Heute lese ich…….

Zur Zeit habe ich wenig Lust über die Bücher zu schreiben, die ich gerade lese. Es ist ziemlich zeitintensiv und gerade jetzt, wo es draußen so schön ist, habe ich manchmal überhaupt keine Zeit, am PC zu sitzen. Dann lese ich zum Beispiel viel  lieber auf der Terrasse und mag mir keine Gedanken darüber machen, was ich wohl darüber schreiben könnte.

Nein, mit ohne Lust will ich im Blog nichts schreiben. Ich werde zukünftig  nicht alle meine Bücher vorstellen, die ich gerade lese. Ich werde es nur noch tun, wenn mich ein Buch so stark beeindruckt, dass ich darüber schreiben möchte.

Jetzt habe ich so einen Roman gerade fertig gelesen. Seufzend legte ich ihn nach der letzten Seite aus der Hand. Ich wünschte mir noch zwanzig Fortsetzungen davon. Es geht um:

Ulla-Lena Lundberg, EIS, Finnland 2012

„Von Inseln im Eis, einer jungen Familie und der Kraft uralter Traditionen.

Eine kleine Inselgruppe abseits der Schiffsrouten zwischen Finnland und Schweden: Dorthin zieht Mitte der 1940er-Jahre der Pastor Kummel mit seiner Familie. Mit der Ankunft der jungen, modernen Menschen geht ein Ruck durch die Gemeinde, andererseits erliegen auch Petter, seine Frau Mona und ihre kleine Tochter Sanna dem rauhen Charme der Landschaft und ihrer Bewohner. Doch die Idylle trügt. Auf dem Meer und dem Eis, das im Winter die Kirchinsel mit den Höfen verbindet, herrschen unsichtbare, uralte Mächte, für deren Warnungen die Zugezogenen keinen Sinn zu haben scheinen.

Meisterhaft erzählt Ulla-Lena Lundberg vom Zusammenhalt einer kleinen Inselgemeinschaft, von Versuchungen und schwelenden Konflikten und vom Glück, das im Familienleben und in den Dingen des Alltags liegen kann. Wie spektakulär dieses Glück in Wirklichkeit sein kann, erweist sich am Ende erst durch seine Zerbrechlichkeit. Für „Eis“ wurde Ulla-Lena Lundberg mit dem Finlandia-Preis ausgezeichnet, Finnlands wichtigstem Literaturpreis.

„Eis“ ist der erste Roman der Autorin, der auf Deutsch erscheint.

Dieser Roman beschäftigte mich auch dann, wenn ich gerade nicht darin las. Wie anders waren doch anderthalb Jahre nach Kriegsende die Lebensumstände in einer einsamen Gegend. Die Natur spielte eine ganz andere Rolle, die Menschen waren ihr viel mehr verbunden und ausgeliefert.

Die Geschichte rührte und berührte mich sehr, manchmal verdrückte ich sogar ein paar kleine Tränchen. Und einmal musste ich das Buch zur Seite legen, eine Pause machen und mich erst wieder fassen, um weiterlesen zu können. Ich erinnere  mich nicht, dass mir das beim Lesen schon einmal passiert ist. Vielleicht bin ich gerade so dünnhäutig, aber vielleicht liegt es an der Erzählkunst, die mich so sehr in die Geschichte holte.

Ich zitiere einen kurzen Ausschnitt. So könnt Ihr am besten einen kleinen Eindruck bekommen. Vielleicht gehört der Roman bald auch zu Eurer Sommerlektüre……….

Die Familie Kummel ist nach einer anstrengenden Reise gerade in ihrem neuen Heim angekommen:

“ Zum Ausruhen bleibt keine Zeit, denn wie soll man alles auf die Reihe bekommen? Als erstes müssen sie zusehen, Sanna, die in ihrem feinen Mantel auf dem Fußboden eingeschlafen ist, ins Bett zu bekommen. Also müssen zuerst die Rollen mit dem Bettzeug hereingeholt, die Decke und die Kindermatratze am Kachelofen angewärmt werden, bevor sie das Kinderbett machen und die Kleine hineinlegen können. Und wenn sie schon einmal dabei sind, können sie auch gleich die anderen Betten hereinschaffen und das Bettzeug auspacken, dann ist auch das erledigt. Da jetzt alles so einladend ausgebreitet ist, könnten sie eigentlich selbst ein kurzes Nickerchen halten, denn es ist schließlich erst acht, und der ganze Tag liegt noch vor ihnen. Aus der Überlegung heraus, dass sie in letzter Zeit zu viel geschuftet und viel zu wenig geschlafen haben, ist es die Frau, die den klugen Vorschlag macht, aber der Pfarrer ist viel zu aufgedreht, er sagt, er habe jetzt keine Ruhe, es gäbe so viel zu sehen und zu tun. „Verschnaufen kann man im Grab“, vertröstet er. „Das sollte ein Geistlicher aber nicht sagen“, antwortet ihm eine belustigte Stimme. „Aber es heißt ja, da ruhe man in Frieden.“

Das ist Brage Söderberg von der Küstenwache, der nach den hiesigen Gepflogenheiten einfach ins Haus getreten ist, zumal die Tür offen stand. Damit beweist er umgehend die Hypothese, die Mona in den folgenden Jahren bitter und triumphierend zugleich ein ums andere Mal wiederholen wird: Wenn man sich einmal im Leben für ein halbes Minütchen hinlegen will, kommt natürlich jemand.

Und unleugbar ist Brage gekommen, wohlwollend lächelnd, eine für die Pfarrersleute unwiderstehliche Freundlichkeit und gute Laune ausstrahlend. Ungeniert steht er mitten im Umzugsdurcheinander und grinst, und der Pfarrer gibt rasch zurück: „Zum Glück kenne ich mich da aus.“ ………Brage begrüßt beide herzlich und heißt sie willkommen und erklärt, er habe sein Küstenwachboot unten am Steg, und falls sie vorhätten, den Kaufladen aufzusuchen, weil sie am ersten Tag sicher viele Dinge benötigten, dann würde es gut passen, wenn sie gleich mit ihm kämen, denn er wollte selbst dorthin, um für die Station zu bunkern.

„Danke“, antwortete der Pfarrer. „Das Angebot kommt uns sehr gelegen, aber dürfen wir Ihnen wirklich solche Umstände machen?“ „Keine Umstände“, antwortet der Mann von der Küstenwache. „Man muss gucken, wie man zurechtkommt, wenn man auf einer Insel lebt.“ In den Ohren der Pfarrersleute klingt es wie eine wunderbare und ganz und gar originelle Feststellung, bis sie im Laufe der Zeit merken, dass sie am Ort zum Standardrepertoire gehört. Mit ihr drückt man die Selbstverständlichkeit nachbarschaftlicher Hilfe aus und auch eine Unzahl eigenmächtiger Handlungen und kreativer Lösungen, die sich nicht immer an Grenzen der staatlichen Rechtsprechung halten………

Durch die Pfarrersfrau aber geht ein Ruck, sie fliegt auf und läuft und holt ein Blatt Papier aus einer Tasche, zieht einen Stift aus der anderen. An der Anrichte stehend, schreibt sie hektisch, tritt von einem Fuß auf den anderen und ruft entschuldigend: „Nur eine halbe Minute noch!“ Brage Söderberg sieht verwundert drein, dem Pfarrer schwant, dass man es hier sonst vielleicht nicht so furchtbar eilig hat. Doch darüber kann seine Frau jetzt nicht nachdenken, die Eile, die sie bei dem Beamten von der Küstenwache  voraussetzt, bringt die beiden Männer auf Trab, und sie selbst läuft nebenher und schärft ihrem Mann ein, woran er denken, wonach er fragen, was er kaufen und bestellen soll. Sicher habe sie noch vieles vergessen, ruft sie und wedelt mit der Liste, er solle den eigenen Verstand gebrauchen und selbst mitdenken. Jetzt sollen sie voranmachen, los, los! Ob sie auch die Marken hätten? Gütiger Himmel, nein! „Entschuldige, ich lauf schon.“

Sie läuft los, und sie läuft schnell. Puh! Brage Söderberg steht noch nicht auf so vertrautem Fuß mit ihnen, dass er einen Kommentar dazu abgibt, doch der Pfarrer erklärt leicht verlegen, dass sie in Eile sei, weil sie seine Arbeitszeit in Anspruch nähmen. Sie werde schon ruhiger, wenn sie sich ein wenig eingerichtet hätten……..Da ist sie schon wieder zurück, mit geröteten Wangen und ein wenig aus der Puste. Sie reicht ihm nicht nur die Bezugsmarken, sondern, triumphierend, auch sein Portemonnaie, das auf dem Küchentisch gelegen hat. In dem ganzen Durcheinander! Musste er es denn jedes Mal gleich irgendwohin legen, sobald er ins Haus kam? Warum konnte es nicht einfach in der Rocktasche bleiben, so dünn und mager, wie es ist? Wie dem auch sei, jedenfalls braucht er dank ihres raschen Handelns und ihrer Aufmerksamkeit nicht schon am ersten Tag im Kaufladen um Kredit nachzusuchen und ihnen Schande zu machen.“ (Seite 17-20)

Es beteiligen sich bei „Heute lese ich …“ auch:

   (als Erfinderin)
Michaela von Buecherlogie

und Mein Name sei Mama

und Veronika von vrojongliert
und Tarlucy

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