Und ich?

„Ich gehöre zu den Guten!“ Das weiß ich und das macht mich froh.

Mir kommen Zweifel. Gehöre ich nicht eher zu den Bequemen?

Seit vielen Jahrzehnten glaube ich den Wissenschaftlern, die sagen, dass die Klimakatastrophe kaum noch umkehrbar ist, wenn wir so weitermachen, wie bisher. Ich gehöre zu denen, die kein Müll in die Landschaft kippen und keine Plastiktüten benutzen. Zum Glück gibt es jetzt sogar die praktischen Netze für loses Gemüse. Mein Gewissen ist beruhigt.

Ich fliege nicht in den Urlaub und ich besitze keinen SUV. Ich fahre selten mit dem Auto und wenn, dann nicht schnell. Ich esse kaum noch Fleisch und kaufe immer mehr „Bio“. Ich konsumiere mäßig, aber regelmäßig. Ganz wunderbar. Aber all das würde ich genauso handhaben, wenn es dem Klima nicht schaden würde. Ich habe momentan keinen Spaß mehr an weiten Reisen und Autofahren ist nicht gerade mein liebstes Hobby. Ich mag keine Tiere töten und esse sie darum auch selten. Bisher hatte ich wenig Geld zur Verfügung und gewöhnte mich daran, nicht allzu viel unnötiges Zeugs zu kaufen. Es ist für mich also nicht schwer, auf diese Dinge zu verzichten.

Wenn ich mein Wissen wirklich ernst nehmen würde, müsste ich natürlich viel konsequenter sein. Will ich aber nicht. Ich mag meine große Wohnung und ich mag es, alleine darin zu leben. Ich verbrauche immer noch Plastik und Papier. Ich esse tierische Produkte und weiß, dass die Tiere auch auf Biohöfen ausgenutzt werden. Ich verbrauche viel Energie für mein bequemes Leben. Ich besitze ein Smartphone, was nur meinem Vergnügen dient. Ich verbrauche täglich wertvolles Trinkwasser beim Duschen und um meine Blumen im Garten zu gießen. Ich finde es selbstverständlich, das tun zu dürfen.

Dabei habe ich einfach nur Glück gehabt.

Mein schlechtes Gewissen regt sich immer häufiger. Was natürlich keinem nützt. Und außerdem beruhige ich es gerne damit, dass ich ja immerhin viel für die Umwelt tue und auch ab und zu Geld spende für die Menschen, die die Katastrophe schon täglich spüren.

Viele Kinder, Jugendliche und junge Erwachsenen haben begriffen, dass wir nicht bis 2030 warten können und sofort etwas passieren muss. Ich finde das gut. Ich sehe ein, dass sie die Schule dafür schwänzen müssen, damit sie überhaupt wahrgenommen werden. Ich bin solidarisch. Dabei übersehe ich, dass ich zu den Leuten gehöre, die zwar wissen, aber keine ausreichenden Konsequenzen ziehen. Jedenfalls nicht so, wie es von uns allen nötig wäre.

Wer möchte schon gerne freiwillig da verzichten, wo es wirklich weh tut?

 

Hoffentlich!

„Nein, heute nicht mehr und morgen ist geschlossen.“ Das sagt mir die nette Mitarbeiterin meiner orthopädischen Praxis in der letzten Woche, als ich mich mit meinen frischen Röntgenbildern in der Hand zur Abschlussuntersuchung anmelden wollte. Ihr wisst ja, mein Knie wurde vor sieben Wochen operiert.

Dazu muss man wissen, dass diese Praxis überhaupt keine Termine mehr vergibt. Der Patient muss kommen und hoffen, dass er dran kommt.

Ich habe mir heute also sehr früh den Wecker gestellt, denn jetzt wird es Zeit, dass die Orthopädin einen Blick auf meine Beine wirft, sich das Knie und sein Röntgenbild ansieht. Am liebsten soll sie mir sagen, dass es normal ist, dass ich beim Gehen noch Schmerzen habe und dass es bald besser wird und alles in Ordnung ist. Ich habe mir also früh den Wecker gestellt und ausgerechnet heute ist es ja noch eine Stunde früher als sonst. Blöde Zeitumstellung.

Hilft ja nichts und damit ich nicht wieder weggeschickt werde, nahm ich mir vor, schon um 7.40 Uhr in der Praxis zu sein. Ich stieg also auf mein Fahrrad (seit einigen Tagen geht das wieder!) und machte mich bei Minusgraden auf den Weg. Immerhin war es schon hell.

Die Praxis war noch geschlossen. Viele Menschen standen Schlange. So etwas habe ich noch nie erlebt und gesehen. Vor mir standen mindestens 30 Personen, die sich brav anstellten und geduldig warteten, dass sich die Tür endlich öffnete. Zwanzig Minuten habe ich angestanden und ich war noch lange nicht die letzte.

Keine(r) regte sich auf. Ich schon. Aber nur ein ganz kleines bisschen.

Ich war nur froh, dass mir das Stehen nicht mehr so weh tut. Stehen kann ich besser als gehen. Zum Glück. Als sich um 8.00 Uhr die Tür öffnete und wir mit einem fröhlichem „Guten Morgen!“ begrüßt wurden, dauerte es natürlich noch einmal eine halbe Stunde, bis ich mich endlich anmelden konnte.

Ich fuhr wieder nach Hause, weil ich voraussichtlich erst zwischen 11.00 und 12.00 Uhr an der Reihe bin. Mit dem Rad ist das kein Problem und nachher wird es auch nicht mehr so kalt sein. Ich hoffe nur, dass ich bis 12.00 Uhr wirklich noch zur Ärztin vordringe, denn ich habe gehört, dass man sonst wieder nach Hause geschickt wird.

Und man muss sein Glück an einem anderen Tag versuchen. 😳