Mein allerletzter Sommergruß 2016

Mein allerletzter Sommergruß 2016

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Misi freut sich

Misi freut sich

Hallo Ihr alle! Ich lebe wieder auf, die Hitze ist vorbei und es hat sogar geregnet! Feuchte Wiesen locken und das Beste ist ja, sie sind völlig storchenfrei. Diese Biester sind unterwegs und sollen doch bleiben, wo der Pfeffer wächst.

Und noch was Bestes: Ich bin frei! Ich freue mich so! Schon mein Vater hat immer gesagt:“Hände weg von den Weibern!“ und er hat recht gehabt, absolut. Ich bin so froh, dass sie weg ist, meine Liebste. Sie hat mich ja sowieso schon längst genervt mit ihren Ansprüchen. Misi, setzt doch auch mal ´ne Krone auf! Misi, die Fliege schmeckt mir nicht. Misi, nun sei doch mal positiv!

Ich merke erst jetzt, wie gut die Freiheit schmeckt. Na ja, ich hätte sie allerdings lieber selbst in die Wüste geschickt. So ist es ja auch irgendwie doof.

Sie ist nun bei Olaf Krone. Dem alten Misepeter. Der sich mit einer Krone aufbrezeln muss. Ich bin ja eher von Natur aus schön und brauche so was nicht.

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Hier ein kleiner Vergleich. Mich hat wenigstens das Leben gezeichnet. Herrn Krone das Geld. Na ja, ich will lieber nichts sagen, sonst heißt es noch, ich sei eifersüchtig!

 

Was ich eigentlich erzählen wollte, Frau Holle ist gestern Abend völlig aus dem Häuschen gewesen. Sie hat gejubelt, getanzt, gelacht und in die Hände geklatscht. Da musste ich doch gleich mal nach dem Rechten sehen.

Sie saß vor ihrem Rechteck, den sie Fernseher nennt und konnte sich kaum halten vor Freude. Ich klopfte ans Fenster und fragte, was sie gerade ritt. Mit leuchtenden Augen sagte sie: “ Oh, diese Männer. Guck mal Misi, diese Männer!“ Ich guckte und sah vier alte Typen, die spazieren gehen. Frau Holle erklärte:“Tele5, Ogot-Old Guys On Tour! Und das Beste ist, es ist eine Serie! Ab 22.00 Uhr. Bis Donnerstag, jeden Abend! Die Alten Knacker gehen den Jacobsweg. Die Dicken haben Knieschmerzen und die Dünnen nicht. Die gehen schnell und anmutig und darüber ärgern sich die Dicken. Wie im richtigen Leben und den einen finde ich richtig gut!“ Frau Holle kriegte leuchtende Backen: „Der wohnt hier im Landkreis, stand in der Zeitung. Ob ich den mal treffe? Dann lasse ich mir ein Autogramm geben und hänge es an die Wand. Ob der solo ist?“ Na ja. Ich hüpfte schnell zum Chor zum gemeinsamen Mond anquaken.

Eine Stunde später guckte ich noch mal nach dem Rechten und da stand Frau Holle Kopf. Immer noch die alten Männer? Nein. Jetzt sah sie jungen Männern zu. Frau Holle sagte: „Die zaubern in einem Stadion. Fantastisch. Guck mal, wie jung die sind! Wie süß! Wie quicklebendig! Wie natürlich und fröhlich die sind. Wie hübsch! Und wie die ihr Publikum fertig machen, guck mal Misi. Das sind zwei Brüder, die Ehrlich Brothers heißen. Zum Schießen, nicht wahr, Illusionisten heißen Ehrlich. Und guck mal, die haben ihre Mutter im Publikum und sie winken sich jetzt zu!“

Das war der Moment, in dem ich wortlos in meinen Gartenteich verschwand. Hat die jetzt einen Hormonschub? So was kommt bei alten Froschweibern ja manchmal vor. Dann sind die außer Rand und Band. Das kann für einen Jungfrosch schon recht gefährlich werden. Gibt es so was bei Menschen auch?

Vielleicht sollte Frau Holle doch den Herrn Krone küssen. Wer weiß, vielleicht wird das ja was mit den beiden. Und ich kriege dann meine Liebste wieder.

 

 

memoria

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Oktober 1988

Ich schaffe meine Hausarbeit nicht, der Lütte nervt und ich bin so kribbelig wie lange nicht mehr. Der Große arbeitet und ich fürchte, ich kriege es allein nicht mehr auf die Reihe. Jeder Schritt fällt mir schwer und ich bin schon am frühen Morgen erschöpft und ausgelaugt. Ich zweifel an mir, an meinen Fähigkeiten als Mutter und Hausfrau. Der Frühstückstisch ist auch noch nicht abgeräumt. Dreck und Spielzeug überall und der Wäschekorb quillt über. Am liebsten würde ich mich ins Bett legen und eine Runde heulen. Aber das gestehe ich mir als Mutter eines Dreijährigen einfach nicht zu. Ich rufe den Großen an und bitte ihn, schon mittags nach Hause zu kommen und mir den Lütten abzunehmen.

Ich beschließe raus zu gehen und schimpfe furchtbar ungeduldig mit dem kleinen Kerl, als er seine Gummistiefel nicht anziehen will. Ich bestehe auf seiner warmen Winterjacke, denn es ist schon ziemlich kalt draußen. Zum Glück ist es aber ganz windstill, was hier in dieser Jahreszeit nun wirklich eine Seltenheit ist. Ich pelle mich in meinen Mantel und habe große Mühe, meine Schuhe anzuziehen.

Auf dem Weg zum Strand schiebe ich den Lütten keuchend auf seinem kleinen Dreirad  durch das Wäldchen. Das ist beschwerlich, denn hier werden die Blätter nicht geräumt. Der Lütte steigt vom Rad und tobt durch das Laub. Ich bücke mich und kann eine handvoll trockener Blätter erwischen, die ich durch die Luft werfe. Mein Söhnchen macht es nach. Jetzt lacht er und mir geht es auch besser, obwohl mein Rücken weh tut und ich kaum weiß, wie ich mich aufrecht halten soll.

Langsam steigen wir vorsichtig  die Treppe von der Promenade zum Strand hinunter und ich setze mich auf einen großen Stein. Das Kind tobt sich aus und versucht vergeblich, keine nassen Füße zu kriegen. Egal, ich genieße es, einfach hier zu sitzen und mir die letzten paar Touristen am grauen, ruhigen Meer anzuschauen und Kraft zu schöpfen.

Ein paar Stunden später kam unser Herbstkind zur Welt.

Heute lese ich……..

Ich schließe mich dem  „Heute lese ich…“ an. Mal sehen, ob ich es wirklich jede Woche schaffe, einen Beitrag zu schreiben.

 

Zur Zeit lese ich: Blackout. Morgen ist es zu spät von Marc Elsberg, 2012

Inhalt (laut Buch): Als an einem kalten Februartag in Italien das Licht ausgeht, wird im eng verzahnten europäischen Stromnetz eine verheerende Kettenreaktion ausgelöst: Auf dem ganzen Kontinent schalten sich Kraftwerke ab, Fahrstühle bleiben stehen, U-Bahnen stecken fest. Und der Strom geht nicht mehr an….

Daraufhin untersucht der Informatiker Piero Manzano seinen Smart Meter, einen intelligenten Stromzähler, der in allen Haushalten Italiens installiert ist, und entdeckt, dass das Gerät manipuliert wurde. Nach mehreren erfolglosen Versuchen, die zuständigen Behörden zu alarmieren, gelingt es ihm endlich, sich beim Europol-Kommissar Bollard Gehör zu verschaffen.

Bald steht eins fest: Die Stromnetze Europas werden angegriffen. Obwohl die Öffentlichkeit über die wahre Ursache noch nicht informiert werden soll, sickern die ersten Meldungen durch. Die Folge: Hamsterkäufe, Plünderungen und Massenunruhen.

Als in Manzanos Laptop dubiose E-Mails entdeckt werden, die ihn mit den Angreifern in Verbindung bringen, wird er selbst zum Gejagten. Inzwischen stehen mehrere europäische Kernkraftwerke vor der Havarie, Millionen von Menschen sind in Gefahr. Für alle beginnt ein Wettlauf mit der Zeit….

„Das Buch wurde von „Bild der Wissenschaft“ zum spannendsten Wissensbuch des Jahres 2012 gekürt. Elsberg flicht vier Handlungsfäden zu einem atemberaubenden Spannungsstrang zusammen.“ Was auf dem Buchdeckel zu lesen ist, kann ich nur bestätigen. Der Roman ist eine Fiktion, aber so glaubwürdig recherchiert, dass es sich wie ein Sachbuch liest und damit das Wissen auffrischt und erweitert. Elsberg schreibt dazu in seinem Nachwort: „Während meiner Arbeit an dem Manuskript wurde meine Phantasie mehrmals von der Realität eingeholt. So sah mein erster Entwurf 2009 die Manipulation der SCADA-Systeme von Kraftwerken vor. Zu diesem Zeitpunkt hielten selbst Fachkreise diese Möglichkeit für kaum umsetzbar oder gänzlich abwegig – bis 2010 Stuxnet entdeckt wurde. Ähnlich war es mit der Gefahr, die von den Notkühlsystemen der Kernkraftwerke ausgeht- bis zur Katastrophe von Fukushima.

Elsberg wechselt ständig zwischen den Protagonisten und Erzählperspektiven. Der Roman wird dadurch so spannend und ich kann oft schlecht aufhören zu lesen, weil ich unbedingt wissen will, wie es mit der Person X weitergeht. Aber vorher wird noch von Y und Z berichtet, bevor es man wieder bei X  landet. Ich liebe das!

Wer die Angreifer sind, erschließt sich mir noch nicht. Ich weiß nur aus den immer wiederkehrenden Kommentaren der Kommandozentrale, dass es um die Zerstörung der (kapitalistischen) Gesellschaft geht. Auf Seite 323 heißt es: „Kommandozentrale: Europa sollte nicht unbewohnbar werden. Im Gegenteil. Wir müssen die Sache abbrechen, argumentieren einige. Bevor noch Schlimmeres geschieht. Er war nicht der Meinung….Für einen Abbruch war es ohnehin zu spät…..Außerdem, sie hatten gewusst, dass es Opfer geben würde. Viele Opfer. Sie waren bereit gewesen, sie in Kauf zu nehmen. Jede Veränderung verlangte Opfer…..Jetzt aufzugeben hieße, wieder klein beizugeben. Wieder den anderen die Räume des Handelns und der Interpretation zu überlassen. Dieser Gesellschaft, die vom Geld besessen war und von Macht, von der Ordnung und der Produktivität und der Effizienz, vom Konsum, von der Unterhaltung und vom Ego und davon, wie sie möglichst viel von allem an sich reißen konnte. Für die Menschen nicht zählten, nur Profitmaximierung. Für die Gemeinschaft nur ein Kostenfaktor war. Umwelt eine Ressource.“

Das Buch passt  gut zu dem, was mich gerade umtreibt. Fährt die Menschheit die Welt wirklich an die Wand? Kann das noch aufgehalten werden? Ich weiß noch nicht, wie der Roman endet. Aber ich weiß, dass alles, was geschildert wird, Realität werden könnte. Die Möglichkeiten dazu sind vorhanden.

Trotzdem lasse ich mich nicht beirren und finde es richtig, mich an schönen Dingen und an der Natur zu erfreuen. Mein Leben so weit wie möglich zu genießen. Weiter zu lernen und mich zu informieren. Dazu gehört auch dieser Roman, den ich hiermit gerne weiter empfehle.

Dazu passt: Harald Welzer, Die smarte Diktatur. Der Angriff auf unsere Freiheit, 2016                 und irgendwie auch die erste Staffel der schwedischen Serie: Real Humans, Echte Menschen 

Inzwischen beteiligen sich bei „Heute lese ich …“ auch:                                                                                                                                  Michaela von Bücherlogie

Eine philosophische Zeitreise

Eine philosophische Zeitreise

Letztes Wochenende trafen wir uns mal wieder in der Lernscheune zum Philosophieren. Es ging es um die „Frankfurter Schule oder den Geist von ´68“. Viele von uns haben in den sechziger und siebziger Jahren studiert und kamen an Adorno, Horkheimer und Marcuse damals nicht vorbei. Folgerichtig erzählten wir erst einmal, wie wir diese Jahre erlebt haben. Das war vielleicht interessant! Jede(r) von uns wurde von dieser Zeit geprägt, egal, wie alt wir waren. Natürlich in ganz unterschiedlicher Weise, das ist klar.

Bekannterweise begehrte die Jugend in diesen Jahren  gegen die verkrusteten Strukturen der Nachkriegsjahre auf und entwickelte eine Gegenkultur. Sie kultivierte das Anderssein, gab ihrer Sehnsucht nach einer anderen, schöneren, besseren, freieren  Welt Ausdruck. Es gab weltweite Proteste gegen den Vietnamkrieg, Atombomben, Atomkraftwerke. Musik wurde so wichtig für uns. Noch heute kriege ich eine Gänsehaut bei meinen geliebten Oldies. Die Sexualität wurde befreit. Neue Lebensformen erfunden. Erziehung sollte abgeschafft werden. Grenzenloses Glück ohne Regeln und Herrscher schien in greifbarer Nähe. Zum theoretischen Gerüst trug unter anderem die Frankfurter Schule bei. Ja gut, ich weiß, das ist jetzt mal ganz verkürzt dargestellt.

Natürlich redete auch ich  damals von Adorno  und zitierte ihn in  meinen Arbeiten, aber wirklich gelesen habe ich ihn nie. Insofern wurde mein  Wissen am Wochenende etwas erweitert.

Während wir über einige Thesen diskutierten, schweiften meine Gedanken immer wieder ab und hielten sich in der Vergangenheit auf. Ich verstand plötzlich mein damaliges Dilemma, einerseits dazugehören zu wollen, aber wenig von dem zu verstehen, was vor sich ging und anderseits meinem Unvermögen, den Spagat zwischen einer „Braven Tochter“ (erst mit 21 mündig!) und einer „Emanzipierten Jungen Frau“ hinzubekommen.

Viele von uns dachten damals ernsthaft, dass sich alles positiv verändern wird, wenn wir uns erst einmal durchsetzen und unser Wissen umsetzen könnten.  Wir waren absolut davon überzeugt, die Wahrheit gepachtet zu haben. Wir dachten, klüger als unsere Eltern zu sein und später automatisch alles richtig zu machen. Kapitalismus ist schuld und wir würden ihn abschaffen…..und so weiter. Wenn ich das so schreibe, ist mir bewusst, dass ich hauptsächlich von einem Teil der politisch aktiven Studenten spreche, nicht für meine gesamte Generation.

Die Frage der Gewalt und Gegengewalt wurde in unserer kühlen Lernscheune heiß diskutiert. Kann Gewalt gut und nötig sein? Wann ist Gewalt eine Gegengewalt? Jeder sagt doch, ich übe Gewalt aus, weil (Grund) mich dazu zwingt. Wird sich an gesellschaftlichen Verhältnissen nur etwas ändern, wenn wir mit Gewalt alte Strukturen auflösen?

Wir kamen zu dem Ergebnis, dass viele der damaligen Themen heute immer noch hochaktuell sind und wir die Welt nicht verbessert haben. Die Globalisierung ist weiter fortgeschritten. Technik, die wir uns nie vorstellen konnten, brachte neue Probleme, Fragen und Gefahren mit sich. Aus vielen Studenten von damals sind heute meist gut verdienende Akademiker geworden, die es sich sehr gemütlich im Kapitalismus eingerichtet haben. Wir waren auf dem Holzweg mit der Erziehung ohne Grenzen. Den Frauen ging es meist im wilden Durcheinander der freien Sexualität  nicht wirklich besser und sie mussten sich in der Frauenbewegung noch einiges erkämpfen. Nun sind wir wohl ganz gut aufgestellt, denke ich. Dass mein Sohn in  allgemeinen Ansprachen als Erzieherin angesprochen wird, scheint ihn nicht weiter zu stören. Mich schon.

Wir gingen mit guten Gefühlen auseinander, auch wenn es die Themen eigentlich nicht hergaben. Dazu Adorno: Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin,  weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen ( Minima Moralia). In diesem Sinne freue ich mich auf den November, dann ist Hegel dran. Ja, der Hegel ist gemeint, den keiner versteht. Bin schon gespannt!