Was? Noch nicht mal zwei Wochen? Erstaunt blicke ich auf den Kalender. Gefühlt ist Silvester schon viel länger her. Vielleicht liegt es daran, dass ich gerade eine Menge planen, bedenken und tun muss. Dabei ist es objektiv gar nicht so viel. Früher hätte ich das alles so nebenbei gemanagt, ohne lange darüber nachzudenken.

Ich weiß gar nicht, wie ich das in meinem früheren Leben alles leisten konnte, damals, als die Kinder noch klein waren und ich täglich jede Menge zu organisieren und zu tun hatte. Wie habe ich bloß Familie, Beruf, Haushalt, Freundschaften und eigene Hobbys unter einen Hut gebracht?

Vielleicht war ich dazu imstande, weil meine Familie noch um mich herum wuselte. Natürlich war ich auch jünger und gesünder. Meistens jedenfalls.

Ich spielte mit meinen Kindern, brachte sie saubergewaschen und gekämmt ins Bett, las ihnen vor, bastelte und malte mit ihnen, ging mit ihnen in die Natur, auf Spielplätze oder schickte sie zu Freunden, organisierte Geburtstage und Weihnachtsfeste, wusch ihre Wäsche und sortierte sie in ihre Schränke, also die Wäsche, nicht die Kinder, ich backte und kochte und so weiter und so fort.  Einmal habe ich sogar in den Ferien mit allen Dorfkindern und unserem Hund zwei Wochen lang einen Kinderzirkus auf die Beine gestellt. An die Vorstellung auf dem Dorfplatz erinnere ich mich noch sehr gut. War erfolgreich und lustig! Ich begleitete meine Jungs durch die Schulzeit und kümmerte mich ab und zu um kulturelle Impulse, was auf dem platten Land ja nicht immer einfach ist. Wir zogen mehrmals um und kauften schließlich ein Haus. Das brachte immer wieder Unruhe, viel Arbeit und Neuanfänge in unser Leben.

Ich las auch selbst damals viel, besuchte Volkshochschulkurse und nahm an Fortbildungen teil. Ich malte, strickte, stickte und bastelte und hatte immer irgend ein Projekt in Arbeit. Ja, nicht alle wurden fertig und manche bleiben im Alltag stecken, aber ich machte immerhin. Ich absolvierte eine zweite Ausbildung und stieg doch in meinen Beruf als Lehrerin wieder ein. Eigentlich fing ich dort von vorne an, denn die Arbeit in einer Förderschule war etwas Neues für mich. Ich versorgte Tiere und den Haushalt. Ich kümmerte mich um Freundschaften und arbeitete mich an meiner Liebesbeziehung ab.

Während ich das jetzt schreibe, denke ich, ja, ich habe immer viel getan und gewollt und geschafft. Auch wenn ich es damals nicht so empfand: meine Familie hatte es gut mit mir. Nun sagt mir mein innerer Kritiker, ich solle nicht so aufgeblasen daherreden, ich hätte ganz schön viel Mist gebaut. Meine Kinder und mein Mann haben schwer unter mir gelitten. Ja, stimmt, manchmal war es so, aber sehr oft eben auch nicht! Merkt Ihr, wie gut ich meinen Vorsatz für das neue Jahr heute umsetze? Muss ich mich doch gleich mal selbst loben!

Damals hatte ich oft den Eindruck, dass mein Mann den Großteil der Arbeit leistete und ich nur angehängt war. Heute sehe ich das anders. Wir haben uns die Aufgaben aufgeteilt. Mein Mann war universell begabt und konnte eigentlich fast alles. Insbesondere im handwerklichen und gärtnerischen Bereich war er unersättlich am Tüfteln und Bauen und Gestalten. Seine Ergebnisse waren offensichtlich, meine Beiträge  häufig nicht so deutlich sichtbar. Nur wenn sie plötzlich wegfielen, dann merkte man schon etwas. Heute bin ich stolz auf das, was ich zum Familienleben beitrug.

Ein großer Umbruch in meinem Leben war die Entscheidung, auszuziehen, nachdem unsere Kinder erwachsen waren. Damals noch in der Hoffnung, dass mein Mann und ich mit getrennten Wohnungen wieder zueinander finden könnten. Hat nicht geklappt und die Scheidung setzte einen Schlusspunkt. Nein, stimmt nicht. So ganz Schluss war ja bis zu seinem Tode nie.

Was hartnäckig blieb, war der Gedanke, dass ich nicht genug bin und leiste. Ganz tief in mir entfaltet er seine Kraft immer noch im Unterbewusstsein. Ich rede, schreibe und denke laut dagegen an. Dabei entdeckte ich mein Mitgefühl. Und zwar mein Mitgefühl für mich selbst.

Ich durchlebte wie wir alle traurige und schwere Zeiten und bin an ihnen gewachsen. Ich kriegte es in den letzten Jahren gut hin, weil ich mir viel Zeit für mich nahm. Dass ich nicht mehr erwerbstätig bin, ist eine gute Voraussetzung dafür! Ich konnte mir die Zeit nehmen, die ich brauchte, um meine Kraftreserven wieder aufzufüllen. Wieviel Energie es kostet, Trauer zu spüren und zu halten, habe ich z. B. heute gerade noch einmal bemerkt, als ich in unserem Haus nachsah, ob der „Entrümpler“ es tatsächlich leergeräumt hat. Hat er. Alles weg und ich wurde so traurig und kraftlos, dass ich mich bei mir Zuhause sofort hinlegte und fest einschlief. Ist der Tagesschlaf jetzt verlorene Zeit? Nein, ich denke nicht. Er war notwendig und gut für mich.

Ich vergaß auch in schweren Zeiten nicht, das Schöne (wieder) zu spüren. Ich bin so aktiv und leistungsfähig, wie ich es gerade sein kann, sogar ziemlich erfolgreich, finde ich. Das Haus ist leer und wird voraussichtlich im Februar neue Besitzer haben. Ein guter Preis ist erzielt. Meine Knie-OP Anfang Februar ist geplant und ich weiß genau, wann ich was erledigen muss. Ich habe eine weitere Reise mit meinen „Mädels“ nach Dänemark gebucht. Ich treibe Sport in Maßen und nach Lust und Laune. Es wird im März wieder einen Philosophie-Kursus in der Volkshochschule geben. Qigong läuft auch weiter und im September bin ich für eine Jahresgruppe angemeldet, in der wir in regelmäßigen Abständen unsere Lebensfragen „aufstellen“ können. Die „Schreibwerkstatt“ existiert noch und wir werden künftig nach einem Lehrbuch arbeiten. Ich durchlebe ab und zu kleinere Panikattacken, die lästig und anstrengend sind, aber nicht mehr so bedrohlich. Ich spüre sie und weiß, sie werden bald aufhören und damit besiege ich sie. Mein Auto ist durch den TÜV gekommen. Und einen neuen Teppich habe ich mir für die Essecke auch geleistet. Ich weiß nur noch nicht, ob ich den nun wirklich gut finde, aber auch diese Frage werde ich mir eines Tages noch beantworten. Muss ja nicht sofort sein.

Es gibt also überhaupt keinen Grund, daran zu glauben, dass ich mehr leisten könnte, wenn ich nur wollte. Dieser Satz stand übrigens oft in meinen Zeugnissen, fällt mir gerade ein. Nun will ich endlich aufhören, mir selbst eine so negative „Kopfnote“ auszustellen.

Also, Ihr Lieben, glaubt einer alten, lebenserfahrenen Frau: Wenn Ihr denkt, Ihr seid nicht aktiv und gut genug, sind das Gedanken, die gut überdacht und wahrscheinlich neu gedacht werden sollten. Meistens stimmen sie nicht, wie Ihr an meinem Beispiel sehen könnt. Und meinen inneren Kritiker, der deutlich macht, dass er diese Weisheit ganz und gar nicht mit mir teilt, den schicke ich jetzt in den Garten. Da kann er sich dann schnell mal selbst doof finden!

Ich wünsche Euch einen schönen Sonntag!

13 Gedanken zu “Genug geleistet?

  1. Mein innerer Kritiker klatscht sich mit Deinem ab. Dann will er mit Deinem in Wettbewerb treten und Deinem erzählen, dass ich umso geringer und schlechter bin und viel weniger geleistet habe und leiste.
    Tatsächlich sind wir beide da aber wirklich schon viele Schritte weiter. Sollen sich die Kritiker mal miteinander verlustieren … Ach wenn es so einfach wäre.
    Übrigens ist mir auch, als sei seit dem Jahreswechsel eine halbe Ewigkeit vergangen …
    Sei herzlich gegrüßt
    Agnes

    Gefällt 3 Personen

    1. 😂 Genau so ist es, liebe Agnes, die inneren Kritiker wollen auch noch alle die besten sein und unsere Antreiber haben viel zu tun. Einfach ist es nicht, diese bösen Gesellen los zu werden. Darum schicke ich sie gerne in den Garten, denn weiter weg kriege ich sie nicht. Es hilft ja schon, dass wir sie kennen und gucken, ob es nicht doch Gegenspieler gibt, die uns aufbauen und stärken. Für mich ist das zur Zeit das Mitgefühl für mich. Liebe Grüße! Regine

      Gefällt 2 Personen

  2. Schön, daß du dich loben kannst und auch Mitgefühl für dich selbst findest. Ja, schick den Kritiker in den Garten! So viel hast du gemacht, wow, und jetzt machst du so viel, wie geht, und das ist auch schon wieder eine ganze Menge. Ich kenne diese überflüssigen Gedanken auch. Wo kommt nur immer dieser Hochleistungssport bzw. Anspruch her? Unglaublich oder? Und selbst wenn ich mein Leben lang nichts täte, als aus dem Fenster zu sehen und damit zufrieden wäre….wäre das völlig okay. Wir müssen gar nichts leisten. Wir sind etwas wert, so wie wir sind. Das ist ausreichend. Aber die Gesellschaft vermittelt immer das Gegenteil. Wann ist das so geworden? ich schließe mich Zoè an, schönes Wort zum Sonntag 🙂 Liebe Grüße

    Gefällt 4 Personen

    1. Woher der Anspruch kommt? Gute Frage. Ich denke, wir sind so sozialisiert. Ich umgab mich immer gerne mit Menschen, die vermeintlich so viel selbstbewusster waren, mehr konnten und wussten als ich und wollte ihnen nacheifern. Dabei habe ich übersehen, dass es immer blöd ist, sich mit anderen zu vergleichen. Das hätten sie uns in der Schule beibringen sollen, aber dort ging und geht es um angepasstes Verhalten und gute Schulnoten. Wer viel leistet, ist hoch angesehen und verdient viel Geld. Das spiegelt sich z.B. im Gehalt und Ansehen der Lehrer in den unterschiedlichen Schulformen wieder. Liebe Grüße! Regine

      Gefällt 1 Person

      1. Aber woher kommt der Blödsinn? Und ja, dieses überflüssige Vergleichen… Wie du es beschreibst: die Erziehung dürfte eine andere sein bzw. die Wertung, was wichtig ist in der Schule und im Leben. Der Mensch, nicht die Leistung! LG, Almuth

        Gefällt 1 Person

    1. Ich weiß nicht, wie sich Stolz anfühlt. Das ist vielleicht der nächste Schritt, jetzt bleibe ich erst einmal beim Mitgefühl. Darum mag ich die Philosophie so gerne: für mich ist sie ein Nachdenken über das Leben. Am schönsten ist es, dies in Gemeinschaft zu tun. Das ist ein Grund für mich, meinen „Regenbogen“ zu betreiben und in Euren Blogs zu lesen. Dir auch einen schönen Sonntag! Regine

      Gefällt 2 Personen

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