Schweres Erbe für immer?

Unsere Hausaufgabe in der Schreibwerkstatt:
Über sogenannte (negative) Glaubenssätze aus unserer Familie/Kindheit/Jugend schreiben, die unser Leben beeinträchtigt haben.

Mein Leben wurde durch das dritte Reich, die Nachkriegszeit, unverarbeitete traumatische Erlebnisse der Großeltern und Eltern, ihre nicht eingestandene Schuld und Angst, Lebenslügen und Familiengeheimnisse geprägt. Wie sehr, stellte sich erst heraus, als meine Eltern im Alter dement wurden und ihre eigenen Tabus vergaßen.

Ich fühlte mich immer irgendwie falsch, Schuldgefühle und unbestimmte Ängste begleiteten mich bis heute und natürlich wäre alles anders gekommen, wenn Deutschland eine andere Geschichte hätte. Hat es aber nicht und auch meine Familiengeschichte kann nicht verändert werden. In Therapien und Familienaufstellungen erkannte und begriff ich mein Erbe. Mich tröstet sehr, dass wir in meiner Generation fast alle mehr oder weniger davon betroffen sind und ich gar keine (kranke) Ausnahme bin. Ich bin also nicht falsch, sondern in bester Gesellschaft. Es freut mich, dass gerade jetzt die Ku´damm Filme im Fernsehen ausgestrahlt wurden und werden. Auch wenn ich sie recht kitschig finde, kommen mir so viele Erinnerungen an meine Kindheit in den Sinn. Ich stelle fest, dass meine Familie fast nichts von dem ausließ, was in den Filmen eine Rolle spielt.

Meine Eltern waren Kinder ihrer Zeit. Ich bin fest davon überzeugt, sie taten das, was sie konnten. Mehr ging für sie nicht. Wir haben unsere Kämpfe und schmerzhaften Kontaktabbrüche gehabt. Es war nicht leicht. Aber das ist vorbei. Ich werde bald 66, bin seit fünf Jahren geschieden, meine Kinder führen ein selbständiges gutes Leben und sind gesund. Jetzt kann ich mich von fast allen Botschaften meiner Kindheit trennen. Ich erkenne mein Selbst und sortiere mich neu. Ich richte mir mein Leben alleine ein. So wie ich mein Zuhause gestalte, bin ich dabei, neue positive Gedanken zu denken und die schädlichen zumindest zu erkennen.

Seit ein paar Jahren sind meine Eltern tot. Ich habe keine Lust mehr, mich auf die Botschaften zu konzentrieren, die mein Leben negativ beeinflusst haben. Ich söhnte mich aus und bin heute in der Lage, liebevoll an meine Mutter und meinen Vater zu denken. Manchmal fehlen sie mir. Manchmal fühle ich mich ihnen sogar so verbunden, wie es mir zu ihren Lebzeiten nicht möglich war. Ich bin erwachsen geworden.

 

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3 Gedanken zu “Schweres Erbe für immer?

  1. Ich, die ich zehn Jahre älter bin, habe ähnliche Kämpfe hinter mir, bin sogar ausgewandert. Aber der deutschen Geschichte entkam ich natürlich nicht. Endlich kam die Gewissheit: Verantwortlich sind wir nur für das, was wir selbst tun und denken. Und das ist schon schwer genug.

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    1. Das denke ich auch! Es ist nicht leicht, Verantwortung für sich zu übernehmen. Das kann mir nur gelingen, wenn ich offen für das bin, was unserer Generation „passiert“ ist. Wenn ich das „Erbe“, welches ich wohl nie ganz loswerde, verstehe und anerkenne, fällt es mir wesentlich leichter, ich selbst zu sein und meine eigene Verantwortung zu tragen. Genau genommen wird mir das in seiner ganzen Tragweite erst jetzt so richtig bewusst, weil ich den Mut gefunden habe, hinzuschauen.

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