„Ach wissen Sie“, sagte die Physiotherapeutin im Krankenhaus, „alle jammern, dass die Zeit so schnell vergeht. Da werden Sie doch über vier Wochen nicht erschrocken sein!“

Stimmt. Morgen sind es vier Wochen und dann können die Gehstützen allmählich ausgeschlichen werden. Ich darf sogar heute schon im Haus ein paar Schritte alleine machen. Also einen gefüllten Suppenteller von der Küche zum Esstisch transportieren und so. Das ist eine Erleichterung und ich habe heute morgen gleich mal meinen Kaffeebecher von der Küche zum Bett transportiert. Mit Treppe! Und dann fuhr ich zum Einkaufen, trug eine mittelschwere Tasche ins Haus und pflanzte ein Stiefmütterchen in meine Motivschale mit Schäfer und Schafen vor meiner Haustür. Damit aus einer Weihnachtsherde ein Frühlingsstillleben wird. Ist es geworden, aber mein rechtes Knie meckert. Gut, lasse ich es lieber wieder etwas langsamer angehen. Mit Sofaliegen und „Rote Rosen“ im Fernsehen. Dient der Entspannung, Erbauung und meistens döse ich ein wenig weg dabei. Ich habe heute Nacht schlecht bis kaum geschlafen, insofern wird das Mittagsschläfchen ein Genuss.

Jeden Tag erobere ich mir mein altes Leben ein bisschen mehr zurück. Nur besser, weil zumindest ein Knie höchstwahrscheinlich bald nicht mehr wehtun wird. Aktuell schaffe ich es zu Fuß zur Sparkasse und zur Krankengymnastik. Mit dem Auto zum Einkaufen, Qigong und in die Schreibwerkstatt. Zur Philosophie werde ich abgeholt. Alles ganz wunderbar!

Prima finde ich auch, dass sich meine Angstattacken zurückgezogen haben. Ich kann mich wieder auf Menschen einlassen. Und wenn ich daran denke, wie ich mich ganz alleine, ziemlich ruhig und gelassen in die Klinik eingecheckt habe, möchte ich mich an dieser Stelle einmal selbst loben. Das Gespräch mit dem Narkosearzt war sogar ausgesprochen witzig und am Tag der Operation habe ich mich mit Hilfe der Beruhigungstablette ganz gut geschlagen. Die bekam ich allerdings viel zu früh, so dass ich schon wieder bei Sinnen war, als ich in den OP-Saal geschoben wurde. Während der Vorbereitung scherzten die Schwestern und Ärzte mit mir, um mich abzulenken. Ich hörte gut zu und dann war ich weg. Das Aufwachen gefühlte zwei Sekunden später passierte blitzschnell und schon wurde ich wieder aus dem Keller geschoben, aber nicht ohne dass ich mich mit einem „Bis zum nächsten Knie“, verabschiedete.

Die ersten Tage danach waren nicht so witzig und wenn man gar nicht aufstehen darf, ist das schon lästig. Aber auch das ging vorbei und wie war das schön, wieder allein ins Bad schleichen zu können, ohne nach einer Schwester zu klingeln! Und dann Zuhause erst! Meine erste Dusche nach vierzehn Tagen! Ein Genuss und die Morgentoilette wurde immer unkomplizierter!

Ich weiß jetzt, wie sehr ich mich auf meine Leute verlassen kann. Hilfe bekam ich von allen Seiten, Besuche, Mails und Telefonanrufe auch. Ich lebe alleine, bin aber in Notzeiten gut aufgehoben. Diese Erfahrung machte ich, als mein Mann starb und die machte ich auch jetzt wieder. Es ist ein schönes Gefühl, dass es genug Menschen gibt, die für mich da sind, wenn ich auf Hilfe angewiesen bin und Zuspruch mir guttut. Die anderen lasse ich ziehen, auch aus meinen Gedanken.

Gut, nun sind die vier Wochen also bald vorbei und ich freue mich so auf das Staubsaugen, Bodenwischen und Fensterputzen! Aber heute noch nicht. Heute werde ich höchstens ein bisschen Kniegymnastik treiben und mich dabei mit dem letzten Eberhofer-Krimi beschäftigen, sobald das „Rote Rosen Dösen“ beendet ist.

Ich danke Euch an dieser Stelle noch einmal für Eure Anteilnahme und guten Wünsche. Auch die aus dem Internet bau(t)en mich auf!

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23 Gedanken zu “Jeden Tag ein wenig mehr

  1. Sehr schön Regine 👍😊
    Das klingt alles sehr gut. Schön, wenn sich in solchen Situationen zeigt, dass sich auf Andere verlassen werden kann.
    Weiterhin gute Genesung wünsche ich dir.
    Von Herzen 💕 Ulrike

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  2. Super, wie sich alles entwickelt hat und wie gut es dir mit allem gegangen ist, von den kleineren Wehwehchen mal abgesehen. Und daß du Hilfe hast, wenn du sie brauchst ist auch toll! Weiterhin alles Gute für dich ♥!!! Liebe Grüße von Almuth

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    1. Liebe Almuth, ich danke Dir! Die kleinen und größeren Wehwehchen gehören seit ein paar Jahren zu meinem Leben und sie ärgern sich manchmal, weil ich trotzdem meistens noch so fröhlich bin. Sie überlegen, ob sie sich verziehen sollten! Liebe Grüße aus dem Sturm! Regine

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    1. Danke für die guten Wünsche und ja, es geht voran, auch dank der supertollen Physiotherapie. Die Übungen, die ich dort lerne, sind einfach und auch gut Zuhause durchzuführen.

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    1. Viel Erfolg und Freude weiterhin! Bei Dir hat sich der Aufwand wohl schon richtig gelohnt, oder? Bewegen ohne Schmerzen, wahrscheinlich wusstest Du gar nicht mehr, wie das ging. Nun kannst Du die Welt zu Fuß neu erobern! Ich muss noch etwas damit warten, aber nach dem zweiten Knie…..! Ich wünsche Dir ein gutes Einleben Zuhause! Regine

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      1. Danke dir! Ja, es hat sich voll gelohnt. Ich wünsche dir sehr herzlich, dass das bei dir auch der Fall sein wird. Bei den Knien dauert es meist etwas länger als bei den Hüften, aber im Endeffekt ist es dann sicher genau so eine Freude.

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    1. Nein, ungeduldig bin ich nicht. Aber dass ich Zuhause ohne Gehilfe wieder frei beweglich bin, ist wirklich toll! Den Staubsauger schleppe ich trotzdem lieber noch nicht die Treppen hoch! Danke für die guten Wünsche, liebe Hedwig! Regine

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    1. Ja, fast alles! Ich hätte nie gedacht, dass sich mein Körper so schnell von der OP herholen kann und bin sehr dankbar, dass mir eine Vollprothese erspart bleib. Ich drücke mir die Daumen, dass das andere Knie auch so gut davonkommt. Liebe Grüße!

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  3. „Ich lebe alleine, bin aber in Notzeiten gut aufgehoben.“
    Das wissen ist wichtig. Ich wüsste es auch gerne, aber dafür müsste ich durch ein tiefes Tal… es hat also Zeit und ich vertraue einfach darauf.

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