Heute ist Sonntag und ich mache gar nichts. Gar nichts? Schließlich habe ich schon meinen Kaffee im Bett getrunken und dabei gelesen. Ich war auf dem Crosstrainer unterwegs. Ich probierte Klamotten aus und entschied, dass ich Ostern anständig genug angezogen sein werde. Ein langes Telefongespräch mit einer guten Freundin ist auch geführt und am PC sitze ich schon seit einiger Zeit, um meine Gedanken zu sortieren. Also bitte, für einen halben Sonntag doch ganz schön viel und auf alle Fälle genug, oder?

Ich kann meine Knie nicht richtig beugen. Ja, die dazugehörigen Muskeln haben sich im Laufe der Jahre mit meiner Schonhaltung und den Schmerzen verkürzt. Nein, das ist nicht schlimm. Nur etwas traurig, weil ich meine Lieblingsyogaübung nicht mehr machen kann: das zusammengerollte Blatt. Traurig aber nur, weil mir die Übung gestern eingefallen ist. Viele Jahre habe ich sie ins Unterbewusstsein verbannt. Dass die Erinnerung daran nun wieder aufgetaucht ist, werte ich mal als ein gutes Zeichen. Jeden Tag beuge und strecke ich meine Knie mit so viel Kraft wie möglich und das TUT WEH! Aber ich will das  zusammengerollte Blatt  eines Tages wieder machen können, also beiße ich die Zähne zusammen. Und mein zweites Ziel, wieder um den Arendsee zu marschieren, verliere ich auch nicht aus den Augen. Gut motiviert mache ich meine Übungen, steige auf den Crosstrainer, knete meine Füße, klopfe meine Beine und gucke in den Spiegel. Nein, sportlich sehe ich noch nicht aus, aber meine Beine fühlen sich wieder lebendig an.

Viel hat sich verändert, als mein geschiedener Mann vor einem halben Jahr gestorben ist. Mein erstes Entsetzen und die große Fassungslosigkeit haben sich aufgelöst. Ich fühle mich gestärkt, weil ich das erste halbe Jahr gemeistert habe. Ich weiß, ich kann  mehr leisten, als ich mir je zutraute. Sogar ein Haus verkaufen. Es ist nicht vorbei, natürlich nicht, aber das Leben geht weiter. Ich denke immer seltener daran, wie schlimm sein Tod für meine Kinder und mich ist, sondern meine Gedanken und mein Mitgefühl sind häufiger bei ihm. Das tut mir gut. Ich habe die Dinge, die ich aus unserem Haus mitgenommen habe, in mein Leben integriert. Sie gehören jetzt zu mir und halten die Erinnerung an ihn und unsere gemeinsame Geschichte am Leben, auf eine heilsame Art.

Sonntags stellt sich manchmal noch das Gefühl ein, dass er überraschend anrufen oder auftauchen könnte und wir eine schönen Nachmittag miteinander verbringen. Das war in den letzten Jahren oft der Fall und nährte meine kleine Hoffnung, wir könnten wieder einen Weg zueinander finden. Er war eben der Mensch, der mir am vertrautesten war. Mit ihm teilte ich so viele Erinnerungen, die ich mit keinem anderen je haben werde. Unsere gemeinsamen Kinder verbinden uns lebenslang und darüber hinaus. Jetzt weiß ich: unsere Geschichte ist abgeschlossen. Es kommt nichts Neues dazu und ich beginne, mit größerer Ruhe und Gelassenheit die vergangenen Monate aufzuarbeiten. Ich denke, wie oben schon erwähnt, immer seltener dabei an mich, sondern bin häufig bei ihm und spüre seinem Leiden nach.

Und dann bin ich wieder in meinem Leben. Manchmal bedaure ich, dass niemand meinen Alltag mit mir teilt. Ja schon, das wäre wahrscheinlich vielleicht ganz schön. Wer weiß? Aber so ist es auch gut. Sehr sogar. Ich bin zufrieden.

Ich plane gerne ein paar schöne Erlebnisse im Voraus ein. Mir ist es wichtig, mich immer auf etwas freuen zu können. Das gibt meinem Leben eine Struktur. Ich sorge dafür, dass sich Begegnungen und Gruppenerlebnisse mit Phasen des Alleinseins abwechseln, so dass ich beides ausreichend genießen kann. Alles andere lasse ich fließen. Ich achte darauf, mir nicht zu viel vorzunehmen. So ist genügend Raum für mein Tun und für spontane Entscheidungen. Ich hetze mich nicht mehr. Ich weiß, wie wertvoll das Leben ist.

Und dann will ich am Ende des Jahres die Ärzte an meinem zweiten Knie herumschnippeln lassen.

Ich bin guter Dinge, auch wenn alles ab und zu manchmal sehr beschwerlich ist. Das ist LEBEN!

Ich schicke liebe Sonntagsgrüße und bin ganz neugierig: Was denkt Ihr gerade so?

 

 

 

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19 Gedanken zu “Sonntagmittag

      1. Ja, das glaube ich Dir! Ich habe in letzter Zeit oft daran gedacht, wie schlimm es wohl den Menschen ergeht, die schwere Unfälle erlitten haben, wenn ich mit meinem relativ kleinen, freiwilligen Eingriff schon so große körperliche Veränderungen bemerke. Wie schwer es ist, das körperliche Gleichgewicht einigermaßen wieder herzustellen. Bei mir wird es wohl nie wieder 100%-ig gut, aber ich bin zufrieden mit dem, was erreichbar ist. Ich wünsche Dir, dass Du keine OP mehr brauchst und es Dir trotzdem einigermaßen gut geht! Liebe Grüße! Regine

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  1. Bei uns ist auch gerade schwer. Mein Schatz ist da und hatte gestern viel zu hohen Blutdruck und einen kleinen Panikanfall.
    Wir haben gerade eine Bewerbung geschrieben, die vielleicht klappt, weil er eine Empfehlung hat. Leider wieder oben im Norden. Ansonsten spielt mein Zyklus gerade verrückt und ich könnte die ganze Zeit heulen.

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    1. Ja, ich habe gefragt und ich danke Dir sehr für Deine Antwort. Darum habe ich auch das „gefällt“ geklickt. Panikstörungen und hohen Blutdruck kenne ich aus eigener Erfahrung nur allzu gut und ich weiß, wie sich das anfühlt. Ich wünsche Euch beiden viel Kraft und für die Bewerbung viel Glück. Ich persönlich liebe Norddeutschland sehr und möchte niemals weg hier. Aber vielleicht meinst Du noch viel höheren Norden?
      Zyklus ist für mich auch Geschichte, aber ich erinnere mich noch gut daran. Mental umarme ich Dich ganz fest, wenn Du magst, und ermuntere Dich: Heule Dich aus, solange Du willst! Liebe Grüße! Regine

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    1. Das sagt meine Qigong-Lehrerin auch immer: mental genügt. Ich probiere es aus, vorsichtshalber unterstütze ich das mit analogen Übungen. Ich kann mich nicht erinnern, je so fleißig gewesen zu sein. Die Physiotherapeutin motiviert mich wirklich sehr. Dein Leben ist völlig im Umbruch? Hoffentlich nicht zu schmerzhaft. Gutes Gelingen für das Neue! Regine

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  2. Ich sitze gerade hier und
    – frage mich wie das später aussehen wird wenn ich das zusammengerollte Blatt versuche
    – lächle ganz breit bei der Feststellung, dass mir der Arendsee bis vor einem Monat völlig unbekannt gewesen ist und ich, nachdem ich eine Dame aus der dortigen Touristinfo kennengelernt habe, ihn hier wiederfinde
    – freue mich über deinen positiven Weg
    – und ziehe weiter…. schönen Restsonntag dir 🙂

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    1. Ja, der Arendsee ist wirklich schön. Ich war schon lange nicht mehr da. Mein erstes Etappenziel ist der Gartower See. Der Rundweg ist nur halb so lang. Hast Du das Zusammengerollte Blatt ausprobiert? Ist ja eigentlich nicht schwer. Die Herausforderung liegt beim Entrollen. Ich kenne eine, die lag tagelang zusammengerollt herum, bis Nachbarn sie fanden…..😂

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      1. Hatte es vergessen, nach dem lesen hier habe ich mir dann eine Stelle mit Haltemöglichkeiten zum aufrollen gesucht , lache
        Von der Ballettelevin ist nichts mehr zu sehen, bei jeder Faltstelle treffen zwei Pufferzonen aufeinander, eher Baumstämmestapel denn gerolltes Blatt 😉

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      2. 😂 Ja, wenn ich diese Übung kniemäßig machen könnte, wäre mein Blatt mit Sicherheit auch ein Baumstammstapel. Ich halte mich doch lieber an „Yoga auf dem Stuhl“, das ist pufferzonenfreundlicher! Liebe Grüße und danke für den lustigen Kommentar, der mich gleich lächelnd zur Physiotherapeutin fahren lässt. Diese stellt zum Glück keine allzu hohen Ansprüche an meine Gelenkigkeit. Kleine Kraftübungen im Liegen und Gleichgewichtsübungen sind machbar!

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