Der September wird vermutlich ein schwieriger Monat bleiben. Vor einem Jahr erlitt mein (geschiedener) Mann einen Hirninfarkt und verstarb. Nun nähert sich sein Todestag das erste Mal.

In der Hitze der letzten Tage schien es mir, als ob die Zeit sich zäh verzerrt und ich mich kaum rühren kann. Viel nahm ich mir vor, um es dann über den Haufen zu werfen. Abends die guten Vorsätze, die dann doch am nächsten Tag nicht eingehalten wurden. Keine Lust, zu warm, macht alleine keinen Spaß und so weiter und so fort. Nein, ich habe nicht den ganzen Tag auf dem Sofa gesessen und getrauert, das nicht. Aber ich habe meine Routine vor mich hin gelebt. Und viel gelesen! Ich bin abgetaucht in fremde Welten. Ich führte ein Einsiedlerrentnerinnendasein mit Unterbrechungen.

Eine wichtige Freundschaft ist mir vor ein paar Wochen weggebrochen und der Bruch wird nicht zu kitten sein. Nein, es ist nicht so furchtbar schlimm. Unfassbar allerdings, wie ich mal wieder nichts gemerkt habe. Oder doch, aber lieber nicht so richtig und dann aus allen Wolken zu fallen, das Gefühl kenne ich nur zu gut. Das Thema wiederholt sich. Im Nachhinein zeigt sich, dass meine Intuition sehr gut funktioniert. Aber: sie lieber als Spinnerei abzutun und sie beiseite zu schieben, das hilft beim Aufschieben der Tatsachen. Bis dann doch alles ans Licht kommt, irgendwie.

Wenn ich darüber nachdenke, zieht sich diese Eigenschaft durch mein ganzes Leben. Ich lasse mich gerne hinters Licht führen. Ich folge eher meinen Wünschen und Vorstellungen und biege mir meine Wahrnehmungen zurecht. Ich narre mich selbst und die anderen sind manchmal ganz froh, dass ich es ihnen so leicht mache. Oder liegt es daran, dass ich Menschen, die mir nahe stehen, anders haben möchte, als sie sind? Dass sie unehrlich reagieren, weil sie wissen, dass ich in manchen Dingen keine Kompromisse mache? Egal. Wichtig ist, dass ich sehr oft spüre, wenn etwas nicht so ist, wie es scheint, ich mir aber selbst nicht glaube.

Wäre noch zu ergründen, warum ich so gestrickt bin. Hat wahrscheinlich damit zu tun, dass ich als Kind meinen eigenen Wahrnehmungen nicht trauen durfte und lieber den Wünschen der Eltern folgen sollte. Als gehorsame Tochter sozusagen blind zu werden gegen eigene Gefühle und Einsichten, so wie es die Eltern und Großeltern vorlebten. Nachkriegsgeneration eben.

Gut, das habe ich also  nicht zum ersten Mal durchschaut und kann wissen, dass es mein Bauchgefühl ehrlich mit mir meint.

Zurück zum September und zu meinem Mann. Ich sortiere Erinnerungen. Warum war es oft so schwer? Warum fühlte ich mich immer mal wieder belogen und betrogen? Ich stelle fest, dass ich daran zur Hälfte beteiligt gewesen bin. Genau zu fünfzig Prozent. Ich traute meiner Intuition nicht. Ich hätte uns wahrscheinlich viel erspart, wenn ich das frühzeitig getan hätte. Vielleicht wären wir glücklicher miteinander gewesen. Wer weiß? Trotzdem: mein Mann und ich liebten uns, so gut wir es konnten. Das sagt mir mein Bauchgefühl.

Unsere Kinder haben es nicht immer so gut gehabt, wie ich es gewollt hätte. Auch da habe ich mir manchmal die Wahrheit zurechtgebogen und nicht gesehen, wie es ihnen wirklich ging. Heute bin ich in der Lage, mich mit diesem Thema Schritt für Schritt auseinanderzusetzen. Schuldgefühle nützen nichts, sie verbiegen die Realität nur. Wir haben als Familie gute Zeiten gelebt und schlechte Zeiten. So ist das eben. Unsere Elternliebe war die Grundlage und ich denke, das spüren unsere Kinder auch. Sie verhalten sich so und ich bin wirklich sehr stolz auf sie.

Welche Konsequenzen ziehe ich nun aus den gewonnenen Erkenntnissen? Ich halte Abstand zu Menschen, vermisse aber auch ihre Nähe. Ich bin unruhig, weil ich weiß, ich will noch etwas ändern. Mein schönes Reihenhaus gibt mir Halt und Sicherheit, isoliert mich aber auch ein wenig. Nein, es ist nicht die Wohnung. Natürlich bin ich es selbst.

September. Ein schwieriger Monat? Nein, ich bin es selbst, der es nicht so gut geht.  Dafür kann der Monat nichts.

Es ist kein Zufall, dass ich am nächsten Samstag mit früheren Freunden nach Dänemark ans Meer fahre. Wir hatten uns aus den Augen verloren und uns auf der Beerdigung das erste Mal seit langer Zeit wiedergesehen. Wir verbrachten damals zu viert mit unseren Kindern eine sehr intensive Zeit miteinander. Nun werden wir eine Woche lang zu dritt sein und ich freue mich trotzdem. Ich fühle mich den beiden sehr verbunden und bin froh darüber, dass wir uns wieder gefunden haben, dass ich bald Gesellschaft habe und nicht den ganzen September über alleine bin. Das hat mir mein Bauchgefühl empfohlen und ich habe dafür gesorgt, dass es klappt.

Na bitte, geht doch. Ob ich allerdings gleich an denn See fahre, um einmal rauszukommen, weiß ich nicht. Routine wäre das Schwimmbad. Aber auch dazu verspüre ich gerade wenig Lust. Also erlaube ich mir, mich treiben zu lassen.

September eben.

 

 

 

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8 Gedanken zu “September

  1. Das „gefällt mir“ klickte ich nur für die letzten beiden Absätze, denn ansonsten liest sich dein Beitrag ziemlich traurig durch so vieles, was nicht gut lief.
    Liebe Grüße von Hanne und komm gut in den September🍀

    Gefällt 2 Personen

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