Heute lese ich nur mit den nötigsten Unterbrechungen:

Dörte Hansen, Altes Land, 2015

“ Polacken, schimpft Ida Eckhoff, Bäuerin im Alten Land, als im Frühjahr 1945 Flüchtlinge aus Ostpreußen auf ihrem Hof stehen. Hildegard von Kamcke und ihre kleine Tochter Vera müssen in die Knechtekammer, auf Idas weißer Hochzeitsbank dürfen sie nicht sitzen. Aber Hildegard hat für die Opferrolle kein Talent. Sie zieht weiter nach Hamburg und lässt ihr Kind zurück. Vera erbt das große kalte Haus und scheint es doch nie zu besitzen. Sie fürchtet sich vor ihm, lässt es verfallen. Bis mehr als sechzig Jahre später wieder zwei Flüchtlinge vor der Tür stehen: Veras Nichte Anne mit ihrem kleinen Sohn. Anne kommt nicht mehr zurecht mit ihrem Leben im szenigen Hamburg-Ottensen. Sie hasst ihren Job als Flötenlehrerin. Als ihr Mann sich dann auch noch in eine Andere verliebt, haut sie ab.

Vera, die raubeinige Zahnärztin, und Anne, die verkrachte Musikerin, haben mehr gemeinsam als sie ahnen. Beide fühlen sich nirgends zugehörig, beide kämpfen mit ihrer Vergangenheit, die alle Frauen in ihrer Familie hat erstarren lassen. Als sie beginnen, das Haus zu renovieren, geraten die Dinge in Bewegung.

Mit scharfen Blick und trockenem Witz erzählt Dörte Hansen von zwei Einzelgängerinnen, die überraschenderweise finden, was sie nie gesucht haben: eine Familie“ (Klappentext)

Dieses Buch lese ich immer wieder gerne. Ich tauche ein und erst wieder auf, wenn die letzte Seite gelesen ist. Schade. Ich könnte noch 1000 Seiten mehr davon gebrauchen. Der Roman spielt im Alten Land und in Hamburg. Als geborene Hamburgerin fühle mich sofort Zuhause. Nicht zuletzt, weil sich die Geschichte auch genauso auf Föhr (letzte Wahlheimat) und erst recht im Wendland (jetzige Heimat) abspielen könnte. Hier sind wir Menschen tatsächlich so, wie sie im „Alten Land“ liebevoll und manchmal lustig, aber immer treffend, beschrieben werden.

Der Roman hat 286 Seiten, die es alle in sich haben! Dörte Hansen versteht es meisterhaft, kurz und knapp so viele Informationen über ihre Figuren preiszugeben, dass ich mir deren Vergangenheit und Gegenwart leicht ausmalen kann. Landschaften und das menschliche Miteinander kann ich förmlich vor mir sehen und spüren. Es ist fast, als wäre ich Teil der Handlung. Ernste Themen und witzige Situationen stehen nebeneinander und berühren mich fast auf jeder Seite. Entweder ich muss schmunzeln oder erst einmal aus dem Fenster schauen und meinen Gefühlen nachspüren, bis ich weiter lese. Gestern Abend zum Beispiel, als ich vom Osterfeuer las, bekam ich großes Heimweh nach meinem alten Leben mit meiner Familie auf dem Land :

“ Es wurde kalt, die Leute drängten sich ans Feuer, „und nachher stinkt man wieder wie ein Räucheraal“, seufzte Brittas Schwiegermutter, es schien sie nicht zu stören.

Kinder marodierten in großen Banden hin und her, sie stocherten mit langen Stöcken in der Glut, drückten den Eltern das verkohlte Stockbrot in die Hand und wollten Geld für Pommes.

Die Erwachsenen verloren die Übersicht ein bisschen, sie tranken kaltes Bier und heißen Apfelpunsch im Wechsel. Alle kannten alle und redeten mit allen, Anne lernte Namen und Gesichter und vergaß sie alle wieder.“ (Seite 252)

Ja, so hatte ich das damals auch beim ersten Osterfeuer im Dorf erlebt, als wir gerade mit unseren kleinen Kindern hingezogen waren. Mein Mann und ich bekamen Gläser in die Hand gedrückt, weil wir selbst keine mitgebracht hatten, und uns wurde etwas eingeschenkt und angestoßen und Namen wurden ausgetauscht und dann kamen schon die nächsten mit einem Drink. Unsere Kinder waren mit den anderen Kindern und dem Feuer beschäftigt und ich verlor ein wenig die Übersicht. Das Eierverstecken im Garten am nächsten Tag war schwierig und die Vögel zwitscherten viel zu laut….. Manchmal möchte ich…..aber egal, es ist wie es ist und die Vergangenheit bleibt Erinnerung. Schön, wenn man sie sich bewahrt und dabei dürfen gerne ein paar Tränchen verdrückt werden. So ergeht es mir beim Lesen, ich komme mit meinen Gedanken immer wieder auf mein eigenes Leben und auf das meiner Eltern und Großeltern zurück.

Ein wunderbares Buch! Alle Dorf-und Stadtbewohner bekommen ihr Fett weg: die Eingeborenen und die Zugezogenen, die ehrgeizigen Vollwerteltern, die wortkargen Landwirte und erst recht die Biobauern. Die Mütter, Väter, Söhne und Töchter. Alle eben, so wie sie zusammen leben, mit ihren unterschiedlichen Schicksalen und Charakteren.

Ich wünschte, ich könnte meine Familie, Freunde, Nachbarschaft und mich auch so liebevoll skizzieren, dann sähe ich uns vielleicht plötzlich mit anderen Augen!

 

 

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8 Gedanken zu “Altes Land

    1. Guter Tipp, ich habe noch nichts davon gehört. Nun achte ich natürlich darauf. Ich habe das „Alte Land“ gestern ausgelesen und weiß gar nicht, welches Buch ich jetzt anfangen soll….🤔 Irgendwie passt mir im Moment gar nichts.

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      1. Das hab ich bei einer Kundin gehört, die gerade die beiden Bücher von Joel Dicker gelesen hat und total frustriert war, daß es keinen neuen Band gab.
        Das einzige was noch gefehlt hat war, daß sie sich in der Buchhandlung auf den Boden geworfen und mit ihren Fäusten getrommelt hat. 😂
        Nachdem ich die Bücher aber mittlerweile kenne, kann ich sie total verstehen. 😉

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