswählen der Stellvertreter mich selbst vergaß. Ich wollte munter loslegen, als mich die Therapeutin fragte, ob die Familie vollständig sei. Einige Teilnehmende grinsten still vor sich hin. Ich kam nicht sofort darauf, dass ich selbst es war, die fehlte. Ja, so bin ich. Und ja, genau das spiegelt so vieles wieder.

Ich sah, fühlte und hörte Neues über mich und meine Liebsten. Vieles war mir allerdings bekannt, nur nicht in dieser Eindeutigkeit. Ich wurde gestärkt, unterstützt und herzhaft umarmt. Ach, wie gut mir das tat!

Ich frage mich immer wieder, wie diese Aufstellungen funktionieren. Wieso die Stellvertreter und Stellvertreterinnen so genau Bescheid wissen. Aber ist eigentlich auch egal. Mir zeigte der Blick von außen, was in der Vergangenheit passiert ist, wie mein System in der Gegenwart aussieht und er macht mir Mut für die Zukunft. Meine Kinder beginnen zu verstehen. Ich werde mich sichtbar machen. Ich bin wieder da! Ich kriege das hin!

Vor ein paar Tagen schrieb ich in unserem Gemeinschaftsblog folgende Zeilen:

Meine Kinder
Meine Kinder, heute sage ich Euch:
Wir wollten so vieles anders und besser machen
als unsere Eltern.
Dass es uns nicht gelungen ist,
tut mir sehr leid.
Verborgene schädliche Beziehungen
und Verstrickungen unserer Familien
setzten wir fort.
Und so hattet Ihr nicht die Kindheit,
die ich Euch gewünscht hätte.
Manches muss jetzt heilen.
Meine Kinder, dass Ihr darüber mit mir sprecht
und wir gemeinsam beginnen
zu erkennen und zu verstehen
zeigt mir,
dass wir doch auch vieles gut und richtig machten.

Heute komme ich der Wahrheit noch ein Stückchen näher. Nach der Aufstellung sehe ich klarer. Ich kann benennen, was vorher für mich nicht zu erkennen war. Ich fühle mich entlastet. Ich verbrauche für das Herumdenken, Schuldzuweisen und Traurigsein keine unnötige Energie mehr. Das nehme ich mir fest vor. Ich werde meine Reserven auffüllen und mit neuer Kraft die Mutter sein, die ich sein möchte.

Ich reinigte den Fluss meines Lebens und die Liebe kann fließen.

Endlich

7 Gedanken zu “Der Tag danach

  1. fluß ?
    fluß des lebens ?
    ich seh das bissel anders
    aber ich bin ja auch nur ne hündin
    wurde zeit das mal jemand die blätter wegräumt
    wie soll man denn sonst schwimmen
    sind zuviele blätter drin könnt ich ja drüber laufen
    wobei ich kann ja auch so ohne blätter
    übers wasser gehen
    guggste da – – >
    https://ronnytauchenmitbella.wordpress.com/2018/03/13/bella-pur-so-bin-ich-halt/
    hexen können sowas eben
    es is so ne sache mit dem fluß des lebens
    entweder man schwimmt mit
    oder man schwimmt gegen den strom
    meine richtung is niemals die leichte
    gruß bella 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Für mich stimmt das Bild: Wenn ich mich vom alten Ballast befreie, kann ich die Liebe wieder spüren und annehmen. Das gilt natürlich nicht für jeden, das ist klar. Liebe Grüße auch an Bella! Regine

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