Meine Thema ist zur Zeit der Perspektivwechsel. Ach ja, ich besitze ein Buch, das sich leicht und schnell lesen läßt, das eine einzige Frau aus 23 unterschiedlichen Perspektiven beschreibt und welches ich immer wieder gerne lese.

Harald Martenstein: Gefühlte Nähe. Roman in 23 Paarungen,  München 2010

Harald Martenstein erzählt in „Gefühlte Nähe“ von den Lieben und den Liebhabern einer Frau, von den verschiedenen Spielarten der Zuneigung, vom Wunsch nach Nähe und Distanz, von der ganzen Bandbreite der Gefühle.

N. ist, als wir sie kennenlernen, eine Schülerin, die für ihren Lehrer schwärmt. Sie ist eigensinnig und ambitioniert, macht ihren Weg in der Welt der Medien. Hilft es ihr, dass sie auch schön ist, wird sie glücklicher, weil sie klug ist?

N. ist auf der Suche, hat romantische Liebschaften, auch sie träumt davon, einmal vor dem Haus am See zu sitzen. Aber sie lässt sich nicht so einfach einbinden in eine Beziehung, da wird es ihr schnell zu eng. Dieser Eigensinn hat seinen Preis, biete N. aber auch die Chance, weiter nach dem Richtigen zu suchen.

Dabei lernen wir diese Frau durch die Augen der 23 Männer ihres Lebens kennen, die großspurig, skrupellos, sensibel, nachtragend, manchmal auch liebevoll und großherzig sind. Die Geschichten und Situationen ergänzen sich, zeigen Verhaltensmuster, sind komisch oder herzzerreißend, ergeben eine Sittengeschichte im Privaten- aber sie sind vor allem eins: genau beobachtet.“

„Gefühlte Nähe“ ist eher eine Kurzgeschichtensammlung als ein Roman. Er liest sich wunderbar leicht und regt zum Schmunzeln an. Er beleuchtet das Paarungsverhalten der letzten 50 Jahre in den unterschiedlichsten Spielarten, die mir alle sehr bekannt vorkommen.

Dabei kommt N. , die eigentliche Hauptfigur, nicht selbst zu Wort. Wir kennen im Gegensatz zu ihren 23 Männern nicht einmal ihren vollständigen Namen. Ich finde die Idee, einen Menschen und seine Entwicklung aus der Sicht anderer Personen zu beschreiben, genial. Es weckt mein Interesse. Ich freue mich, wenn ich Verknüpfungen der einzelnen Geschichten untereinander entdecke und möchte mir am liebsten Notizen darüber machen. Ich habe auch die Idee, die Geschichte N. erzählen zu lassen.  Vielleicht mache ich das eines Tages.

Ich kann nicht wissen, wer N. wirklich ist. Ich kann es nur vermuten. So ist es ja auch im realen Leben. Ich kann nicht wissen, wie es in anderen Menschen aussieht. Ich kann  nur interpretieren. Wie ich andere Menschen erfahre, hängt von meiner inneren Einstellung ab. Das wird mir auch diesmal beim Lesen wieder deutlich.

Ich mache mir natürlich trotzdem ein Bild von N. . Sie scheint eine attraktive und sexuell sehr aktive  Frau zu sein, die hochgradig bindungsgestört ist. Sie ist eine Frau, die jemanden sucht, der alles für sie tut und nichts zurückhaben will. Sie erwartet, dass ihr Partner alles verzeiht, wohingegen sie gar nichts zu verzeihen gedenkt. Die mit ihrem Prinzessinnen-Syndrom Nähe und Distanz gleichzeitig einfordert. So meint es Leo zumindest (ab S.64) und ich folge dieser Einschätzung. Ihre Partner leiden mehr oder weniger unter ihren Launen, Allüren, Zickigkeiten, unverhofften Meinungsänderungen, Unpünktlichkeiten und dem Hang zur Untreue. Bis auf einen, der sie jahrelang aus der Ferne liebt und mit der gefühlten Nähe zu ihr vollkommen zufrieden ist. Aber der ……na ja.

Ich frage mich, warum die 23 Herren so fasziniert von ihr sind. Zugegeben, viele Männer in „Gefühlte Nähe“ sind nicht viel besser als N. . Um die meisten würde ich heute einen großen Bogen machen….

Aber ich lese gerne über diese Männerwelten. Ich amüsiere mich und nehme das ganze nicht allzu ernst.

Hier eine kleine Kostprobe, in der es um das Fremdgehen geht (S. 76):

„Er hielt sich für einen durchschnittlichen Gatten, weder nahm er jede Chance wahr, noch war er ein Heiliger. Anders ging es doch überhaupt nicht. Wer an die Dinge des Lebens nicht mit einem gewissen Quantum an Realismus herangeht, kann einem nur leid tun, da helfen wohl nur Antidepressiva. Nicht schön, das alles, aber der Mensch, sagte sich Vollmann, ist nicht auf seelisch-moralische Schönheit hin konstruiert, sondern er ist aufs Überleben der Gattung programmiert, mit allen hormonellen Konsequenzen, die so etwas mit sich bringt. Er wünschte, er könnte mit Monika darüber reden, ganz ruhig. Das wünschte er wirklich. Oder vielleicht nicht einmal reden, sondern diese Sache ganz einfach, beiderseitig und ohne Gerede, akzeptieren, wie man eine gelegentliche Influenza am besten einfach akzeptiert, alles andere ist doch Blödsinn. Er litt, wenn er litt, dann unter dem Zwang, eine Person, die er schätzte, die er respektierte und mit der er gerne den Rest seines Lebens verbringen wollte, anlügen zu müssen. Er hatte deswegen ein schlechtes Gewissen, das ja. Aber er fühlte sich nicht schuldig, das nein.“   

Ich könnte mich beömmeln…….Aber es gab Zeiten, da habe ich dieser Argumentation geglaubt. Zum Glück bin ich lernfähig.

Es beteiligen sich bei „Heute lese ich …“ auch:

   (als Erfinderin)
Michaela von Buecherlogie

und Mein Name sei Mama

und Veronika von vrojongliert
und Tarlucy

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2 Gedanken zu “Heute lese ich……

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