Wir lösen seinen Haushalt auf. Ich entdecke zahlreiche Gegenstände, die ich kenne, die mit mir zu tun haben und aus unserer Familienzeit stammen. Sie waren ihm so wertvoll, dass er sie aufgehoben hat. Ich bin gerührt, denn ich dachte, er hätte vieles schon lange entsorgt.

Wenn ich ein paar Stunden im Haus war, bin ich erschöpft und muss wieder in meine eigenen vier Wände. Ich überlege, welche Erinnerungsstücke ich zu mir nehmen will. Einige habe ich schon in meine Wohnung integriert. Einige Dinge kenne ich, seit ich ihn kenne, die hat er mitgebracht in unser gemeinsames Leben. Zwei davon hebe ich auf. Es soll nicht alles entsorgt werden, was ihn ausmachte. Aber alles will ich nicht bewahren, denn ich will kein Museum aufmachen.

Einiges übernehmen die Kinder oder wird verschenkt und was mit dem Rest geschieht, daran will ich nicht denken.

Seine Kater leben jetzt bei unserem Sohn und seiner Freundin. Es war wichtig, dass die beiden alten Kerle noch ein schönes Leben haben. Sie waren schon da, als wir uns trennten. Sie sind also wirklich alt.

Ich gucke mich nachdenklich in dem Haus um, das sich allmählich leert. Was bleibt übrig vom Menschen? Gegenstände und Erinnerungen. Die Sachen bleiben, wie sie sind, die Erinnerungen mäandern und jeder von uns hat seine eigenen. Sie zeigen nicht die wahre Persönlichkeit. Wer war er also wirklich? Ich werde es nie wissen.

Ich denke an mich und sehe mich in meiner Wohnung um. Ich habe so vieles, was ich nicht mehr brauche. Meine Schubladen sind nicht so gut sortiert wie seine. Ich will unbedingt aufräumen und ausmisten. Was mache ich mit meinen Tagebüchern und den vielen Briefen, die ich aufgehoben habe? Will ich, dass die Kinder sie später lesen?

Ich denke über das Leben und Sterben nach. Anders als vor seinem Tod, denn jetzt habe ich es hautnah erlebt, wie plötzlich alles zu Ende sein kann. Wie zerbrechlich der Körper ist und dass es Sicherheit nicht gibt.

Wir führten eine lange Zeit für jedes Jahr ein Kalendertagebuch. Später gestaltete ich als Weihnachtsgeschenk für meinen Mann ein Fotobuch zu den Jahren 1990 bis 2000 mit Texten aus diesen Kalendern. Übrigens ist es ein Fotobuch mit echten Fotos. Es hatte so viel Arbeit gemacht, die Bilder aus ihren Alben zu lösen und neu entwickeln zu lassen. Und teuer war es noch dazu. Damals gab es noch kein Internet und digitale Fotografie. Jedenfalls nicht bei uns.

Vier Jahre schaffte ich, für die restlichen Jahre gibt es nur die Fotos. Ich blättere darin herum und Erinnerungen ploppen auf. Ich habe so viel vergessen!

Ich könnte das Fotobuch vollenden, denn auch die Kalender hat er aufgehoben.

Soll ich? Will ich wieder eintauchen in unsere Familienjahre? Wird es weh tun? Werde ich Sehnsucht bekommen? Werde ich traurig werden oder vielleicht doch froh, wenn ich sehe, wieviel wir erlebt und mit unseren Kindern gemacht haben? Kann ich vielleicht ein digitales Geschenk für die Kinder daraus zaubern? Das wäre ein schönes, arbeitsreiches Projekt, aber wird es mir guttun?

Ich denke, ich werde es versuchen.

 

 

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9 Gedanken zu “Nachlass

  1. Ein Buch für die Kinder, das wäre toll. Meine Große wünschte sich ein solches zu ihrem 30. Geburtstag. Zum Glück 🍀 hatte ich da schon Frieden mit meinem Ex geschlossen, so dass es mir nicht schwer fiel auch unsere Hochzeit und die frühen Ehejahre darin zu verewigen. Auch Dir werden die Erinnerungen sicherlich nicht schaden. Liebe Grüße

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  2. Liebe Regine, Du wirst soviel behalten, wie dir gut tut, an Bildern, Andenken, Erinnerungen. Das schönste Andenken sind eure gemeinsamen Kinder !!

    Und – gut, dass ihr euch kümmert, um den Nachlass. Selbst habe ich lange Zeit in einer sehr armen Gegend wohnen müssen, wo es üblich war, den Haushalt eines Verstorbenen einfach an den Straßenrand zu kippen, den Müllfledderern zum Fraße. Wie oft sah ich vergilbte alte Bilder einfach so da liegen, aus zerrissenen Säcken auf der Straße verstreut… das hat mit unsäglich traurig gemacht.

    Gut dass Du, dass ihr da seid!

    Sei herzlich gegrüßt und fühle dich gedrückt von mir.

    Gefällt 2 Personen

    1. wie schrecklich was du da gesehen hast 😦 traurig… ganz traurig.. ich denke oft dass es mit meinen sachen auch mal passiert, weil ich keine kinder haben werde … und dann stirbt jemand aus der nachbarschaft. .. der viele kinder hat … und es passiert genauso …

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      1. Liebe Lisa, das kann man zu Lebzeiten regeln, wenn man möchte. Nur schrecken die meisten Menschen davor zurück, weil – sterben tun immer nur die anderen. Der Tod hat keinen Raum und kaum mehr Rituale mehr, allerdings denke ich, so ganz langsam wird es anders, im Bewusstsein der Menschen.

        Hier in meiner Stadt habe ich so einige Kontaktdaten zusammengetragen, von karitativen Einrichtungen, die Wohnungen auflösen, beizeiten. Gibt es, denke ich, in jeder größeren Stadt. Wer allein steht, kann diese durchaus kontaktieren oder enge Freunde/Verwandte diese Kontakte vertraulich zukommen lassen, mit der Bitte, sich beizeiten dafür zu verwenden. Die Gemeinde kann, falls es auch an Vertrauten fehlt, ebenso ein Ansprechpartner sein.

        Sei herzlich gegrüßt, unbekannter Weise.

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      2. Danke lieber Reiner, ja ich hoffe doch das noch Zeit bleibt 🙂 aber es sammelt sich im Lauf des Lebens doch viel lieb gewordenes an… ich denke das Tabuthema ändert sich … ich wollte da auch schon helfen, aber leider steht Gottes Bodenpersonal doch mancherorts eher im Weg.
        Liebe Grüsse und eine gute Woche
        Lisa

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  3. das hast du so schön geschrieben, ich selbst kann mich ganz schlecht von dingen trennen, nicht von meinen eigenen und schon garnicht von denen die verstorbenen familienmitglieder gehört haben…
    die idee am ende hört sich sehr gut an, das ist eine therapie für dich, ich bin sicher dass du dabei weinen wie auch lachen wirst und dass es eine gute trauerarbeit sein wird!

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