Wenn du jetzt aufstehst…..

Ina Müller mag ich gerne. Darum stand ihr neues Album „ICH BIN DIE“ Weihnachten auf meiner Wunschliste.

Ziemlich sauer wurde ich über  „Wenn du jetzt aufstehst“ . Ina fährt mit der Bahn und bemerkt einen Jungen, der sie abscannt. Sie vermutet, dass er wohl gleich aufstehen wird, um ihr Platz zu machen. Sie möchte, dass er das nicht tut. Er soll sie richtig ansehen, sie fühlt sich noch zu jung. So weit, so gut. Kann ich nachvollziehen.

„Wenn Du jetzt aufstehst, wär´s mein erster Schritt zur letzten Ruhe, wenn du jetzt aufstehst, dann trage ich bald beige Schuhe. Ich geh´schwimmen statt laufen. Nicht mehr so oft saufen, ´n Hocker für die Dusche kaufen und krieg´ den Preis für´s Lebenswerk verlieh´n, drum setz dich bitte wieder hin.“ 

Hä? Na, sie wird es wohl nicht so ernst meinen, eher ironisch vielleicht. Trotzdem….

„War das eben der erste Blick, den ich nicht aus Begierde, sondern aus Mitleid krieg? Gucken bald die anderen Männer mich auch so an?“

Sehen Männer Frauen nur voller Begierde oder mitleidig an? Ich werde unruhig, der Text ist irgendwie falsch. Oder bin ich nur neidisch, weil begehrliche Männerblicke so selten geworden sind? Ist doch klar, dass junge Männer eine 64-jährige Frau eher neutral ansehen. Ina ist auch über 50. Muss sie gleich verzweifeln, wenn Jungen keine Stielaugen bei ihrem Anblick mehr kriegen? Ach, das ist wahrscheinlich ironisch gemeint.

„Stehst Du jetzt auf, dann vergeh´ ich und sterbe bald, dann bin ich offiziell am Welken und sichtbar alt.“

Mir stellen sich alle Nackenhaare auf. Welken und sterben wir, weil Männer uns nicht mehr immer und zu jeder Zeit begehrenswert finden? Müssen wir Frauen uns ein Leben lang nach unserer Wirkung auf Männer definieren? Sind wir bemitleidenswert, weil wir älter werden? Müssen wir immer und ewig mithalten, uns anstrengen und unsere Weiblichkeit herauskehren, um von Männern akzeptiert, gemocht und geliebt zu werden? „Nur Ruhe Regine, Du bist nicht gemeint. Nimm nicht alles so ernst. Bleib locker. Das ist bestimmt nur Ironie!“, sagt meine Vernunft. Ich entspanne ein wenig, finde den Text aber immer noch doof.

„Plötzlich kneift mich jemand, hinter mir im Stau, ´ne kleine Oma schimpft: Gehn´se mal beiseite, junge Frau.“

Jetzt würde meine Hutschnur platzen, wenn ich einen Hut hätte. Kleine Oma ist respektlos und nicht gerade frauen-solidarisch. Genau so abwertend finde ich übrigens, wenn Angela Merkel Mutti genannt wird.

Früher hätte ich über den Text wahrscheinlich auch gelacht. Heute bin ich empfindlicher geworden. Vielleicht bin ich zu verbissen? Oder bin ich selbst nur traurig, nicht mehr jung zu sein? Nö. Ich bin nur eben selbst in dem Alter, in dem Frauen (und Männer) von völlig Fremden als Oma (Opa) tituliert werden können. Das ist nicht lustig. Na ja, meine liebe Regine, der Text ist doch nur ironisch gemeint! Vielleicht sogar Satire! Trotzdem.

„Dann wurd´ mir klar, der Junge meinte gar nicht mich. Ich war noch nie so glücklich. Lallalaa“

Ja Ina, Glück gehabt. Noch.

Jemand sagte kürzlich zu mir, ein Mann würde sich nicht in mich verlieben können, solange ich mich weiter so kleide, wie ich es tue. Es sei denn, fügte jemand hinzu, er würde dich so nehmen, wie du bist. Ja, genau darauf kommt es mir an. Mein Kleidungsstil, mein Aussehen und auch meine zunehmende Behinderung gehören zu mir. Prima, wenn ich so gemocht werde, wie ich bin!

Und wenn mir jemand seinen Platz anbieten würde, wäre ich sehr dankbar, ohne gleich sterben zu wollen. So.

22 Gedanken zu “Wenn du jetzt aufstehst…..

  1. Da stimme ich dir voll zu. Was mich genauso aufregt, ist, wenn beispielsweise eine Kassiererin einen offensichtlich älteren Herrn mit „junger Mann“ anspricht. Da würde ich mich auch auf den Arm genommen fühlen…
    Liebe Grüße, Achim

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    1. Ich habe auch so einige Probleme mit dem körperlichen Altern. Die werden in diesem Lied bestätigt und für richtig gehalten, vorausgesetzt, der Text ist ernst gemeint. Darum ärgere ich mich. Ich wünsche mir Lieder, die die Trauer um den Verlust der Jugend ansprechen, ohne die alten Menschen abzuwerten.

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  2. Es gibt sicher eine Zielgruppe für dieses Lied. Vielleicht die Frauen, die sich lieber Botox spritzen lassen, als mit ihren Falten zu leben. Wenn der Rest der CD dir trotzdem noch gefaellt, dann schätze ich mal, sie wollte sich nicht für einen Frauentyp entscheiden. Wäre ja blöd, wenn nur noch die ohne Botox ihre CDs kaufen. Man muss schließlich an später denken 😉

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  3. Hm. Ina kann auch den Umkehrschluss. Wie „Orangenhaut“. Generell überzieht sie ja bisweilen, wie in „Bitte, bitte“. Wenn man einen deutlich jüngeren Mann hat, wie sie, finde ich solche Gedanken dann nicht wirklich weit hergeholt.

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    1. Ja eben, ich kenne sie so ganz anders. Natürlich singt sie über Gedanken, die wir Frauen wahrscheinlich alle kennen, ob wir wollen oder nicht. Ich hätte mir nur gewünscht, dass wir in dieser Denke nicht so sehr von ihr bestätigt werden.

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    1. Hallo Veronika, den Titel habe ich mir notiert, das Buch will ich auch lesen. Altwerden ist kein Zuckerschlecken, aber es ist noch nicht der „Rest des Lebens“. Der Tod kommt erst ganz zum Schluss. Mir wird es erst jetzt so richtig klar, wie überheblich ich manchmal mit dem Alter und den Alten umgegangen bin. Das beschämt mich ein wenig und darum war ich so empört über diesen Text. Heute bin ich etwas gelassener, nehme ihn nicht mehr ganz so ernst und denke: „Gut, dass wir darüber gesprochen haben!“ Misi ruft, dass ich seine liebste Rosalind von uns grüßen soll und alle anderen natürlich auch! Regine

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      1. Auch von meinen glorreichen Vier herzliche Grüße an Misi!

        Irgendwer sagte mal, „alt werden ist nichts für Feiglinge“. Aber da müssen die meisten von uns durch. Und wenn nicht, dann war es vorher auch nicht zwingend einfach.

        Liebe Grüße,
        Veronika

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  4. Guten Morgen zu dir – zu euch!
    Meine Einschätzung ist, dass dieser Songtext einfach nur geschmacklos ist,
    der Menschen reduziert – die Frauen auf Sexobjekte und die Männer –
    Lebewesen die mit dem Unterleib denken.
    Ich finde das schade und beschämend.
    An solchen Texten fand ich noch nie gefallen – auch nicht als ich jung war.
    Ich plädiere eher für Achtung, Respekt und gegenseitige Wertschätzung.
    Hab es gut und bleib gesund.
    GLG und Segen!
    M.M.

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    1. Hallo Monika, danke, dass Du Dir die Zeit für eine Rückmeldung genommen hast. Ich denke ähnlich und war recht enttäuscht von Ina. Heute fiel mir allerding etwas ganz neues ein: vielleicht will sie uns einen Spiegel vorhalten? Wenn der Text so gemeint wäre, fände ich ihn eigentlich genial, denn wahrscheinlich finden sich sehr viele (junge) Frauen unbewusst im Text wieder. Ich bin mit diesem Frauenbild aufgewachsen und es wirkt noch bis heute, wenn ich ganz, ganz ehrlich bin. Darum bin ich wohl auch erst über diesen Text gestolpert. Er spricht etwas an, was nicht so gerne angesprochen werden will. Liebe Grüße! Regine

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  5. Alles hat seine Zeit
    Die Kindheit
    Die Jugend
    Das Erwachsensein
    Das Alter
    Ich bin auch schon alt, das ist mir aber so egal, das glaubt niemand. Eines Tages werde ich tot sein wie alle Menschen. Und beim Sterben wird man sowieso nicht gefragt, wie alt man ist. In diesem Sinne einen schönen Sonntag
    Trotz alledem

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    1. Du hast natürlich recht und gerade darum ist das Leben so schön. Weil man lebt. Trotzdem ist ein kleiner Teil in mir manchmal traurig darüber. Das körperliche „Vergehen“ ist eben nicht immer so lustig. Wobei die Falten und so ja das kleinste Problem sind.

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