Führerschein

Susanne war schon über 30, als ihr Freund fand, dass sie unbedingt den Führerschein machen sollte. Sie wollte ihm gefallen und willigte ein. Bisher hatte sie keinen gebraucht, in Hamburg gab es Busse und Bahnen und die Nordseeinsel Föhr war so klein, dass sie alles mit dem Rad erreichen konnte. Außerdem hatte sie ja ihren Freund mit Auto.
Susanne ging also brav zur Fahrschule und absolvierte die theoretische Prüfung sowie alle nötigen Fahrstunden. Anfahren am Berg wurde am Deich geübt und Ampeln gab es damals auf der Insel nicht. Darum mussten Insulaner mindestens eine Fahrstunde auf dem Festland in Niebüll hinter sich bringen, bevor es an die praktische Prüfung ging. Um Kosten zu sparen fand diese Fahrstunde am Tag der Prüfung statt und es waren drei Fahrschüler, die am Donnerstagmorgen auf der Fähre zusammenhockten. Ein junger Mann, der sehr von sich überzeugt war, eine junge Frau, gerade mal 18, und eine uralte Tante, gerade dreißig geworden, also Susanne. Der Fahrlehrer holte sich einen Kaffee und wirkte erschöpft.
Auf dem Festland angekommen setzte sich der junge, sehr von sich überzeugte Mann, ans Steuer, der Fahrlehrer passte vorne auf und die zwei Frauen ließen sich nach Niebüll kutschieren. Dort angekommen, wurde das Fahren auf Straßen mit Ampeln geübt und überhaupt, herrschte hier viel mehr Verkehr, als auf der Insel. Meine Güte. Susanne verzagte jetzt schon und dann saß die junge Frau am Steuer und fuhr gelassen durch die kleine Stadt und bearbeitete alle roten Ampeln mit Bravour. Einparken vorwärts und rückwärts meisterte sie ohne Scheu und Susanne war nach zwei Stunden Mitfahren ziemlich mürbe. Ihr war übel, sie war aufgeregt, weil die Prüfung bevorstand und sie hatte alle Praxis vergessen, weil ihr irgendetwas den Kopf vernebelte. Sie fand ihren Freund ziemlich bekloppt, weil er sie in diese Lage gebracht hatte.
Endlich war sie an der Reihe und die Stunde könnte sich so zugetragen haben:
Fahrlehrer: Was ist zu beachten, bevor Sie losfahren?
Susanne: Äh…….
Fahrlehrer: ist sehr ungeduldig und hat eigentlich keine Lust mehr auf Fahrschülerinnen, insbesondere auf alte nicht.
Susanne: Äh, also anschnallen?
Fahrlehrer: nickt und möchte sich am liebsten Bewegung verschaffen, nach über zwei Stunden im Auto und vorher auf der Fähre ein ernst zu nehmendes Bedürfnis.
Susanne: Schulterblick?
Fahrlehrer: Wie wollen Sie denn losfahren, gute Frau? Er ist müde und gereizt.
Susanne: weiß, dass gute Frau nichts Gutes bedeutet und reißt sich zusammen. Sie ist müde und möchte nach Hause. Äh, Schlüssel einstecken?
Fahrlehrer: Und? Er hat die Nase voll und denkt schlimme Schimpfworte.
Susanne: Umdrehen? Sie fühlt sich wie ein kleines, unfähiges Mädchen und spürt den Ärger ihres Lehrers sehr genau.
Fahrlehrer: Und? Er kann bald nicht mehr und reißt sich zusammen. Sein Blutdruck steigt.
Susanne: Gang einlegen? Sie kann bald nicht mehr und der Blutdruck steigt.
Der Fahrlehrer seufzt und der junge Mann hinten stöhnt. Susanne startet das Auto und will losfahren.
Fahrlehrer schreit: Blinken!!!! Schulterblick!!!! Er ist kurz davor, aufzugeben. Er denkt daran, seinen Beruf zu wechseln.
Susanne: Ach so, ja. Sie ist erschrocken und kurz davor, aufzugeben.
Der junge Mann hinten findet das typisch Frau. Susanne fährt los und beruhigt sich jetzt. Sie weiß, dass sie halten muss, wenn die Ampel rot ist. Sie startet, ohne den Wagen abzuwürgen.
Fahrlehrer: Die nächste links.
Susanne denkt: ach du meine Güte. Links abbiegen, wie furchtbar.
Fahrlehrer denkt: Die doofe Kuh merkt sicher nicht, dass die nächste links eine Einbahnstraße ist! Dann ist sie raus.
Susanne merkt das aber sehr wohl und fährt geradeaus weiter. Der junge Mann hinten findet, dass ein blindes Huhn auch mal ein Korn findet und Susanne grinst.
So nähert sich die Stunde allmählich dem Ende zu und Susanne macht das meiste richtig. Kurz vor Schluss übersieht sie einen Fußgänger am Straßenrand, der auf die andere Seite will. Unglücklicherweise steht er am Zebrastreifen und Susanne fährt weiter, ohne zu halten. Der junge Mann hinten stöhnt und findet, das sei ja nun typisch Frau, der Fahrlehrer schüttelt und Kopf und entschließt sich, niemals wieder alte Tanten zur Fahrprüfung anzumelden und Susanne ist untröstlich, aufgeregt und fertig mit den Nerven. Als sie dann auf dem großen Parkplatz einparken soll, verwechselt sie das Gaspedal mit der Bremse und zischt über die Begrenzung ihrer Parkbucht hinaus. Zum Glück findet sie die Bremse noch rechtzeitig und hält ohne Schaden anzurichten an. Der Fahrlehrer springt aus dem Auto und schreit: „Und sowas will gleich den Führerschein machen!“ Er zündet sich eine Zigarette an und verschwindet. Susanne weint.
Etwas später beruhigten sich die Gemüter und sie wurden geprüft. Susanne machte keinen Fehler und bestand. Die junge Frau wurde auch glückliche Besitzerin eines Führerscheins. Nur der junge Mann fiel durch und meinte auf der Fähre, dass Susanne wohl mit dem Prüfer geschlafen hätte, damit er sie nicht durchfallen ließ.

7 Gedanken zu “Führerschein

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