Wolfszeit

Ich las einige Bücher über die  Kriegskinder und Kriegsenkel, um mich und meine Familiengeschichte besser zu verstehen. Ich dachte, ich muss jetzt nichts mehr darüber erfahren. Bis ich einen Artikel über das Buch Wolfszeit, Deutschland und die Deutschen 1945-1955 von Harald Jähner, Rowohlt 2019, las.

Ich wusste sofort, dass ich dieses Buch unbedingt lesen muss. Also besorgte ich es mir gestern und begann auch sofort mit der Lektüre.

Zum Glück gehöre ich zu den glücklichen Leuten, die Ostern zwar etwas vorhaben, aber nichts vorbereiten müssen. Ich habe also die nächsten Tage Zeit zum Lesen und das ist ein Glück. Ich bin bis Seite 80 gekommen und kann es kaum erwarten, mich auf meine sonnengewärmte Terrasse zu setzen und weiter zu lesen. Ich weiß jetzt schon, dass dies eins der wichtigsten Bücher meines Lebens sein wird. Es geht mich unmittelbar etwas an, denn ich bin in diese Zeit (1952) hineingeboren worden.

Das Buch ergänzt mein Wissen darüber, wie meine Eltern im NS-Regime aufgewachsen sind und wie sie den Krieg in Hamburg erlebt haben mögen. Sie selbst erzählten ja wenig, aber einiges weiß ich schon. Jetzt lese ich die „Wolfszeit“ und mir wird bewusst, wie schrecklich und traumatisierend auch die Zeit nach dem Krieg für die Bevölkerung gewesen ist. Ich verstehe, wie es einem Großteil der Bevölkerung gelang, alles, was mit ihrer Vergangenheit zu tun hatte, weitgehend abzuspalten. Ich ordne das Schweigen meiner Eltern, meine Rebellion und unsere Kämpfe später anders ein. Ich verstehe neue Zusammenhänge und mein Wissen um meine Familiengeschichte wird um ein paar  Aspekte bereichert. Ich sehe einige Menschen mit ganz anderen Augen und entwickle ein Mitgefühl, das ich so noch nicht gespürt habe. Und dabei bin ich erst im dritten Kapitel!

Ich muss jetzt hier auch Schluss machen, denn ich will weiterlesen. Jetzt. Sofort!

 

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11 Gedanken zu “Wolfszeit

    1. Ich denke, es ist besser, wenn Du das Buch selber liest. So gut wie es der Autor tut, kann ich es niemals wiedergeben. Zusammen mit den Fotos nimmt er uns mit auf eine spannende Zeitreise.
      Ich lese gerade Deine Ausführungen über die Angst. Meine oft diffusen Ängste sind teilweise gar nicht meine eigenen, sondern sie sind ein Erbe meiner Eltern und Großeltern. Mir helfen gelegentliche Familienaufstellungen diesen Ängsten auf die Spur zu kommen. Liebe Grüße und Dir eine gute Zeit! Regine

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      1. Thema Familienaufstellung: ich war als Stellvertreter in einer aufgestellt, in der es um das seltsame Verhalten eines Kindergartenkindes ging. Es versetzte seine Familie in helle Aufregung, weil es nur schwarze Kreuze malte. Wie sich heraus stellte, trug es die Last und die Angst seines Großvaters, der aus dem Krieg nicht wieder kam und im Sterben voller Angst war, die Familie im Stich zu lassen. Es war erschreckend für mich, die Gefühle dieses Großvaters zu erleben, denn als dieser wurde ich in die Aufstellung genommen. Ich hätte es niemals für möglich gehalten, dass ich quasi dieser andere Mensch war und mein eigenes ich, völlig ausgeblendet war.

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      2. Ähnliche Erfahrungen habe ich auch gemacht. Nachdem ich meine Depression und Angststörungen mit Hilfe einer (anderen) Therapie losgeworden bin, nehme ich ab und zu an Familienaufstellungen teil. Ich komme in meiner Entwicklung und meinen Erkenntnissen immer ein Stückchen weiter, egal ob ich selbst aufstelle oder nur Stellvertreterin bin. Für mich eine sehr wirkungsvolle Methode. Ist aber sicher nicht für alle geeignet.

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      3. Wer es selbst nie erlebt hat, kann es sich auch nicht ansatzweise vorstellen. Ich hatte davon gehört und die Erfahrung hat mich dennoch förmlich überrollt. Vor allem, dass man mit niemandem darüber reden kann, weil es vielen unbekannt ist oder als Spinnerei abgetan wird, ist bedrückend.

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  1. Und ja: geeignet ist es auch nicht für Alle. Dort kommen meist völlig unbekannte Dinge hoch, die der Betreffende, der aufstellen lässt, erst mal verkraften und verarbeiten können muss.
    Ich habe an mehreren Aufstellungen teil genommen, wo wir sehr gut helfen konnten. Aber ich habe auch eine regelrechte Flucht erlebt als ein Mann für seine Frau aufstellen ließ und dabei heraus kam, dass es um ihn ging und nicht um seine Frau…..an der Stelle ließ er die Aufstellung empört abbrechen.

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