Oktober 1988

Ich schaffe meine Hausarbeit nicht, der Lütte nervt und ich bin so kribbelig wie lange nicht mehr. Der Große arbeitet und ich fürchte, ich kriege es allein nicht mehr auf die Reihe. Jeder Schritt fällt mir schwer und ich bin schon am frühen Morgen erschöpft und ausgelaugt. Ich zweifel an mir, an meinen Fähigkeiten als Mutter und Hausfrau. Der Frühstückstisch ist auch noch nicht abgeräumt. Dreck und Spielzeug überall und der Wäschekorb quillt über. Am liebsten würde ich mich ins Bett legen und eine Runde heulen. Aber das gestehe ich mir als Mutter eines Dreijährigen einfach nicht zu. Ich rufe den Großen an und bitte ihn, schon mittags nach Hause zu kommen und mir den Lütten abzunehmen.

Ich beschließe raus zu gehen und schimpfe furchtbar ungeduldig mit dem kleinen Kerl, als er seine Gummistiefel nicht anziehen will. Ich bestehe auf seiner warmen Winterjacke, denn es ist schon ziemlich kalt draußen. Zum Glück ist es aber ganz windstill, was hier in dieser Jahreszeit nun wirklich eine Seltenheit ist. Ich pelle mich in meinen Mantel und habe große Mühe, meine Schuhe anzuziehen.

Auf dem Weg zum Strand schiebe ich den Lütten keuchend auf seinem kleinen Dreirad  durch das Wäldchen. Das ist beschwerlich, denn hier werden die Blätter nicht geräumt. Der Lütte steigt vom Rad und tobt durch das Laub. Ich bücke mich und kann eine handvoll trockener Blätter erwischen, die ich durch die Luft werfe. Mein Söhnchen macht es nach. Jetzt lacht er und mir geht es auch besser, obwohl mein Rücken weh tut und ich kaum weiß, wie ich mich aufrecht halten soll.

Langsam steigen wir vorsichtig  die Treppe von der Promenade zum Strand hinunter und ich setze mich auf einen großen Stein. Das Kind tobt sich aus und versucht vergeblich, keine nassen Füße zu kriegen. Egal, ich genieße es, einfach hier zu sitzen und mir die letzten paar Touristen am grauen, ruhigen Meer anzuschauen und Kraft zu schöpfen.

Ein paar Stunden später kam unser Herbstkind zur Welt.

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