Elisabeth Strout, Die Unvollkommenheit der Liebe, 2016

„Als die Schriftstellerin Lucy Barton längere Zeit im Krankenhaus verbringen muss, erhält sie Besuch von ihrer Mutter, die sie jahrelang nicht mehr gesehen hat. Zunächst ist sie überglücklich. Doch mit den Gesprächen werden Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend wach, die sie längst hinter sich gelassen zu haben glaubte……

Der neue Roman von Elisabeth Strout ist ein psychologisches Meisterstück, zutiefst menschlich und berührend. Er erzählt die Geschichte einer Frau, die trotz aller Widrigkeiten ihren Weg geht, eine Geschichte über Mütter und Töchter und eine Geschichte über die Liebe, die, so groß sie auch sein mag, immer nur unvollkommen sein kann.“

Ich bin tief beeindruckt von diesem Roman. Ich komme nur langsam voran, weil ich mich ständig dabei ertappe, wie ich Löcher in die Luft starre und meine Gedanken schweifen lasse, statt zu lesen. Ich kann mich an keinen Roman erinnern, an dem es mir ähnlich erging. In jedem Absatz stecken so viele Informationen, Weisheiten  und Fragen, die ich erst einmal begreifen und einordnen muss. Trotzdem liest sich das Buch leicht. Humoristische Einlagen wiegen das Schwere immer wieder auf. Zum Beispiel, wenn die Krankenschwestern von Lucy und ihrer Mutter „Reiswaffel“ oder „Zahnweh“ genannt werden, kann ich mir ein Lächeln nicht verkneifen. Wie Mutter und Tochter immer wieder mit Allgemeinplätzen in die Gegenwart zurückfinden, wie sich trotz aller Distanz auch eine eigene Art der Nähe aufbaut, gefällt mir sehr. Zu lesen, wie Liebe sich äußern kann, wie viele Gesichter sie hat, ist beeindruckend. Ich stelle mir die Frage, wie oft ich in meinem eigenen Leben die Liebe gar nicht gesehen und erkannt habe, weil ich sie ganz woanders suchte.

Lucy durchlebte eine schreckliche Kindheit. In ihren Erinnerungen fragt sie sich immer wieder, ob es wirklich so gewesen sein könnte oder ob es nicht doch ganz anders war. „Es gibt immer wieder Zeiten, da ertappe ich mich bei dem Gedanken: So schlimm war es gar nicht.  Und vielleicht stimmt das ja. Aber es kommt auch vor- völlig unverhofft -, dass ich einen sonnigen Gehsteig entlanggehe oder einen Baumwipfel im Wind schwanken sehe oder zuschaue, wie der Novemberhimmel sich auf den East River herabsenkt, und plötzlich tut sich in mir eine Dunkelheit auf, die so bodenlos ist, dass ich einen kleinen Japser ausstoße und mich in das erstbeste Kleidergeschäft flüchte und mit Wildfremden ein Gespräch über den Schnitt der neu eingetroffenen Pullover anfange. Vermutlich schlingern die meisten so durch ihr Leben, halb wissend und halb blind, bedrängt von Erinnerungen, die unmöglich wahr sein können. Aber wenn ich Menschen voll Selbstvertrauen die Straße entlanggehen sehe, als wären sie gänzlich frei von Ängsten, wird mir klar, dass ich keine Ahnung habe, was in anderen vorgeht. So vieles auf der Welt ist Spekulation.“ (Seite 19/20)

Hierzu könnte ich ein eigenes Buch über meine eigenen Gedanken und Erinnerungen schreiben. So ergeht es mir in fast jedem Kapitel, das ich bis jetzt gelesen habe.

Die „Unvollkommenheit der Liebe“ wird wahrscheinlich für mich das wichtigste Buch in diesem Jahr sein.

Inzwischen beteiligt sich bei „Heute lese ich …“ auch

   (als Erfinderin)
Michaela von Buecherlogie

und Mein Name sei Mama

und Veronika von vrojongliert
und Tarlucy

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2 Gedanken zu “Heute lese ich……

  1. gekauft! Was für eine Empfehlung von dir – da spürt man in jedem Satz deine Emotionen. Am schönsten und wichtigsten finde ich deinen Satz „Ich stelle mir die Frage, wie oft ich in meinem eigenen Leben die Liebe gar nicht gesehen und erkannt habe, weil ich sie ganz woanders suchte.“…… ich danke dir

    Gefällt 1 Person

    1. Ich danke Dir für das schöne Kompliment. Es gibt so vieles, dass ich weiß und schon erkannt habe, aber durch eine gute Geschichte kann das Wissen noch einmal „aufgefüttert“ und neu gespürt werden. So ist es mir mit diesem Roman gegangen.

      Gefällt 1 Person

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