Also, das ist mir ja seit 296 Jahren nicht mehr passiert. So ein Jungmann hat mich herausgerissen aus meinem Hexenharz und irgendwo anders abgeliefert. Keine Berge. Keine Hexen. Nix. Kein Wald. Keine vernünftige Gesellschaft. Nur so eine alte, häßliche Frau, die sich ab und zu mit so einem komischen Frosch unterhält, schlurft hier rum. Sonst nix. Auch der Jungmann ist weg. Besen verloren. Kater verloren. Hexenbuch weg. Zauberkraft weg. Und ich sitze in so einem blöden Regal herum, umgeben von blöden Büchern. Alles riesig hier. Ich war ja schon immer die Kleinste, aber hatte immerhin meinen Besen, um mich hoch zu schrauben. Ich hatte Gesellschaft.

Nun sitze ich hier fest. Cosima, die Junghexe kurz vor der Schwelle des Erwachsenseins und Allesdürfens, sitzt fest. Irgendwo im Nirgendwo. Ich will nicht mehr im Regal leben und stehe auf. Vorbei die Zeit, in der ich so tue, als sei ich ein doofes Andenken ohne Hirn. Ich schleiche mich aus der Stube und versuche die Treppe zu erklimmen. Mühsam, mühsam und richtig scheiße schlimm, nicht fliegen zu können. Ich komme nicht ganz hoch und klammere mich am Treppenabsatz fest und warte ab.

DSC_0073Da klappert die Haustür und die alte Frau kommt rein, sieht mich da sitzen und sagt: „Huch!?“ Sie stellt ihre Einkaufstasche ab, zieht sich die schreckliche Jacke aus, blinzelt mich an und nimmt mich mit. Frechheit sowas. Ich zapple herum und schreie, dass ich alleine gehen kann. Und wenn sie mir einen neuen Besen besorgt, auch fliegen, verdammt noch mal! Die alte Frau hockt sich auf ein scheußliches Sofa, setzt mich auf einen bekloppten Tisch und zieht sich ihre fürchterliche Brille an. „Ach je, die Harzhexe“, sagt sie und schüttelt den Kopf. „Du warst doch im Regal, oder? Ich dachte, du bist ein Andenken.“ Ja, von wegen! Nun hat sie mich also erwischt und ich klage ihr mein Lied, also mein Leid meine ich.

Betroffen sieht sie mich an, die alte, schreckliche Frau. Als sie mich auch noch fragt, ob ich etwa bleiben will, flippe ich aus. Wo soll ich denn hin? Ohne Besen und Hexenbuch? Natürlich bleibe ich. Die Alte mag nicht angeschrien werden, sagt sie. „Wenn du bleiben willst, gewöhne dich daran, dass ich hier das Sagen habe!“, fügt sie hinzu. Ich kriege die Hexenkrätze! Ich lasse mir doch von einer alten, senilen Frau nichts sagen. Ich bin Cosima, 296 Jahre alt und bald erwachsen! Ich sage also ziemlich laut und nachdrücklich:“ Wenn du irgendetwas unternimmst, was ich in meiner großartigen und unvergleichlichen Weisheit für Tabu halte, werde ich….., werde ich, äh.“ Peinlich, mir fiel nichts ein, was ich dann tun werden. So ohne Zauberbuch und Hexenbesen bin ich aufgeschmissen.

Die alte Frau steht auf und sagt:“ Ich heiße Frau Holle und bin auch unvergleichlich großartig und weise und das Haus gehört mir. Ich bin hier die Bestimmerin!“

Mano. Wo bin ich denn hier gelandet?

12 Gedanken zu “Cosima

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