Proseminar I

Ich begrüße Sie herzlich zum Proseminar „Wer bin ich“, in dem wir uns gemeinsam auf die Schliche kommen wollen. Zuerst bedenken Sie doch bitte kurz die Frage: Was hat mich hergeführt? War es Ihr Körper oder Ihr Geist?

Natürlich beide zusammen, denn sonst wären Sie nicht hier. Noch ist es technisch nicht möglich, den Geist in die Vorlesung zu schicken, während der Körper die Küche aufräumt. Oder den Körper zu schicken, während sich der Geist im Internet vergnügt. Obwohl das Beispiel nicht gut gewählt ist, denn wie soll der Geist ins Internet gelangen, ohne dass der Körper ihm das ermöglicht? Mir fällt nichts ein, was der Geist machen könnte ohne Hilfestellung des Körpers. Meine Damen und Herren, das wäre jetzt Ihre Hausaufgabe: Wie kann ich den Geist dazu bewegen, aktiv zu sein, ohne den Körper in Anspruch zu nehmen? Ich bin gespannt auf Ihre Ergebnisse.

Wenn ich es so recht bedenke, kann der Körper selbständig ohne den Geist auch nicht viel bewirken, oder? Ach ja, hier sind wir wieder bei der Ausgangsfrage angelangt. Wir kommen zum Schluss, dass der Körper hilflos ist ohne Geist und umgekehrt. Insofern erübrigt sich die Hausaufgabe, streichen Sie dass.

Wer bin ich also? Ich bin mein Körper und mein Geist. Viele sagen ja, sie haben einen Körper. Das ist ein Trugschluss. Sie sind Ihr Körper. Einen Teil tragen Sie außen vor sich her. Meistens kaschieren und verkleiden Sie sich mit Kleidung. Wie bitte? Sie meinen, Sie kaschieren nicht, sondern brauchen die Kleidung, um sich zu wärmen? Ja, dann frage ich Sie, warum tragen Sie nicht einfach praktisch aufgeschnittene Säcke? Na also,  Sie sind Ihre Kleidung fast genauso wie Ihr Körper. Sie drücken sich damit aus und zeigen, wer Sie sein wollen. Hier folgt nun Ihre Hausaufgabe: Erscheinen Sie bitte zum nächsten Mal in einer Kleidung, die Sie nie tragen möchten. Mal sehen, was Ihr Geist dazu sagt.

Also, Sie sind sichtbarer Körper und unsichtbarer Körper. Alles was in Ihnen ist, sehen und zeigen Sie in der Regel nicht. Sie wissen gar nicht, wie Sie drinnen aussehen. Und was Sie enthalten, wollen Sie gar nicht so genau wissen. Oder doch? Nein, bitte jetzt keine Zwischenfragen! Notieren Sie bitte alle Bestandteile, die Sie in sich vermuten und fragen Sie sich, ob Sie akzeptieren, dass Sie all das sind. Nein, nicht Zuhause, das machen Sie jetzt…….

Fertig? Prima. Sie sind all das! Hätten Sie das gedacht? Mich überrascht das jedes Mal wieder. Damit komme ich also zum Punkt Krankheiten. Die meisten sagen, sie haben eine Krankheit. Nein, meine Damen und Herren, sie haben sie nicht, Sie sind sie. Weil Sie ja keinen Körper haben, sondern…..Wie bitte? Sie sind nicht einverstanden? Das ist Ihr Problem. Also, Sie haben kein Problem, sondern Sie sind das Problem. Bitte verlassen Sie mein Proseminar! Danke.

Nun zum Geist. Viele sagen auch Seele dazu und glauben, diese existiert auch ohne Körper. Viele denken sogar, dass die Seele wandert, nachdem der Körper aufgegeben hat. Darüber diskutieren wir das nächste Mal, heute lassen wir es so stehen. Sie können sich ja gerne Zuhause einmal überlegen, wie Sie sich das mit der Seele vorstellen und vielleicht malen Sie ein Bild dazu.

Also, wer bin ich? Der Körper ist leichter zu fassen als der Geist. Darum beschränken wir uns heute auf den Körper. Sie mögen in der Regel ihren Körper nicht. Sie finden ihn hässlich, zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein undsoweiterundsofort. Wir machen jetzt eine lustige Übung: Bitte skizzieren Sie sich und markieren alle Stellen, die sie nicht mögen. Anschließend teilen wir uns in Kleingruppen und stellen uns die Zeichnungen vor. Wie bitte? Sie wollen das nicht? Dann kriegen Sie Ihren Schein nicht und das Examen rückt in weite Ferne! Also, geht doch.

Ich danke Ihnen für Ihre Offenheit. Nun wissen wir alle über uns Bescheid. Wir mögen uns nicht. Ich habe niemanden gefunden, der diese Übung macht und keine Stellen markiert hat. Meiner Erfahrung nach markieren Männer etwas weniger, als Frauen. Frauen lieben diese Übung geradezu, denn nichts ist ihnen vertrauter, als sich ihren Makeln zu widmen. Ganze Industrien leben davon! Überlegen Sie einmal, wie  sich unsere Welt verändern würde, wenn alle mit sich zufrieden wären. Ganze Industrien würden in die Pleite gehen. Darum hat die Wirtschaft jetzt auch die Männer und ihre Makel entdeckt.

Also, noch mal zur Ausgangsfrage: Wer bin ich? Wir haben festgestellt, dass wir aus Körper und Geist bestehen. Beide hängen zusammen, solange wir leben. Da wir nun alle an den Körpern etwas auszusetzen haben, wie mag es dann mit dem Geist aussehen? Ich stelle fest, solange Sie Ihren körperlichen Anteil nicht mögen, hat Ihr Geist es schwer.

Ich schließe hiermit das Proseminar und entlasse Sie mit der Frage: Wie war ich heute? Ich bitte um positive Bestätigung, denn diese tut meinem Geist gut.

Ich danke Ihnen.

 

 

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6 Gedanken zu “Proseminar I

  1. Liebe Regine,

    welch schönes Gedankenspiel. Ich habe gerade so nachgedacht, was der Geist, mein Hirn, meine Seele ohne meinen Körper tun kann ohne meinen Körper. Er kann nachdenken und das tut er unentwegt. Ob ich meinen Körper mag? Ich hab mich dran gewöhnt, sag ich mal. 😊
    Dieser Beitrag passt doch auch gut zu Herz & Verstand… vielleicht magst ihn dort auch reinstellen…

    Liebe Grüße
    Thomas

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Thomas, ja, ich werde das Proseminar I auch dort veröffentlichen. Ich denke gerade, dass ich ohne Hirn und Nerven nicht denken oder fühlen könnte. Nerven und Hirn sind körperlich, also, wo ist eigentlich der Geist? Stoff für 2.765 weitere Seminare!

      Gefällt 2 Personen

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