Proseminar I, zweiter Teil

Damen und Herren, ich begrüße Sie zum Proseminar I „Wer bin ich?“ Beim ersten Treffen haben wir uns mit dem Körper beschäftigt. Gibt es noch Fragen dazu?

Nein, es gibt keine Alternative. Erst wenn wir akzeptieren, dass wir unser Körper sind und ihn nicht haben, kommen wir weiter. Wenn wir ihn hätten, könnten wir ihn bei Nichtgefallen ja leicht umtauschen.

Nein, Schönheitsoperationen meine ich nicht damit, die sind kein Umtausch, der eigentliche Körper bleibt in seiner Mehrheit ja erhalten.

Gut, dann kommen wir heute zu unserem Geist, den wir ja nicht einfach nur haben, sondern wir sind unser Geist. Viele Menschen glauben, sie sind zusätzlich noch Seele. Oder haben sie eine Seele? Die Seele kann in dieser Vorstellung ja bekanntlich weiterziehen. Sie existiert unabhängig vom Körper und Geist. Also, in diesem Fall haben wir eine Seele.

Ich möchte mich hier aber auf unseren Geist beschränken, der ist keine Glaubenssache, sondern eine bewiesene Tatsache. Alle Lebewesen besitzen ihn. Entschuldigung, falsches Wort. Der Geist ist nicht zu trennen vom Körper. Insofern sind alle Lebewesen Körper und Geist.

Wo sind denn meine Aufzeichnungen? Bitte entschuldigen sie, ich muss sie suchen gehen. Sie können sich bis dahin mit Ihrem Nachbarn darüber austauschen, wo Sie ihren Geist vermuten. Wie bitte? Ja, natürlich, mit den Nachbarinnen auch! Ja, ich weiß, ich sollte das immer erwähnen.

So, da bin ich wieder. Ich habe die Aufzeichnungen offensichtlich zu Hause vergessen. Darum erzähle ich Ihnen, was ich behalten habe. Ich hoffe, mein Gedächtnis lässt mich nicht in Stich.

Also, wenden wir uns der Frage zu, was gehört zum Geist? Ich denke, es sind im Wesentlichen die Emotionen, Vernunft, Sprache, Träume, Lebenskraft, Kreativität, das Gedächtnis, Fühlen, Denken sowie der Verstand. Fällt Ihnen noch etwas ein? Strengen Sie Ihren Geist doch ruhig zur Abwechslung einmal an, meine Damen und Herren! Geist will trainiert werden, sonst verkümmert er.

Sie meinen, die Liebe hätte ich vergessen? Meine Güte, Liebe ist eine Emotion, oder? Sie meinen, die Sprache gehört nicht zum Geist? Gut, sie ist eine Vermittlerin zwischen Geist und Körper, sie braucht beides und verbindet beides. Ach ja, das sagte ich schon. Ähnlich ist es mit zum Beispiel auch mit der Kreativität. Sie ist in der Lage, geistige Ideen sichtbar zu machen. Denken Sie bitte an alle Kunst, die es gibt! Ach, was rede ich denn da? Alles, was Menschen erschaffen, hat seine Quelle im Geist. Ist das nicht ganz wunderbar? Gut, nicht immer. Aber das wäre ein Thema für Moral und Ethik. Beide Gebiete sind geistliche Errungenschaften. Oder geistige? Egal, wir wissen, der Körper kennt keine Moral, oder?

Hier wird nun ganz deutlich, dass Geist und Körper nicht ohne einander existieren können. Gefühle und so weiter entstehen im Hirn oder so. Ich habe meine Aufzeichnungen leider nicht dabei und kann nur ungefähr die Richtung angeben. Nervenzellen spielen eine große Rolle und elektrische Impulse und Synapsen. Bitte recherchieren Sie das Zuhause und bringen Sie Ihre Ausarbeitungen das nächst Mal mit.

Damit schließen wir für heute. Mein Körper will sich in die Sonne legen und mein Geist hat sich etwas zu sehr angestrengt. Er muss jetzt ruhen. Ich danke Ihnen und kommen Sie gut nach Hause!

 

Nebeneffekt

Nebeneffekt

Hallo Leute, ich bin´s mal wieder! Frau Holle nervt gewaltig. Immer wieder kommt sie an und ich soll auf ihr rechtes Bein gucken. Es sieht anders aus als das linke. Na und? Selbst schuld, wenn sie an sich herumsägen lässt. Jetzt ist das Gejammer groß und ist doch logisch, dass gesägte Beine anders sind als nicht gesägte.

„Aber guck doch mal, Misi, mein rechtes Bein!“, tönt es jetzt schon wieder. Was kann man für ein Gewese um Beine machen, frage ich Euch. Nun hat sie ja nicht so schöne Schenkel wie ich und darum sollte sie sich lieber in Schweigen hüllen und nicht so angeben mit ihrem Bein.

Frau Holle kommt angekrückt. Klack… schritt….klack….schritt….klack….schritt. Ich habe keine Lust mehr auf das. Es soll wieder normal hier werden. Frau Holle stellt sich vor mich hin und will, dass ich gucke und ich sehe nichts. Nur Beine und Krücken.

Frau Holle stellt sich vor ihren Spiegel und sagt: „Natürlich habe ich keinen Sehfehler! Alle bestätigen es.“ Sie schaut leicht versonnen und ich weiß immer noch nicht, was sie hat. „Mein rechtes Bein ist seit der OP ziemlich gerade, siehst du das nicht?“ Natürlich habe ich das schon lange gesehen, ich wollte aber lieber nichts sagen. Frau Holle hat zwei verschiedene Beine, eins gerade und eins, na, wie soll ich das jetzt ausdrücken? Als Froschbein wäre es noch ganz o.k., aber als Menschenfrauenbein wohl eher nicht. Ziemlich rund. Früher waren es beide, das ging ja noch. Aber jetzt ist kein O mehr zu sehen, sondern ein D-verkehrt-herum. Und das ist nicht schön.

Frau Holle sieht das anders. Sie findet, ein gerades Bein ist doch ein großartiger Nebeneffekt. Mit dem hat sie gar nicht gerechnet. Sie sagt: „Misi, nun steigt mein Marktwert wieder!“ Und sie grinst und meint, sie hätte einen Witz gemacht.

Ich sage lieber nichts und verziehe mich. Wenn sie D-verkehrt-herum schöner findet als O, soll sie doch. Das ist wohl so ein Frauending. Ich gucke lieber, was der Frühling draußen macht. Der schwächelt etwas und ich will ihm auf die Sprünge helfen!

Tschüss, Leute! Hops.