Ich liege im Garten und kann nicht schlafen, weil es zu schade wäre, die Augen einfach zu schließen. Der Mond ist nicht zu sehen, darum glitzern und funkeln die Sterne umso mehr. Die Milchstraße ist gut zu erkennen. Über mir herrscht reger Verkehr. Flugzeuge blinken und ich höre sie, ein leisen Brummen ganz weit weg. Die Satelliten machen es den Sternen nach, können sich aber nicht tarnen. Sie sind einfach zu schnell, so dass sie nicht als Sterne durchgehen. Sie bringen Bewegung ins All.

Sternschnuppen auch. Sie tauchen auf und ehe ich denken kann: „Oh, eine Sternschnuppe!“, sind sie schon wieder weg. Zum Wünschen bleibt keine Zeit, ich tue es aber trotzdem, auch wenn schon alles vorbei ist. Wer weiß, vielleicht hört doch jemand oder etwas meine Gedanken und denkt: „Ach, die Regine, die ist immer so brav! Nun will ich ihr doch mal schnell einen Herzenswunsch erfüllen.“ Wer weiß?

Ich liege unter dem Sternenzelt. Eine tröstliche Vorstellung. Ich bin geborgen auf der Erde und das Zelt schützt mich vor der Unendlichkeit. In Wirklichkeit sehe ich kein Zelt. Ich blicke in die unendliche Weite. Sie ist viel, viel größer, als alles, was ich mir vorstellen kann. Niemals, niemals werde ich wissen, was da oben los ist. Wobei  „oben“ nur ein Begriff ist, denn nichts kann oben sein, wenn sich alles nach allen Seiten ausdehnt. Unendliche mal unendliche Kilometer. Und das ist noch zu knapp gerechnet, denn eine Grenze wird es nicht geben und das Universum dehnt sich aus und hat niemals nie ein Ende

Es ist unendlich groß und es gibt unzählig viele Himmelskörper und Sternschnuppen. Wobei es diese natürlich gar nicht mehr gibt, sobald ich sie wahrnehme. Ich sehe jetzt ihr Vergehen, das vor ewig  langer Zeit stattgefunden hat. Natürlich existieren von den vielen Lichtpunkten, die ich Sterne nenne, ein Vielzahl auch nicht mehr, wenn ich meine, sie zu erblicken. Ich sehe sie trotzdem, auch wenn da gar nichts mehr ist, nur ein Loch im All. Das allerdings sehe ich nicht.

Nichts ist so, wie es scheint.

Manchmal denke ich, dass meine verstorbenen liebsten Menschen dort oben auf mich warten. Ich schaue in den Himmel, denke an sie und wünsche mir, dass sie meine Gedanken empfangen. Wahrscheinlich sind meine Verstorbenen nicht oben, sondern in meinen Erinnerungen. Das ist wohl ihr Himmel. Trotzdem, an Gedenktagen stelle ich eine Kerze auf die Terrasse und glaube daran, dass sie diesen kleinen Lichtergruß wahrnehmen.

Die Erde hält mich fest. Täte sie es nicht, würde ich mich auf den Weg machen und niemals wiederkehren. Meine Reise nähme kein Ende. Weil die Erde aber ihre Pflicht tut, lebe ich mein Leben auf ihr und bin froh darüber.

Ich schaue in den Himmel und weiß, ich bin im Verhältnis dazu nicht einmal so groß wie ein Atom. Ich bin verglichen mit dem Kosmos kaum vorhanden, mein Sein und Vergehen dauert nicht einmal einen Wimpernschlag. Trotzdem bin ich ein Teil des Großen und Ganzen. In homöopathischer Größenordnung natürlich, aber immerhin.

Ich liege im Garten und schaue in den Himmel. Es ist so schön, dem Gefunkel dort oben zuzusehen. Ich fühle mich geborgen und bin dankbar, dass ich an all dem teilhaben kann. Egal, wie groß der Kosmos ist, ich habe hier meinen eigenen und ich weiß, dass es unendlich viele Kosmen gibt, die so winzig sind, dass ich sie gar nicht wahrnehmen kann. Gibt es in der Winzigkeit auch eine Unendlichkeit oder setzt die Null dem ein Ende?

Ich liege im Garten und jetzt bin ich so müde, dass ich einschlafe.

 

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10 Gedanken zu “Unendlich

  1. Hat dies auf Selbstsorge und Hochsensibilität rebloggt und kommentierte:
    Der Text „Unendlich“ von frauholle52 berührt mich sehr.
    Vielleicht auch, weil ich in letzter Zeit so viel erlebt habe.
    Ich spüre so eine tiefe Demut vor dem Leben,
    aber auch Leichtigkeit beim Lesen
    … ✨🎉💞
    Es ist der Versand in uns, der sich den Grenzen fügt,
    die wir gemacht haben, aber niemals der Geist in uns.
    Aus Sand und Schaum, III, 267, Khalil Gibran

    Gefällt 1 Person

  2. Eine schöne, friedliche Stimmung, die Du beschreibst. Ich liebe das auch, einfach so in den Himmel schauen, den Sternen beim Glitzern und Blinken zuschauen und ach ja, die Sternschnuppen… vielleicht erhören Sie meine Wünsche, wer weiss?

    Sobald mein Thermometer hier unter die 30 Grad geht, setze ich mich auch wieder raus und kuck nach oben…

    Liebe Grüsse
    Thomas

    Gefällt 1 Person

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