Lernerfolg

Im Briefkasten liegt der Brief. Eine Erinnerung, dass ich mich heute Daunddort einfinden soll, um mit meinem Team vierzig Jugendliche drei Wochen lang zu betreuen und zu bespaßen, denn es sind Sommerferien.

Habe ich ganz vergessen, dass ich dort angemeldet war. Drei Wochen? Meine Güte.

Ich packe meinen Koffer (drei Wochen!) und reise nach Daunddort. Mich erwartet eine riesige Jugendherberge gefüllt mit mehreren Gruppen lärmender Menschen und ich bereue meine soziale Ader sehr. Meine Teamchefin kommt auf mich zu und begrüßt mich. Sie erzählt, dass sie mit der Jugend sehr streng umgehe und ich mich nicht wundern soll. Ich müsse aber mitziehen und auch das Heft in der Hand behalten. Mich auf keinen Fall unterbuttern lassen. Ich frage mich im Stillen, ob ich das noch nötig habe. In meinem Alter! Warum bin ich bloß hier?

Die Jugendlichen zeigen sich gegenseitig, wie stark und toll sie sind. Das geht nur laut. Weiß ich doch und schließlich sind es ihre Ferien. Trotzdem.

Ich folge der Frau, die mir mein Zimmer zeigt.

Hilfe, ein Doppelzimmer, in das noch ein Gästebett hineingestellt wurde. Albtraum!

Ich hole meinen Koffer und verschwinde, um mir ein Einzelzimmer zu besorgen. Wenn ich schon ehrenamtlich arbeite, will ich abends meine Ruhe und alleine sein.

Natürlich geht das nicht, denn alle Räume sind randvoll vollgestopft mit Jugendlichen. Ich also zurück in das übervolle Doppelzimmer und dort lerne ich meine Leidensgenossinnen kennen. Die sind ganz vergnügt und ich suche meinen Koffer. Aha, da ist er und als ich ihn auspacken will, entpuppt er sich als Reisetasche, die nicht mir gehört.

Mein Koffer bleibt verschwunden. Und dann weiß ich nicht mehr, wo ich die fremde Reistasche abgelegt habe. Ich finde sie und es ist keine Reisetasche, sondern eine graue Handtasche. Auch gut.

Es klingelt einige Male und das ist das Zeichen für Abendbrot. Prima. Es ist 18.00 Uhr, ich kenne mein Team nicht, bin überhaupt nicht vorbereitet und habe eine fremde Handtasche im Arm. Und mein Koffer ist weg und mein Bett noch nicht bezogen.

Ich suche den Speisesaal und der ist so voll und so laut, dass ich beschließe, wieder nach Hause zu fahren. Ich suche mein Team und finde es nicht. Überall auf den Tischen stehen diese großen, silbernen Kannen mit Früchtetee. Ihr wisst schon, oder?  Eine Lautsprecherstimme ruft mich aus. „Die Betreuerin R. aus L. soll bitte sofort Tisch 6 aufsuchen! Dort wartet ihr Team auf sie.“ Aha. Ich also hin und dann wird mir gesagt, ich müsste mir mein Essen selbst holen. Ach so. Ich suche mal wieder und finde den Tresen mit dem Abendbrot. Dort liegt nichts mehr, es stehen nur schmutzige Teller rum. Ich werde wütend angestarrt, als ich das Küchenpersonal frage, ob ich noch etwas zu essen bekomme.

Dann wache ich auf und bin tief erschüttert.

Heute ganz früh weckten mich heftige Rückenschmerzen. Eine Art Hexenschuss, der mich seit vorgestern quält. Ich nahm eine Schmerztablette, trank meinen Kaffee und las die Zeitung. Weil es wirklich noch früh war, schlief ich wieder ein.

Und fand mich an einem Ort wieder, den ich nicht kannte, mit einem Team, welches ich auch nicht kannte, mit einer Aufgabe, auf die ich nicht vorbereitet war und die ich gar nicht wollte und in einem Dreibettzimmer, das ich hasste. Ich war die ganz Zeit auf der Suche: nach meiner Ruhe (Einzelzimmer), nach meinem Team und meiner Aufgabe, nach meinen Sachen und schließlich nach meinem Essen. Mit einer fremden Handtasche, die mir nicht gehörte.

Was ich daraus lerne? Das nächste Mal stehe ich sofort auf, wenn ich die Zeitung fertig gelesen habe. Egal, wie früh es ist.

 

 

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19 Gedanken zu “Lernerfolg

      1. Den Traum habe ich recht schnell als solchen erkannt, dieses Suchen kenne ich aus meinen Träumen, meist kann ich auch schlecht sehen oder trage Schlafanzug (wenn ich Glück habe). Heute habe ich in einen Buch von Stephen King einen interessanten Satz gehört. Albträume seien gut: da man Dinge denken könnte, die man wach nicht wagen würde zu denken. Nun denn…

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      2. Darum mag ich Stephen King so gerne! Ich habe mich noch etwas genauer mit diesem Traum beschäftigt, weil es so interessant ist, was die Bilder „mir sagen wollen“. Für mich sind sie schlüssig. Mir fehlt jetzt nur noch die Lösung😂. Das nächste Mal will ich „länger durchhalten“ und weiter träumen. Liebe Grüße! Regine

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      3. Vielleicht wollen sie dir sagen, dass spontan nicht der richtige Weg ist, dass du am besten zu Hause schläfst und auch Feierabend haben solltest. 😉 Vielleicht kannst du dich neben Misi über den Zaun hängen 😉

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    1. Da sagst Du was! Ich war erst einmal ziemlich benebelt und humpelte planlos in meiner Wohnung umher. Bis ich in den Spiegel guckte und die Kopfkissenfalten in meinem Gesicht erblickte. Die gaben mir dann den Rest! 😂

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  1. Wenn die Seele bimmelt, dann will hingeschaut werden, egal um welche Uhrzeit, egal wie anstrengend es zu sein scheint. Ich denke du hast alles richtig gemacht. Und nach dem ersten Schock dann ja durchaus deine Antworten gefunden, was dir der Traum sagen könnte.

    Ich hab tatsächlich erst auch gedacht, du hast das alles real erlebt und mir wurde immer mulmiger beim Lesen. Bis du beschlossen hast nach Hause zu fahren, immerhin, dachte ich bei mir, ziehst du die Reißleine, so wie es deinen Bedürfnissen entspricht.

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